Von Bonsaihunden und Runzelmaulwürfen – Warum Übersetzer seltener Komposita verwenden als Autoren

Anne Weber

Anne Weber

Viele deutsche Muttersprachler denken, Übersetzungen von literarischen Texten seien schlecht – oder zumindest schlechter als das Original. Dieser Eindruck ist nur schwer an konkreten Textstellen festzumachen. Eine junge Forscherin hat in ihrer Doktorarbeit an der Universität des Saarlandes ein typisch deutsches Element der Sprache genauer unter die Lupe genommen: das Nominalkompositum, also das zusammengesetzte Hauptwort.

Die Übersetzungswissenschaftlerin Anne Weber fand heraus, dass diese Wörter in deutschen Originalen weitaus häufiger sind als in Texten, die ins Deutsche übersetzt wurden. Nun ist die Arbeit erschienen.

Komposita charakteristisch für deutsche Sprache

Die deutsche Sprache ist besonders reich an zusammengesetzten Wörtern wie Haustür, Zeitungsleser oder Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän. Das Französische und das Italienische hingegen verwenden andere sprachliche Strukturen.

Italiener und Franzosen würden eher sagen: „die Tür des Hauses“, „der Leser der Zeitung“ oder eben „der Kapitän, der für die Gesellschaft arbeitet, die mit Dampfschiffen Schifffahrt auf der Donau betreibt“. In deutschen Wörterbüchern findet man unzählige solcher Komposita, sie entstehen aber besonders häufig spontan aus einer konkreten Situation; „ad hoc“ nennt das der Fachmann.

Auch Romanautoren verwenden sie aus verschiedenen Gründen: um Platz zu sparen, um kreativ oder lustig zu sein, wenn etwa eine junge Frau die beiden Zeuginnen Jehovas vermisst, die sie monatelang jeden Dienstagabend aufsuchten, und schließlich überlegt, eine Suchanzeige aufzugeben – und dabei den „Wachtturm“ wenig schmeichelhaft als „Jehova-Kundenzeitschrift“ bezeichnet. Für einen Übersetzer sind solche Wörter, die nicht im Wörterbuch stehen, besonders schwierig in eine andere Sprache zu übertragen.

Autoren verwenden häufiger zusammengesetzte Wörter als Übersetzer

Mit diesem Problem hat sich Anne Weber von der Universität des Saarlandes in ihrer Doktorarbeit befasst. Dabei hat sie unter anderem Auszüge aus 30 Romanen untersucht und besonders die Nominalkomposita unter die Lupe genommen. Sie fand heraus, dass sie in deutschen Romanen weitaus häufiger vorkommen als in deutschen Übersetzungen aus dem Französischen oder Italienischen. Das gilt sowohl für solche, die im Wörterbuch erfasst sind, als auch für spontan gebildete. Deutsche Autoren verwenden also weitaus öfter zusammengesetzte Wörter als deutsche Übersetzer.

Die Idee für ihre Forschungsarbeit kam Anne Weber natürlich beim Lesen: „Ich habe viele übersetzte Bücher gelesen. Eines fand ich inhaltlich toll, aber sprachlich irgendwie seltsam. An einer Textstelle fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen. Denn dort stand ‚die Opfer des Erdbebens‘ und nicht ‚Erdbebenopfer'“, erläutert die Wissenschaftlerin, die bis 2015 am Lehrstuhl für Romanische Übersetzungswissenschaft in Saarbrücken gearbeitet hat.

Übersetzer übernehmen offenbar unbewusst Strukturen der Ausgangssprache

Unter Fachleuten ist allgemein bekannt, dass Übersetzer sich häufig von ihrer Vorlage gewissermaßen leiten lassen. Steht dort, in der jeweiligen Sprache natürlich, beispielsweise „Seite des Buches“, kann man das ohne Zweifel auch im Deutschen sagen. Aber vielleicht ginge auch „Buchseite“? „Diese Überlegungen mögen banal oder unwichtig klingen, für den professionellen Übersetzer sind aber gerade solche sprachlichen Feinheiten entscheidend“, erklärt Anne Weber.

Übersetzer sollten häufiger Komposita verwenden

Und auch der normale Leser nimmt sie wahr, wenngleich unterbewusst. „Sicherlich ist die geringe Zahl von Nominalkomposita nicht der einzige Grund für den schlechten Ruf von Übersetzungen. Aber vermutlich einer von vielen“, schlussfolgert Anne Weber. Das persönliche Fazit der Nachwuchswissenschaftlerin lautet daher: „Auf keinen Fall muss ein Übersetzer jedes nur mögliche Kompositum bilden. Aber diese Möglichkeit sollte der Profi doch immer im Hinterkopf haben.“

Anne Weber arbeitet inzwischen in der Privatwirtschaft und an der Universität Heidelberg. Für ihre Doktorarbeit wird sie mit dem Eduard-Martin-Preis für herausragende Dissertationen der Universitätsgesellschaft des Saarlandes ausgezeichnet.

Doktorarbeit als Buch und PDF-Datei erhältlich

Die Doktorarbeit „Von Bonsaihund, Runzelmaulwurf und Monchichi-Bärchen. Eine Studie zu Ad-hoc-Nominalkomposita des Deutschen in der Translation anhand deutscher, französischer und italienischer Ausgangs- und Zieltexte“ ist in gedruckter Form im Buchhandel oder direkt über den Verlag Monsenstein und Vannerdat erhältlich. Die Uni Saarbrücken bietet den Text aber auch online als PDF-Datei an:

http://universaar.uni-saarland.de/monographien/volltexte/2016/149

[Text: Thorsten Mohr, Pressestelle der Universität des Saarlandes. Quelle: Pressemitteilung Universität des Saarlandes, 2016-08-12. Bild: Studioline für Anne Weber.]

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