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Archiv der Kategorie Gebärdensprachdolmetscher
Lesen statt Hören: Schriftdolmetscher für Schwerhörige
9.5.2012 von Jessica Antosik.
Gehörlose, gebärdensprachorientierte Menschen, die zumeist früh ertaubt sind, benötigen die Hilfe eines Gebärdensprachdolmetschers, wohingegen lautsprachlich orientierte Hörbehinderte, die spät ertaubt oder schwerhörig sind, auf einen Schriftdolmetscher angewiesen sind.
Letztere schreiben das gesprochene Wort (Lautsprache) simultan am Laptop in Text (Schriftsprache) zum Mitlesen mit. Entweder notieren Schriftdolmetscher das gesprochene Wort wortwörtlich oder analysieren es und fassen es möglichst schnell zusammen, um dem Hörgeschädigten so zu ermöglichen, Reden oder Vorträgen durch Mitlesen zu folgen. Heutzutage wird für das Mitschreiben beim Schriftdolmetschen fast ausschließlich die Computertechnik eingesetzt, die den mitgeschriebenen Text fortlaufend auf einem Bildschirm darbietet oder auf eine Leinwand projiziert. Eine wichtige Rolle spielt hier natürlich der Echtzeitcharakter, der es den Hörgeschädigten ermöglicht, aktiv an Diskussionen teilzunehmen und eventuell Rückfragen zu stellen.
Aufgrund des demographischen Wandels wird sich die Anzahl der hochgradig schwerhörigen Menschen erhöhen. In Deutschland leben etwa 1,2 Millionen hochgradig und an Taubheit grenzende schwerhörige Menschen. Laut Statistischem Jahrbuch 2008 sind davon mindestens 300.000 Menschen als Schwerbehinderte anerkannt. Doch schon jetzt gibt es viel zu wenige ausgebildete und zertifizierte Schriftdolmetscher in Deutschland, die hörgeschädigte Menschen unterstützen, um ihre Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben sicherzustellen.
Weitere Informationen zum Schriftdolmetschen im Allgemeinen, zur Qualifizierung zum Schriftdolmetscher, zur Gesetzeslage sowie zum Berufsethos finden Sie auf der Website des Deutschen Schwerhörigenbunds (DSB), des Bundesverbands der Schriftdolmetscher Deutschlands (BSD) und des Bundesverbands der Schriftdolmetscher und Kommunikationshelfer (BdSK).
[Text: Jessica Antosik. Quelle: schwerhoerigen-netz.de.]
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Ein Experiment: Theater in Gebärdensprache
30.4.2012 von Jessica Antosik.
Hörende haben überall die Möglichkeit, ins Kino oder ins Theater zu gehen. Bei Gehörlosen gestaltet sich dies allerdings schwierig – ein spezielles Angebot für sie gibt es nämlich nur selten.
Das Münchner Volkstheater hat am 23. April 2012 ein Experiment durchgeführt: Erstmals wurde ein Stück in Gebärdensprache aufgeführt. Die staatlich geprüfte Gebärdensprachdolmetscherin Simone Hofmüller übersetzte den Kaktus von Juli Zeh vorab, um das Stück simultan zeigen zu können. Die 35-Jährige arbeitete bei der Aufführung mit einer Kollegin zusammen.
In einem Interview mit dem Münchner Merkur berichtete Simone Hofmüller, wie sie darauf kam, den Kaktus in die Gebärdensprache zu dolmetschen:
Mein Mann ist Schauspieler und kennt deshalb Christian Stückl, den Intendanten des Volkstheaters. Als Herr Stückl von der Idee hörte, das Werk auch Gehörlosen näherzubringen, reagierte er sehr offen und stimmte dem Vorschlag zu. Es dauerte dann noch zwei lange Jahre, bis die Arbeit an der Übersetzung beginnen konnte.
Daraufhin beschrieb sie, wie genau die Übersetzung abläuft:
Zuerst habe ich den Text gelesen und mir danach die Inszenierung live und auf Video mehrere Male angesehen. Dann ging es an die eigentliche Übersetzung. Man muss bedenken, dass sich die Gebärdensprache von der Lautsprache immens unterscheidet, denn die Grammatik ist anders aufgebaut. In der Gebärdensprache folgen auf ein Subjekt erst Objekt und dann Prädikat. Ich muss also alle Sätze umstellen und gerade bei längeren Passagen kann es passieren, dass ich sie komplett neu formulieren muss. Das Einzige, was dann gleich bleibt, ist der Inhalt. Für Hörende würde sich das Ergebnis solch einer Übersetzung sehr fremd anhören.
Die Frage, warum sie nicht alleine dolmetscht, beantwortete Hofmüller so:
Zum einen gibt es ja vier Rollen, die kann ich nicht alle übernehmen. Deswegen werden sie zwischen meiner Kollegin und mir aufgeteilt. Außerdem lässt die Konzentration nach etwa 20 Minuten stark nach, ein perfektes Dolmetschen ist dann fast unmöglich. Da ist es gut, auf der Bühne einen Partner zu haben, damit man wenigstens ein paar Momente durchschnaufen kann.
Auf die Frage “Aber die Gehörlosen kriegen von der Atmosphäre und den Geräuschen nichts mit, oder?” antwortete sie:
Doch, denn ich erkläre in einer Simultan-Übersetzung auch die Geräusche. Ich muss also das Stück und die Inszenierung mit all ihren Ausschmückungen im Kopf haben, das ist am Anfang ziemlich anstrengend. Das Wichtigste ist aber immer noch der Text. Sollte also zu viel aus dem Background kommen, muss ich bei der Übersetzung darauf verzichten.
