Drei Neuübersetzungen zur Auswahl: Welcher Koran soll es denn sein?

„Waren nach dem 11. September 2001 alle Koranübersetzungen vergriffen, so herrscht heute ein Überangebot. Die alten Übertragungen, darunter lange und zu Recht vergessene, sind wiederaufgelegt worden. Drei neue sind nun erschienen. Wer im Buchladen nach dem Koran fragt, steht vor dem Dutzend lieferbarer Ausgaben wie der sprichwörtliche Ochs vor dem Berg.“ So Stefan Weidner in einem Artikel für die Frankfurter Rundschau, in dem er die Neuübersetzungen miteinander vergleicht.

Weidner kennt sich aus, er ist vom Fach. Islamwissenschaften, Germanistik und Philosophie hat er unter anderem in Damaskus studiert. Er arbeitet als Autor, Übersetzer, Literaturkritiker und seit 2001 als Chefredakteur einer vom Goethe-Institut herausgegebenen Zeitschrift, die sich dem Dialog mit der islamischen Welt verschrieben hat. Darüber hinaus hat Weidner zahlreiche Lyriker aus dem Arabischen übersetzt.

Das grundsätzliche Problem lautet: „Unter den religiösen Gründungstexten von Weltgeltung ist der Koran einer der jüngsten und schwierigsten, kaum übersetzbar.“ Weidner verdeutlicht die Schwierigkeiten am Beispiel der ersten regulären Sure, der zweiten nach der gebetsformelhaften Eröffnungssure:

  • Bobzin: „Dies ist das Buch, in dem kein Zweifel ist – es ist Geleit für Gottesfürchtige.“
  • Asad: „Diese göttliche Schrift – keinen Zweifel soll es darüber geben – ist eine Rechtleitung für alle Gottesbewussten.“
  • Karimi/Uhde: „Dies die Schrift, darin kein Zweifel, Rechtleitung für die Gottesfürchtigen.“

Nach einigen Überlegungen zu dem, was hier gemeint ist und wie man es verständlich ausdrücken könnte, kommt Weidner zu dem Schluss:

Dann aber hieße der Satz sinngemäß nichts anderes als: „Diese über jeden Zweifel erhabene Schrift ist ein Wegweiser für Gottesfürchtige.“ Genau so wird die Bedeutung klar, und doch wird in allen Übersetzungen ein Krampf daraus. […]

Erfahrene Übersetzer würden diesen irreführenden Interpretationsmöglichkeiten nicht auf den Leim gehen. Genau das ist Teil des Problems: Alle Koranübersetzer, die neuen wie die alten, der gute alte Rückert ausgenommen, sind keine Übersetzer, geschweige denn erfahrene. Sie sind nur und allein Koranübersetzer und ansonsten Akademiker (Bobzin), Schwärmer (Karimi/Uhde) oder Gläubige mit einer spezifisch exegetischen Agenda (Asad). Das heißt zum einen: Der Koran ist gar nicht so unübersetzbar, wie es scheint. Zum anderen: Bis heute verwirren alle Übersetzungen diesen ohnehin verwirrenden Text noch mehr. […]

Allen drei neuen Übersetzungen merkt man wie auch den meisten früheren an, wie der von Gläubigen vehement vertretene Mythos von der Unübersetzbarkeit des Korans auch die nichtgläubigen Übersetzer affiziert und ihnen eine oft unsinnige, der Vermittlung schadende Texttreue auferlegt. Das, was aber am Koran unübersetzbar ist, ist in Wahrheit nichts anderes als das, was auch die Muslime und selbst die gebildetsten arabischen Muttersprachler nicht verstehen und über dessen Deutung sie streiten.

Und wie lautet letztendlich die Empfehlung des Experten? Welche Koran-Übersetzung sollte sich der deutsche Bildungsbürger ins Regal stellen?

Wenn von den deutschen Koranen daher einer vor den anderen empfohlen werden soll, dann falle die Wahl auf Bobzins Fassung. Nicht weil sie den endgültigen, nicht einmal weil sie endlich einen lesbaren deutschen Koran liefert, sondern als der traditionsbewussteste und bildungsbeflissenste Spross des knorpeligen deutschen Astes, der aus dem hypertextuellen Stamm des einzigen und ewigen arabischen Korans gewachsen ist.

Weidners umfassenden Artikel können Sie in voller Länge auf der Website der Frankfurter Rundschau lesen. Dessen alberne Überschrift („Der Mensch ist nicht aus Tesafilm gemacht“) hat ganz gewiss nicht der Autor, sondern ein leitender Redakteur verbrochen.

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[Text: Richard Schneider. Quelle: Frankfurter Rundschau, 2010-04-24.]

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