Großveranstaltungen für Übersetzer: Rückblick auf die letzten 25 Jahre mit ADÜ Nord, BDÜ und tekom

FIT-Weltkongress

2014 richtete der BDÜ in Berlin den FIT-Weltkongress mit 1.600 Teilnehmern aus.

Soeben ist in San Francisco die Jahrestagung des amerikanischen Übersetzerverbandes ATA zu Ende gegangen, zu der rund 1.800 Teilnehmer angereist waren. Da stellt sich die Frage, warum es im deutschsprachigen Raum keine institutionalisierte Jahrestagung für Übersetzer und Dolmetscher gibt.

In Deutschland finden vergleichbare Großveranstaltungen des BDÜ („Übersetzen in die Zukunft“) oder ADÜ Nord (ADÜ-Nord-Tage) bislang nur unregelmäßig und im Abstand mehrerer Jahre statt.

Hinsichtlich der Anzahl der Teilnehmer brauchen sich einige der deutschen Tagungen jedoch nicht hinter den amerikanischen Konferenzen zu verstecken. Die für Fachübersetzer ebenfalls interessanten Jahrestagungen der tekom sind sogar mehr als doppelt so groß wie die Jahreskonferenzen der ATA.

FIT-Weltkongress

Von unschätzbarem Wert sind die persönlichen Gespräche zwischen den Einzelveranstaltungen.

Rückblick: die größten Übersetzerveranstaltungen der letzten 25 Jahre in Deutschland

  • 1993: BDÜ-Kongress in Bonn
    In der Bonner Beethovenhalle findet der dreitägige BDÜ-Kongress „Das berufliche Umfeld des Dolmetschers und Übersetzers – Aus der Praxis für die Praxis“ statt. Laut Teilnehmerliste waren 593 Sprachmittler anwesend. Es herrschte einhellige Begeisterung, Rufe nach einer Wiederholung wurden laut.

Doch die Jahre danach waren von lähmenden verbandsinternen Querelen gekennzeichnet, die mit dem Austritt von drei Landesverbänden (Hamburg/Schleswig-Holstein, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen) aus dem Bundesverband endeten.

Erst 9 Jahre später geht der kleine ADÜ Nord das Wagnis ein, eine weitere Großveranstaltung zu organisieren. Beim BDÜ dauert es gar 16 Jahre, bis eine mit der Bonner Veranstaltung vergleichbare Kongressmesse auf die Beine gestellt wird.

  • 2002: 1. ADÜ-Nord-Tage in Lüneburg
    Der ehemalige BDÜ-Landesverband Hamburg/Schleswig-Holstein begrüßt in Lüneburg 170 Teilnehmer zu den 1. ADÜ-Nord-Tagen.
  • 2005: 2. ADÜ-Nord-Tage in Lübeck
    Rund 160 Übersetzer folgen dem Ruf an die Ostsee, um sich fortzubilden und Kontakte zu knüpfen.
  • 2007: 3. ADÜ-Nord-Tage in Hamburg
    „Aller guten Dinge sind drei“, denken sich die Nordlichter und organisieren noch einmal eine mehrtägige Kongressmesse, diesmal mit 140 Teilnehmern.
  • 2009: 1. internationale Fachkonferenz „Übersetzen in die Zukunft“ in Berlin
    Mehr als eineinhalb Jahrzehnte hat der BDÜ von Großveranstaltungen die Finger gelassen, doch jetzt dreht er richtig auf: 1.600 Teilnehmer kommen zur 1. internationalen Fachkonferenz „Übersetzen in die Zukunft“ nach Berlin.
  • 2011: 4. ADÜ-Nord-Tage in Hamburg
    Nach vier Jahren Pause treffen sich in Hamburg 165 Sprachmittler zu den 4. ADÜ-Nord-Tagen.
  • 2012: 2. internationale Fachkonferenz „Übersetzen in die Zukunft“ in Berlin
    Beflügelt vom Erfolg der ersten Veranstaltung organisiert der BDÜ erneut in der deutschen Hauptstadt eine Neuauflage der internationalen Fachkonferenz. Den 1.350 Teilnehmern werden rund 150 Fachvorträge, Podiumsdiskussionen, Seminare, Workshops, eine Stellenbörse sowie eine Fachmesse geboten.
  • 2014: FIT-Weltkongress in Berlin
    Der BDÜ ist Gastgeber des FIT-Weltkongresses und gestaltet diesen als groß angelegte Kongressmesse, zu der mehr als 1.600 Teilnehmer aus dem In- und Ausland anreisen.

Die tekom zeigt, wie es geht: zwei Großveranstaltungen pro Jahr – seit Jahrzehnten

Die tekom hat etwa so viele Mitglieder wie die deutschen Übersetzerverbände zusammengenommen. Die alljährlich im Herbst stattfindenden Jahrestagungen in Stuttgart (früher Wiesbaden) sind seit Jahrzehnten Routine. Sie werden von rund 4.000 Tagungsteilnehmern und Messegästen besucht. Das Programm umfasst etwa 230 Vorträge, Workshops und Tutorials, gleichzeitig findet eine internationale Messe mit rund 170 Ausstellern statt – darunter Dutzende von Übersetzungsbüros.

Zusätzlich organisiert der Verband der technischen Redakteure, Übersetzer und Illustratoren in jedem Frühjahr eine kleinere Konferenz an wechselnden Standorten.

Höhere Teilnahmegebühren

Allerdings sind die Teilnahmegebühren sehr viel höher als bei den Übersetzerverbänden. Dies liegt an der völlig unterschiedlichen Teilnehmerstruktur. Die tekom-Mitglieder sind zu gut drei Vierteln angestellt – die Tagungsgebühren plus Spesen übernimmt in der Regel der jeweilige Arbeitgeber. So kommt es, dass die tekom mit jeder Tagung satte Gewinne einfährt, die wiederum der Verbandsarbeit zugute kommen.

Bei den Übersetzern ist es genau umgekehrt: drei Viertel sind freiberuflich als Einzelübersetzer tätig. Die Tagungskosten müssen aus eigener Tasche bezahlt werden. Dies führt zu einer sehr viel höheren Preissensibilität bei Übersetzern und Dolmetschern.

Sowohl die organisierenden Übersetzerverbände als auch die einzelnen Teilnehmer müssen genau kalkulieren, ob sie sich eine Großveranstaltung überhaupt leisten können.

Effizientere Verbandsstruktur

Hinzu kommt die effizientere Struktur der tekom. Sie ist ein Zentralverband mit einem einzigen Vorstand und vergleichsweise vielen hauptberuflichen Mitarbeitern. Der BDÜ hat hingegen 14 Vorstände, weil er aus einem Bundesverband, 13 Landesverbänden und dem Konferenzdolmetscherverband VKD besteht.

Aus diesen Gründen scheint es nicht möglich zu sein, in der Übersetzungsbranche eine feste Jahrestagung zu etablieren.

Wie geht es weiter?

2017 ist der ADÜ Nord wieder an der Reihe. Für den Mai sind die 5. ADÜ-Nord-Tage geplant.

Im BDÜ überlegt man offenbar, 2018 oder 2019 wieder das ganz große Rad zu drehen. Mitgliederbefragungen haben ergeben, dass die Mehrheit bei internationalen Großveranstaltungen einen zwei- bis dreijährigen Rhythmus bevorzugt und für ausreichend hält.

FIT-Weltkongress

Berlin 2014: Abendlicher Ausklang des FIT-Weltkongresses unter freiem Himmel.

[Text: Richard Schneider. Bild: Thorsten Weddig für den BDÜ.]

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