Dazu, ob sie während der Vorstellung den Schauspielern nachläuft, äußerte sich die Gebärdensprachdolmetscherin wie folgt:
Normalerweise verfolge ich die jeweiligen Rollen wie einen Schatten. Diesmal funktioniert das aber nicht. Diese Bühne im Volkstheater ist so klein, dass wir am Rand stehen bleiben müssen. Das ist schade, denn die Gehörlosen müssen beim Zuschauen ständig von den Schauspielern zu den Dolmetschern wechseln, um alles mitzuerleben und zu verstehen. Manche empfinden das als unangenehm, aber man kann es leider nicht ändern.
Die Frage, ob sie abgesehen von den Platzgründen noch mit weiteren Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, beantwortete sie folgendermaßen:
Ja, und zwar mit dem Wortwitz im Kaktus. Man glaubt gar nicht, wie viele zweideutige Ausdrücke in der Lautsprache stecken. Gehörlose verstehen weder Wortwitze noch Ironie, deswegen ist es letztlich meine Aufgabe, ein passendes Äquivalent zu finden.
Das Interview können Sie in voller Länge auf der Website des Münchner Merkurs lesen.
Angesichts dessen, dass 2012 in Deutschland das “Jahr der Inklusion” ist, hat die Bundesregierung einen Nationalen Aktionsplan verabschiedet, der auch Kulturinstitutionen dazu verpflichtet, etwas gegen die Ausgrenzung Behinderter zu unternehmen. Beispielsweise hat nun auch das Schauspiel Essen vor diesem Hintergrund zum ersten Mal einen Dolmetscher engagiert, der Stücke regelmäßig in Gebärdensprache dolmetscht.
[Text: Jessica Antosik. Quelle: merkur-online.de, 19.04.2012; kulturmanagement-portal.de. Bild: Maximilian Dörrbecker (Chumwa) (Wikipedia).]
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Digitales Fernsehen: Aus für Gebärdensprache beim MDR
21.4.2012 von Jessica Antosik.
Durch die Umstellung von analogem auf digitales Fernsehen wird Ende April 2012 die Sendung “Länderzeit” und die Verdolmetschung der Regionalnachrichten in die Gebärdensprache im Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) eingestellt.
Seit 1998 wird die MDR-Nachrichtensendung “Länderzeit” als eine der wenigen in ganz Deutschland in die Gebärdensprache gedolmetscht. “Bei der ‘Länderzeit’ handelt es sich um eine eigens für den analogen Satelliten produzierte Sendung”, begründet der MDR-Fernsehdirektor Wolf-Dieter Jacobi. “Mit der Abschaltung des analogen Satellitensignals in Deutschland entfällt auch der Verbreitungsweg für die ‘Länderzeit’ und damit auch dieses Zusatzangebot.”
Mitte der 90er-Jahre setzte sich Alfons Rogge, Vorsitzender des Verbandes der katholischen Gehörlosen Deutschlands, für die Gebärdensprache beim MDR ein. “Wir Gehörlose wollen doch auch wissen, was in unserer Region passiert”, sagt er. Rogge geht davon aus, dass allein in Thüringen ca. 1.600 Gehörlose leben, die vom Aus der übersetzten “Länderzeit” betroffen wären. In den drei mitteldeutschen Bundesländern beliefe sich die Zahl auf insgesamt 6.000 bis 8.000.
Erika Beyer, Vorsitzende des Landesverbandes der Gehörlosen Thüringen, ist ebenfalls der Meinung, dass die Abschaltung der Gebärdensprach-Einblendung ein großer Verlust sei. “Stellen Sie sich vor, wie es für hörende Menschen wäre, wenn der Ton der Fernsehsendungen für immer abgeschaltet wird.” Dass eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Nachrichten in die Gebärdensprache übersetzt, ist aus der Sicht der Gehörlosen auch ein Zeichen gesellschaftlicher Anerkennung. Auch und vor allem aus diesem Grund trauern die Gehörlosen um die “Länderzeit”.
Angesichts des sensiblen Themas möchte die MDR nicht den Eindruck vermitteln, sich nicht für die Gehörlosen zu interessieren. “Der MDR will genau wie die ARD die Anzahl der barrierefreien Angebote stetig steigern”, so Wolf-Dieter Jacobi. “Wir haben den Anspruch, die Empfangsmöglichkeiten für Gehörlose sogar zu verbessern.” Daher ziele der Sender schnellstmöglich auf eine Untertitelung der Regionalmagazine “Thüringen-Journal”, “Sachsenspiegel” und “Sachsen-Anhalt heute” ab. Jetzt ist eine heftige Debatte darüber entbrannt, ob Untertitel ein adäquater Ersatz für die Gebärdensprachverdolmetschung ist.
Unter anderem Alfons Rogge und Erika Beyer fordern auch künftig Regionalnachrichten mit Gebärdensprachübersetzung anzubieten. Der Grund: “Die Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache”, erklärt die taube Katrin Koschollek, die als Gebärdensprachdozentin in Erfurt tätig ist. “Für Gehörlose ist sie die Muttersprache.” Auch wenn diese Menschen hierzulande aufgewachsen seien: Das Deutsche sei, wie Englisch oder Japanisch, für sie eine Fremdsprache. Untertitel könnten für Gehörlose niemals das leisten, was ihre eigene Sprache leiste, sagt sie.
Alfons Rogge will, wie schon in den Neunzigerjahren, für die Gebärdensprachverdolmetschung werben. “Bundespräsident Gauck hat doch gerade erst gesagt, dass sich alle Menschen in Deutschland an der Gesellschaft beteiligen sollen”, so Rogge. “Also auch die Gehörlosen.”
Die Thüringer Allgemeine hat in diesem Zusammenhang ein Interview mit Claudia Oelze geführt, die seit fast 15 Jahren die MDR-Sendung “Länderzeit” in die Gebärdensprache dolmetschte. Dabei spricht die 41-Jährige über ihren Übersetzungsalltag sowie über die mit ihrer Arbeit verbundenen Herausforderungen.
