Linguistik: Über komplizierte und einfache Sprachen

Manche Sprachen haben eine komplizierte Grammatik, andere haben einfache Regeln. Im Yagua beispielsweise, gesprochen im peruanischen Amazonas-Gebiet, wird zwischen fünf Graden der Vergangenheit unterschieden. So zeigt der Sprecher, ob seit einem Ereignis Stunden, Tage, Monate oder noch längere Zeitspannen vergangen sind. Zu Genauigkeit zwingt auch die Evidenzgrammatik mancher Sprachen in Amerika und Neuguinea: Bei jeder Aussage muss man eine Form wählen, die verdeutlicht, ob man etwas selbst gesehen hat, ob man davon hörte oder ob man es lediglich annimmt.

Je weiter man in auβereuropäische Gegenden vordringt, desto mehr zeigt sich, dass viele Sprachen – zumindest aus Sicht der Grammatik – durchaus kompliziert sind. Hinter dem lateinischen Wort „mutabor“ zum Beispiel verbergen sich im Deutschen vier Wörter: „ich werde verwandelt werden“. Sprachen, die nach dem Mutabor-Prinzip vorgehen, packen möglichst viele Informationen wie Zeitstufen, Aktiv und Passiv, Möglichkeitsformen, Mengenangaben, logische Beziehungen, Besitzverhältnisse in die Präfixe und Suffixe. Was bedeutet dies für jemanden, der eine solche synthetische Sprache erlernt? Komplizierte Deklinationen und Konjugationen.

Es gibt Sprachen, die viel komplizierter sind als Latein. Das Substantiv im Indogermanischen zum Beispiel hatte acht Fälle, neben Singular und Plural auch den Dual. Den Groβteil dieser Formenvielfalt haben die Nachfolgesprachen – darunter auch das Deutsche – jedoch eingebüβt.

In der Regel kennzeichnen sich die kleinen und relativ isolierten Sprachen durch verzweigte Strukturen, eine komplizierte Morphologie und ausgefeilte Regeln. Zu diesem Ergebnis sind die amerikanischen Sprachforscher Gary Lupian und Rick Dale in einer Untersuchung von über 2200 Sprachen weltweit gelangt. In den kleinen, eng verwobenen Sprachgemeinschaften, wo jeder jeden kennt, würden die filigranen Schnörkel der Grammatik länger bewahrt als in großen, urbanen Gesellschaften mit ihren vielen Außenkontakten, berichtet der Soziolinguist Peter Trudgill von der norwegischen Universität Agder.

Der entscheidende Punkt liegt nun darin, dass die kleinen Sprachen nur in den seltensten Fällen von Auβenstehenden von Null auf erlernt werden. Isländisch und Färöisch beispielweise haben den größten Formenreichtum bewahrt. Das sei kein Zufall, meint Trudgill, da beide Sprachen die Jahrhunderte in relativer Abgeschiedenheit überdauert hätten. Dies trifft nicht auf Englisch oder Deutsch zu.

Die linguistischen Komplexitätsmessungen beschränken sich jedoch auf die morphologischen Aspekte und lassen unter anderem die Lexik auβen vor. Auch das Laut-Inventar kann es durchaus in sich haben.

Eine der sparsamsten Grammatiken auf der Welt hat das Riau-Indonesische, die Umgangssprache für mehrere Millionen Menschen auf der Insel Sumatra. Viele grammatische Kategorien existieren in dieser Sprache nicht. So stellt der Satz „ayam makan“ die Wörter „Huhn“ und „essen“ nebeneinander. Welche Bedeutung gemeint ist, erfährt man nur im Zusammenhang. Der Linguist Martin Haspelmath sagt: „Unentbehrlich für die Verständigung sind die meisten grammatischen Formen nicht. Was sie an Informationen liefern, macht immer nur die Spitze des Eisbergs aus. Vieles muss man erschließen – in jeder Sprache.“

[Text: Jessica Antosik. Quelle: zeit.de, 21.07.2012.]

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