Frank Günther: „Das Problem beim Shakespeare-Übersetzen ist, dass man nicht schreiend wegläuft.“

Seit über 30 Jahren betreibt Frank Günther eine übersetzerische Herkulesaufgabe: die komplette Übertragung der Werke von William Shakespeare (Bild rechts) ins Deutsche. Die Übersetzung von Shakespeares Stücken und Sonetten ist Frank Günthers Lebenswerk. Seine Arbeit wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet: 2001 erhielt er den Christoph-Martin-Wieland-Preis für Übersetzer, 2006 den Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis. Im Herbst 2007 wurde Günther von einer Jury aus Vertretern des Deutschen Übersetzerfonds und des Peter-Szondi-Instituts der Freien Universität Berlin zum ersten Inhaber des neuen Lehrstuhls „Poetik der Übersetzung“ gewählt. Im Februar 2011 bekam Günther von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt den mit 15.000 Euro dotierten Johann-Heinrich-Voß-Preis für seine Übersetzung des Gesamtwerks von William Shakespeare. Bei dem „Mammutprojekt“, das der 63-Jährige in den 1970er-Jahren begonnen hat und bis 2014 abschließen will, habe er stets sprachlichen Einfallsreichtum und philologische, theaterpraktische und kritische Kompetenz bewiesen. „Günthers Übertragungen sind eine lustvolle Polyphonie der Stile, die sich immer als lebendige Neuentdeckung Shakespeares für unsere Zeit verstehen“, hieß es in einer Pressemitteilung.

Der im Jahre 1947 geborene Günther wuchs in Wiesbaden auf. Nach einem Studium der Anglistik, Germanistik und Theatergeschichte in Mainz und Bochum war er bis 1974 als Regieassistent und Regisseur an mehreren Theatern tätig, u. a. in Bochum, Heidelberg, Bielefeld, Basel und Wiesbaden. Bereits während seiner Theatertätigkeit übersetzte er neue und alte dramatische Werke ins Deutsche. 1995 erschienen die ersten Shakespeare-Übersetzungen bei dtv, seit 2000 erscheint eine bibliophile Ausgabe im Verlag ars vivendi. 2005 hatte Günther bereits 33 Bände seiner Neuübersetzung fertiggestellt, 2009 sollte der letzte der insgesamt 39 Bände veröffentlicht werden. Doch der letzte Band lässt wahrscheinlich noch bis 2013 auf sich warten. Damit wäre Günther der erste Mensch, der alle Werke Shakespeares allein ins Deutsche übersetzt hat. Seine Übersetzungen werden auf nahezu allen deutschsprachigen Bühnen aufgeführt.

In einem Interview mit dem Deutschlandradio berichtete Günther über die Arbeit mit den Texten des Dichtergenies Shakespeare und begründete sein Durchhaltevermögen bei der Übersetzung mit „Faszination am Text“. Doch er wendet ein: „Das Problem beim Shakespeare-Übersetzen ist, dass man nicht schreiend wegläuft.“ Weitere Auszüge:

Sie arbeiten ja mindestens in zwei Übersetzungen. Sie müssen einmal alte in neue Sprachen übersetzen und Sie müssen einmal Englisch ins Deutsche übertragen. Also möglicherweise auch in ein modernes Deutsch. Was sind dabei die größten Probleme?
Die Probleme liegen darin, dass man nicht zu neu wird. Und die Probleme darin, dass man nicht zu alt bleibt. Das hat ja keinen Sinn, Shakespeare in Strumpfhosen-Duktus zu übersetzen. […] Es darf nicht zu altmodisch sein. Andererseits spielen Shakespeares Stücke nicht in der Tiefgarage vom nächsten Baumarkt. […] Man muss also eine eigene Sprache, einen eigenen Sprachduktus finden, um mit diesem alten Original zurechtzukommen.

Sie haben sich ja wahnsinnig viel mit den Shakespeare-Texten beschäftigt. Hat man irgendwann ein Verständnis für Shakespeares Sprache, wie er so tickt? Oder ist das sehr unterschiedlich von Stück zu Stück und man muss es wirklich immer neu denken?
Man muss es schon immer neu denken. Zum Beispiel verstehe ich [eins seiner letzten Stücke] fast nicht mehr. […] Die Sprache ist so verknappt, verkürzt, gedrängt, verkneult, verknotet, dass man manche Sätze praktisch mit Papier und Bleistift analysieren muss, um erst einmal hinter den Sinn zu kommen. Also ein ganz anderer Shakespeare findet in diesen späten Stücken statt als in den Stücken aus den mittleren Jahren. Schon muss man sich wieder überlegen: Was fängt man damit an? Was macht man mit dieser verknoteten, kaum verständlichen Sprache? Wie macht man das jetzt sehr verständlich im Deutschen? Also übersetzt/löst man es auf in simple Verständlichkeit oder lässt man es so verknotet, wie es im Original ist?

Das Gespräch können Sie sich auf der Website des Deutschlandradios anhören.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: dradio.de, 8.09.2011; 3sat.de, 22.02.2011; boersenblatt.net, 22.02.2011; tagesspiegel.de, 9.02.2008. Bild: wikipedia.de.]

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