Chomsky-Dämmerung? Gebrauchsbasierte Linguistik verwirft Theorie der Universalgrammatik

Die populärwissenschaftliche Monatszeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ hat die Ausgabe 3/2017 dem folgenden Thema gewidmet: „Wie Sprache entsteht – Linguisten stürzen Noam Chomskys Universalgrammatik“.

Unter der Überschrift „Ein neues Bild der Sprache“ tragen der Sprachwissenschaftler Paul Ibbotson von der Open University im englischen Milton Keynes und der Verhaltensforscher Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig die neuesten Forschungsergebnisse zusammen.

Das Thema wird auf der Website des Magazins wie folgt angerissen:

Verbirgt sich im menschlichen Gehirn tatsächlich eine vorprogrammierte mentale Schablone zum Erlernen von Grammatik? Mit dieser Idee prägte der amerikanische Linguist Noam Chomsky vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge fast ein halbes Jahrhundert lang die gesamte Sprachwissenschaft.

 

Nun aber verwerfen viele Kognitionswissenschaftler und Linguisten Chomskys Theorie der Universalgrammatik, denn neue Untersuchungen der verschiedensten Sprachen sowie der Art und Weise, wie Kleinkinder in Gemeinschaft kommunizieren, schüren starke Zweifel an Chomskys Behauptungen.

 

Vielmehr setzt sich eine radikal neue Sichtweise durch, der zufolge das Erlernen der Muttersprache kein angeborenes Grammatikmodul voraussetzt. Offenbar nutzen Kleinkinder mehrere verschiedene Denkweisen, die gar nicht sprachspezifisch sein müssen – etwa die Fähigkeit, die Welt in Kategorien (wie Mensch oder Sache) einzuteilen oder Beziehungen zwischen Dingen zu begreifen.

 

Hinzu kommt die einzigartige Gabe, intuitiv zu erfassen, was uns andere mitteilen möchten; erst so kann Sprache entstehen. Somit reicht Chomskys Theorie längst nicht aus, um den menschlichen Spracherwerb zu erklären.

 

Diese Schlussfolgerung wirkt sich nicht bloß auf die Linguistik aus, sondern auf ganz unterschiedliche Bereiche, in denen Sprache eine zentrale Rolle spielt, von der Poesie bis zur künstlichen Intelligenz.

 

Da außerdem Menschen Sprache auf eine Weise gebrauchen, wie es kein Tier vermag, dürften wir auch die menschliche Natur ein wenig besser begreifen, wenn wir das Wesen der Sprache verstehen.

Chefredakteur Carsten Könneker schreibt in seinem Vorwort zum einzigen Popstar der Sprachwissenschaft:
Spektrum der Wissenschaft 3/2017

Chomsky, der engagierte Sprachforscher vom Massachusetts Institute of Technology, ist fraglos einer der bekanntesten lebenden Wissenschaftler. Seine nimmermüde Kritik an der amerikanischen Politik und der Globalisierung macht ihn zu einem Publikumsmagneten, aber auch als Wissenschaftler ist er eine Instanz. […]

 

Im vergangenen Jahr hielt Noam Chomsky einen Vortrag in Heidelberg. Das Deutsch-Amerikanische Institut hatte für den berühmten Linguisten den größten Saal vor Ort, die Stadthalle, gebucht. Doch auch deren mehr als 1000 Sitzplätze waren in Rekordschnelle vergriffen; viele Interessenten kamen nicht mehr zum Zug. […]

 

Im Kern besagt seine Theorie, dass jeder Mensch schon mit der Fähigkeit geboren wird, unendlich viele grammatisch korrekte Sätze zu bilden, obwohl er selbst nur endlich viele solcher Sätze vernimmt. Ohne diese angeborene Universalgrammatik seien Kleinkinder unfähig, ihre Muttersprache zu erlernen. Und noch steiler formuliert: Die universale Grammatik bildet das biologische Fundament aller Sprachen, die je gesprochen wurden oder jemals gesprochen werden.

Weiterführender Link

[Text: Richard Schneider. Quelle: Spektrum der Wissenschaft. Bild: Spektrum der Wissenschaft.]

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