„Um Gefangenen besser helfen zu können“ – Pilotprojekt Videodolmetschen in Hamburger JVA Billwerder

Bildschirm Sprachauswahl

So präsentiert sich die Sprachauswahl im System der SAVD den Vollzugsbeamten.

In der Hamburger Justizvollzugsanstalt (JVA) Billwerder und in der Untersuchungshaftanstalt (UHA) der Hansestadt wurde ein Pilotprojekt zum Videodolmetschen gestartet, „um Gefangenen besser helfen zu können“, wie es in einer Pressemitteilung der Justizbehörde heißt. Der Versuch ist auf ein Jahr angelegt und soll Mitte 2018 abgeschlossen werden.

Getestet wird das bereits vielfach erprobte und bewährte System der österreichischen SAVD GmbH, die inzwischen eine Monopolstellung im Bereich des Ferndolmetschens per Video besitzt. Deutsche Sprachdienstleister haben das Millionengeschäft schlichtweg verpennt.

Das Videodolmetschen ermöglicht im Gefängnis eine sofortige Hinzuziehung von Dolmetschern bei Verständigungsproblemen. Dies gilt unter anderem im Rahmen der Aufnahme, bei medizinischen Untersuchungen, in Krisensituationen oder bei sonstigen Sachverhalten, die eine zuverlässige und schnell zur Verfügung stehende Kommunikation zwischen Bediensteten und Gefangenen erfordern.

Justizvollzugsanstalt Billwerder

Auf Straftäter aus Afrika, Afghanistan und dem arabischen Raum wirken deutsche Gefängnisse wie die JVA Billwerder auf den ersten Blick wie Ferienlager. Ausländeranteil unter den 700 Insassen: 64 Prozent.

SAVD kann 750 Dolmetscher für 60 Sprachen aufbieten

Die SAVD hat nach eigenen Angaben rund 750 Dolmetscher unter Vertrag. Es werden mehr als 60 Sprachen abgedeckt, darunter alle europäischen Sprachen, aber zum Beispiel auch Arabisch, Farsi, Hindi und Urdu.

Kosten mit 75 Euro für die erste Stunde nicht höher als JVEG-Sätze

Für die Hamburger Justizbehörde unterteilen sich die Kosten in drei Posten:

  • Einmalige Kosten für Hardware, Einrichtung und Schulungen in Höhe von rund 4.100 Euro.
  • Jährliche Kosten für Bereitstellung des Services in Höhe von 6.300 Euro.
  • Anfallende Kosten für die eigentlichen Dolmetschsitzungen.

Die Nutzung des Videodolmetschservices kostet für die ersten 15 Minuten 35,70 Euro. Danach wird jede zusätzliche Minute mit 1,19 Euro berechnet. Das entspricht pro Stunde exakt dem JVEG-Satz fürs Simultandolmetschen von 75 Euro zzgl. MwSt.

Welchen Anteil davon die Dolmetscher als Honorar erhalten, ist offiziell nicht bekannt.

Pilotprojet auf ein Jahr befristet

Untersuchungshaftanstalt Hamburg

In der Untersuchungshaftanstalt mit dem Vollzugskrankenhaus wurde ein Arbeitsplatz mit dem Videodolmetschsystem ausgestattet. 67 Prozent der 320 Gefangenen sprechen kein Deutsch.

Die Justizbehörde testet den Service tagsüber von 7:00 bis 19:00 Uhr zunächst bis zum 30. Juni 2018 im Rahmen eines Pilotprojekts an 13 Rechnerplätzen der JVA Billwerder. Dort sind circa 700 Gefangene untergebracht. Der Ausländeranteil beträgt rund 64 Prozent.

In der Untersuchungshaftanstalt (UHA) in der Nähe der Binnenalster wurde ein einzelner Arbeitsplatz mit dem Videodolmetschsystem ausgestattet. Hier sind etwa 320 Gefangene inhaftiert. Der Ausländeranteil liegt hier bei ca. 67 Prozent. Die Einrichtung beherbergt auch das zentrale Hamburger Vollzugskrankenhaus.

Justizsenator: „Probleme und Sorgen der Gefangenen verstehen“

Justizsenator Dr. Till Steffen (Bündnis 90/Die Grünen) klingt in seiner Erklärung zum Start des Projekts wie ein Hoteldirektor, der sich bei seinen Gästen für den bislang miserablen Service entschuldigt. „In der Vergangenheit“ hätten die Gefangenen „auch mal länger auf eine Übersetzung warten“ müssen. „Mit der neuen Technik“ lasse sich nun aber innerhalb von Minuten „ein Gespräch auf Augenhöhe“ herstellen:

Sprachlosigkeit erzeugt ein Gefühl von Ohnmacht. Und Ohnmacht kann zu Resignation oder Aggression führen. Beiden Extremen wollen wir im Justizvollzug entgegenwirken und der Einsatz von Video-Dolmetschern ist eine Maßnahme dafür. Denn Verstanden zu werden ist der erste Schritt in die Resozialisierung.

 

Die Vorbereitung der Gefangenen in ein straffreies Leben nach der Haftzeit ist die Hauptaufgabe im Justizvollzug. Dazu gehört, dass man die Gefangenen versteht und weiß, welche Probleme und Sorgen sie beschäftigen. In der Vergangenheit mussten Gefangene ohne Deutschkenntnisse auch mal länger auf eine Übersetzung warten oder man musste sich mit Händen und Füßen verständigen. Jetzt können wir mit der neuen Technik innerhalb von wenigen Minuten ein Gespräch auf Augenhöhe herstellen.

 

So können wir fremdsprachige Gefangene richtig einordnen und klären, ob Vorerkrankungen bestehen, ob Verwandte benachrichtigt werden müssen und auch welche Schul- oder Berufsbildung vorhanden ist. Das bedeutet, dass wir Gefangenen innerhalb des Vollzugsplans zügig passende Angebote machen können.

 

Aber das Video-Dolmetschen hilft uns auch, Gefahrensituationen zu erkennen und zu lösen. Insbesondere beim Suizid-Screening, der Untersuchung, ob Gefangene selbstmordgefährdet sind und in Krisensituationen wird das Video-Dolmetschen ein wichtiger Begleiter werden.

Hardware von Dataport, Dolmetschsystem von SAVD

Bild und Ton werden über eine gesicherte Software per Internet an einen Videodolmetscher übertragen. Die Justizbehörde hat die Firma Dataport beauftragt, das Projekt umzusetzen. Die Firma SAVD stellt den Video-Dolmetsch-Service bereit und garantiert, dass die Nutzer innerhalb weniger Minuten nach Einwahl in das System mit einem passenden Dolmetscher verbunden werden.

Die Dolmetschsitzungen werden nicht aufgezeichnet oder gespeichert.

[Text: Justizbehörde Hamburg, ergänzt von Richard Schneider. Quelle: Pressemitteilung Justizbehörde Hamburg, 2017-06-19. Bild: JVA Billwerder, Justizbehörde Hamburg.]

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