Wie sie dazu kam, als Gebärdensprachdolmetscherin für die “Länderzeit” zu arbeiten, erklärt sie so:
Ich habe 1993 angefangen, als Dolmetscherin zu arbeiten. Sehr bald habe ich dann Alfons Rogge dabei begleitet, als er sich für die Gebärdensprachübersetzung der “Länderzeit” einsetzte. Als sich 1997/1998 abzeichnete, dass es die Übersetzung geben würde, habe ich die ersten Testaufnahmen für die Sendung gemacht und damit begonnen, das Team der Dolmetscher zusammenzustellen. Seit August 1998 bin ich sieben bis acht Mal im Monat auf Sendung und übersetze die Nachrichten.
Darauhin beschreibt Claudia Oelze, wie die Übersetzung abläuft:
Von 19.00 bis 19.30 Uhr kann ich mir die Sendung ansehen. Ab 19.35 Uhr startet dann die Aufzeichnung der Gebärdensprachübersetzung. Wir machen das an einem Stück, ohne Unterbrechung. Die Länderzeit mit Gebärdensprach-Übersetzung wird dann am folgenden Morgen ausgestrahlt. Um diese Übersetzung am Stück leisten zu können, ist es wichtig, täglich Zeitung zu lesen, Radio zu hören und sich auch sonst über das Weltgeschehen auf dem Laufenden zu halten.
Die Frage, wie anspruchsvoll es ist, Nachrichten im Vergleich zu Alltagsgesprächen in die Gebärdensprache zu übersetzen, beantwortete sie so:
Die Übersetzung der Nachrichten ist schon eine anspruchsvolle Aufgabe. Für jeden Dolmetscher. Die Themen wechseln sehr schnell und sind ja sehr vielfältig. Vor allem die zwei Nachrichtenblöcke, die es immer gibt, sind wirklich eine Herausforderung. Da sind die einzelnen Nachrichten ja nur wenige Sekunden lang und dann kommt schon das nächste Thema. Außerdem sind Kulturbeiträge immer schwierig zu übersetzen. Da wird oft so viel Hintergrundwissen vorausgesetzt, dass dieses in einer Simultanübersetzung nur schwer zu vermitteln ist. Aber die Gehörlosen interessieren sich sehr für diese Kulturdinge. Sie wollen die Welt der Hörenden kennenlernen, die tatsächlich verschiedenen ist von ihrer eigenen. Das ist das Tolle daran, Nachrichten in die Gebärdensprache zu übersetzen: Ich bin wie ein Lexikon für die Gehörlosen.
[Text: Jessica Antosik. Quelle: thueringer-allgemeine.de, 08.04.2012. Bild: Mitteldeutscher Rundfunk (Wikipedia).]
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Martin Zierold: “Schmatz ich eigentlich beim Essen?”
19.2.2012 von Jessica Antosik.
Martin Zierold steckt sich eine Pommes Frites in den Mund und fragt: “Schmatz ich eigentlich beim Essen? Das müsst ihr mir sagen, ich merke es nicht.” Zierold ist Deutschlands erster Abgeordneter, der nicht hören kann. Seit dem Herbst 2011 sitzt er für die Grünen im Bezirksparlament von Berlin-Mitte. Dies ist eine große Herausforderung für ihn, seine Kollegen und die Gesellschaft. Stets und ständig wird von einem Dolmetscher begleitet, der die Worte der anderen in seine Muttersprache, die Deutsche Gebärdensprache, und umgekehrt überträgt. Zehn verschiedene Dolmetscher arbeiten für den 26-Jährigen, drei Männer und sieben Frauen. Dass ihm zumeist Frauen eine Stimme geben, stört ihn nicht und ist längst zu einem Teil von ihm geworden. Für ihn sind Dolmetscher Werkzeuge ohne Geschlecht, Dienstleister, die nicht von seiner Person ablenken sollen. Er möchte auch nicht, dass ihre Namen veröffentlicht werden. Dies würde ihn kleiner machen.
Zierold wurde im Jahre 1985 als gehörloses Kind gehörloser Eltern im Erzgebirge geboren. Von klein auf hat er also die Sprache der fliegenden Hände gelernt. “Meine Mutter hat sich sogar gefreut, dass ich auch taub bin, so bin ich in ihre Welt der Kommunikation hineingewachsen”, so Zierold. Den Begriff “gehörlos” mag er eigentlich nicht. “Das klingt so nach Defizit”. Das Wort “Taubstumm” sei aber noch schlimmer. “Ich bin taub, aber nicht stumm und bemitleidenswert schon gar nicht.” “Wir sind nicht stumm, und unsere Sprache heißt Gebärdensprache”, sagt er in einem Interview mit der taz. Er hätte selber gern Abitur gemacht, hatte jedoch nicht die Möglichkeit dazu, da es in Deutschland kaum Schulen gibt, die Taube bilingual, d. h. in Laut- und Gebärdensprache, unterrichten. Dies will er unbedingt ändern. Barrierefreie Bildung steht ganz oben auf seiner politischen Agenda. “Ich will erreichen, dass auch Taube Abitur in ihrer Sprache machen können, so wie jeder andere auch.”
