Saarbrücken: Mehrsprachige Karten in der Gastronomie sind die Ausnahme

Wer kennt es nicht: Man ist im Urlaub, geht ins Restaurant, um etwas Leckeres zu essen, versteht aber nicht, was in der Speisekarte geschrieben steht. Dann muss man im Wörterbuch blättern oder auf einen versierten Kellner hoffen. Nur Wenige sind entweder weit gereist, kulinarisch bewandert oder mehrsprachig, um die Gerichte sofort zu verstehen.

Wie sieht die Situation in Saarbrücken aus? Im Jahr 2010 gab es im Regionalverband Saarbrücken 529.592 Übernachtungen von 269.971 Gästen. Nach Angaben Statistischen Landesamts entfallen 76.649 dieser Übernachtungen auf ausländische Besucher. Dazu kommen 1,7 Millionen Tagestouristen, wovon viele Franzosen und Luxemburger sind. Wenn die Besucher Hunger bekommen, müssen sie aus den auf Deutsch verfassten Speisekarten schlau werden. Zwar sind manche Restaurants mit mehrsprachigen Karten gewappnet. Doch der Standard ist dies nicht, denn in den meisten Restaurants sind die Karten auf Deutsch. An Einsicht vonseiten der Gastronomie fehlt es allerdings nicht.

Die 30-jährige Lena Schäfer, Chefin des Gasthauses „Gemmel“, hat viele fremdsprachige Gäste. „Manche sind schon ein wenig verärgert, wenn wir ihnen unsere deutsche Karte vorlegen.“ Da die Karte aber alle acht Wochen wechsle, sei eine professionelle Übersetzung zu kostspielig. Schäfer spart sich das Geld und sagt: „Außerdem sprechen wir Englisch und ein wenig Französisch. Den Rest bügeln wir mit Charme aus.“ Trotz allem sei eine mehrsprachige Speisekarte geplant. „Es wäre toll, wenn wir unseren Gästen auch über die Karte das Gefühl geben, willkommen zu sein.“

Der Sternekoch Jens Jakob (38) verfügt in seinem Restaurant „Le Noir“ ebenfalls lediglich über die deutsche Karte. Der Grund dafür liege in der alle vier bis sechs Wochen wechselnden Speisekarte und somit teuren Übersetzung sowie am Zeitmangel.

Eva Bender (27), Kellnerin im Bistro „Tante Maja“, erklärt, dass sie einen Tisch, an dem Franzosen sitzen, häufig nicht bedient. „Ich schicke einen meiner Kollegen, der Französisch spricht. Mir ist es unangenehm, wenn ich vor den Gästen stehe und kein Wort verstehe.“ Mehrsprachige Speisekarten würden ihr die Arbeit wesentlich erleichtern, gibt sie zu. Catalina da Palma (37), Geschäftsführerin von „Tante Maja“ und gebürtige Rumänin, will in den nächsten Wochen „endlich eine mehrsprachige Karte einführen. Wir haben immer mehr ausländische Gäste, die uns nicht verstehen.“ Probleme gebe es dennoch nicht – die meisten Kellner würden für die Gäste dolmetschen. Eine mehrsprachige Speisekarte wäre jedoch einfacher, da es äußerst zeitraubend sei, erst einmal die Namen der Gerichte übersetzen zu müssen.

Im Restaurant „Bruch’s No. 1“ und in der Kneipe „Klim-Bim“ wird den Gästen eine dreisprachige Karte gereicht. „Eingeführt wurde sie 2006 zur WM. Da war abzusehen, dass mehr ausländische Gäste kommen. Seitdem haben wir die Gerichte auch in Französisch und Englisch auf der Karte“, sagt Thomas Caldwell (49), der beide Restaurants seit dem Jahr 2003 leitet. „Es kommt gut an. Wenn Franzosen ihre Sprache sehen, fühlen sie sich willkommen und bleiben dann sitzen.“ Rund 20 Prozent der Gäste stammen aus Frankreich, aber auch Japaner und Menschen aus vielen anderen Nationen besuchen das Lokal. „Die können dann meist Englisch“, berichtet Caldwell.

In dem Gasthaus „Zum Stiefel“ gehören Karten in deutscher, englischer und französischer Sprache längst zur Tagesordnung. „Wir sind ein historisches Haus mit vielen ausländischen Gästen. Besonders Franzosen, aber auch viele von der Uni kommen mit ihren ausländischen Kollegen hier essen. Sie sollen sich wohlfühlen. Die Karte ist das erste Zeichen für Gastfreundschaft“, sagt die 55-jährige Britta Bruch.

Die Meinung teilt auch Alexa Weiß von der Tourismusförderung im Regionalverband Saarbrücken. Sie spricht folgende Empfehlung aus: „Vielleicht muss nicht gleich die ganze Karte übersetzt sein, aber eine Seite, ein paar Gerichte. Als ein Zeichen, wie eine ausgestreckte Hand. Es ist einen Versuch wert und eine einladende Geste für unsere Touristen.“

Das „Gästehaus Erfort“, das mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet ist, bietet die Karte auf Deutsch und Französisch. Eine englische Karte sei bereits lange geplant, erklärt Drei-Sterne-Koch Klaus Erfort (38). „Dass wir die nicht haben, liegt einfach am Zeitmangel.“

[Text: Jessica Antosik. Quelle: saarbruecker-zeitung.de, 24.08.2011. Bild: Deenee (Wikipedia).]

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