Dolmetscher als Statussymbol? Anne Will stellt Sprachmittler für perfekt Deutsch sprechenden türkischen Minister

Altmaier, Will, Kılıç

Sprachgenies unter sich: Peter Altmaier (Englisch, Französisch, Niederländisch), Moderatorin Anne Will und Akif Çağatay Kılıç (Deutsch, Englisch).

Der türkische Minister für Sport und Jugend, Akif Çağatay Kılıç, war am 12.03.2017 Gast in der sonntäglichen Gesprächsrunde von Anne Will, die stets live ausgestrahlt wird. Die Lieblingsjournalistin der Kanzlerin hatte an diesem Abend ihn und Kanzleramtsminister Peter Altmaier ins Staatsfernsehen geladen, um über das Thema „Welcher Weg führt aus der Krise mit der Türkei?“ zu diskutieren.

Kılıç lieferte seine erste Erklärung auf Türkisch ab, was von Oliver Kontny professionell simultan ins Deutsche übertragen wurde – im ruhigen, sonoren Jürgen-Stähle-Stil.

Auf die zweite Frage antwortete der Minister aber spontan auf Deutsch, und zwar fließend und perfekt, was das Studiopublikum gleichermaßen überraschte wie amüsierte. Im weiteren Verlauf der Sendung wechselte er noch mehrmals zwischen den Sprachen hin und her.

Die Erklärung für die Deutschkenntnisse des türkischen Ministers: Arztsohn Akif Çağatay Kılıç wurde in Siegen geboren und ist bis zum 10. Lebensjahr in Deutschland aufgewachsen. Anschließend besuchte er die Deutsche Schule und ein türkisches Gymnasium in Istanbul. In Großbritannien studierte er Politik und Europäische Studien. Wer ein bisschen im Internet recherchiert, erfährt, dass Kılıç sogar gelegentlich selbst für Präsident Erdoğan dolmetscht.

Warum wurden dann überhaupt Konferenzdolmetscher auf Kosten der Gebührenzahler bestellt? Weil ein ausländischer Minister Anspruch darauf hat und es seinem Status entspricht?

Laut Focus online war vereinbart, dass Kılıç ausschließlich Türkisch sprechen sollte. Deshalb habe die Redaktion von „Anne Will“ auch zwei Simultan-Dolmetscher engagiert. ARD-Sprecher Ralf Pleßmann erklärte hierzu: „Herr Kilic entschied sich dann während der Sendung spontan dazu, das Gespräch teilweise in deutscher Sprache zu führen.“

Die Welt vermutet, dass der Minister sich im deutschen Fernsehen bewusst auf Türkisch an die in Deutschland lebenden, aber nicht oder nur schlecht Deutsch sprechenden Türken und Türkinnen wenden wollte. „Das Wechseln der Sprachen war eine leicht durchschaubare Methode“, schreibt die Zeitung. „Schelte an deutschen Medien kam auf Deutsch, das Verteidigen von Erdoğan-Politik auf Türkisch. Offensichtlich machte Kilic dies mit Blick auf die vielen in Deutschland lebenden Türken und auf das Verfassungsreferendum – eine ziemlich dreiste Wahlwerbung betrieb der 40 Jahre alte Politiker.“

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) konterte die erste, für alle überraschend kommende deutschsprachige Einlassung von Kılıç übrigens schlagfertig mit einer Stellungnahme in fließendem Niederländisch. Darin nahm der das Nachbarland gegen die Vorwürfe der Türkei in Schutz, die niederländische Regierung sei faschistisch und wende Nazi-Methoden an, um türkische Politiker daran zu hindern, sich in den Niederlanden an die dort lebenden Türken zu wenden. Die Welt über den früheren EU-Beamten Altmaier: „Das war elegant und hatte Format.“

„24 Stunden Herzrasen, blisterweise B 12“ – Türkisch-Dolmetscher Oliver Kontny über seinen Einsatz bei Anne Will

Der in der türkischen Großstadt Berlin-Kreuzberg lebende Dolmetscher und Übersetzer Oliver Kontny schildert in einem Beitrag mit der Überschrift „Herzrasen, Körperhaar, Syntax!“ für die Berliner Tageszeitung taz seine Empfindungen bei diesem Einsatz.

Vor der Sendung sei ihm mitgeteilt worden, dass der Minister zwar keine Verdolmetschung ins Türkische wünsche, da er selbst als Dolmetscher Erdoğans tätig sei, aber er werde in der Sendung „aus protokollarischen Gründen“ (ausschließlich) Türkisch sprechen.

Kontny beschreibt, wie Moderatorin Anne Will in der Hektik des Augenblicks den Namen des Ministers falsch „Kıl“ ausspricht, obwohl er es mit ihr vor der Sendung mehrfach geübt hatte und sie es auch begriffen zu haben schien. Kontny: „Kılıç heißt Schwert. Kıl heißt eher so Körperhaar. Und kıl adam ist ein unangenehmer Typ.“

Oliver Kontny, Jahrgang 1974, hat Philosophie, Geschichte, Turkologie und Iranistik studiert. Er arbeitete für Anwaltskanzleien in Istanbul und London, übersetzte Krimis und ein Werk des PKK-Führers Abdullah Öcalan ins Deutsche. In Kreuzberg war er für den Filmemacher Fatih Akin und als Dramaturg an einem Theater tätig.

„Jetzt aber bin ich live, der rote Knopf leuchtet“, so Kontny in der taz. „Zu nah am Mikro. Mindestens mein erster Halbsatz klingt arg nach Schlafzimmer. Etwas weiter weg? Die Tonregie dreht auf, da hört man auch die Pressatmung.“

Kontny fällt auf, dass Minister Kılıç ihn kontrolliert: „Nach jedem Satzbaustein macht er eine Kunstpause und horcht dem Verdolmetschten nach. Nickt sanft ab, was ich gesagt habe […]. Einmal korrigiert er mich im laufenden Satz. Fügt ein Adjektiv ein. Kontrolle ist sehr gut. Besser: atmen.“

Sein Fazit: „Der Auftritt des Sportministers Akif Kılıç bei Anne Will war insofern für mich nur eine weitere Krise, die sich gut in dem CV macht.“

Weiterführende Links

[Text: Richard Schneider. Quelle: Merkur, 2017-03-13; Welt, 2017-03-13; taz, 2017-03-14; Tagesspiegel, 2013-10-07. Bild: Das Erste.]

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