„Auf Verschiedenheit der Sprachen beruht das Mangelhafte aller Übersetzungen“ – Schopenhauer zu Übersetzungen

Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer

Wie viele andere große Denker hat sich auch der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) in einigen seiner Werke zum Thema Übersetzungen und Sprache geäußert.

Privat war Schopenhauer ein griesgrämiger Eigenbrötler, eingefleischter Junggeselle und bekennender Weiberfeind. Das tut der Schärfe seiner Gedanken aber keinen Abbruch. Schopenhauer wirkte vor allem in Frankfurt am Main, wo er auch begraben liegt.

Nachfolgend einige seiner Gedankengänge:

(1) Worauf das Mangelhafte aller Übersetzungen beruht

Nicht für jedes Wort einer Sprache findet sich in jeder anderen das genaue Äquivalent, also sind nicht sämtliche Begriffe, welche durch die Worte einer Sprache bezeichnet werden, genau dieselben, welche die der anderen ausdrücken; sondern oft sind es bloß ähnliche und verwandte, jedoch durch irgend eine Modifikation verschiedene Begriffe.

 

Bisweilen fehlt in einer Sprache das Wort für einen Begriff, während es sich in den meisten anderen findet. Bisweilen auch drückt eine fremde Sprache einen Begriff mit einer Nuance aus, welche unsere eigene ihm nicht gibt.

 

Auf dieser Verschiedenheit der Sprachen beruht das notwendig Mangelhafte aller Übersetzungen. Fast nie kann man irgend eine charakteristische, prägnante, bedeutsame Periode aus einer Sprache in die andere so übertragen, dass sie genau und vollkommen dieselbe Wirkung täte.

 

Sogar in bloßer Prosa wird die allerbeste Übersetzung sich zum Original höchstens so verhalten, wie zu einem gegebenen Musikstück dessen Transposition in eine andere Tonart.

 

Daher bleibt jede Übersetzung tot und ihr Stil gezwungen, steif, unnatürlich; oder aber sie wird frei, d. b. begnügt sich mit einem à peu près, ist also falsch. Eine Bibliothek von Übersetzungen gleicht einer Gemäldegalerie von Kopien.

 

(Aus: „Parerga und Paralipomena“ [deutsch „Beiwerke und Nachträge“], 2. Auflage, Seite 601.)

(2) Unübersetzbarkeit der Gedichte

Poesie ist ihrer Natur nach unübersetzbar.
(„Parerga und Paralipomena“, 2. Auflage, Seite 425.)

 

Gedichte kann man nicht übersetzen, sondern bloß umdichten, welches allezeit misslich ist.

(„Parerga und Paralipomena“, 2. Auflage, Seite 603.)

(3) Wert der deutschen Übersetzungen der Schriftsteller des Altertums

Für griechische und lateinische Autoren sind deutsche Übersetzungen gerade so ein Surrogat, wie Zichorien für Kaffee, und zudem darf man auf ihre Richtigkeit sich durchaus nicht verlassen.

(„Parerga und Paralipomena“, 2. Auflage, Seite 522, 602.)

(4) Gegen die ihren Autor berichtigenden und bearbeitenden Übersetzungen

Zu den Männern in der Literatur, denen es mit nichts Ernst ist, als mit ihrer werten Person, die sie allein geltend machen wollen, gehören auch die Übersetzer, welche ihren Autor zugleich berichtigen und bearbeiten, welches impertinent ist. Schreibe du selbst Bücher, welche des Übersetzens wert sind und lass Anderer Werke wie sie sind.

(„Die Welt als Wille und Vorstellung“, 3. Auflage, Seite 539.)

(5) Warum die Erlernung mehrerer Sprachen ein wichtiges geistiges Bildungsmittel ist

Die Erlernung mehrerer Sprachen ist nicht allein ein mittelbares, sondern auch ein unmittelbares, tief eingreifendes geistiges Bildungsmittel. Denn nicht für jedes Wort einer Sprache findet sich in jeder anderen das genaue Äquivalent. Also sind nicht sämtliche Begriffe, welche durch die Worte der einen Sprache bezeichnet sind, genau die selben, welche die der anderen ausdrücken; sondern oft sind es ähnliche und verwandte, jedoch durch irgend eine Modifikation verschiedene Begriffe.

