Schneller lesen – aber wie?

Johannes Gutenberg entwickelte eine Reihe von Verfahren, die die Voraussetzung für den Buchdruck schafften. Die Erfindung und Etablierung des Letterndruckes bildet einen bedeutenden kulturhistorischen Einschnitt, der eine grundlegende Informationsverarbeitung einleitete. Der Buchdruck ermöglichte die exakte Reproduktion von Wissen in einem zuvor nie gekannten Ausmaß. Die gedruckten Bücher waren mit der Zeit nicht mehr so teuer, sodass auch einfache Menschen Zugang zu Büchern bekamen und Lesen sowie Schreiben erlernten. Lesen bedeutet schriftlich niedergelegte, sprachlich formulierte Gedanken aufzunehmen und zu verstehen. Es steht immer für eine Auslese der zu beachtenden Einzelheiten.

Der Verleger Peter Suhrkamp berichtet Folgendes über die Arten des Lesens: „Es gibt viele Arten zu lesen, und man muß zwischen Lesen und Lesen scheiden: Lesen, um zu lernen, Lesen, um in etwas einzudringen, Lesen, um den Geist in Bewegung zu bringen, Lesen als Gespräch, Lesen als Kunst. Alle lassen sich in drei Arten zusammenfassen: Lesen zur Orientierung, Lesen als Übung und schöpferisches Lesen.“

Die steigende Informationsflut will bewältigt werden. Wer von Berufs wegen viel lesen muss, eignet sich sicherlich die Fähigkeit an, überdurchschnittlich schnell zu lesen und dennoch den Inhalt des Textes zu verstehen – Schnelllesen. Doch berufliches Lesen will gelernt sein. Wie kann man das Tempo des Lesens wirksam beschleunigen? Wie muss der Leseplatz beschaffen sein, um Texte rascher erfassen zu können? Diesen Fragen wird im Laufe des Artikels nachgegangen.

Ein nicht geübter Leser liest etwa 120 Wörter pro Minute („words per minute“, wpm). Die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit liegt bei 240 wpm. Ein erfahrener Leser hingegen liest ca. 480 wpm. Schnellleser schaffen bis zu 1000 Wörter pro Minute. Beim Vorlesen mit Betonung liest man rund 60 Wörter pro Minute.

Was beeinflusst die Aufnahmegeschwindigkeit eines Lesers? Der Faktor Licht spielt hier eine große Rolle. Schlechtes Licht bremst das Lesetempo. Bei Tageslicht liest man doppelt bis dreimal so schnell als bei Kerzenschein. Eine Sehbeschleunigung ist nicht möglich. Man kann den Sehorganen nicht „Beine machen“. Dies bedeutet, dass das Sehtempo das Lesetempo bestimmt. Nicht nur der Leseplatz, auch das Leseumfeld muss gut ausgeleuchtet sein. Der Raum sollte nur wenig dunkler sein als der Leseplatz. Ansonsten wird die Fixationszeit nicht für das Lesen genutzt. Starke Farbkontraste im Gesichtsfeld sollten ebenfalls vermieden werden. Auch wenn es oftmals nicht bemerkt wird: Hintergrundmusik stört und verhindert womöglich gar das Lesen. Geräusche wirken sich negativ auf den Mechanismus des Subvokalisierens, das innere bzw. stumme Mitsprechen in Gedanken, während des Lesens aus. Systematisch Lesen bedeutet, vor dem Lesen die richtige Ergonomie am Leseplatz herzustellen. Dies beinhaltet u. a. auch den richtigen Lesestuhl – man muss auf dem Stuhl sicher sitzen und gelassen lesen können. Zudem sollte man nur lesen, wenn man ausgeruht ist. Die persönliche Gesundheit ist hier ein wichtiger Faktor.

Beim Lesen sehen wir nicht einzelne Wörter, sondern ganze Scheiben im Text. Dabei wird der Inhalt einer Scheibe nicht verstanden. Die Wörter werden durch Subvokalisation herausgefiltert und zu Klangfolgen verknüpft. Daraus ergeben sich Sprachrhythmus und Satzmelodie. Der Inhalt erschließt sich erst dann, wenn man in den Klangfolgen eines Satzes so weit vorangeschritten ist, dass sich aus dem Teil der Sinn ergeben kann.

Schneller lesen wird derjenige, der mehrere Wörter im Leseblick wie ein einziges Wort erfasst und nicht, wer insbesondere die kleinen, aber sinntragenden Wörter wie „und“, „oder“, „ist“, „war“ überspringt. Dann versteht man nicht, worum es eigentlich in dem Text geht, muss ggf. ein paar Sätze noch einmal lesen, da man ansonsten nur Bahnhof versteht. Dies nimmt viel Zeit in Anspruch und ist nicht der richtige Weg zum Turbolesen. Der Begriff „Scannen“ stand ursprünglich für das auszugsweise Lesen. Heutzutage wird damit jedoch oft das Schnelllesen gemeint, obwohl beim Überfliegen eines Textes das genaue Erfassen des Inhalts eines Lesestücks nicht möglich ist.

In der deutschen Sprache sind Groß- und Kleinbuchstaben von wesentlicher Bedeutung beim (Schnell-)Lesen. Majuskeln und Minuskeln beschleunigen den Leseprozess und erleichtern das Lesen, da Substantive und Satzanfänge, die für das Verständnis des Textes besonders bedeutsam sind, vom Auge schneller erfasst werden.

Abneigung gegen das Thema, den Autor oder den Inhalt verlangsamen die Lesebeschleunigung. Ein ungewöhnlicher Druck oder ein seltenes Textformat wirken sich negativ auf die Lesebeschleunigung aus. Abgesehen davon sollten beim längeren Lesen am Stück kreative Lesepausen eingelegt werden, um das Gelesene zu verarbeiten und abzuspeichern. Da Sprechen diesen Prozess behindert, sollte während der Pausen darauf verzichtet werden.

Schnelles Lesen braucht ein sicheres Lesegefühl. Die Lesemechanik sollte ab und an durch lautes Vorlesen gepflegt werden. Des Weiteren lässt langsames und lautes Lesen das leise Lesen schneller werden. Für berufliches Lesen gilt: Übung macht den Meister.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis darauf, dass sog. zweitägige „BrainTrain-Seminare“, „SpeedReading-Seminar“ etc. angeboten werden, mit dem Ziel, effizient lesen und damit Zeit sparen zu lernen. Die Preise belaufen sich von etwa 385 Euro bis zu 1.118 Euro inkl. 19% MwSt.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: TurboLesen. Rotraut Michelmann, Walter Uwe Michelmann, 2001: FALKENVerlag, Niedernhausen; Wikipedia.]

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