Podiumsdiskussion der Wirtschaftskammer Wien: Sprachdienstleister und ihre Auftraggeber

Wirtschaftskammer Wien

Extrem vielfältig kann das Ergebnis von Übersetzung sein, diagnostizierte eine hochkarätige Expertenrunde aus dem öffentlichen Bereich und der Privatwirtschaft anlässlich einer Podiumsdiskussion, zu der Mag. Sabine Kern, Vorsitzende der Sprachdienstleister Wiens, im Rahmen der Informationsveranstaltung „Die Sprache als Schlüssel zur Welt. Was sollten Auftragnehmer bei ihrem potenziellen Kunden beachten, um einen Auftrag zu erhalten?“ eingeladen hat. Übereinstimmend wurde betont, dass bei Übersetzungen in Fachgebieten vorherrschende Termini oder Standards stets eingehalten werden müssen, während bei touristischen oder werblichen Themen mehrheitlich Gefühle oder Stimmungen im Vordergrund stehen.

Im Bereich der Sprachdienstleister und Dolmetscher ist der Mitbewerb enorm. Die Berufsgruppe Sprachdienstleister der Wirtschaftskammer Wien (WKW) zählt 550 aktive Mitglieder, allein auf der Website für Wien sind 155 Sprachdienstleister registriert. Viele davon sind Einzelpersonen, sogenannte EPUs, die von zuhause aus Übersetzungen durchführen – mehrheitlich als Einzelunternehmer oder als freier Mitarbeiter von Übersetzungsagenturen. „Die Anforderungen an Übersetzer und Dolmetscher sind äußerst vielfältig. Das Berufsbild hat sich stark gewandelt. Zwischen Studium und Berufswelt liegen Welten, da Kundenanforderungen mit dem idealistischen Bild schöne Texte zu übersetzen oft weit auseinander liegen“, betont Mag. Sabine Kern, Vorsitzende des Berufsgruppenausschusses Sprachdienstleister in der WKW.

Erfolg durch richtige Kommunikation

In der Werbung dominiert bei den Übersetzungen Englisch, immer stärker herrscht aber Denglisch vor, kommentierte Ralf Kober, Geschäftsführer von Springer & Jacoby, und betont: „Erfolg ist auch eine Frage der richtigen Kommunikation. Das macht eine gute Übersetzung für uns so wichtig. Denn die Übertragung in eine andere Sprache kann den Sinn oft verzerren.“ Werbliche Aussagen werden mehrheitlich dahingehend übersetzt, dass sie Gefühle oder bestimmte Stimmungen vermitteln. Dies entspricht auch der Intension der Tourismusbranche, bestätigt Margit Turac, Leiterin des Übersetzungsmanagements von der Österreich Werbung und bekräftigt: „Es ist für uns eine große Herausforderung, für unterschiedliche Länder ein und denselben Slogan derart zu kommunizieren, dass er unsere Zielgruppen gut anspricht und auch das Gefühl, welches wir vermitteln wollen, optimal transportiert wird.“

Weitaus einfacher und standardisierter muss Mag. Anne Ortner, Leiterin der internen Übersetzungsabteilung der Knapp AG, die Übersetzungen handhaben. Sie vertritt die technische Branche, in der das jeweilige Fachwissen notwendig ist. Deshalb ist es aus ihrer Sicht wichtig, dass die Kommunikation zwischen Unternehmen und Übersetzer stets am selben Level ist und ein kontinuierlich aufgebautes Fachvokabular vorherrscht.

Sprachstile, Sprachblüten, Fachwissen – Salzburger Nockerl sind keine Germteigfladen

Generell gilt: Übersetzer müssen zwischen den Zeilen lesen können. Sie müssen sich meist nicht nur einen bestimmten Sprachstil aneignen, sondern sich vor allem dem Stil des jeweiligen Kunden anpassen. Für die Tourismusbranche sollten sich Übersetzer auch mit dem jeweiligen Land oder der Region auseinander setzen. Zuweilen auch mit der Kultur vertraut sein, damit Salzburger Nockerl nicht fälschlich mit Germteigfladen gleichgesetzt werden. Für Spezialbereiche müssen Übersetzer und Dolmetscher zu Wissensmanagern mutieren. Diese Tatsache erschwert vielen EPUs auch die Möglichkeit, außerhalb ihrer angestammten Themenbereiche rasch fremde Bereiche zu bearbeiten, wenn Spezialwissen fehlt und diese von Kundenseite nicht vermittelt werden.

Die Konkurrenz unter den Sprachdienstleistern ist groß und der Erhalt von Aufträgen ist immer härter umkämpft. Für Aufträge ab 100.000 Euro ist eine Ausschreibung Pflicht. Bindeglied zwischen Anbieter und Auftraggeber ist die Bundesbeschaffung.  Mag. Anton Steinringer, Leiter der Bereiche Marketing und Vertrieb bei der Bundesbeschaffung, informiert über das Angebot von Bieterseminaren, die zur Vorbereitung von Ausschreibungen dienen und bestätigt, dass viele Ausschreibungen von der Größenordnung die Kapazität eines Einzelunternehmers voraussichtlich übersteigen könnte, Bietergemeinschaften oder Arbeitsgruppen aber gängig sind.

Fachgruppe Wien der gewerblichen Dienstleister – Berufsgruppe Sprachdienstleister
Die Fachgruppe der gewerblichen Dienstleister ist die gesetzliche Interessenvertretung der rund 700 gewerblichen Übersetzer und Übersetzungsbüros in Wien. Ziel der Berufsgruppe Sprachdienstleister unter Vorsitz von Mag. Sabine Kern ist die Professionalisierung des Berufsstandes. Innerhalb Österreichs umfasst dies die Förderung des Qualitätsbewusstseins und des Nachwuchses, die Durchführung von Aus-, Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen, Networking und die Etablierung von Kooperationstools sowie die Bewusstseinsbildung für die zunehmende Relevanz internationaler und interkulturellen Verständigung. Auf internationaler Ebene zählen die Förderung des Erfahrungsaustauschs mit Übersetzer- und Dolmetscherverbänden in anderen Ländern sowie  der internationalen Zusammenarbeit mit Ausbildungsstätten für Übersetzer und Dolmetscher zu den Zielen der Berufsgruppe. Auf der Homepage der Berufsgruppe sind 155 Sprachdienstleister mit verschiedenen Suchkriterien aufgelistet.

http://wko.at/wien/uebersetzungsbueros

[Text: Dr. Sabine Unterweger. Quelle: Presseinformation der Wirtschaftskammer Wien, Berufsgruppe Sprachdienstleister, 2012-01-26. Bild: Wirtschaftskammer Wien. Von links nach rechts: Margit Turac, Ralf Kober, Anne Ortner, Anton Steinringer, Sabine Kern.]

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