Der 26-jährige Politiker hat große Pläne. Er zielt darauf ab, Berlin in den kommenden fünf Jahren Mitte zu einem Vorbild für Inklusion zu machen. Dies bedeutet also eine echte Teilhabe an der Gesellschaft von Menschen mit einer Behinderung. Er will die Gebärdensprache, das “visuelle Deutsch” wie er es nennt, und Probleme sowie Anliegen der Hörbehinderten einer größeren Öffentlichkeit bekannter machen. Im Zuge dessen soll die Live-Übertragung von Sitzungen der Bezirksverordneten im Internet mit Übersetzung in Gebärden durchgesetzt werden. “Ich will eine Nadel in diese Blase piksen, in der sich das Rathaus befindet.” Er beabsichtigt die getrennten Welten von Hörenden und Nicht-Hörenden zusammenzuführen. Nicht weniger als einen Paradigmenwechsel strebe er an, sagt er. Des Weiteren möchte er andere Behinderte dazu ermutigen, sich für ihre Rechte einzusetzen. Die Tatsache, dass sie ihre Rechte nicht im vollen Maße wahrnehmen, liegt seiner Ansicht nach unter anderem an der Bildung. “Den Meisten fehlt einfach das Selbstbewusstsein. Ihnen muss in der Schule vermittelt werden, dass sie auf ihre Situation aufmerksam machen müssen und sie verändern können, wenn sie das wollen.” Vor dem Wahlkampf im September 2011 hat er das Wahlprogramm der Grünen in die Gebärdensprache übersetzt, weil Taube Informationen besser aufnehmen können, wenn sie sie in Gebärden sehen, als wenn sie sie lesen. “Für Gehörlose ist es nicht leicht, die deutsche Schriftsprache zu lernen. Denn sie ist ganz anders aufgebaut als die Gebärdensprache. Wir brauchen zum Beispiel keine Präpositionen: Ob etwas “auf”, “unter” oder “über” ist, das zeigen wir durch die Richtung der Gebärde. Auch ich habe die Schriftsprache sehr spät gelernt, weil bei mir zu Hause nur über Gebärdensprache kommuniziert wurde”, erklärt er der taz.
Zudem sagte er in dem Gespräch Folgendes über die Gebärdensprache: “Wir benutzen eine eigene Sprache mit eigener Grammatik, und deshalb hat sich eine Taubengemeinschaft mit eigener Kultur entwickelt. Eine meiner Visionen wäre es, dass die Gebärdensprache neben Deutsch zur Amtssprache wird.” Dies ist beispielsweise in Neuseeland der Fall. Seit 2006 gehört die Neuseeländische Gebärdensprache (NZSL) neben Englisch und Māori zur offiziellen Amtssprache Neuseelands. Seit Februar 2005 ist im Schweizer Kanton Zürich verfassungsmäßig anerkannt, dass die Gebärdensprache Teil der Sprachenfreiheit ist. Das österreichische Parlament nahm im Juli 2005 die Gebärdensprache als anerkannte Minderheitensprache in die Bundesverfassung (Art. 8, Abs. 3) auf. Auf die Frage, ob es auch einen sächsischen Dialekt der Gebärdensprache gibt, antwortet Zierold: “Ja, genau wie es einen Berliner Dialekt gibt. Ich selber liebe die sächsische Gebärdensprache, weil sie sehr viel differenzierter ist. Zum Beispiel haben Tante, Onkel und Cousine im Sächsischen sehr unterschiedliche Gebärden. Hier in Berlin ist es immer die gleiche Handbewegung, nur das Mundbild ist anders.”
Als erster tauber Parlamentarier fordert er die Demokratie heraus. Denn wie kann jemand, der nicht hören kann, in der Welt des gesprochenen Wortes, der Reden und Debatten bestehen? Ohne einen Dolmetscher und weitere Helfer ist er aufgeschmissen. Die Dolmetscher sind nicht nur Sprach-, sondern auch Kulturmittler. Sie müssen wissen, welche Stimmung Martin Zierold gerade rüberbringen möchte. Teilweise findet er die Sitzungen ermüdend. Er kann es nicht nachvollziehen, warum so viel Zeit mit leeren Worthülsen verschwendet wird. Was ihm seine Dolmetscher übersetzen, kommt bei ihm oft als leere Floskel an. Er ist Teil der Politik, doch er mag ihre Rituale nicht. “Hörende formulieren oft um tausend Ecken ohne Punkt und Komma”, so Zierold. “Wir beschränken uns in den Gebärden auf das Wesentliche, wir sind dadurch viel konkreter.” Seine Dolmetscher gerieten oft an den Rand ihrer Übersetzungsfähigkeiten, wenn mehrere Abgeordnete durcheinander reden würden. Ein Kommunikationsassistent notiert ihm außerdem, was in den Reihen seiner Fraktion getuschelt wird, welche Zwischenrufe fallen. “Hörende können einer Rede folgen und gleichzeitig mitschreiben. Das geht bei mir nicht. Ich muss mich ganz auf den Dolmetscher konzentrieren. Das ist sehr anstrengend.”
Doch diese barrierefreie und gleichberechtigte Teilhabe an der Politik hat auch ihren Preis. Rund 60 Euro kostet einer seiner Dolmetscher pro Stunde. Der Grünen-Politiker geht davon aus, dass jährlich zwischen 50.000 Euro und 60.000 Euro zusätzliche Kosten zusammenkommen. In diesem Zusammenhang kann man sich natürlich die Frage stellen, wer die Kosten übernimmt. Nachfolgend ein Zitat aus einem Interview mit dem Deutschen Gehörlosen-Bund e. V. (DGB):
Um politisch tätig sein zu können, benötige ich Gebärdensprachdolmetscher. Das ist klar. Ansonsten habe ich keine Chance. Ich habe damals den Kreisverband der Grünen angefragt, ob er die Kosten für Gebärdensprachdolmetscher übernehmen könnte. Dort waren sie erst einmal etwas überrascht und unvorbereitet, als ich plötzlich mit meinem Anliegen an sie herantrat. Leider erlaubt(e) die knappe Haushaltslage nicht, die entstehenden Kosten zu übernehmen. Dieses Problem stellt sich bis heute. Auch der Landesverband kann die Kosten keineswegs vollständig tragen. Daher bin ich meiner politischen Arbeit immer auf ehrenamtlich tätige GebärdensprachdolmetscherInnen angewiesen. Ich habe einige StammdolmetscherInnen, die regelmäßig bei Sitzungen für mich dolmetschen und sich dabei abwechseln. Wenn diese nicht zum Einsatz kommen können, muss ich andere KollegInnen anfragen, ob sie bereit sind, ehrenamtlich für mich zu arbeiten und mich dadurch in meiner politischen Arbeit zu unterstützen. Das ist immer aufregend, weil ich nie weiß, ob es klappt. Teilweise ist es möglich, den Dolmetschern eine Aufwandsentschädigung zu zahlen. Aber ohne das ehrenamtliche Engagement wäre ich zur Untätigkeit verdammt. Daher bin ich sehr froh, dass es meistens klappt und ich die Sitzungen barrierefrei verfolgen und politisch wirken kann.
