Leipziger Dolmetschstudierende auf Stippvisite in Brüssel

Tausende Übersetzer und Dolmetscher sind für die Europäische Union tätig und sorgen dafür, dass in der Schaltzentrale Europas kein Sprachwirrwarr aufkommt. Dies ist bei 23 zugelassenen Amtssprachen gar keine leichte Aufgabe.

Der Bedarf nach Dolmetscher-Nachwuchs bei der EU ist enorm. Bei einer Exkursion nach Brüssel hatten die Studierenden des Masterstudiengangs „Konferenzdolmetschen“ der Universität Leipzig die Möglichkeit, den Profis einmal auf die Finger zu schauen.

Anne-Kathrin Ende (Bild rechts), Dozentin am Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie (IALT), macht sich jedes Jahr mit den Drittsemestern des Dolmetschstudiengangs in die belgische Hauptstadt auf. So können sie erfahrene Dolmetscher treffen, Vorträge hören und Bewerbungsformalia kennenlernen. Außerdem dürfen sie in den Dolmetscherkabinen der Profis ihr Können testen und probeweise eine Sitzung dolmetschen“.

Anne Schieck, Dolmetschstudierende der Sprachen Englisch und Spanisch, reizt die Arbeit als EU-Dolmetscherin: „“Viele schrecken vor der vermeintlichen Eintönigkeit der Sitzungen zurück, man kann dies jedoch auch als Herausforderung sehen.““ Ihre Kommilitonin Anne Ursinus weist darauf hin, dass man sich bei der Arbeit in der Kabine insbesondere auf das Kurzzeitgedächtnis verlassen müsse: „“Es gibt Techniken wie das so genannte Shadowing, bei dem wir das Gesagte eines Partners in Sinneinheiten wiedergeben. Immer und immer wieder. Das trainiert ungemein.““

Auch das Umschalten zwischen den Sprachen sei Übungssache: „“Wir nehmen uns einen beliebigen Text auf Deutsch und lesen diesen laut vor – in einer anderen Sprache““, berichtet Ursinus. Allerdings müsse der Dolmetscher auch inhaltlich verstehen, was im Plenum vorgetragen werde. „„Es kann ja auch mal sein, dass der Sprecher aus dem Stegreif Gandhi zitiert. Da hilft nur ein gutes Allgemeinwissen.“ Davor sollte man Respekt haben“, meint sie, allerdings „keine Angst“.

Alexander Drechsel weiß, wovon die beiden Studierenden sprechen. Schließlich machte der 31-Jährige damals ebenfalls am Leipziger Institut seinen Abschluss als Dolmetscher. Nun arbeitet er seit über fünf Jahren bei einem der großen Dolmetscherdienste der Europäischen Union. Drechsel gibt den jungen Kollegen einen Tipp mit auf den Weg: „„Nicht in Ehrfurcht erstarren und einfach mal den Test machen.““ Nachwuchs werde nämlich händeringend gesucht: „„Erstens gehen viele ältere Kollegen gerade in den Ruhestand. Zweitens scheint es unter Absolventen enorme Berührungsängste mit der EU zu geben. Und drittens: Neben dem Leipziger Institut gibt es in Deutschland nur wenige Ausbildungsstätten, die so gute Dolmetscher hervorbringen.““

Zwar möchte der EU-Dolmetscher den angehenden Absolventen keine Illusionen machen. Nach einem achtstündigen Arbeitstag in der Kabine sei auch er sowohl geistig als auch körperlich erschöpft. „„Doch ich sage Ihnen eins: Wenn Sie das erste Mal eine Plenarsitzung mit Günther Oettinger oder José Manuel Barroso dolmetschen, und Sie wissen, dass die beiden jetzt mithören, dann spüren Sie das Adrenalin. Wenn Sie dann gute Arbeit abliefern, macht das unheimlich zufrieden““, so Alexander Drechsel.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: lvz-online.de, 16.11.2012. Bild: uni-leipzig.de.]

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