Die Dolmetscherweste – Ein zeitgeschichtlich bedeutsames Accessoire der Flüchtlingskrise 2015

Dolmetscherweste

Eine professionell bedruckte und vergleichsweise hochwertige Weste mit Reißverschluss und drei Fronttaschen bietet Shirtfreak.de an. Der Komfort hat seinen Preis: 19 Euro pro Stück.

Wie kennzeichnet man für eine Menschenmenge von mehreren Hundert oder Tausend Migranten die anwesenden Dolmetscher, sodass sie von Bedürftigen gefunden und angesprochen werden können? Man nehme eine Signalweste, wie sie in Deutschland jeder Autofahrer im Wagen mitführen muss, und schreibe mit einem dicken Filzstift “Dolmetscher” in diversen Sprachen darauf.

Das war im Herbst 2015 monatelang die aus der Not geborene, aber gut funktionierende Lösung. Schön sind diese Westen nicht. Dennoch werden sie als Dokumente der Zeitgeschichte irgendwann im Museum landen. Wer eine besitzt, sollte sie aufbewahren.

Bilddokumentation Dolmetscherwesten:

  1. Eine mit Filzstift beschriftete handelsübliche Signalweste kennzeichnet den Dolmetscher und dessen Sprachkenntnisse im Emsland.
  2. Ein Flüchtlingsdolmetscher im Einsatz an der deutsch-österreichischen Grenze. Die Weste ist teils bedruckt, teils von Hand beschriftet.
  3. In Köln tragen die sprachkundigen Helfer Grün.
  4. Pretty in Pink: Auch in Niedersachsen ist man bei der Farbe der Dolmetscherwesten nicht wählerisch. Man nimmt, was man bekommt.
  5. Selbst bei der Bundeswehr in Rotenburg an der Wümme muss man mit dem Filzstift improvisieren.
  6. Das niedersächsische Dorf Wollershausen (478 Einwohner) hat in der örtlichen Turnhalle 100 Feldbetten aufgestellt. Die Dolmetscher in ihren gelben Westen besprechen sich vor Ankunft der Busse.
  7. Auch in Flensburg stets im Mittelpunkt des Geschehens: Eine Arabisch-Dolmetscherin hilft bei der Orientierung.
  8. Die Feuerwehr im hessischen Bad Soden hat die Funktionsbezeichnung “Dolmetscher” auf Englisch und Arabisch auf Papier gedruckt, laminiert und dann auf die Weste aufgenäht.

Frankfurt: Einheitliche Westen und Ausweise für Flüchtlingsdolmetscher

Dolmetscherweste

Die Rückseite der oben vorgestellten Dolmetscherweste mit Aufdruck in zwei Sprachen.

Dass handschriftliche Kritzeleien auf orangefarbenen, gelben oder grünen Plastikwesten keinen professionellen Eindruck vermitteln, hat auch die Stadtverwaltung in Frankfurt am Main erkannt. Sie plant, einheitliche Dolmetscherwesten und sogar einen Ausweis für die sprachkundigen Helfer ausgeben, wie die FAZ berichtet:

Um der Arbeit der Übersetzer, die sich anfangs vor allem über soziale Medien koordinierte, eine Struktur zu geben, hat der Magistrat das Amka [Amt für multikulturelle Angelegenheiten] mit dem Aufbau eines Dolmetscher-Pools beauftragt. Wer übersetzen will, muss sich seit kurzem zunächst auf der Internetseite des Amtes registrieren. Man wolle in der ganzen Stadt einen einheitlichen Standard für Flüchtlings-Dolmetscher etablieren, sagt Ungern-Sternberg. Bald sollen ein Ausweis und eine einheitliche Jacke die Übersetzer autorisieren.

Von der Improvisation zur Professionalisierung und Kommerzialisierung: Die Evolution eines Accessoires

Inzwischen haben zumindest zwei Online-Händler den Bedarf an Signalwesten für die in der Flüchtlingshilfe tätigen Sprachmittler entdeckt (Shirtfreak.de und Signalweste.net). Um die Marktlücke zu schließen, bieten sie professionell bedruckte Westen in verschiedenen Farben an.

Dolmetscherweste

Deutlich preisgünstiger ist diese Variante des Anbieters Signalweste.net, die je nach Bestellmenge zwischen 4,40 und 8,90 Euro kostet.

Früher wurden Armbinden zur Kennzeichnung von Dolmetschern verwendet

Dolmetscher wurden auch in früheren Jahrzehnten schon speziell gekennzeichnet, wenn dies im Umgang mit Menschenmengen hilfreich und sinnvoll war. Uepo.de hat entsprechende Beispiele für die Olympia-Dolmetscher 1936 in Berlin, Polizeidolmetscher in den 1930er Jahren, sowie die Wehrmacht und die Waffen-SS in den 1940er Jahren dokumentiert.

Beim Militär wurde auch ein schmaler, am unteren Ärmel aufgenähter so genannter Ärmelstreifen mit dem aufgestickten Wort “Sprachmittler” verwendet – allerdings eher zur dezenten Kennzeichnung innerhalb der Truppe und nicht als Signal nach außen.

Beim Massenansturm des Jahres 2015 (mindestens 1 Mio. muslimische Einwanderer allein in Deutschland) wären Armbinden aber viel zu unauffällig gewesen. Die Laiendolmetscher orientierten sich deshalb an den Signalwesten der vor Ort arbeitenden Sanitäter, der Mitarbeiter des Roten Kreuzes und der Helfer vom THW, sodass mehr oder weniger zwangsläufig die “Dolmetscherweste” entstand.

Links zum Thema auf uepo.de

[Text: Richard Schneider. Bild: Shirtfreak.de, Signalweste.net.]

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