Germersheimer Studierende beraten Kreisverwaltung zur interkulturellen Kommunikation

Dr. Andrea Cnyrim

Dr. Andrea Cnyrim (2. v. l.) mit Studierenden bei einem Workshop in der Kreisverwaltung.

Die Studierenden der angesehenen Übersetzer- und Dolmetscherschmiede am Germersheimer Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der Universität Mainz sind nicht nur Sprach-, sondern auch Kulturexperten. Diese Fähigkeiten konnte sich der Landkreis Germersheim zunutze machen, um den alltäglichen Umgang der Behörden mit ausländischen Mitbürgern zu verbessern.

Hoher Ausländeranteil in und um Germersheim

Germersheim ist der Landkreis mit dem höchsten Ausländeranteil in Rheinland-Pfalz (8,2 %) – allerdings nicht wegen des FTSK, sondern wegen des größten Lkw-Montagewerks Europas in Wörth und anderer Industriebetriebe. In der Stadt Germersheim liegt er bei 23 %, hinzu kommen rund 10 % Aussiedler aus Russland.

Mit Unterstützung des FTSK der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz hat die Kreisverwaltung ein Projekt zur interkulturellen Öffnung umgesetzt, das aktiv zur Willkommenskultur für ausländische Bürger beiträgt.

Die ungewöhnliche Kooperation erweist sich nicht nur für die Mitarbeiter der Verwaltung und ihre Besucher als ein Gewinn, sondern ebenso für die beteiligten Studenten. Mit insgesamt 2000 Studierenden ist der FTSK Germersheim die weltweit größte Ausbildungsstätte für Dolmetscher und Übersetzer.

FTSK: Interkulturelle Kompetenz durch Studis aus über 100 Nationen

In Germersheim ist die interkulturelle Kompetenz sozusagen zu Hause: Aus über 100 Nationen stammen die Studierenden in der kleinen Südpfälzer Kreisstadt, die sich am FTSK zum Dolmetscher oder Übersetzer ausbilden lassen.

„Wir haben hier eine enorme Kompetenz und kulturelle Vielfalt. Unsere Studierenden sind alle mit einer oder auch mehreren fremden Kulturen vertraut“, erklärt Dr. Andrea Cnyrim vom Arbeitsbereich Interkulturelle Kommunikation. Fast die Hälfte ihrer Studenten sind selbst Ausländer, aber alle haben mit einer Fremdsprache automatisch auch die jeweilige Kultur erlernt. „Wie Bitten zum Beispiel auf Deutsch und Türkisch oder Russisch geäußert werden, wird mit dem Studium vermittelt“, so Cnyrim.

Diese Kenntnisse konnten die Studierenden bei dem Lehr-Forschungsprojekt „Interkulturelle Kompetenzentwicklung“ einbringen, das unter der Leitung von Andrea Cnyrim mit dem Landkreis Germersheim entwickelt wurde.

Maída Hernández Lara, Anita Dosch

Die beiden studentischen Trainerinnen Maída Hernández Lara und Anita Dosch schulen Mitarbeiter der Stadtverwaltung.

Zunächst öffnete die Kreisverwaltung ihre Türen für die Studierenden, damit sie in Gesprächen mit den Mitarbeitern und in der Beobachtung des Arbeitsalltags erst einmal die Situation erfassen und den Bedarf ermitteln konnten.

Klassische Probleme sind Verständnisschwierigkeiten oder fehlende Unterlagen, aber auch Aushänge oder Beschilderungen sind für manche ausländischen Mitbürger ein Hindernis. „Die Offenheit der Mitarbeiter in der Kreisverwaltung war außergewöhnlich und für die Studierenden ein großer Vertrauensbeweis“, fasst Andrea Cnyrim die Erfahrungen zusammen. Vom Jugendamt bis zur Wohngeldstelle und vom Bauamt bis zur Fahrzeugzulassung – die gesamte Verwaltung wurde in das Projekt einbezogen.

Die Ergebnisse der Interviews und der teilnehmenden Beobachtung flossen in Schulungskonzepte für verschiedene Zielgruppen, wie Führungskräfte oder Mitarbeiter mit Kundenkontakt, ein. Schließlich organisierten die Studierenden Schulungen in Form von Workshops, um mit den Mitarbeitern individuell passende Lösungen und Instrumentarien für ihre tägliche Praxis mit ausländischen Bürgern zu erarbeiten.

Praxisprojekte wichtiger Baustein im Rahmen des Studiums

Das Projekt ist jedoch nicht nur ein Schritt in Richtung „Willkommenskultur“ im Behördenalltag, sondern auch ein wichtiger Baustein im Rahmen des Studiums. „Ich bin von Praxisprojekten in der Lehre überzeugt“, erklärt Andrea Cnyrim. „Eine solche Leistungsbereitschaft der Studierenden ist in einem simulierten Projekt niemals zu erreichen.“

Die angehenden Übersetzer und Dolmetscher hatten die seltene Chance, sich in eine ganz andere Berufsgruppe hineinzuversetzen. Für einige der Teilnehmer bot das Projekt gleichzeitig die Gelegenheit, ihre Abschlussarbeit zu verfassen.

Knapp 70 Studierende waren seit dem Jahresende 2012 bis zum Frühjahr dieses Jahres an dem Lehr-Forschungsprojekt beteiligt. Die Ergebnisse, so Projektleiterin Cnyrim, sind prinzipiell auf andere Einrichtungen, auch Städte und Gemeinden, übertragbar. „Wir haben Interesse an einer Fortsetzung.“ Gespräche dazu laufen bereits.

www.fb06.uni-mainz.de

[Text: Petra Giegerich / Information und Presse Uni Mainz. Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, 2014-07-10. Bild: Andrea Cnyrim.]

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