Immer weniger Einträge in „Exotenliste“: BDÜ-Verzeichnis für seltene Sprachen vor dem Aus?

Der BDÜ hat soeben die Ausgabe 2017/2018 seines Verzeichnisses mit Übersetzern und Dolmetschern für seltener nachgefragte Sprachen veröffentlicht. Das Heft mit dem Titel „Übersetzer und Dolmetscher für seltene Sprachen“ wurde bis 2013 unter der Bezeichnung „Exotenliste“ vermarktet.

Im Vergleich zur Vorjahresausgabe ist die Publikation von 24 auf 16 Seiten geschrumpft. Die Einträge selbst nehmen nun nur noch 8 statt vorher 14 Seiten ein.

Aufgeführt werden diesmal die Kontaktdaten von rund 100 qualifizierten Sprachmittlern für Sprachen wie Afrikaans, Albanisch, Dänisch, Estnisch, Finnisch, Paschtu, Romani, Tigrinya oder Vietnamesisch. Im Vorjahr präsentierten sich noch mehr als 150 Übersetzerkolleginnen und -kollegen.

Die traditionsreiche BDÜ-Exotenliste – gut gedacht, schlecht gemacht

Eine solche Exotenliste herauszugeben und per E-Mail und Briefpost an Bedarfsträger zu verschicken, ist eigentlich eine gute Idee. Vor allem in der Vor-Internet-Zeit hatte sie ihre Berechtigung.

In der aktuellen Form, bei der Verbandsmitglieder einen Eintrag kostenpflichtig buchen müssen, funktioniert sie für die Inserenten und Auftraggeber jedoch nicht, da sie nicht einmal alle Verbandsmitglieder für seltene Sprachen enthält. Die viel zu geringe Zahl an Einträgen führt auf Auftraggeberseite zu Frustrationen, sodass diese dann lieber im Internet suchen.

Konkurrenz durch Mitgliederdatenbank und Gerichtsdolmetscherverzeichnis

Während das Verzeichnis für seltene Sprachen nur diejenigen Verbandsmitglieder auflistet, die einen Eintrag gebucht haben, enthält die BDÜ-Mitgliederdatenbank alle Mitglieder für exotische Sprachen. Es ist also sinnvoller, gleich dort zu suchen.

Eine noch größere Konkurrenz für die Exotenliste ist das Gerichtsdolmetscherverzeichnis der Landesjustizverwaltungen (www.justiz-dolmetscher.de), das verbandsübergreifend praktisch alle Übersetzer und Dolmetscher für seltene Sprachen enthält – unabhängig davon, welchem Verband diese angehören oder ob sie überhaupt organisiert sind.

Für Auftraggeber ohne Wert

Dieses Dilemma, in dem die Exotenliste steckt, hat uepo.de bereits 2016 ausführlich beleuchtet. Mit praktischen Suchbeispielen haben wir aufgezeigt, dass eine Suche in der BDÜ-Liste für Auftraggeber die schlechteste aller Möglichkeiten ist, wenn Übersetzer für „kleine“ oder „exotische“ Sprachen benötigt werden (siehe Link weiter unten).

BDÜ-Fachlisten

Die BDÜ-Fachlisten-Reihe: Der Nutzen für Inserenten und Auftraggeber ist fraglich. Für den Verband sind sie eine lukrative Einnahmequelle.

Für Übersetzer kaum sinnvoll, für den Verband aber lukrativ

Dass die Zahl der gebuchten Einträge in der Liste für seltene Sprachen innerhalb eines Jahres um 30 Prozent zurückgegangen ist, mag erschrecken. Andererseits war die Liste immer schon kurz (2005: 6 Seiten mit Einträgen, 2008: 6 Seiten, 2012: 7 Seiten).

Unserer Vermutung, dass die kleinste der BDÜ-Fachlisten bald eingestellt werden könnte, wurde von BDÜ-Präsident André Lindemann auf Twitter übrigens entschieden widersprochen: „Mit Sicherheit nicht!“

Für den Verband stellen selbst die schnell zusammengestellten Seiten der sehr kurzen „Exotenliste“ nämlich Jahr für Jahr eine lukrative Einnahmequelle dar, die etliche Tausend Euro an Einnahmen erbringt.

Dies gilt umso mehr für die wesentlich umfangreicheren Fachlisten für Medizin, Wirtschaft, Recht und Technik sowie die sehr speziellen Verzeichnisse zu den Themenfeldern „Community Interpreting“ und „Erneuerbare Energien“.

Denn wer in eine Liste aufgenommen werden möchte, wird zusätzlich zum BDÜ-Mitgliedsbeitrag noch einmal zur Kasse gebeten.

Mehr zum Thema auf uepo.de

Weiterführender Link

[Text: Richard Schneider. Quelle: BDÜ. Bild: BDÜ.]

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