Psychotherapie zu dritt: Arzt, Dolmetscher, Patient – Modellprojekt für Flüchtlinge kurz vor Abschluss

Eva-Lotta Brakemeier

Eva-Lotta Brakemeier ist Professorin für Psychotherapieforschung an der Uni Marburg und leitet das Modellprojekt.

Die Zahl der illegalen Einwanderer in Deutschland ist in den letzten Jahren dramatisch angestiegen und erreichte 2015 mit über einer Million ihren bisherigen Höhepunkt.

Auch die Psychotherapeuten haben die Neuankömmlinge als Kundengruppe entdeckt, leiden doch angeblich 50 % der Bürgerkriegsflüchtlinge unter psychischen Störungen und gar 95 % unter Depressionen.

Ein vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördertes Modellprojekt, an dem auch der BDÜ beteiligt ist, steht kurz vor dem Abschluss. Dabei ergaben sich laut Pressemitteilung wertvolle Informationen zur Entlastung und Verbesserung der psychischen Symptome durch eine Kurzzeittherapie für Flüchtlinge:

„Viele der schutzsuchenden Menschen haben sehr schwierige oder traumatische Erfahrungen gemacht, schätzungsweise die Hälfte von ihnen leidet unter psychischen Störungen“, beschreibt Projektleiterin Prof. Eva-Lotta Brakemeier die Problematik. „Auf diesen Zustrom war das deutsche Gesundheitssystem nicht vorbereitet, sodass die zur Verfügung stehenden spezifischen Behandlungsangebote für psychisch kranke Flüchtlinge derzeit bei weitem nicht ausreichen.“

 

Interpersonelles, integratives Modellprojekt für Flüchtlinge

 

Aufgrund dieser Notlage entwickelte Brakemeier, die bis April 2016 Professorin an der Psychologischen Hochschule Berlin war und seit Mai Universitäts-Professorin für Psychotherapieforschung an der Universität Marburg ist, gemeinsam mit der Psychiaterin und Migrationsexpertin PD Dr. Meryam Schouler-Ocak aus der Charité Berlin das „Interpersonelle Integrative Modellprojekt für Flüchtlinge“.

 

Förderung durch Bundesministerium für Arbeit und Soziales

 

Dieses wird durch die Bundesministerin Andrea Nahles und ihr Bundesministerium für Arbeit und Soziales seit dem 1. November 2015 gefördert. Neben den ehrenamtlich mitarbeitenden Psychotherapeuten unterstützen in der Migrationstherapie erfahrene Psychiater, Sozialarbeiter und Ergotherapeuten der Charité die Patienten.

 

Zusammenarbeit mit professionellen, spezifisch geschulten Dolmetschern

 

Professionelle und spezifisch für das Projekt geschulte Dolmetscher ermöglichen die Therapie in Muttersprache. Das Ziel des Modellprojektes besteht darin, ein schnell implementierbares Hilfsprogramm für psychisch kranke Flüchtlinge mit anerkanntem Asylverfahren zu ermöglichen, erklärt Projektgründerin Prof. Brakemeier: „Wir möchten die Flüchtlinge durch die Therapie entlasten, ihnen bei der Bearbeitung ihrer psychischen Probleme und interpersonellen Belastungen helfen und gleichzeitig ihre Integration in die Arbeits- und Sozialwelt erleichtern.“

Seit November 2015 läuft die Umsetzung des Projektes an der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB), PUK der Charité im SHK, der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Campus Charité Mitte sowie weiteren Kliniken und Praxen Berlins.

 

BDÜ als Kooperationspartner am Projekt beteiligt

 

Das Behandlungszentrum für Folteropfer e.V., der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ), der Berufspsychologische Service der Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Berlin-Brandenburg sowie die Jobcenter Mitte und Spandau sind als Kooperationspartner am Projekt beteiligt.

 

35 psychologische und ärztliche Psychotherapeuten und 11 professionelle Dolmetscher wurden in der ersten Projektphase durch Trainings in interkulturellen Kompetenzen sowie Workshops in der interpersonellen integrativen Therapie für Flüchtlinge (IITF) auf die aktive Mitarbeit vorbereitet.

 

Praxiserfahrungen mit 40 Patienten aus Syrien und Irak

 

Aktuell sind 40 Patienten überwiegend aus Syrien und dem Irak in das Modellprojekt aufgenommen. Bei den meisten der Patienten wurde eine Depression (95 %) diagnostiziert, wobei von diesen ca. die Hälfte komorbid unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet.

 

Die bisherigen Erfahrungen basierend auf 25 abgeschlossenen Therapien erscheinen vielversprechend: die vergleichsweise kurze, jedoch intensive Psychotherapie „zu dritt“ wird nach anfänglichem Eingewöhnen schnell akzeptiert und führt bei vielen Patienten zu einer Entlastung und Verbesserung der psychischen Symptome.

 

Deutlich wird auch, dass den sozialarbeiterischen Maßnahmen, welche die Integration in die Arbeits- und Sozialwelt unterstützen, eine immense Bedeutung zukommt. Bis Oktober 2016 sollen die Verläufe von 30 abgeschlossenen Therapien durch detaillierte quantitative (Wirksamkeit) und qualitative (Durchführbarkeit, Zufriedenheit) Analysen mit Daten der Patienten, Therapeuten und Dolmetscher ausgewertet werden, um basierend auf diesen Analysen das Projekt strukturell und inhaltlich weiter zu optimieren.

 

Wenn sich das Modellprojekt insgesamt als gut durchführbar und wirksam erweist, könnte es in Folge in Berlin als auch bundesweit schnell als Kurzzeit-Hilfsprogramm im Rahmen von stepped-care-Modellen breiter implementiert und weiter beforscht werden.

[Text: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Psychologische Hochschule Berlin. Quelle: Pressemitteilung Psychologische Hochschule Berlin, 2016-08-30. Bild: Psychologische Hochschule Berlin.]

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