Eyetracking mit Tobii TX300: FTSK Germersheim versucht, in die Köpfe von Übersetzern zu schauen

Tobii TX300

Der Eyetracker Tobii TX300 im Einsatz

Die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz hat auf der CeBIT 2015 in Hannover am rheinland-pfälzischen Gemeinschaftsstand zwei Eyetracking-Projekte der Arbeitsgruppe um Univ.-Prof. Dr. Silvia Hansen-Schirra vom Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) Germersheim vorgestellt:

(1) Optimierungspotenzial bei maschinell vorübersetzten Texten

Die zunehmende Verbreitung von maschinellen Übersetzungssystemen wirft Fragen zu deren tatsächlicher Leistungsfähigkeit auf. Mithilfe des Eyetrackings, also Blickbewegungsmessungen sowie Aufzeichnungen des Tippverhaltens, können die Wissenschaftler die Nutzbarkeit maschineller Übersetzungssysteme sowie den manuellen Aufwand der Nachbereitung ermitteln und damit konkret zur Verbesserung von Übersetzungssystemen beitragen.

(2) Optimierung der Untertitelung von Filmen

In einem weiteren Eyetracking-Projekt geht es um die Optimierung der Untertitelung bei Filmen. Eine traditionelle Untertitelung kann leicht die Bildkomposition stören und die Aufmerksamkeit des Zuschauers von der Handlung ablenken.

Die Wissenschaftlerinnen untersuchen daher mögliche moderne Alternativen zur traditionellen Untertitelung: so genannte integrierte Titel. Dabei gehen sie der Frage nach, inwieweit integrierte Titel die Rezeption und Informationsaufnahme verbessern und ein authentischeres und ästhetischeres Filmerlebnis ermöglichen.

Was geht im Kopf vor? Eyetracking-Anwendungsmöglichkeiten in der Übersetzungswissenschaft

In Germersheim werden Studierende nicht nur zu Übersetzern und Dolmetschern mit hohem sprachlichen Niveau und breitem fachlichen Wissen ausgebildet, sondern es werden auch neue Technologien entwickelt und deren Nutzbarkeit getestet, zum Beispiel mit dem Eyetracker Tobii TX300.

Der Einsatz des Eyetrackings in der Sprach- und Translationswissenschaft, insbesondere der Translationsprozessforschung, eröffnet neue Möglichkeiten hinsichtlich der Erforschung der Frage, was in der „Black Box“, den Köpfen von Übersetzern und Dolmetschern, vorgeht.

Denn die visuelle Aufmerksamkeit und kognitive Prozesse sind eng mit den Augenbewegungen gekoppelt. Die objektive Datenerhebung durch Aufzeichnen dieser Augenbewegungen bildet in Kombination mit anderen empirischen Forschungsmethoden wie Thinking aloud, retrospektive Interviews, Screen-recording, Keystroke-logging, Verständlichkeitstests und parallele Korpora somit ein weiteres Instrument der Datentriangulation für Forschungsfragen rund um die Produktions- und Rezeptionsprozesse in der mehrsprachigen Kommunikation und Translation.

Neben den beiden oben beschriebenen und auf der CeBIT 2015 präsentierten Projekten wurde der Germersheimer Eyetracker bislang unter anderem für Studien in folgenden Bereichen genutzt:

  • Usability von Translationstechnologien
  • Linguistische Web-Usability
  • Verständlichkeitsforschung (Instruktionstexte, populärwissenschaftliche Texte, etc.)
  • MÜ-Postediting
  • Translationsprozessforschung
  • Text-Bild-Integration
  • Rezeptionsstudien mit integrierten Untertiteln oder Gebärdensprachdolmetschen

Ergebnisse aus diesen Studien können helfen, den Translationsprozess transparenter zu machen und auf dieser Basis neue Lehr- und Lernstrategien in der Translationsdidaktik zu entwickeln.

In Planung: Kopplung des Eyetrackers mit EEG

Weitere spannende Forschungsarbeiten befinden sich für die kommenden Jahre in Planung. So sollen durch die Kopplung des Eyetrackers mit einem EEG-Gerät auch Ergebnisse aus der Hirnforschung in Beziehung zum Übersetzungsprozess gesetzt werden.

Germersheim vermittelt Studenten theoretische Grundlagen und deren praktische Anwendung

Durch die Eyetracker-Forschungen wird den Studierenden über die theoretische Grundlagenbildung hinaus auch ein direkter Einstieg in die praktische Anwendung, Erforschung und Evaluierung ermöglicht. Dies führt wiederum zu einer Kompetenzerweiterung und selbstreguliertem Lernen.

