Finanzinvestor H.I.G. Capital übernimmt weltweit größten Sprachdienstleister Lionbridge

Lionbridge-LogoDer weltweit größte Sprachdienstleister Lionbridge Technologies Inc. hat am 12.12.2016 mitgeteilt, dass der Finanzinvestor H.I.G. Capital LLC das Unternehmen für 360 Millionen US-Dollar übernehmen wird. Lionbridge wird dann 17 Jahre nach dem Börsengang keine Aktiengesellschaft mehr sein.

Rory Cowan

Rory Cowan

Rory Cowan, Gründer, Chairman und CEO von Lionbridge, freut sich über den Vertragsabschluss und erklärt: „Nach Ansicht des Verwaltungsrats ist die Transaktion im besten Interesse unserer Aktionäre. Wir sehen den enormen Unternehmenswert von Lionbridge und unsere Marktführerschaft damit bestätigt.“

Kapitalbeteiligungsgesellschaften seien ein wesentlich effizienterer Finanzpartner als die Börse, so Cowan gegenüber dem Boston Business Journal. Durch den Abschied vom Parkett spare man viel Geld, das man bisher für die Berichts- und Veröffentlichungspflichten habe aufwenden müssen. Künftig müsse man nicht mehr in Quartalen denken und könne sich auf langfristigere Investitionen konzentrieren.

Lionbridge will mit dem neuen Geldgeber auch die eigene Strategie forcieren, andere Sprachdienstleister zu übernehmen. Bisher hat man lediglich einen Konkurrenten pro Jahr geschluckt. Der Konzentrationsprozess in der Branche wird sich laut Cowan fortsetzen.

Gemäß der Vereinbarung sollen die Aktionäre von Lionbridge 5,75 US-Dollar pro Aktie erhalten. Der Preis liegt laut Pressemitteilung 17 % über dem aktuellen 60-tägigen Durchschnittspreis der Aktie (Stand 09.12.2016).

Matt Lozow, einer der Managing Directors bei H.I.G., sieht bei Lionbridge ein „enormes Potenzial für weiteres Wachstum“. Lionbridge sei ein starkes Unternehmen mit einem innovativen Geschäftsmodell und erstklassigen Mitarbeitern.

Die Mitglieder des Lionbridge-Verwaltungsrats haben der Übernahme einmütig zugestimmt und empfehlen den Aktionären, das Angebot anzunehmen. In den 45 Tagen nach Bekanntgabe der Übernahmeabsicht haben andere Kaufinteressenten noch die Gelegenheit, Gegenangebote abzugeben. Es wird aber nicht erwartet, dass bessere Angebote eingehen.

HIG-Capital-LogoDie Übernahme durch H.I.G. soll im ersten Quartal 2017 auf einer Aktionärsversammlung von Lionbridge abgesegnet und direkt im Anschluss vollzogen werden.

H.I.G. will den Kauf von Lionbridge teils mit Eigen- und teils mit Fremdkapital finanzieren.

Über H.I.G. Capital

H.I.G. Capital wurde 1993 gegründet und gehört zu den großen internationalen Kapitalbeteiligungsgesellschaften. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Miami (USA) verwaltet rund 21 Mrd. US-Dollar und unterhält zurzeit Beteiligungen an rund 100 Unternehmen in den USA, Europa und Lateinamerika. Diese erwirtschaften zusammen einen Umsatz von 30 Milliarden US-Dollar.

Über Lionbridge

Der Hauptsitz von Lionbridge befindet sich in Waltham im US-Bundesstaat Massachusetts. Das Unternehmen beschäftigt rund 4.500 angestellte Mitarbeiter und unterhält Niederlassungen in 26 Ländern. Der Umsatz belief sich 2015 auf 560 Millionen US-Dollar.

Im Umbruch: Übersetzungsmarkt wird von außen aufgemischt

Die zersplitterte Übersetzungsbranche gilt als unterentwickelt und erregt deshalb immer wieder das Interesse von Investoren und Glücksrittern. Die „Branche ohne Mittelstand“ besteht im Wesentlichen aus sehr wenigen sehr großen und Zehntausenden von winzig kleinen Akteuren. Die Zahl der mittelgroßen Anbieter ist im Vergleich zu anderen Branchen auffallend gering.

Grafisch dargestellt hat die Übersetzungsbranche die Form eines Kuhfladens (sehr breite Basis, sehr kleine Spitze und keine Mitte), während „normale“ Branchen die Form einer Pyramide aufweisen. Die Übersetzungsbranche befindet sich ungefähr in dem Zustand, in dem sich die Bäckereien vor dem Aufkommen von Ketten wie Kamps befanden – oder die Optiker vor Fielmann, Apollo & Co.

Im Gegensatz zu Optikern und Apotheken erwirtschaften Übersetzungsbüros aber keine unverdient hohen Margen, aus denen man „die Luft herauslassen“ und sich so Wettbewerbsvorteile verschaffen könnte. Die Gehälter der Angestellten und die Honorare der freien Mitarbeiter befinden sich bereits auf dem geringstmöglichen Niveau – und zwar gerade bei den großen Sprachdienstleistern.

Es könnte also durchaus sein, dass die oft auch als „Heuschrecken“ bezeichneten Kapitalbeteilungsgesellschaften wieder von der Übersetzungsbranche ablassen, wenn sie sehen, dass es dort kaum etwas „zu fressen“ gibt.

Da in der Branche selbst weder Kapital noch Unternehmergeist vorhanden sind, wird sie nun aber erst einmal von außen aufgemischt. Andere international tätige Sprachdienstleister wurden – wie jetzt Lionbridge – in den vergangenen Jahren bereits von Finanzinvestoren „entdeckt“:

  • Welocalize (134 Mio. USD Umsatz 2014, 600 Angestellte): Riverside Partners beteiligt sich 2010 mit 34 Mio. USD; Norwest Equity Partners beteiligt sich 2015 in unbekannter Höhe.)
  • Moravia (Tschechien, 100 Mio. USD Umsatz): Clarion Capital Partners übernimmt 2015 die Mehrheit der Anteile.
  • Semantix (300 Angestellte in Schweden, Finnland, Norwegen): Vollständige Übernahme durch Finanzinvestor Segulah V im Jahr 2015.
  • AAC Global (Finnland, 15 Mio. Euro Umsatz 2015): Übernahme durch Korona Invest Anfang 2016.
  • Wieners+Wieners (Deutschland, 60 Angestellte): Der von der unabhängigen deutschen Beteiligungsgesellschaft ECM Equity Capital Management GmbH verwaltete Fonds „German Equity Partners IV“ (GEP IV) übernimmt Mitte 2016 die Mehrheit der Anteile.

Auch der schon seit vielen Jahren zu beobachtende Trend zu Fusionen und Übernahmen innerhalb der Branche dürfte sich weiter fortsetzen (siehe Beispiele in den Links).

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Weiterführende Links

[Text: Richard Schneider. Quelle: Pressemitteilung Lionbridge, 2016-12-12; Boston Business Journal, 2016-12-14. Bild: Lionbridge, H.I.G., Richard Schneider.]

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