Wie bereits erwähnt gibt es in Deutschland weder im Deutschen Bundestag noch in den Landes- und kommunalen Parlamenten hörbehinderte Abgeordnete. Schaut man jedoch über die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland hinweg, finden sich mit Helene Jarmer, einer österreichischen Politikerin der Grünen und Abgeordneten des Nationalrats, und dem ungarischen Politiker Ádám Kósá, seit 2009 das erste gehörlose Mitglied des Europäischen Parlaments, gehörlose Vertreter, die in der Politik tätig sind.
[Text: Jessica Antosik. Quelle: morgenpost.de, 14.02.2012; stern.de, 29.01.2012; taz.de, 11.12.2011; gehoerlosen-bund.de, 28.09.2011; jetzt.sueddeutsche.de, 15.09.2011; martin-zierold.de.]
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AIIC nimmt jetzt auch Gebärdensprach-Konferenzdolmetscher auf
17.1.2012 von Richard Schneider.
Die Mitgliedschaft im Internationalen Verband der Konferenzdolmetscher (AIIC) steht in Zukunft auch Konferenzdolmetschern für Gebärdensprachen offen. Dies ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit und erfolgreicher Gespräche zwischen AIIC und dem Weltverband sowie dem Europäischen Forum für Gebärdensprachendolmetscher (WASLI und EFSLI).
Die AIIC vertritt weltweit ca. 3.000 Konferenzdolmetscher und unterhält ein eigenes Netzwerk für Gebärdensprachen. Die Verbände WASLI und EFSLI fördern die Berufsinteressen der Gebärdensprachendolmetscher. Alle drei Verbände setzen sich für die gleichen beruflichen Ziele ein, z. B. Berufsethik, Vertretung berufsständischer Interessen, Arbeitsbedingungen, Anerkennung des Berufs, Ausbildung und Weiterbildung.
Die Entscheidung zur Aufnahme von Gebärdensprachen-Konferenzdolmetschern fiel mit überwältigender Mehrheit auf der Generalversammlung der AIIC vom 12. bis 15. Januar 2012 in Buenos Aires. Damit haben Gebärdensprachen in der Welt der Konferenzdolmetscher den gleichen Stellenwert wie gesprochene Sprachen.
[Text: AIIC. Quelle: Pressemitteilung AIIC, 2012-01-17. Bild: AIIC.]
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Deutschlands einziger gehörloser Professor spricht mit leichtem Akzent Englisch
22.8.2011 von Jessica Antosik.
Etwa 250.000 Deutsche sind schwerhörig, rund 80.000 komplett taub. Einer von ihnen ist Prof. Dr. Christian Rathmann (Bild rechts). Er ist Deutschlands erster und bislang einziger gehörloser Professor für Gebärdensprachlinguistik und Gebärdensprachdolmetschen und geschäftsführender Direktor des Instituts für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser (IDGS) in Hamburg. Und spricht sogar mit einem leichten Akzent Englisch.
Einerseits wird alles, was Rathmann vorträgt, von zwei Gebärdensprachdolmetschern abwechselnd in die deutsche Lautsprache übertragen, da nicht alle Teilnehmer über ausreichende Kenntnisse der Gebärdensprache verfügen. Andererseits werden auch die Fragen bzw. Antworten der Studenten für den gehörlosen Professor verdolmetscht.
Das Thema einer seiner Vorlesung lautete “Baby Signing”. Dabei bringen hörende Eltern ihrem gehörlosen Kleinkind erste Gebärden bei. “Das ist eine regelrechte Mode geworden”, so der 40-Jährige. Hörende Kinder würden zumeist im Alter von zehn Monaten mit dem Sprechen beginnen. Bei gehörlosen Kleinkindern würden die ersten Gebärden bereits einen Monaten früher gelingen. Merkwürdig daran sei, dass das Erlernen der Deutschen Gebärdensprache (DGS) für gehörlose Kinder immer noch nicht selbstverständlich sei. “Wenn festgestellt wird, dass ein Kind eine Hörschädigung hat, dann geht es erstmal in die Audiotherapie, Logopädie oder es wird mit Hörgeräten oder Hör-Implanaten versorgt, aber die Deutsche Gebärdensprache kommt in der Erstberatung so gut wie nicht vor”, erklärt Christian Rathmann.
Nach wie vor gestalte es sich schwierig, der Gesellschaft zu zeigen, dass die Deutsche Gebärdensprache als vollwertige Sprache eine große Bereicherung für die Sprachentwicklung sowie sprachliche Vielfalt darstellt. Gehörlose stoßen stets auf viele Barrieren, sei es beim Zugang zu Bildung, Medien oder im Arbeitsleben.
