Mehr Literaturübersetzungen aus dem Deutschen? US-Lektor empfiehlt höhere Tantiemen statt Autorenvorschuss

Frankfurter Buchmesse, Rechtehandel

Nein, das ist keine Cafeteria, sondern einer der Säle auf der Frankfurter Buchmesse, in denen unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Rechtehandel stattfindet – auch und gerade mit Übersetzungslizenzen

Warum finden sich auf dem deutschsprachigen Buchmarkt sehr viele Übersetzungen aus dem Englischen, aber umgekehrt auf dem amerikanischen und britischen Markt praktisch keine Übersetzungen aus dem Deutschen? Wo könnte man ansetzen, um dieser Einbahnstraße im Handel mit Übersetzungslizenzen eine zweite Spur in der Gegenrichtung hinzuzufügen?

Höhere Tantiemen statt Vorschuss – Änderung des Lizenzmodells

Frankfurter Buchmesse, RechtehandelDer amerikanische Lektor Ben Rosenthal schlägt als Gegenmaßnahme eine Änderung des Lizenzmodells vor, wie aus einem Gespräch hervorgeht, das der buchreport mit ihm geführt hat.

Darin erklärt Rosenthal, Übersetzungen seien teuer und nur wenige US-Verlage seien bereit oder in der Lage, dafür tief in die Tasche zu greifen – in wirtschaftlich schwierigen Zeiten weniger denn je. Vor allem für kleine Verlage rentiere es sich nicht, derart hohe finanzielle Risiken für Autorenvorschüsse und Übersetzungen einzugehen.

„Wenn mehr deutsche Bücher in die USA verkauft werden sollen, muss das bisherige Lizenzmodell auf den Prüfstand. Warum nicht auf die Autorenvorschüsse verzichten oder sie zumindest drastisch reduzieren und dafür höhere Tantiemen zahlen, wenn das Buch erschienen ist?“

Mit einem solchen Modell könne er seinen Verleger leichter überreden, ein deutsches Buch einzukaufen und die Übersetzung zu bezahlen, als wenn er von ihm verlange, vorab viel Geld auf den Tisch zu legen.

Dies habe er auch seinen deutschen Gesprächspartnern vorgeschlagen, die aber wie zu erwarten „zurückhaltend“ regiert hätten. Ihm gehe es darum, „Anstöße zu geben“ und „eine Diskussion in Gang zu setzen, um das Problem der „Lizenz-Einbahnstraße“ anzugehen.

Erschwerend zu den finanziellen Risiken komme hinzu, dass es in den USA kaum Lektoren gebe, die die deutsche Sprache gut genug beherrschten, um ein Buch beurteilen zu können. Diese Aufgabe übertrage man daher so genannten „Readern“.

Rosenthal hatte sich mit fünf weiteren US-Kinderbuchlektoren auf Einladung des German Book Office (New York) eine Woche lang auf dem deutschen Buchmarkt umgesehen und zahlreiche Gespräche geführt. Er arbeitet beim US-Schulbuchverlag Enslow Publishers, der auch ein allgemeines Kinderbuchprogramm verlegt.

Frankfurter Buchmesse, Rechtehandel

Abseits der Publikumsströme bietet die Frankfurter Buchmesse als größte Buch- und Medienmesse der Welt 7.300 Ausstellern aus rund 100 Ländern hervorragend organisierte Räumlichkeiten für den Rechtehandel

10 Prozent aller Neuerscheinungen sind Übersetzungen

Laut Literaturübersetzerverband VdÜ sind rund 10 Prozent aller Neuerscheinungen in Deutschland Übersetzungen. In der Belletristik sind es 20 Prozent und bei den Bestsellern liegt der Anteil noch weit darüber: Von den 50 meistverkauften belletristischen Titeln 2008 waren laut buchreport über die Hälfte Übersetzungen.

Deutsche Verlage übersetzen vorwiegend aus dem Englischen, Französischen und Japanischen

Nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels wurden im Jahr 2011 genau 10.716 Titel ins Deutsche übersetzt, davon 63,8 Prozent aus dem Englischen, 10,4 Prozent aus dem Französischen und 6,0 Prozent aus dem Japanischen.

Wichtigste Abnehmer von Übersetzungslizenzen: China, Russland, Polen, Spanien

Die Zahl der deutschen Lizenzverkäufe ins Ausland ist deutlich geringer und erstreckt sich auf andere Länder. Wichtigster ausländischer Geschäftspartner der deutschen Verlage ist mit 1.072 verkauften Lizenzen China. Die nachfolgenden Plätze belegen Russland mit 644 Lizenzen, Polen mit 555 und Spanien mit 498.

Frauen unter sich beim Rechtehandel auf der Frankfurter Buchmesse

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2012-04-17: Warum sind US-Verlage so übersetzungsfaul?

[Text: Richard Schneider. Quelle: buchreport, 2013-07-16; Frankfurter Buchmesse, VdÜ. Bild: Frankfurter Buchmesse (Alexander Heimann, Peter Hirth).]

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