“… und am Ende sind sie an allem schuld”: Roger Willemsen über Dolmetscher und das Wesen des Übersetzens

Roger Willemsen

Roger Willemsen im Jahr 2011 bei einer Lesung in Siegburg.

Heute wurde bekannt, dass der Publizist und Fernsehmoderator Roger Willemsen am 07.02.2016 im Alter von 60 Jahren verstorben ist.

Willemsen war in jungen Jahren auch als Übersetzer tätig – so zum Beispiel für Thomas Moore und Umberto Eco. Er schrieb das Vorwort zu Jürgen Stähles “Vom Übersetzen zum Simultandolmetschen”. Viele der gut 50 von Willemsen verfassten oder herausgegebenen Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, einige seiner Fernsehsendungen ins Ausland verkauft. Wahrscheinlich stammt daher sein tiefes Verständnis für das Wesen der Sprachmittlung und die in dieser Branche Tätigen.

Im Gegensatz zu den meisten Journalisten war ihm der Unterschied zwischen dem Übersetzen und Dolmetschen bewusst. In Talkshows glänzte er mit der selten anzutreffenden Fähigkeit, zu jedem beliebigen Thema aus dem Stegreif ohne Ähs und Öhs druckreif und klug daherreden zu können. Im Gegensatz zu den meisten Medienschaffenden beherrschte er sein Werkzeug, die deutsche Sprache, virtuos – einschließlich Konjunktiv und indirekter Rede.

Uepo.de hat im Jahr 2002 über einen Zeitungsessay berichtet, den Willemsen zum Thema Übersetzen und Übersetzer verfasst hatte. Damals schrieben wir unter der Überschrift “Das älteste Gewerbe der Welt: Roger Willemsen über das Übersetzen”:

Die gesamte Seite VII der heutigen Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung widmet der Publizist, Moderator und Frauenschwarm Roger Willemsen (47) dem ältesten Gewerbe der Welt. Dabei spannt er einen weiten Bogen von Aristoteles zu Umberto Eco, vom Dschungel Borneos bis zum alten Bonner Kanzleramt. Der Titel: “Do you speak Germish? Das Übersetzen und die Schönheit des Nichtverstehens.” Auszüge:

Auch wenn man es gerne leugnet: Das Übersetzen ist das älteste Gewerbe der Welt. Denn am Anfang war zwar das Wort, aber es verstand kein Mensch. Ja, man versteht es bis zum heugigen Tage so unvollkommen, dass des Übersetzens und Deutens niemals je ein Ende ist. Der Übersetzer mag also auf der Ständepyramide ökonomisch weit unten angesiedelt sein, in seiner Bedeutung für die Kulturgeschichte steht er ganz weit oben. […]

 

Eine der letzten romantischen Sachen in dieser Welt ist wohl wirklich die Vielsprachigkeit. Sie ist so liebenswert umständlich, zwingt uns in unpraktische Prozeduren, macht uns auf einen Schlag von weltläufigen, selbstbewussten Individuen zu kindlich agierenden, imbezilen Stammlern, die sich mit primitiven Gesten und blödsinniger Schauspielerei zu verständigen suchen. […]

 

In der Zusammenarbeit mit Dolmetschern habe ich oft ihr absolutes Gehör für Vierteltöne bewundert, ebenso wie ihre Fähigkeit, den Gedolmetschten zu erfühlen, ihn im Idiom wie im Habitus zu verkörpern, ihm Sprache auf den Leib zu schneidern und sich in diesem bewegen zu können. Dazu bewunderte ich aus der Ferne ihren Heroismus: Sie werden von Jelzin gekniffen, müssen in dunklen Kabinen hausen wie Höhlenmenschen, selten dürfen sie ins Bild, wenn doch, dann im Hintergrund. Sie haben keine Psychologie, keine Bedürfnisse, keine Schauseite. Sie werden vor allem nach Eigenschaften bewertet, die man an einer Maschine loben würde: Erträgliches Design, Effizienz, gute akustische Features, sparsam im Verbrauch, und am Ende sind sie an allem schuld.

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[Text: Richard Schneider. Quelle: Süddeutsche Zeitung, 2002-07-27. Bild: Sharon Nathan, Lizenz CC BY-SA 3.0 (über Wikipedia).]

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