Literarische Xenophobie in den USA

In den Vereinigten Staaten werden kaum noch ausländische Bücher übersetzt. Sprachwissenschaftler und Autoren hegen die Befürchtung einer kulturellen Isolation. Bei nur drei Prozent der in den USA veröffentlichten Bücher handelt es sich um Übersetzungen. Der Schriftsteller Aleksandar Hemon sagt: „Der kulturelle Isolationismus der USA ist katastrophal.“ Die Washington Post spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer literarischen Xenophobie. Es gibt allerdings auch Stimmen, die die Übersetzungsknappheit euphemisieren, wie der britische Autor Tim Parks. Er sieht darin nämlich eine neue Art des Internationalismus. Doch wie der Nobelpreisträgers José Saramago einmal sagte: „Der Autor schafft mit seiner Sprache nationale Literatur, die Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht.“

Esther Allen vom Center for Literary Translation der Columbia University in New York ist der Ansicht, dass der Übersetzungsmangel eins der ersten Anzeichen dafür ist, dass „Englisch […] eine invasive Spezies geworden [ist]“. Die englische Sprache sei keine Lingua franca, wie oftmals fälschlicherweise angenommen werde. Allen sagt, dass das Englische andere Literatur und andere Sprachen überschreibt. Ganze 87 Prozent der insgesamt 4.155 im letzten Jahr übersetzten Belletristiktitel gehen allein auf englischsprachige Originale zurück.

Die Kritikerin Edith Grossman sieht den Schuldigen in den kommerziell ausgerichteten Verlagen. Aufgrund der momentanen wirtschaftlichen Lage könne davon ausgegangen werden, dass die Mehrheit der Lektoren wahrscheinlich kaum dazu bereit sei, den Ruf oder gar den Job aufs Spiel zu setzen und einen neuen, unbekannten Autor anzuwerben.

Ferner hat fremdsprachige Literatur in den USA den Nachteil, dass die Lektoren und die Marketingabteilung sie generell nicht im Original lesen können. Gute Romane bleiben so auf der Strecke, wie Riky Stock, Leiterin der German Book Office in New York, berichtet.

Aus diesem Grund überrascht es nicht, dass 80 Prozent der übersetzten Literatur in kleinen, unabhängigen Verlagen erscheinen, die den literarischen Austausch zum Ziel haben.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: Zeit Online, 2010-09-30.]

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