„Die Sichtbarkeit des Übersetzerberufs verbessern“ – Prof. Dr. Carsten Sinner vom IALT Leipzig zum Hieronymustag

Carsten Sinner

Prof. Dr. Carsten Sinner leitet das IALT in Leipzig.

Nahezu jeden Tag haben wir es mit einem Text zu tun, der aus einer Fremdsprache ins Deutsche übersetzt wurde – oftmals ohne dass uns dies bewusst wird. Der „internationale Tag des Übersetzens“ wurde 1991 vom internationalen Dachverband der Übersetzerverbände FIT ins Leben gerufen. Er erinnert an die Bedeutung dieser Branche.

Als Datum wählte man am 30. September, den Namens- bzw. Todestag von Hieronymus, der zu den besten Sprachgelehrten der alten Kirche zählte. Ein Übersetzer ist ein Sprachmittler, der im Gegensatz zum Dolmetscher in der Regel schriftliche Texte übersetzt.

Prof. Dr. Carsten Sinner, der Leiter des Instituts für Angewandte Linguistik und Translatologie (IALT) der Universität Leipzig, berichtet aus diesem Anlass über die Bedeutung und die Wandlung des Übersetzerberufs in den vergangenen Jahren.

Finden am Tag des Übersetzens an Ihrem Institut besondere Veranstaltungen statt?

Da der Tag des Übersetzens am 30. September noch in den Semesterferien liegt, machen wir aus diesem Anlass keine Veranstaltung am IALT, wir erinnern nur auf der Webseite daran, dass der 30. September der Hieronymustag ist, wie er ja auch genannt wird.

Ein Teil der IALT-Mitarbeitenden nimmt an diesem Datum in diesem Jahr an einer wissenschaftlichen Tagung teil, wo es dann auch einen Bezug zu diesem „Feiertag“ der Übersetzer gibt.

Warum sollte Ihrer Ansicht nach ein solcher Tag begangen werden?

Es ist gut, diesen Tag bekannter zu machen, denn es geht ja dabei auch darum, die Sichtbarkeit des Übersetzerberufes zu verbessern. Den meisten Leuten fallen Übersetzungen nämlich nur auf, wenn sie schlecht sind. Dabei prägen Übersetzungen unseren Alltag, und ohne die Arbeit von Übersetzern würde unser Alltag ganz anders aussehen. Nicht zuletzt wäre das Zusammenwachsen Europas, grenzüberschreitender kultureller Austausch, kulturelle Bereicherung usw. kaum möglich.

Die meisten übersetzten Texte sind ja Fach- oder Gebrauchstexte und nicht Filmskripte oder Literatur, aber dennoch ist auch in diesen Bereichen die Übersetzung nicht aus unserem Leben wegzudenken. Man stelle sich das Fernsehprogramm oder die durchschnittliche Bestückung einer Buchhandlung vor, gäbe es keine Übersetzung.

Wie hat sich das Berufsbild des Übersetzers in den vergangenen Jahren geändert? Gibt es Trends?

Durch die technischen Möglichkeiten hat sich das Übersetzen selbst stark verändert, beispielsweise sind die technischen Hilfsmittel, die Arbeitswerkzeuge völlig anders. Es gibt sogar Software, die einem beim Übersetzen die Sache erleichtert, aber insbesondere ist natürlich der Zugriff auf Informationen extrem erleichtert: Recherche ist heute sehr viel einfacher.

Früher haben im Übersetzungsberuf Tätige alles gesammelt, was ihnen beispielweise für die Suche nach den richtigen Ausdrücken, den richtigen Fachwörtern vielleicht mal hilfreich sein könnte, weil viele Dinge nicht in Wörterbüchern oder Enzyklopädien verzeichnet waren. Heute reichen häufig ein paar Klicks, und man hat mehr Information, als man benötigt.

