Die „Vorständin“ ist auf dem Weg in den Duden

Die Duden-Redaktion ist recht optimistisch, dass der Begriff „Vorständin“ es in die nächste Ausgabe des Rechtschreibewerks schafft. „Ich sehe gute Chancen, dass er aufgenommen wird“, erklärte der Leiter der Duden-Redaktion, Werner Scholze-Stubenrecht, der Nachrichtenagentur dpa.

Noch vor wenigen Jahren hat sich die Frage nach der Bezeichnung der weiblichen Vorstände nicht gestellt. Grund: Es gab sie kaum. Das Blatt hat sich jedoch gewendet. Mittlerweile sitzen 15 weibliche Vorstandsmitglieder in den deutschen DAX-Konzernen (z. B. Allianz, BMW, BASF, Daimler, Deutsche Post, Telekom). Deren Titulierung fordert Redenschreiber, Journalisten sowie Moderatoren heraus. Bezeichnungen wie „Siemens-Personalvorstand Brigitte Ederer“ klingen zwar komisch, allerdings gibt es kaum eine Alternative.

Die „Vorständin“ kommt bei den Unternehmen aber auch nicht gut an. „Vom Sprachgefühl zuckt man erstmal zusammen“, heißt es bei einem Dax-Konzern. Für Siemens bleibt aus diesem Grund erst einmal als beim Alten. „Wir orientieren uns an dem normalen Sprachgebrauch“, sagt ein Konzernsprecher. Demnach ist Brigitte Ederer „Vorstand“ und nicht „Vorständin“.

In den Online-Duden wurde die „Vorständin“ jedoch bereits aufgenommen. Es ist auch wahrscheinlich, dass der Begriff in der nächsten gedruckten Fassung der deutschen Rechtschreib-Bibel ihren Platz findet – mitsamt dem Begriff für den Plural „Vorständinnen“.

Die Duden-Redaktion legt viel Wert auf die Nutzung des Begriffs in der Gesellschaft und findet in ihrer Textsammlung ausreichend Hinweise darauf, dass die „Vorständin“ aufgrund der zunehmenden Zahl der weiblichen Vorstände in Deutschland bereits im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen ist.

Einige Unternehmen oder Institutionen nennen die weiblichen Mitglieder des Gremiums bereits als „Vorständin“, obwohl es den Begriff eigentlich noch nicht gibt. Ursprünglich wurde mit dem Vorstand ein gesamtes Gremium bezeichnet, später auch einzelne Mitglieder daraus, die jedoch stets männlich waren.

Sprachschützer fragen sich aber: Muss das wirklich sein? „Es muss nicht krampfhaft versucht werden, umgehend neue Wörter für gesellschaftliche Entwicklungen zu finden“, so Thomas Paulwitz, Chefredakteur der Zeitschrift Deutsche Sprachwelt. „Ein Wort für Alle – das ist auch Gleichberechtigung“, sagt er. Im Vergleich zu einem englischen Begriff schätzt Paulwitz die „Vorständin“ aber noch als das geringere Übel ein. „Hauptsache, es wird nicht der ‚Head of Human Resources‘ aus der Personalchefin.“

Scholze-Stubenrecht sieht alles etwas gelassener. „Sprache ist letztlich auch nur Gewohnheit“, erklärt er. Auch der Begriff „Bundeskanzlerin“ sei noch vergleichsweise neu: Das Wort hat erst in den Duden Einzug gefunden, als Angela Merkel bereits für das Amt kandidierte.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: handelsblatt.com, 12.01.2013.]

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