Christian Rathmann wurde gehörlos geboren und besuchte in Erfurt eine Gehörlosenschule. Seine Eltern hätten ihn nicht ungewöhnlich gefördert, jedoch mit viel Liebe erzogen, sagt er. Wichtig seien auch seine Geschwister gewesen. Rathmann hat die Gebärdensprache nicht von seinen Eltern oder Lehrern gelernt, sondern von Freunden im Kindergarten. Sie lernten Lippen zu lesen und erfanden Worte, wenn ihnen eins fehlte. Wenn Rathmann sich vorstellt, wogt seine Hand am Kopf entlang wie eine Lockenfrisur. Sein Gebärdenname lautet “Haartolle”. Mit dem Titel “Deutschlands einziger gehörloser Professor” könne er sich nicht wirklich identifizieren und begründet dies wie folgt: “Es gibt inzwischen gehörlose Juristen, Betriebswirtschaftler, Psychologen und vielerlei mehr.”
Anfang der 90er-Jahre war Rathmann an der Universität Hamburg. Anschließend ging er zum Studieren und Unterrichten in die Vereinigten Staaten von Amerika. Dort entdeckte er eine neue Welt. In Amerika gibt es nämlich die einzige Gehörlosen-Universität weltweit: Die Gallaudet University, die im Jahr 1856 in der Nähe von Washington gegründet wurde. Insbesondere sein Aufenthalt in den USA habe den Grundstein für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn gelegt. Innerhalb von zehn Jahren eignete er sich dort die Amerikanische Gebärdensprache (American Sign Language, ASL) an und beherrscht sie nun nahezu perfekt. Wie gesprochenes amerikanisches Englisch ist ASL eine eigene Sprache. “Das Lustige war, dass mir die amerikanischen Gehörlosen immer gesagt haben, ‘Du hast aber auch einen deutschen Akzent’”, berichtet Rathmann. Wie die Lautsprache habe jede Gebärdensprache ihre eigene Grammatik, Intonation und Satzmelodie.
Seit April 2008 leitet Prof. Dr. Christian Rathmann das Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser. Mit rund 30 Mitarbeitern und pro Studienjahr über 30 Bachelor-Studenten sowie einigen Master-Studenten handelt es sich dabei um die größte Forschungseinrichtung für Gebärdensprachen in Deutschland und das einzige eigenständige Institut.
Das momentan größte Vorhaben ist das auf 15 Jahre angelegte DGS-Korpusprojekt. Das Ziel ist die Entstehung eines elektronischen Wörterbuchs, bei dem Wörter in der Deutschen Gebärdensprache konsultiert werden können und umgekehrt. Hierbei sollen die einzelnen Gebärden im Kontext eines natürlichen Gesprächs aufgezeichnet werden. Grundlage dafür sind ca. 600 bis 800 Stunden Videomaterial von Dialogen von 320 Informanten aus dem ganzen Land.
Rathmann ist Forscher mit Leidenschaft. “Aber was mein Leben jetzt angeht, nur weil ich nicht hören kann: Ich lebe eigentlich nicht besonders anders als eine hörende Person. Ich bin ein Augenmensch, mir fallen visuell Dinge schneller ins Auge”.
Mehr zum Thema auf uepo.de
Gehörlose Gebärdensprachdolmetscher ausgebildet
[Text: Jessica Antosik. Quelle: welt.de, 05.08.2011; Der Spiegel, Nr. 34, 22.08.2011. Bild: sign-lang.uni-hamburg.de.]
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Gebärdensprachdolmetscher an Universitäten
2.6.2011 von Jessica Antosik.
Es gibt spezielle Kindergärten und Schulen für Gehörlose. An einer Universität allerdings sind Gehörlose oftmals allein unter den Hörenden und auf Hilfe angewiesen. In Großstädten wie Köln, Hamburg, München oder Berlin ist die Dolmetschersituation am besten. Über die sog. “Eingliederungshilfe” werden den Gehörlosen die Dolmetscherkosten (zumindest in der Erstausbildung) zwar übernommen, jeder Student muss sich aber selbst um geeignete Helfer kümmern. “Und die findet man nicht wie Sand am Meer”, sagt eine Gehörlose, die trotz ihrer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit “Pädagogik der Kindheit und Familienbildung” an der FH Köln studiert. Sie muss viel organisieren und die Dolmetscher zwei bis drei Wochen im Voraus über alle Termine informieren. Häufig ändern die Dozenten jedoch die Zeiten spontan.
Selbst mit der Hilfe eines Dolmetschers ist es für den Gehörlosen nicht einfach, der Vorlesung zu folgen. Wenn beispielsweise ein grafisches Stufenmodell erklärt wird, muss der Gehörlose die Grafik auf der Folie nachvollziehen und dabei auf die Gesten seines Dolmetschers achten. Es handelt sich somit um eine doppelte Denkleistung. Der zweite anwesende Dolmetscher malt schnellstmöglich das Stufenmodell ab und zeigt es dem Studenten. Die Schwierigkeit aufseiten des Gebärdensprachdolmetschers liegt nun darin, dass bestimmte Fachbegriffe in der Gebärdensprache nicht existieren. Oder aber es gibt sie, doch der Student kennt diese wiederum nicht. In diesem Fall muss der Dolmetscher zunächst eine inhaltliche Verdolmetschung liefern und dann in den Fachbegriff einführen. Letzterer wird im Fingeralphabet buchstabiert. Auf diese Weise lernt der Gehörlose wie der Begriff in der Schriftsprache lautet. Anschließend zeigt der Dolmetscher die entsprechende Geste. Gibt es keine Gebärde für einen Begriff, können bereits existierende Gebärden zusammengesetzt oder Gebärdenzeichen erarbeitet werden. Wenn man mit einem Studenten lange zusammenarbeitet, kann man mit der Zeit den Sprachstil besser einschätzen.