Erst neulich habe ich mit Studierenden genau über diese Veränderungen der Arbeitsbedingungen gesprochen, als sie herausfinden mussten, wie man auf Deutsch die Vorrichtungen nennt, mit denen man die in Argentinien typischen Grillroste mit einem Fettablauf in der Höhe verstellt. Es ging um eine technische Beschreibung für einen Katalog eines Spezialgeschäfts für Grillausrüstung, die einen Spezialgrill aus Argentinien importieren wollen. Die Studierenden dachten erst, es sei ein Schwenkgrill gemeint, aber im Internet konnten sie dann relativ schnell ermitteln, dass es eine ganz andere Konstruktion ist und man im Deutschen einen anderen Ausdruck benutzen muss.
Früher hätte man für eine solche Recherche kaum gewusst, wo man mit der Suche anfangen soll. In den Bibliotheken beispielsweise findet sich keine Literatur zum Thema „Grillvorrichtungen aus Lateinamerika“.

In welche Sprachen werden deutsche Texte am häufigsten übersetzt?

Mit Abstand ins Englische.

Können Übersetzer auch dolmetschen oder ist das strikt getrennt?

Es sind zwei unterschiedliche Berufsbilder, zwei unterschiedliche Ausbildungen. An vielen Einrichtungen werden die beiden zum Teil zusammen ausgebildet, es gibt in der Ausbildung hinsichtlich der Inhalte Überschneidungen, aber meist ist das Dolmetschen ein getrennter Studiengang.

Ein Oberbegriff für Übersetzen und Dolmetschen ist heute Translation, ein Ausdruck, der von der sogenannten Leipziger übersetzungswissenschaftlichen Schule auch mit durchgesetzt wurde. Darum ist im Namen des Instituts, an dem an der Universität Leipzig die Ausbildung im Bereich des Dolmetschens, Übersetzens und der Angewandten Sprachwissenschaft erfolgt, auch die Translatologie enthalten: Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie.

Es gibt natürlich Leute, die beides gelernt haben, und viele Absolventen einer Dolmetschausbildung haben vorher Übersetzung studiert.

Welche Sprachen sind am IALT bei den Studierenden besonders gefragt?

Wir bieten als erste oder zweite Fremdsprache Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch an, weitere Sprachen, die am IALT selbst gewählt werden können, sind Katalanisch, Galicisch und Baskisch, für die wir von verschiedenen Einrichtungen aus den Regionen, in denen diese Sprachen gesprochen werden, Lehrkräfte gestellt bekommen.

Zudem kann man, dank Kooperationen mit anderen Instituten der Universität Leipzig, noch weitere Sprachen im Rahmen der Übersetzungsausbildung studieren, beispielsweise Tschechisch. Dafür bieten wir zusammen mit dem Institut für Slavistik und der Karls-Universität Prag auch einen binationalen Bachelor-Studiengang an.

Sehr gefragt sind natürlich die international bedeutenden Sprachen, also an erster Stelle das Englische, weiterhin Französisch und Spanisch.

Im Bereich des Russischen waren die Studierendenzahlen lange rückläufig, weil nach der Wiedervereinigung an vielen Schulen Russisch nicht mehr als Fremdsprache angeboten wurde und es kein so großes Interesse an dieser Sprache mehr gab. Inzwischen aber kehrt sich gerade in Ostdeutschland der Trend wieder um. Leider ist am IALT aufgrund der Kürzungen im Hochschulbereich und der Entscheidungen der politisch Verantwortlichen die Ausbildung im Bereich des Russischen seit gut drei Jahren stark gefährdet.

Daran sieht man auch, dass bei vielen kein Bewusstsein für die Relevanz des Übersetzens und natürlich auch des Dolmetschens vorhanden ist. Genau aus solchen Gründen ist der internationale Tag des Übersetzens so wichtig.

Weiterführender Link

[Text: Uni Leipzig. Quelle: Pressemitteilung Uni Leipzig, 2016-09-27. Bild: Constanze Jastram für IALT.]

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