Amazon Crossing sechs Jahre nach Gründung größter Verlag für Literaturübersetzungen in den USA

Logo Amazon CrossingIm Jahr 2010 hat Amazon Publishing, ein Geschäftsbereich des Online-Versandhändlers Amazon, den auf Übersetzungen spezialisierten Verlag Amazon Crossing gegründet. Sechs Jahre später, 2016, hat Amazon Crossing pro Jahr mehr Übersetzungen belletristischer Literatur ins Englische erstellt als jeder andere Verlag in den USA.

Erfolgsfaktoren

  • Für kleinere Verlage sind Übersetzungen ein finanzielles und unternehmerisches Risiko. Amazon kann mit den Milliardengewinnen aus dem Online-Handel ganz anders agieren.
    So wurde 2015 kurzerhand ein Budget von 10 Mio. US-Dollar bereitgestellt, das innerhalb von fünf Jahren ausschließlich für Übersetzerhonorare ausgegeben werden sollte. Die Zahl der Sprachen, aus denen übersetzt wird, konnte auf diese Weise von zwei im Jahr 2010 auf fünfzehn im Jahr 2016 erhöht werden.
  • Amazon Crossing weiß durch die Daten aus dem Online-Buchhandel der Muttergesellschaft sehr genau, was gerne gelesen wird.
    Deshalb werden hauptsächlich Titel mit Bestseller-Potenzial übersetzt, also Krimis und Liebesromane. Daneben werden auch Juwelen der Weltliteratur aufgegriffen, aber nur dann, wenn die Chance besteht, dass sich diese in der englischsprachigen Welt gut verkaufen.
  • Amazon Crossing betreibt Niederlassungen in Seattle, London, Madrid, Mailand, München und Paris. Diese haben den Auftrag, interessante fremdsprachige Werke aufzuspüren – auf Buchmessen und durch Auswertung der Daten aus dem Online-Buchhandel. Aber man nimmt auch gerne Vorschläge freiberuflicher Literaturübersetzer entgegen und hat dafür eine eigene Website eingerichtet.

In sechs Jahren von unter 1 auf 10 Prozent Marktanteil bei Literaturübersetzungen

Im Jahr 2010, dem ersten Jahr seines Bestehens, hat Amazon Crossing lediglich zwei übersetzte Titel herausgegeben. Einen aus dem Deutschen und einen aus dem Französischen. Das entspricht weniger als 1 Prozent von insgesamt 340 in den USA verlegten Buchübersetzungen.

2016 sah die Situation schon ganz anders aus: Von insgesamt 607 belletristischen Übersetzungen stammten gut 10 Prozent von Amazon Crossing.

Bei Amazon Crossing ist Deutsch die wichtigste Ausgangssprache

Literaturübersetzungen ins Englische stammen meist aus dem Französischen und Spanischen. Anders bei Amazon Crossing: Hier schöpft man in erster Linie die deutsche Kultur ab.

2015 wurde die Hälfte aller bei Amazon Crossing verlegten Bücher aus dem Deutschen übersetzt, 2016 entsprach ihr Anteil einem Drittel. Das liegt nach Angaben der Programmchefin daran, dass die Vorlieben der Deutschen mit denen der Amerikaner übereinstimmen.

Nicht mehr nur Englisch – Anzahl der Zielsprachen auf fünf erhöht

Inzwischen wird auch nicht mehr nur ins Englische übersetzt. Insgesamt hat Amazon Crossing bislang mehr als 900 Bücher in fünf verschiedene Zielsprachen übersetzt. Die Autoren stammen aus 35 verschiedenen Ländern mit 21 Ausgangssprachen.

Geteiltes Echo in Übersetzungsbranche

Die Aktivitäten von Amazon Crossing haben bei Belletristik-Übersetzern und bei anderen auf Übersetzungen spezialisierten amerikanischen Verlagen ein geteiltes Echo hervorgerufen.

Während einige von fairen Honoraren und erstklassiger Betreuung berichten, beklagen andere Preisdumping und Verträge, die die Rechte der Übersetzer einschränken. Durch Probeübersetzungen würden Literaturübersetzer gegeneinander ausgespielt, heißt es. Dies diene nur dazu, den am besten geeigneten Übersetzer ausfindig zu machen, kontert Amazon Crossing.

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Weiterführender Link

[Text: Richard Schneider. Quelle: Seattle Times, 2017-04-15. Bild: Amazon Crossing; Seattle Times.]

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