„Shitstorm“ ist Anglizismus des Jahres 2011

Shitstorm ist der „Anglizismus des Jahres“ 2011. Eine unabhängige Juri um den Hamburger Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch wählte das Wort aus rund sechzig Vorschlägen. „Das Wort füllt eine Lücke im deutschen Wortschatz, die sich durch Veränderungen in der öffentlichen Diskussionskultur aufgetan hat. Es hat sich im Laufe des letzten Jahres von der Netzgemeinde aus auf den allgemeinen Sprachgebrauch ausgebreitet und gut in die Struktur des Deutschen eingefügt“, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Mit der Wahl zum „Anglizismus des Jahres“ wird der positive Beitrag des Englischen zur Entwicklung des deutschen Wortschatzes gewürdigt. „Öffentliche Diskussionen über Sprache sind in Deutschland von der Idee beherrscht, dass Lehnwörter – vor allem, wenn sie aus dem Englischen stammen – eine Gefahr für den Fortbestand der deutschen Sprache darstellen“, sagt Stefanowitsch. „Dabei war und ist die Entlehnung von Wörtern ein natürlicher Prozess, mit dem Menschen zu jeder Zeit und in allen bekannten Sprachräumen den Wortschatz ihrer Sprache erweitert haben.“ Dass das Englische derzeit eine intensiv genutzte Quelle für Lehnwörter sei, so Stefanowitsch weiter, liege an seiner herausragenden Rolle als internationale Verkehrssprache.

Um Anglizismus des Jahres zu werden, muss ein englisches Lehnwort eine Lücke im Wortschatz füllen, über eine breite Akzeptanz im Sprachgebrauch verfügen und gut in die lautliche und grammatische Struktur des Deutschen integriert sein. Das diesjährige Siegerwort Shitstorm überzeugte in allen drei Kategorien. Es bezeichnet eine unvorhergesehene, anhaltende, über soziale Netzwerke und Blogs transportierte Welle der Entrüstung über das Verhalten öffentlicher Personen oder Institutionen, die sich schnell verselbstständigt und vom sachlichen Kern entfernt und häufig auch in die traditionellen Medien hinüber schwappt. „Diese neue Art des Protests unterscheidet sich in Art und Ausmaß deutlich von allem, was man in früheren Zeiten als Reaktion auf eine Äußerung oder Handlung erwarten konnte“, sagt Jurymitglied Michael Mann und seine Kollegin Susanne Flach ergänzt: „Das Wort Shitstorm ermöglicht eine klare Bedeutungsdifferenzierung gegenüber Wörtern wie Kritik, Protest, Sturm der Entrüstung.“

Als vulgär muss das Wort nicht gelten. „Natürlich handelt es sich um einen gewollt derben Ausdruck, dem man seine Herkunft aus dem amerikanischen Slang ansieht“, sagt Stefanowitsch. „Aber gerade der klare Lehnwortcharakter des Wortes federt diese Derbheit soweit ab, dass das Wort auch im öffentlichen Sprachgebrauch akzeptiert ist.“

Auf den zweiten Platz setzte die Jury das Wort Stresstest, das im Dezember schon zum „Wort des Jahres“ gewählt wurde. „Das Wort ist interessant, weil es auf den ersten Blick gar nicht so fremd aussieht“, sagt Jurymitglied Kristin Kopf. „Sowohl Stress als auch Test sind längst bestens integriert.“ Trotzdem hätte sich das Kompositum Stresstest nicht ohne Weiteres aus den bereits entlehnten Einzelteilen bilden lassen, da das Wort Stress in der deutschen Alltagssprache auf psychische Belastungen beschränkt sei.

Auf den dritten Platz wählte die Jury mit dem Verb circeln („jemanden im sozialen Netzwerk Google+ zu einer Kontaktliste hinzufügen“) ein klassisches Lehnwort, das gemeinsam mit einer neuen Kulturtechnik in die Sprache übernommen wurde. Allerdings bleibt abzuwarten, ob es sich tatsächlich durchsetzen kann, da es mit dem deutschen einkreisen konkurriert. Flach sieht aber Potenzial, da circeln die neutralere Alternative sei: „Will man seine Freunde wirklich einkreisen?“

Außerdem haben es von den knapp sechzig Vorschlägen bis in die Endrunde geschafft: Cyberkrieg/Cyberwar, Tablet, Cloud, Occupy, Masterand und das Affix -gate. In einer parallel durchgeführten Publikumsabstimmung setzte sich ebenfalls das Wort Shitstorm durch, dichtgefolgt von Occupy und Cloud.

„Auch in diesem Jahr hat sich gezeigt, dass der Einfluss der englischen Sprache auf unseren Wortschatz zwar wichtig ist, aber nicht so groß, wie oft angenommen“, sagt Stefanowitsch. „Von den knapp 60 Vorschlägen waren nur siebzehn neu genug und ausreichend weit verbreitet, um als aktuelles Lehnwort zu gelten – und selbst unter denen waren noch Grenzfälle.“

Der Wettbewerb
Der Wettbewerb „Anglizismus des Jahres“ fand erstmals 2010/11 statt. Damals gewann das Wort leaken als Bezeichnung für das gezielte anonyme Veröffentlichen geheimer Informationen zum Wohle der Öffentlichkeit.

Die Jury
Anatol Stefanowitsch ist Professor für anglistische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg und Autor des populärwissenschaftlichen „Sprachlog“. Mitglieder der Jury waren die Anglistin Susanne Flach (Freie Universität Berlin, Autorin des Blogs „Decaf – Coffee and Linguistics“), die Germanisten Kristin Kopf (Universität Mainz, Autorin des Blogs „Schplock“) und Michael Mann (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Autor des „lexikographieblog“), und der allgemeine Sprachwissenschaftler Jan Wohlgemuth (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig).

www.anglizismusdesjahres.de

[Text: Wettbewerb Anglizismus des Jahres, 13.02.2012. Quelle: Pressemitteilung Anglizismus des Jahres. Bild: Anglizismus des Jahres.]

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