Auch Piraten brauchen Dolmetscher

Fregatte Bremen

Selbst die Piraten an der Küste Somalias können auf Dolmetscher nicht verzichten, wollen sie ihre Verhandlungen um Lösegeld zu einem erfolgreichen Abschluss führen. Als im April 2009 der deutsche Frachter MV Patriot im Golf von Aden von somalischen Freibeutern aufgebracht wurde, schrieb Spiegel Online:

Die „MV Patriot“ soll nach Informationen aus Marinekreisen bereits auf dem Weg zu einem der Häfen in Somalia sein, die von den Piraten kontrolliert werden. Dort, so jedenfalls der mittlerweile fast routinierte Ablauf der Schiffsentführungen, nehmen die Piraten meist einen Dolmetscher an Bord, der die Verhandlungen über ein Lösegeld beginnt.

Ist der Dolmetscher nicht willig, gebrauchen die Piraten Gewalt. Der ukrainische zweite Offizier des Frachters Bosphorus Prodigy erzählt:

Die somalischen Seeräuber, unter ihnen viele Ex-Militärs, sind vor Ort erstaunlich gut organisiert. Nachdem das Schiff vor Anker liegt, kommt sogar ein einheimischer Übersetzer an Bord, der Englisch spricht. […] Es stellt sich heraus, dass der Übersetzer eigentlich ein Farmer ist und nicht freiwillig im Dienst der Seeräuber steht. Man habe ihn „mit der Kalaschnikow direkt vom Feld weggeholt“, erzählt er.

Die Bosphorus Prodigy war im Dezember 2008 von Piraten in zwei Schnellbooten auf offener See gekapert und 48 Tage in einem somalischen Hafen festgehalten worden. Erst gegen ein von der Reederei gezahltes Lösegeld von 1,5 Mio. USD durfte das Schiff wieder ablegen.

Doch nicht nur die Seeräuber, sondern auch die Kriegsschiffe, die die internationalen Handelsrouten beschützen sollen, sind auf sprachkundige Helfer angewiesen. So verkündete der Pressesprecher der Fregatte Bremen (Bild) vor dem Einsatz am Horn von Afrika, dass die reguläre Besatzung um einige Spezialisten aufgestockt worden sei. Neben Ärzten und einem Juristen zählte dazu auch der wichtigste Mann an Bord – der Dolmetscher.

Ein Journalist, der einen ähnlichen Einsatz an Bord der Fregatte Emden miterlebte, beschreibt, wie deutsche Soldaten mit Hilfe des Dolmetschers ein somalisches Segelschiff kontrollieren:

Etwa 75 Seemeilen von der jemenitischen Kürste entfernt ordnet der Kommandant einen „approach“ an, eine „Annäherung“, die etwas weniger martialisch wirkende Vorstufe des Boardings. Ein Speedboot mit neun Soldaten wird zu Wasser gelassen und nimmt Kurs auf die Dhau. Ein Kunststoffboot, drei bis vier Meter lang, mit Außenbordmotor. Die Anspannung steigt. Mit welchen Waffen sind die Männer ausgerüstet? Sollten sie, was häufig vorkommt, einen oder mehrere „RPG-7“ mit sich führen, Granatwerfer russischer Provenienz, liegt der Fall ziemlich klar. Die Speedboot-Besatzung, zu der auch ein arabisch sprechender Dolmetscher in Tarnfleckuniform gehört, gibt per Funk die ersten Erkenntnisse durch: Treibstofffässer befinden sich an Bord, eindeutig weit mehr als zum Eigenbedarf notwendig.

Oha, das könnte brenzlig werden … Und zwar auch für den Dolmetscher, der seine Arbeit wie bei allen militärischen Einsätzen notgedrungen an vorderster Front mit garantiertem Feindkontakt verrichtet. Ein toller Job!

[Text: Richard Schneider. Quellen in der Reihenfolge des Zitats: Spiegel Online, 2009-04-22; Eurasisches Magazin, 2009-08-03; Presse- und Informationszentrum Marine, 2009-07-23; Mitteldeutsche Zeitung, 2009-07-27. Bild: Presse- und Informationszentrum Marine.]

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