Forschungsprojekte für Gehörlose

Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist bisher wenig erforscht. Im Rahmen des DGS-Korpusprojekts werden gebärdete Erzählungen, Gespräche und Geschichten von ca. 300 Gehörlosen in verschiedenen Regionen Deutschlands gefilmt und in einem Korpus zusammengestellt. Dieses wird von einem Team aus gehörlosen und hörenden Mitarbeitern am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser (IDGS) der Universität Hamburg erschlossen und ausgewertet. Die Texte enthalten interessante Aspekte aus dem Leben Gehörloser und haben daher auch einen hohen kulturellen Wert. Das Ziel ist die Dokumentation der Deutschen Gebärdensprache in ihrer ganzen Vielfalt sowie die Erstellung eines Wörterbuchs DGS-Deutsch auf Grundlage natürlicher Sprachdaten. Das DGS-Wörterbuch soll Gebärden so beschreiben, wie sie von der Gebärdensprachgemeinschaft verwendet werden.

Susanne König (Bild rechts) ist seit 1997 an der Erstellung von Fachgebärdenlexika beteiligt. Seit 2002 ist sie wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am IDGS der Universität Hamburg. Sie gehört seit dem Projektstart im Jahre 2009 zum Leitungsteam des DGS-Korpusprojektes.

Rund 250.000 Deutsche sind schwerhörig, etwa 80.000 komplett taub. Die Gehörlosen leben in ganz Deutschland verteilt und haben sich ihren eigenen Wortschatz zusammengestellt. „Das Improvisieren ist wichtiger Teil der Sprachpraxis“, so König. Sie ist mit einem Gehörlosen verheiratet und hat mit ihrem Mann eine Art Privatsprache entwickelt.

Sie diskutieren lebhaft, allerdings hört man kein Wort von Ihnen – den Gehörlosen. Eingeladen wurden sie von Susanne König. Während sie spricht, macht sie gleichzeitig die passenden Gebärden. Wenn sie sich vorstellt, tut sie so, wie wenn sie sich eine Krone aufsetze – das Zeichen für „König“, ihren Nachnamen. Da die Deutsche Gebärdensprache eine vollwertige Sprache ist, die Grammatik grundlegend von derjenigen der deutschen Lautsprache abweicht und sich der Satzbau auch vom gesprochenen Deutsch unterscheidet, ist lautbegleitendes Gebärden nicht leicht. Die Schwierigkeit liegt insbesondere in der fehlenden Schriftform; die DGS lässt sich nicht mit Stift und Papier oder Mikrofon festhalten.

Mit einem mobilen Videostudio, Gestencomputern, Scheinwerfern und fünf 3-D-Kameras untersuchen die Hamburger Forscher die deutsche Gebärdensprache. Eine Art Schriftkultur des Gebärdens scheint nun möglich. Die Gebärdensprache ist technisch reproduzierbar. Die Linguisten müssen nach der Aufnahme der Videos jeden Fingerzeig am Rechner ins „Hamburger Notationssystem“ übertragen. Pro Minute Videomitschnitt fallen über 300 Minuten Auswertungszeit an. Das Team um König zielt auf rund 6.000 Einträge ab. Im Vergleich zu den etwa 135.000 Duden-Einträgen ist die Zahl gering, dennoch stehen die Forscher vor einer großen Herausforderung. Die Gebärdensprache ist nicht schriftlich fixiert und verändert sich schnell. Auf der ganzen Welt sind über 130 Gebärdensprachen registriert. Nach Angaben von Susanne König existieren sogar in Kleinstädten Dialekte. So gebe es für das Wort „Garten“ mindestens 20 Gebärden. Bayern machen andere Gebärden als Berliner: Im Osten harke man ein Beet, in Bayern lege man Samen in eine Furche, in Berlin streife ein Finger einige Male die Nasenspitze. Auch für den Namen der Bundeskanzlerin gibt es mehrere Gebärden: Beim Fernsehsender Phoenix wird mit zwei Fingern an der Stirn, der Geste für „merken“, gebärdet. Im Alltag jedoch ist der mit der Hand heruntergezogene Mundwinkel für Frau Flunsch üblich.

Das auf 15 Jahre angelegte DGS-Korpusprojekt soll 2023 fertig gestellt werden. „15 Jahre für ein Wörterbuch, das ist eigentlich nicht viel. Das Projekt der Gebrüder Grimm hat über hundert Jahre gebraucht“, erklärt König. 500.000 Gigabyte an Rohdaten hat das IDGS bereits gesammelt. „Ein Meilenstein, der in die deutsche Gehörlosengeschichte eingeht“, sagt Jürgen Stachlewitz, Moderator der Sendung „Sehen statt Hören“.

Allerdings sind nicht alle so sehr begeistert wie Stachlewitz und König, denn es gibt bereits den „Kestner“, ein digitales Nachschlagewerk. Kritiker sehen in dem vor zwei Jahren erschienenen videobasierten DGS-Wörterbuch das Problem darin, dass der Verlag Karin Kestner die Region um Kassel als Sitz des Gebärdensprach-Hochdeutsch ansieht.

Ein Mitarbeiter des Hamburger Instituts, Thomas Hanke, sagt in Bezug auf die Gebärdensprache Folgendes: „Was die Akzeptanz der Gebärdensprache angeht, hinken wir 20 Jahre hinter den USA her. Hier können es sich die Fluggesellschaften noch leisten, die Sicherheitseinweisung vor dem Start ohne Gebärdenübersetzung zu machen. Und am Bahnhof heißt es: ‚Achten Sie auf die Lautsprecherdurchsage.'“ Seiner Ansicht nach habe das Internet viele Vorteile, insbesondere Videokonferenzdienste wie Skype ebnen Gehörlosen den Weg in eine neue Welt. Trotz allem müssen sie, wenn sie etwas nachlesen möchten, auf ihre erste Fremdsprache, d.h. Deutsch, zurückgreifen. Dies möchte Hanke aber ändern und greift dabei auf die Spielkonsolensteuerung „Kinect“ von Microsoft zurück. Bei Kinect handelt es sich um einen Raumsensor, der die Steuerung von Computern mit Körperbewegung möglich macht. Die Nutzer gebärden in eine Webcam, indem sie einen Gebärde-für-Gebärde-Diktierstil verwenden. Der Computer registriert die gebärdeten Phrasen und konvertiert sie in eine interne Repräsentation, die ein Avatar anschließend in Gebärdensprache wiedergibt. Mit Hilfe der gebärdenden, anonymen Avatare können so Inhalte für das Web erstellt und verbreitet werden. Darüber hinaus ermöglicht die interne Repräsentation auch, einen Übersetzungsdienst von Gebärdensprache zu Gebärdensprache zu entwickeln. Der einheitliche Gebärdenstil garantiert, dass Beiträge leicht und durch verschiedene Nutzer verändert und erweitert werden können. Erarbeitet wird das System, das im Rahmen des Projekts „Dicta-Sign“ von der Europäischen Union mit einer Summe von fast vier Millionen Euro gefördert wird, von Hankes Team und Kollegen an der britischen University of East Anglia. Das Ziel von Dicta-Sign ist es, die notwendigen Technologien zu entwickeln, die eine gebärdensprachliche Interaktion in Web 2.0-Anwendungen ermöglichen.

Weitere Informationen zu den Projekten finden Sie auf www.dgs-korpus.de und www.dictasign.eu.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: Der Spiegel, Nr. 34, 22.08.2011; sign-lang.uni-hamburg.de; dictasign.eu. Bild: sign-lang.uni-hamburg.de.]

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