Terminologiearbeit: Nicht nur A wie Aufbau, sondern auch B wie Bestandspflege

Carl Spitzweg: Der BücherwurmViele Firmen haben eine Terminologie aufgebaut, um durch eine Standardisierung der Texte die Kosten zu senken und die Dokumentations- und Übersetzungsqualität zu erhöhen. Stimmt aber die Vorstellung, dass eine Terminologie zu haben, quasi zwangsläufig zu einer hohen Qualität führt? Die Praxis zeigt ein anderes Bild.

Es gibt keine Allzweck-Terminologie. Welche Termini man braucht und mit welchen Zusatzinformationen man sie ausstattet, hängt immer vom Einsatzzweck ab. Wenn also für einen spezifischen Einsatz (z. B. die Vereinheitlichung von Produktbezeichnungen in einer Online-Produktdatenbank) die entsprechenden Einträge und Attribute nicht aktuell sind, dann ist die Wirksamkeit der Terminologie eingeschränkt.

Wie drückt sich das für Autoren und Übersetzer konkret aus? Für Autoren ist es zuerst wichtig, dass das Terminologieverwaltungssystem (TVS) alle Einträge erfasst, die sie für ihre tägliche Redaktionsarbeit benötigen. Sind wesentliche Fachbegriffe, Produkt- oder Funktionsnamen nicht vorhanden, dann ist die Tür für einen Wildwuchs an neuen Benennungen und Synonymen offen. Die Praxis liefert immer wieder solche Beispiele bei Firmen, die bereits eine zentrale Terminologie pflegen. Das ist insbesondere im Hinblick auf die modulare Erstellung von Dokumentationen oder auf den Einsatz von Translation Memories von Bedeutung.

Ähnliches gilt für Konstrukteure oder Softwareentwickler, die Produktkomponenten oder Funktionen neu benennen, wenn sich dafür im TVS keine Vorgabe findet. Angaben zum Status, zum Einsatzbereich (Marketingtexte, Visualisierungstexte…) oder zur Verwendung (erlaubt bzw. verboten) sind für Autoren wichtig, da sie sonst nicht in der Lage sind, zwischen Alternativen zu entscheiden.

Weil Autoren Produkte beschreiben, haben sie aufgrund ihres Wissens oft weniger Probleme mit dem Verständnis einzelner Begriffe. Für Übersetzer ist dies nicht der Fall. Der Auftraggeber erwartet von ihnen, dass sie die Inhalte exakt verstehen und ohne Verzerrung in die eigene Sprache übertragen. Dabei müssen sich Übersetzer im Alltag ständig mit Synonymen, unpräzisen Ausdrücken, uneinheitlichen Schreibweisen und Homonymen (ein Wort, mehrere Bedeutungen) auseinandersetzen. Hier sollen gut gepflegte Zusatzinformationen etwaige Fragen gleich für alle Fremdsprachen beantworten. Dabei ist auch auf die Qualität der Informationen und Definitionen zu achten, denn nicht alle Definitionen sind hilfreich formuliert.

Für die Sicherung der Übersetzungsqualität muss die Terminologie alle Termini beinhalten, die übersetzungsrelevant sind. Das ist deswegen wichtig, weil nicht jeder Übersetzer standardmäßig die neue Terminologie zum Übersetzungsprojekt extrahiert. Übersetzungsprojekte betreffen aber quasi per Definition neue Produkte oder Merkmale. Sie enthalten also oft Termini, die bisher nicht definiert wurden. Wie wirksam ist eine Terminologiekontrolle, die nur zwei Drittel der Einträge in einem Dokument prüft? Dazu gehören auch Termini, die aus dem Blickwinkel des Autors nicht so wichtig sind, weil „selbstverständlich“. Es sind Wörter für die die Fremdsprache(n) mehrere Äquivalente kennen. Ein Beispiel dafür ist das Wort „Bedienungsanleitung“ („user manual“, „instructions for use“, „operator’s guide“, „operating instructions“ usw.).

Neben inhaltlichen und sprachlichen Kriterien spielen auch datentechnische Kriterien für die Zuverlässigkeit der Terminologiearbeit eine Rolle. Heute ist die Arbeit der Autoren und Übersetzer ohne softwaregestützte Prüflösungen für die Terminologiekontrolle kaum vorstellbar. Aber was ist, wenn die eingesetzte Software die Terminologie nicht erkennt, die Wörterbücher meistens in der Grundform im Singular erfassen? Schließlich kommen in Texten oft ganz andere Formen vor als in der Terminologiedatenbank. Viele Terminologieprogramme können zwar bereits einige Wortformen wie Pluralformen erkennen. Bei 30 oder mehr regelmäßig eingesetzten Sprachen wird diese Erkennung schon schwieriger.

Wenn also komplexe oder unregelmäßige Varianten in Dokumentationen vorkommen, dann muss man manchmal entgegen aller Regeln diese Formen als alternative Terminologieeinträge erfassen, etwa bei „Zimmermann – Zimmerleute“ im Deutschen. Darüber hinaus kommen Einzelwörter in Komposita vor oder haben unterschiedliche Schreibweisen. Wenn „Logikeinheit“ als „Logik-Einheit“, „LOGIKEINHEIT“ oder „logische Einheit“ erscheint, ist dann sichergestellt, dass die eingesetzte Software die korrekte Verwendung der Terminologie immer noch prüft?

Welche Voraussetzungen ermöglichen den zuverlässigen Einsatz der Terminologie?

  • Alle Beteiligten haben einen Zugang zu einer zentral gepflegten Terminologie.
  • Gleich am Anfang des Produktlebenszyklus legen Entwickler und Autoren die neue Terminologie fest. Übersetzer extrahieren regelmäßig neue Termini für ihre Projekte.
  • Firmen definieren die Kriterien für eine einsatzgerechte Terminologie und prüfen ihre Bestände auf dieser Basis.
  • Alle im Redaktions- und Übersetzungsprozess eingesetzten Programme sollen die Terminologie richtig erkennen und gängige Austauschformate wie TBX unterstützen.

Leider fehlt vielen Firmen nach dem ersten Aufbau eines Terminologiebestands allzu oft die Zeit, um vorhandene Informationen regelmäßig zu aktualisieren. Sie planen oder erkennen den notwendigen Aufwand für die Pflege der Terminologie nicht. Am Ende geht es der Terminologie genauso wie jeder Maschine oder Software, die man nicht weiterentwickelt: Sie ist schnell überholt und kann nicht mehr zuverlässig eingesetzt werden.

Es ist also wichtig, nicht nur „A“ (Aufbau) zu sagen, sondern auch „B“ (Bestandspflege). Terminologiepflege ist eine absolut notwendige Aufgabe, für die man Mittel bereitstellen muss. Sollten für die Umsetzung dieser Punkte die Ressourcen oder die Erfahrung intern fehlen, so finden sich am Markt einige erfahrene Dienstleister, die regelmäßig oder projektgebunden unterstützen können.

[Text: D.O.G. Dokumentation ohne Grenzen GmbH. Quelle: D.O.G. news 3/2012. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Dr. François Massion. Bild: „Der Bücherwurm“ von Carl Spitzweg; Lizenz: Public Domain.]

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