Sprachwandel: Fugen-s auf dem Vormarsch

Die deutsche Sprache ist im 8. Jahrhundert entstanden. Seitdem hat sich das Deutsche hinsichtlich der Aussprache sowie der Wort- und Satzbildung kontinuierlich verändert. Auch heute noch verändert sich die deutsche Sprache wie jede andere Sprache. „Zum Beispiel verschwindet das Präteritum immer mehr zugunsten des Perfekts“, so Univ.-Prof. Dr. Damaris Nübling (Bild) von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).

Vor einigen Jahrzehnten war es völlig normal, „Schadenersatz“ zu sagen. Heutzutage ist es in der deutschen Sprache jedoch üblich, bei zusammengesetzten Wörtern an den Wortgrenzen, den Wortfugen, bestimmte Laute einzufügen. Diese Fugenelemente haben zumeist keine Bedeutung. Allerdings können Fugen unterschiedliche Bedeutungen hervorrufen, was beispielsweise bei „Landsmann“ und „Landmann“ deutlich wird.

Die Frage, ob das Fugen-s in verfassungsgebende Gewalt, wie es in der Präambel des Grundgesetzes steht, tolerierbar ist, war Gegenstand gegengerichteter Petitionen, mit denen sich Bundesregierung und Bundestag jahrelang beschäftigt haben.

Das Binde-s gleicht häufig der Genitiv-Form des ersten Bestandteils des Kompositums. Allerdings erscheint das Fugen-s auch an der Schnittsteller zweier zusammengesetzter Wörter, obwohl kein Genitiv vorliegt, wie z.B. bei Hochzeitskleid, Liebeslied, Abfahrtszeit etc. An dieser Stelle kann man sich auch die Frage stellen: Warum sprechen wir von „Arbeitslosen“ und nicht mehr von „Arbeitlosen“? Warum sagen wir „Verkaufspreis“, auf der anderen Seite jedoch „Kaufpreis“? Zweifelsfälle wie „Kriegführung“ und „Kriegführung“ verdeutlichen, dass sich die Sprache ständig verändert und in Bewegung ist. „Das Deutsche erlebt derzeit eine enorme Ausweitung der s-Verfugung“, erklärt Nübling. „Es gibt zwar noch andere Fugenelemente, aber keines davon erfährt eine so rasante Verbreitung wie das ‚-s‘.“

Theorien über die Gründe der s-Verfugung gibt es viele. Die Mainzer Linguisten gehen davon aus, dass es sich bei dem Fugen-s um eine Kennzeichnung handelt. Diese zeigt an, dass ein Wort noch nicht zu Ende ist. „So kann der Zuhörer ein komplexes Wort besser erkennen und weiß auch gleich, wo die Grenze zwischen den beiden Gliedern verläuft“, erklärt Kristin Kopf, die sich im Rahmen ihrer Doktorarbeit am Deutschen Institut mit der Frage des Fugen-s beschäftigt. Es handelt sich dabei also um eine „rezipientenorientierte Interpretationshilfe“. „Sprachwandel ist ein ständiges Austarieren zwischen Hörer- und Sprecherinteressen“, erläutert Nübling von der JGU.

In Silbensprachen wie Italienisch oder Spanisch ist eine solche Anhäufung von Konsonanten nicht möglich. Auch das Althochdeutsch war eine Silbensprache. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die deutsche Sprache jedoch zu einer Wortsprache entwickelt. „Die Entwicklung des Deutschen zu einer Wortsprache, die dem Hörer viel Serviceleistungen gibt, wird durch die s-Verfugung noch zusätzlich vorangetrieben.“ Angefangen hat der Einbau von s-Lauten vermutlich im 16. Jahrhundert.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: uni-mainz.de, 18.05.2011; wikipedia.de. Bild: uni-mainz.de.]

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