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Archiv der Kategorie Literaturübersetzer

Bram Stokers “Dracula” neu übersetzt

Vor 100 Jahren ist der irische Schriftsteller Bram Stoker gestorben. Stoker wurde hauptsächlich durch seinen Roman Dracula weltweit bekannt. Der Ire war bis zu seinem siebten Lebensjahr krank und konnte alleine weder stehen noch gehen. Diese traumatische Erfahrung aus seiner Kindheit spiegelt sich in seinen Werken wider. Ewiger Schlaf und die Wiederauferstehung der Toten waren von großer Bedeutung für ihn – so auch in seinem Buch Dracula.

Im Jahre 1890 traf Stoker den ungarischen Professor Arminius Vámbéry, der ihm von der Legende des rumänischen Fürsten Vlad III. Drăculea berichtete. Letzter war ein Fürst, der im 15. Jahrhundert lebte und sich durch seine besondere Ruchlosigkeit und Brutalität einen Namen machte. Von dieser Geschichte inspiriert schuf der Stoker die Figur des Vampirs Dracula. Sieben Jahre lang schrieb Stoker den Vampirroman, bis er ihn am 18. Mai 1897 veröffentlichte. Dracula ist ein moderner Mythos geworden, die Figur ist berühmter als der Autor.

Zum 100. Todestag des Dracula-Schöpfera Bram Stoker hat Andreas Nohl den Weltklassiker neu übersetzt. Vor zwei Jahren hat der 57-Jährige für eine Neuübersetzung von Mark Twains Tom Sawyers Abenteuer und Huckleberry Finns Abenteuer viele positive Kritiken geerntet. “Selbst Fans, die alle Filme kennen, wird das Buch überraschen”, sagte Nohl in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Er äußert sich wie folgt zu Bram Stoker und dem Roman Dracula:

Vom Stilistischen her kann ich aber sagen, dass das Buch teilweise nicht gut geschrieben ist. Nun habe ich als Übersetzer, der selber Schriftsteller ist, Möglichkeiten, diesen Text an diversen Stellschrauben zu verbessern. Stoker war ja ein Theatermann. Viele Szenen sind wie Theatertableaus gebaut. Handlungen lesen sich häufig wie Regieanweisungen. Das kann man erzählerisch flüssiger gestalten. Entscheidend ist auch, dass bei Stoker ganz verschiedene Figuren sprechen, deren Stimmen sich bei ihm teilweise aber nicht unterscheiden. Sie haben jedoch sehr verschiedene Charaktere. Nun kann man sich überlegen, wie man diesen Figuren eine Sprache zuordnet, die sich normal am Originaltext orientiert – da wird nicht am Text vorbei übersetzt –, ihnen aber durch stilistische Akzentuierungen eine eigene Stimme gibt. Damit wirkt der Roman lebendiger als im Original.

Das gesamte Interview mit dem Übersetzer Andreas Nohl können Sie auf der Website der Augsburger Allgemeinen lesen.

Neben der Übersetzung im Steidl Verlag ist auch im Philipp Reclam jun. Verlag eine 550-seitige Neuübersetzung von Ulrich Bossier erschienen.

Werner von Koppenfels schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) Folgendes zu den beiden Übersetzungen:

Frischblut für die Dracula-Gemeinde ist […] die Neuübertragung von Andreas Nohl im Steidl-Verlag, philologisch genau und doch sprachkräftig, bestens eingeführt und kommentiert, auch äusserlich ein schönes Buch. Die oft unlösbaren dialektalen Probleme sind elegant gemeistert, etwa, wenn ein Yorkshire-Seebär schönstes Platt spricht und nicht mehr, wie früher, berlinert. Dracula wahrt seine sprachliche Distanz, und Van Helsing hat der Übersetzer wohldosierte idiomatische Verstösse untergeschoben, statt ihn permanent radebrechen zu lassen. Hier ist die Übersetzung deutlich besser als das Original.

Die neue Version von Ulrich Bossier aus dem Reclam-Verlag, im “Ton ganz von heute” (Verlagswerbung), liest sich frisch und flüssig, ohne plumpe Anbiederung an den Zeitgeist. Sie mischt den Satzbau auf, wenn er zu kompliziert wird, setzt gern kräftigere Stilfarben als das Original, lässt aber dafür Dracula und den Professor unterschiedslos korrekt sprechen. Ein reichhaltiges Nachwort von Elmar Schenkel verortet den Roman in Geschichte und Gegenwart. Bram Stokers Untoter ist, qua Übersetzung, quicklebendig.

