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Archive für 7.4.2010
Amazonas-Volk der Pirahã: Ein Leben ohne Nebensätze
7.4.2010 von Richard Schneider.
Er zog aus, die Pirahã im brasilianischen Urwald, von denen es etwa 350 gibt, zum Christentum zu bekehren, doch am Ende war er es, der durch die Begegnung mit diesen auf ihre Weise glücklich lebenden Menschen seinen Glauben verlor. Fesselnd erzählt der Abenteurer und Forscher Daniel Everett von einer völlig fremden Welt, die ihn mit einer ungewöhnlichen Sprache sowie einer ganz anderen Art zu denken konfrontierte.
Als Daniel Everett 1977 mit Frau und Kindern in den brasilianischen Urwald reiste, wollte er als Missionar den Stamm der Pirahã, der ohne Errungenschaften der modernen Zivilisation an einem Nebenfluss des Amazonas lebt, zum christlichen Glauben bekehren. Er begann die Sprache zu lernen und stellte schnell fest, dass sie allen Erwartungen zuwiderläuft.
Die Pirahã kennen weder Farbbezeichnungen wie rot und gelb noch Zahlen, und folglich können sie auch nicht rechnen. Sie sprechen nicht über Dinge, die sie nicht selbst erlebt haben – die ferne Vergangenheit also, Fantasieereignisse oder die Zukunft. Persönlicher Besitz bedeutet ihnen nichts. Everett verbrachte insgesamt sieben Jahre bei den Pirahã, fasziniert von ihrer Sprache, ihrer Sicht auf die Welt und ihrer Lebensweise.
Die Frankfurter Rundschau beschreibt die Eigenheiten der Pirahã-Sprache wie folgt:
Bei den Pirahã […] zählt nur das Hier und Jetzt. Das schlägt sich auch in ihrer Sprache nieder: Ihre Grammatik kennt weder Konjunktiv noch Passiv. […]
Denn der höchste kulturelle Wert der Pirahã scheint das zu sein, was Everett das “Prinzip des unmittelbaren Erlebens” nennt: Nur das zählt, was aktuell zu sehen ist oder wofür sich jemand persönlich verbürgt. Die Pirahã haben keinen Ursprungsmythos, sie betreiben keine Lagerhaltung oder nachhaltige Handwerkskunst - was erbeutet wurde, wird sogleich gegessen, was gebraucht wird, wird hergestellt und dann wieder weggeworfen. […]
Das Unmittelbarkeits-Prinzip der Pirahã entdeckte der Forscher beim Lösen der Rätsel, die ihm ihre Sprache aufgab. Eine tonale Sprache, in der die Tonhöhe der Vokalartikulation unterschiedliche Bedeutungen produziert. Neben den Vokalen a, o und i werden nur acht (von Frauen: sieben) Konsonanten genutzt, die aber nachrangig sind, so dass die Sprache (vor allem während der Jagd) auch gepfiffen werden kann. Oder gesungen - wenn es Neues zu berichten gibt.
In Bezug auf das Erlebnismoment stellte Everett etwa fest, dass sprachlich unterschieden wird, ob man das, was man benennt, gerade selbst sieht oder nicht. Es gibt auch keine Form, die dem Perfekt entspräche. Kein Sprechen über Eventualitäten. Keine Worte für “heute”, “morgen”, “gestern”. Und es gibt vor allem keine Rekursion, also keine Nebensatz-Grammatik. Kein: Der Mann, der den Fisch gefangen hat, läuft zum Boot. Sondern: Der Mann fängt den Fisch. Er läuft zum Boot.
Die fehlende Rekursion widerspricht den Thesen des berühmten Sprachwissenschaftlers Noam Chomsky. Mehr dazu in der Frankfurter Rundschau und auf der Website von Daniel Everett.
Daniel Everett (2010): Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas. München: DVA. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. 416 Seiten, 24,95 Euro, ISBN: 978-3-421-04307-8.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Pressetext DVA; Frankfurter Rundschau, 2010-04-03. Bild: DVA.]
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