Praktisch und benutzerfreundlich: Software-Steuerung per Eyetracking

Eyetracker können aber nicht nur zur Erforschung der Übersetzungsprozesse eingesetzt werden. Eine weitere Anwendungsmöglichkeit besteht darin, die Übersetzungsumgebung auf dem Bildschirm durch Augenbewegungen zu steuern und so benutzerfreundlicher zu machen. Prof. Hansen-Schirra schrieb 2012 in einem Aufsatz für die Zeitschrift trans-kom:

So bieten beispielsweise die meisten Eyetracker Softwarepakete an, mit denen die Augensteuerung von verschiedenen Programmen möglich ist. Auf diese Weise können zum Beispiel Fenster durch Blickbewegungen aktiv werden, was dem Übersetzer bei häufigen Funktionswechseln (Internetrecherche, Termsuche, Konkordanzsuche, Textverarbeitung, etc.) das Klicken spart.

 

Weiterhin gibt es Ansätze, bei denen Blickbewegungen zur Erkennung von Übersetzungsproblemen genutzt werden. Das System iDict (Hyrskykari et al. 2000) blendet beispielsweise wörterbuchbasiert Übersetzungskandidaten für einzelne Wörter ein, wenn die Fixation des Übersetzers einen gewissen Schwellenwert überschreitet (typischerweise ist dieser Schwellenwert einstellbar) oder wenn durch den Regressionspfad das betreffende Wort als Übersetzungsproblem eingestuft wird.

 

Der Vorteil dieser Technologie liegt darin, dass dem Übersetzer die Recherchearbeit abgenommen wird und potenzielle Übersetzungslösungen direkt angezeigt werden, sobald die Verarbeitung ins Stocken gerät.

Grundprinzip des Eyetrackings

Eyetracking ist eine Technologie, dank derer es möglich ist, genau zu wissen, wohin jemand blickt. Dieses Verfahren verschafft einzigartige Einblicke in das menschliche Verhalten. Das ist von besonderem Wert in Forschungsgebieten, in denen Wissenschaftler nach einem tiefen und genauen Verständnis der menschlichen Reaktionen und kognitiven Prozesse suchen. Das Eyetracking kann somit unter anderem folgende Fragen beantworten:

  • Was erweckt die Aufmerksamkeit?
  • Was wird am längsten angeschaut?
  • Welche Informationen werden gesehen und verarbeitet?
  • Was treibt den Entscheidungsprozess voran?

Der Tobii TX300

Der in Germersheim eingesetzte Tobii TX300 eignet sich besonders für die psychologische Forschung. Er ermöglicht die Analyse von Sakkaden, kurzen Fixationen, Veränderungen der Pupillengröße und Blinzeln. Es handelt sich um eine Kombination aus einem flexiblen und einem integrierten Eyetracker.

Die Anschaffungskosten eines Eyetrackers belaufen sich einschließlich Software auf rund 30.000 Euro. Die Geräte können allerdings auch gemietet werden. Die Erhebung und anschließende Auswertung der Daten ist häufig sehr zeit- und arbeitsaufwändig.

Der Hersteller des Geräts, das schwedische Unternehmen Tobii, wurde 2001 gegründet. Es beschäftigt 600 Mitarbeiter und ist Weltmarktführer in Sachen Eyetracking.

Leiterin der Arbeitsgruppe: Prof. Dr. Silvia Hansen-Schirra

Prof. Dr. Silvia Hansen-Schirra

Prof. Dr. Silvia Hansen-Schirra

Silvia Hansen-Schirra studierte Angewandte Sprach- und Übersetzungswissenschaft an der Universität des Saarlandes. 2007 folgte sie dem Ruf auf die Juniorprofessur für Computerlinguistik und Translation an die Universität Mainz am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim.

Seit 2010 ist sie dort als Universitätsprofessorin für Englische Sprach- und Übersetzungswissenschaft tätig. Sie beschäftigt sich mit den folgenden Forschungsschwerpunkten: Sprachtypologie, Fachkommunikation, Übersetzungsuniversalien, kognitive Aspekte der Sprachverarbeitung, computergestützte Translation, Korpuslinguistik.

Weiterführende Links

[Textrecherche und -zusammenstellung: Richard Schneider. Quelle: Informationsdienst Wissenschaft, 2015-03-09; FTSK Germersheim, undatiert; Tobii, undatiert. Bild: Tobii, FTSK Germersheim.]

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