Sprachmittler in Afghanistan: „Ich passe auf, dass es keine Missverständnisse gibt“

Dort, wo kulturelle Missverständnisse tragische Folgen haben können, ist ihre Arbeit unentbehrlich: die Arbeit der Sprachmittler. Doch wenn in Afghanistan die Bundeswehr abzieht, was im Jahr 2014 der Fall ist, fürchten die Übersetzer und Dolmetscher um das eigene Leben. Bis Ende 2014 sollen die afghanischen Sicherheitskräfte, wenn die Nato ihre Kampftruppen vollständig aus Afghanistan abzieht, in der Lage sein, in allen Teilen des Landes Sicherheitsoperationen durchführen zu können. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hat am 24. September 2012 drei Berichte von Sprachmittlern aus dem Krieg veröffentlicht. Die 36-jährige Redakteurin Karen Krüger hat sich mit ihnen per Skype unterhalten und die Gespräche protokolliert.

Abdul, 31 Jahre, begleitet einen deutschen Offizier und berichtete Folgendes über seine Tätigkeit:

Ich übersetze nicht nur Wörter, sondern auch ihr Denken. Da gibt es große Unterschiede. Ich lasse das Gesagte im Kopf durch mein deutsches oder afghanisches kulturelles Raster laufen und produziere Neues daraus. Ich passe auf, dass es keine Missverständnisse gibt. […]

Meinem Chef sage ich manchmal, dass er dies oder jenes so nicht sagen kann. Er akzeptiert das, verlässt sich auf mich. Einmal wollten einige Deutsche während eines Einsatzes pinkeln, zufälligerweise nach Westen. Als ich das sah, habe ich sofort gesagt, dass das nicht geht, weil die Leute in Afghanistan nach Westen beten. Wenn sie sehen, was die Soldaten machen, dann glauben sie, das sei eine bewusste Respektlosigkeit. Mein Chef hat seine Leute zurückgerufen und mir gedankt.

Farsli, 22 Jahre, hält es geheim, dass er für die Bundeswehr tätig ist und hat verschiedene Ausreden parat, wenn ihn jemand nach seiner Arbeit fragt:

In Wirklichkeit arbeite ich jedoch seit fast drei Jahren im Baubüro des deutschen Einsatzkommandos in Kundus. […] Ich teile mir das Büro mit einem deutschen Offizier. Er macht die Verwaltungsarbeit, ich übersetze. Es geht immer ums Bauen; Verträge, Angebote.

Moqim, 27 Jahre, arbeitet seit 2010 als Sprachmittler für die Bundeswehr:

Ich bin in der militärischen Operationsplanung und begleite eine Gruppe von Bundeswehrsoldaten, die als Mentoren für eine Einheit der afghanischen Armee tätig sind. […] Ich bin immer mit dabei, auch wenn es einen Kampf gibt, denn ohne mich verstehen sie einander ja nicht. Manchmal ist mein Beruf sehr gefährlich. Einmal gab es direkt neben mir einen Einschlag. Wir wurden von zwei Seiten von Taliban angegriffen. Bei Operationen tragen wir Sprachmittler Helme, Schutzwesten und deutsche Uniformen, aber ohne Hoheitsabzeichen. Wir gelten in diesem Moment als Schutzbefohlene. Ich hoffe, dass die deutsche Regierung das beim Abzug 2014 nicht einfach vergisst.

Den Artikel mit den Gesprächen der Sprachmittler, in denen sie über ihre Ausbildung, Arbeit, Ängste, das Land Afghanistan und die Zukunft berichten, finden Sie in voller Länge auf der Website der FAZ.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: faz.net, 24.09.2012. Bild: Archiv.]

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