Nach einer Lehrveranstaltung sollen sich die Studenten häufig in Gruppen mit Fallbeispielen befassen. Die Studenten sitzen im Kreis, der Dolmetscher mittendrin. Der Gehörlose benötigt nun nicht nur eine Verdolmetschung dessen, was gerade gesagt wird, sondern sie muss ferner mitbekommen, wer in dem Moment was gesagt hat. Dies gestaltet sich natürlich insbesondere dann schwierig, wenn alle durcheinanderreden. Möchten sich die Studenten in den Pausen über die Vorlesung austauschen, dolmetschen die Gebärdensprachdolmetscher, auch wenn sie sich eigentlich erholen müssten, denn Dolmetschen erfordert viel Konzentration.
Als Gebärdensprachdolmetscher muss man sich, wenn man bei einer Lehrveranstaltung eingesetzt wird, gut vorbereiten und in die Thematik einlesen sowie gegebenenfalls Gebärden im Vorfeld recherchieren. Ob der Dolmetscher eines gehörlosen Studenten ebenfalls die Prüfungen bestehen würde, ist jedoch nicht garantiert, da sich der Dolmetscher zwar Inselwissen aneignet, aber die Aufgaben nicht übt und, wie ein Simultan- oder Konsekutivdolmetscher, am Ende einer Rede oft nicht weiß, worum es sich eigentlich handelte.
[Text: Jessica Antosik. Quelle: FAZ vom 28./29.05.2011.]
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Gehörlose Gebärdensprachdolmetscher ausgebildet
24.4.2011 von Jessica Antosik.
Das Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser (IDGS) bietet seit einiger Zeit in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung (AWW) der Universität Hamburg ein neues und deutschlandweit einzigartiges weiterbildendes Studium zur Qualifizierung tauber Gebärdensprachdolmetscher an. Mitte April wurden die ersten 16 Absolventen verabschiedet, die mit deutscher, russischer und türkischer Gebärdensprache als Muttersprache zwischen der deutschen und einer weiteren Gebärdensprache sowie zwischen der deutschen Schriftsprache und der deutschen Gebärdensprache professionell dolmetschen.
Das weiterbildende Studium ist berufsbegleitend und modular aufgebaut. Nach Bestehen der sechs Module, wobei zwei Wochenendseminare pro Modul stattfinden, können die Teilnehmer die staatliche Prüfung zum Gebärdensprachdolmetscher in Darmstadt ablegen. Die Kosten pro Modul belaufen sich auf 300 Euro. Das Studium beinhaltet Folgendes:
- Gedächtnistraining
- Translationswissenschaft
- Ethik
- Linguistik für Gebärdensprachdolmetscher/innen
- Vom-Blatt-Übersetzen
- Simultandolmetschen
- International Sign
- Dolmetschen vom Teleprompter
Der zweite Durchgang des Studiums ist für das Sommersemester 2012 geplant.
Fast nur gehörlose Menschen sind in der Lage, zwischen zwei Gebärdensprachen zu dolmetschen. Das Programm wurde von Prof. Dr. Christian Rathmann (Bild rechts), Deutschlands einzigem gehörlosen Professor, vom Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung (AWW) herausgearbeitet. Prof. Dr. Rathmann äußerte sich hinsichtlich des Studium wie folgt: “Der neue weiterbildende Studiengang Gebärdendolmetschen bedeutet einen weiteren Schritt in Richtung Inklusion und Gleichstellung tauber Menschen im öffentlichen Leben.” Absolvent Rafael-Evitan Grombelka, der die Internationale, Litauische, Polnische und Russische Gebärdensprache beherrscht, sagt: “Ich habe sehr viel dazu gelernt, z. B. im Modul Ethik über mein Verhalten als Dolmetscher und über den Umgang mit hörenden Dolmetscherkollegen und gehörlosen Kunden.” Er wünscht sich, “dass es mehr taube Gebärdensprachdolmetscher gibt und dies auch in der Gehörlosengemeinschaft und bei den Hörenden bekannter wird.”
[Text: Jessica Antosik. Quelle: aww.uni-hamburg.de; myhandicap.de, 15.04.2011. Bilder: sign-lang.uni-hamburg.de; aww.uni-hamburg.de.]
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Hochschule Fresenius: Berufsbegleitender Master Gebärdensprachdolmetschen
19.7.2009 von Richard Schneider.

Die Hochschule Fresenius (HSF) in Idstein/Taunus (40 Minuten nordwestlich von Frankfurt) will im kommenden Wintersemester erstmals einen Master-Studiengang Gebärdensprachdolmetschen anbieten. Das berufsbegleitende Studium, das insgesamt fünf Semester dauert, führt zum Titel Master of Arts. Nach erfolgreichem Abschluss ist es darüber hinaus möglich, im Verfahren der Einzelfallprüfung die Anerkennung zum staatlich geprüften Dolmetscher zu erwerben.
Mit dem derzeit in der Akkreditierung befindlichen Programm bietet die Hochschule Fresenius das deutschlandweit erste berufsbegleitende Master-Studium für Gebärdensprachdolmetscher für Deutsche Gebärdensprache an. Dieser Studiengang ist ein nicht-konsekutives Masterprogramm, es ist also kein auf Gebärdensprache ausgerichtetes Erststudium im Vorfeld nötig. Der Studiengang hat einen linguistischen Schwerpunkt, d.h. sprachwissenschaftliche Kenntnisse im Bereich Deutsche Laut- und Deutsche Gebärdensprache werden im Laufe des Studiums erworben und vertieft.
Die Bewerbung um einen Studienplatz setzt ein abgeschlossenes Hochschulstudium auf Bachelor-Niveau im Umfang von 180 ECTS-Creditpoints voraus, darüber hinaus Kenntnisse der Deutschen Gebärdensprache (DGS) auf mindestens B2-Niveau (Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen laut Europarat), d.h. es sind bereits gute Alltagskompetenzen notwendig, da einige Lehrveranstaltungen bereits in DGS abgehalten werden. Die Eignung wird durch einen individuellen Eignungstest festgestellt. Die Lehrveranstaltungen finden an Wochenenden sowie in Blockwochen statt.