 

Demgemäß liegt bei Erlernung einer Sprache die Schwierigkeit vorzüglich darin, jeden Begriff, für den sie ein Wort hat, auch dann kennen zu lernen, wann die eigene Sprache kein diesem genau entsprechendes Wort besitzt, welches oft der Fall ist.

 

Daher also muss man bei Erlernung einer fremden Sprache mehrere ganz neue Sphären von Begriffen in seinem Geiste abstecken; mithin entstehen Begriffssphären, wo noch keine waren. Man erlernt also nicht bloß Worte, sondern erwirbt Begriffe.

 

Bei Erlernung jeder fremden Sprache bilden sich neue Begriffe, um neuen Zeichen Bedeutung zu geben; Begriffe treten auseinander, die sonst nur gemeinschaftlich einen weiteren, also unbestimmteren ausmachten, weil eben nur Ein Wort für sie da war; Beziehungen, die man bis dahin nicht gekannt hatte, werden entdeckt, weil die fremde Sprache den Begriff durch einen ihr eigentümlichen Tropus, oder Metapher bezeichnet; unendlich viele Nuancen, Ähnlichkeiten, Verschiedenheiten, Beziehungen der Dinge treten mittelst der neu erlernten Sprache ins Bewusstsein; man erhält also eine vielseitigere Ansicht von den Dingen.

 

Das Denken erhält also durch die Erlernung einer jeden Sprache eine neue Modifikation oder Färbung, der Polyglottismus ist demnach, neben seinem vielen mittelbaren Nutzen, auch ein direktes Bildungsmittel des Geistes.

 

(„Parerga und Paralipomena“, 2. Auflage, Seite 601-605; „Die Welte als Wille und Vorstellung“, 3. Auflage, Seite 71.)

(6) Gegen die moderne Art der Sprachbereicherung

Dass gleichen Schrittes mit der Vermehrung der Begriffe der Wortvorrat einer Sprache vermehrt werde, ist recht und sogar notwendig. Wenn hingegen Letzteres ohne Ersteres geschieht, so ist es bloß ein Zeichen der Geistesarmut, die doch etwas zu Markte bringen möchte und, da sie keine neuen Gedanken hat, mit neuen Worten kommt.

 

Diese Art der Sprachbereicherung ist jetzt sehr an der Tagesordnung und ein Zeichen der Zeit. Aber neue Worte für alte Begriffe sind wie eine neue Farbe auf ein altes Kleid gebracht.

 

(„Parerga und Paralipomena“, 2. Auflage, Seite 607.)

(7) Sprach- und Stilverhunzung der Jetztzeit

Nie soll man der Kürze des Ausdrucks die Deutlichkeit, geschweige die Grammatik zum Opfer bringen. Den Ausdruck eines Gedankens schwächen, oder gar den Sinn einer Periode verdunkeln, oder verkümmern, um einige Worte weniger hinzusetzen, ist beklagenswerter Unverstand.

 

Gerade Dies aber ist das Treiben jener falschen Kürze, die heut zu Tage im Schwange ist und darin besteht, dass man das Zweckdienliche, ja, das grammatisch, oder logisch Notwendige weglässt.

 

In Deutschland sind die schlechten Skribenten jetziger Zeit von ihr, wie von einer Manie, ergriffen und üben sie mit unglaublichem Unverstand.

 

(„Parerga und Paralipomena“, 2. Auflage, Seite 559 ff; handschriftlicher Nachlass, Seite 53 ff; „Die Welte als Wille und Vorstellung“, 3. Auflage, Seite 136 ff.)

Mehr zum Thema auf UEPO.de

Weiterführender Link

[Text: Richard Schneider. Quelle: www.schopenhauers-kosmos.de. Bild: Gemälde aus dem Jahr 1859 von Jules Lunteschütz, gemeinfrei.]

WordPress theme: Kippis 1.15