Berufschancen
Gebärdensprachdolmetscher sind tätig, um eine reibungslose Kommunikation zwischen hörenden und gehörlosen Menschen zu ermöglichen. Die Tätigkeitsfelder der künftigen Absolventinnen und Absolventen sind deshalb so vielfältig wie die Lebenssituationen: Dolmetschtätigkeiten finden statt im Bildungsbereich in Schule, Ausbildung und Studium, im Arbeitsleben bei Personalgesprächen, Einarbeitungen, Besprechungen und Betriebsversammlungen. Im Gesundheitswesen werden Dolmetscher bei Arztbesuchen, im Krankenhaus und als Begleitung in der Therapie gebraucht, aber auch in der öffentlichen oder privaten Verwaltung wie Behörden und Institutionen, in Einrichtungen der Wirtschaft oder im Sozialbereich sowie bei Gericht, Polizei oder Rechtsanwaltskonsultationen. Gebärdensprache wird ebenfalls im kirchlichen Leben genutzt, beispielsweise bei Gottesdiensten, Taufen und Eheschließungen, und zunehmend in den Medien, bei politischen oder kulturellen Veranstaltungen, im Freizeitbereich und auch im Rahmen von Konferenzen. Gebärdensprachdolmetscher arbeiten freiberuflich oder im Angestelltenverhältnis.
In Deutschland besteht ein großer Bedarf an qualifizierten Gebärdensprachdolmetschern. Auf rund 200.000 Gebärdensprachnutzer kommen nur etwa 450 Dolmetscher. Betroffenenverbände wie die Deutsche Gesellschaft der Hörgeschädigten-Selbsthilfe und Fachverbände ev. (DG) und der Deutsche Gehörlosenbund (DGB) fordern eine Mindestversorgung pro Nutzer von 4 - 5 Dolmetschstunden pro Monat, bislang werden jedoch lediglich etwa 30 bis 60 Minuten pro Monat erzielt. Der Bundesverband der Gebärdensprachdolmetscher sieht weiterhin - bei wachsenden Dolmetscheinsätzen und Anforderungen - in der qualifizierten Ausbildung die einzige Lösung, den Bedarf zu decken. Bundes- und Landesgesetze bieten Gebärdensprachnutzern eine Grundlage, die Kommunikation per Gebärdensprachdolmetscher einzufordern.
Studienverlauf und Inhalte
In den ersten beiden Semestern erwerben und erweitern die Studierenden ihre Kenntnisse in Deutscher Gebärdensprache (DGS) und Gebärdensprachlinguistik. Außerdem erwerben sie Kenntnisse zu den grundlegenden Theorien, Techniken und Strategien des Dolmetschens. Überdies stehen die linguistische Struktur der DGS und deren Verwendung im Übersetzungskontext im Vordergrund. Im zweiten Studienjahr liegt neben der Vertiefung der sprachwissenschaftlichen Kenntnisse und der Vervollkommnung der Dolmetsch-Techniken ein besonderes Augenmerk auf der Auseinandersetzung mit den gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen für gehörlose Menschen.
Eine Besonderheit der ersten beiden Studienjahre stellen die Module dar, die mit ihren Wahl-Anteilen auf Praxisfelder des Gebärdensprach-Dolmetschens vorbereiten und den Studierenden das Einüben von Techniken und Kompetenzen bei realen Aufgaben aus dem Arbeitsalltag ermöglichen. Mit der hier möglichen Auswahl von berufsspezifischen Anforderungen und Aufgaben wird eine Spezialisierung auf bestimmte Themen- und Handlungsfelder ermöglicht.
Im dritten Studienjahr/fünften Semester erfolgen die Vorbereitung und Durchführung der Master-Prüfung. Die Studierenden weisen mit der Anfertigung der Masterthese ihre wissenschaftlichen und gebärdensprach-linguistischen Kompetenzen nach. Der Studiengang schließt mit 120 ECTS und dem Abschlussgrad “Master of Arts” ab. Für das Studium werden monatliche Gebühren in Höhe von 295 Euro erhoben. Die Leitung des Studiengangs hat Frau Prof. Dr. Carla Wegener, die sich als Klinische Linguistin seit Jahren mit dem Thema Spracherwerb und Sprachstörungen befasst.
Infoabende
Der Fachbereich Gesundheit bietet Infoabende für den berufsbegleitenden Masterstudiengang Gebärdensprachdolmetschen an. Diese finden an folgenden Terminen statt:
07.08.2009 um 16 Uhr, 04.09.2009 um 19.30 Uhr, 05.09.2009 um 16.30 Uhr. Um eine vorherige verbindliche Anmeldung unter wegener@hs-fresenius.de wird gebeten.
Hochschule Fresenius
Mit über 3.000 Studierenden und Berufsfachschülern an sieben Standorten ist die Hochschule Fresenius (HSF) einer der größten und renommiertesten privaten Bildungsträger in Deutschland. Praxisnähe, innovative und zugleich auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes ausgerichtete Studien- und
Ausbildungsinhalte sowie kleine Studiengruppen sind nur einige der vielen Vorteile der Bildungsangebote der HSF. Die HSF mit ihrem Stammhaus in Idstein bei Wiesbaden kann auf eine über 160-jährige wissenschaftliche Tradition im Bildungsbereich zurückblicken.
Weitere Informationen finden sich auf der Website der Hochschule Fresenius.
[Text: Antonie Binder. Quelle: Pressemitteilung Hochschule Fresenius, 2009-07-17. Bild: Hochschule Fresenius.]
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