Auch diesen Artikel mit dem Titel “Gesicht der Ängste und Begierden. Vor hundert Jahren starb Bram Stoker, aber Dracula ist nicht umzubringen” können Sie in voller Länge online abrufen – auf der Website der NZZ.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: nzz.ch, 20.04.2012; augsburger-allgemeine.de, 19.04.2012; kleinezeitung.at, 16.04.2012. Bild: Bram Stoker, Lizenz: PD.]

9. Wolfenbütteler Gespräch im Juni

Alle Jahre wieder findet das Wolfenbütteler Gespräch statt – diesmal vom 15. bis 17. Juni 2012. Bereits zum 9. Mal treffen sich die Literaturübersetzer des Verbands deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e. V. (VdÜ) in der niedersächsischen Stadt. Die Veranstaltung wird von ver.di, der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel, dem Deutschen Übersetzerfonds e. V. und der Stadt Wolfenbüttel unterstützt.

Am Freitag, den 15. Juni 2012, werden einführend einige Vorträge gehalten. Abends findet das Lesefest in der Schünemann’schen Mühle statt, auf dem Übersetzer auf vier Bühnen ihre Texte vortragen und die Zuhörer ihnen Fragen stellen können. Am Samstag werden verschiedene Workshops angeboten. Es folgt eine kleine Übersicht über die Workshops, die vormittags stattfinden:

  • A1 Spanisch mit Dagmar Ploetz
  • A2 Übersetzer und Lektor in einem sich verändernden Markt mit Ulrike Ostermeyer
  • A3 „Punkt, Punkt, Komma, Strich“ – Satzzeichen übersetzen mit Rosemarie Tietze
  • A4 „Stimmungsmache“ – Krimis übersetzen mit Kristian Lutze
  • A5 Literaturübersetzung zu zweit mit Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren
  • A6 Nachtschichten mit Käsebrot? – Zeit- und Selbstmanagement mit Heike Wilhelmi
  • A7 „Das mögen Kinder, glaube ich.“ – Kinder- und Jugendliteratur mit Andrea Kluitmann
  • A8 Britisches Englisch – amerikanisches Englisch mit Susanne Höbel

Die nachfolgenden Workshops werden samstagnachmittags angeboten:

  • B1 Knastsprache mit Frank Giesen
  • B2 „The end is where we start from“ – Romanschlüsse mit Hans-Christian Oeser
  • B3 Literatur ist ein Spiel mit Regeln – Eine kleine Methodenlehre mit Stephan Krass
  • B4 Untertitelung – Lust und Frust eines Nischenfaches mit Anja Günther
  • B5 Nordische Sprachen. „Läget? – Wie ist die Lage?“ mit Dagmar Mißfeldt
  • B6 Gekonnt vorlesen mit Marcel Hinderer
  • B7 Der bewegte Arbeitsplatz mit Isabel Wenzler-Stöckel
  • B8 Yes! – Zum Ulysses-Übersetzen mit Dirk Schultze

Die Teilnahme an der Tagung inklusive 2 Abendessen und 1 Mittagessen für Mitglieder und Kandidaten der Bundessparte Übersetzer / VdÜ sowie von VS, ver.di, BDÜ, AdÜ-Nord, Bücherfrauen, VFLL oder der Österreichischen Übersetzergemeinschaft beträgt 60 Euro, für Nichtmitglieder 120 Euro.

Genauere Informationen zur Anmeldung, zu den Unterkünften oder zum Programm finden Sie auf der Website des VdÜ.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: literaturuebersetzer.de. Bild: VdÜ.]

“OderÜbersetzen”: Zweite Ausgabe des deutsch-polnischen Übersetzerjahrbuchs veröffentlicht

Anfang März 2012 wurde das neue Übersetzerjahrbuch OderÜbersetzen im Goethe-Institut Warschau vorgestellt. Zum einen richtet es sich an Übersetzungspraktiker und Translationswissenschaftler. Zum anderen widmet es sich an alle, die sich für das Thema Übersetzen interessieren, sowie an im deutsch-polnischen Kultur- und Literaturaustausch Involvierte.

Das Übersetzerjahrbuch beinhaltet wissenschaftliche Übersetzungsanalysen, literarische Übersetzungen und Interviews mit Übersetzern. Außerdem enthält OderÜbersetzen Beiträge sowohl in deutsche als auch in polnischer Sprache. Zweisprachig sind jedoch nur Auszüge aus den literarischen Übersetzungen.

Das Inhaltsverzeichnis der zweiten Ausgabe von OderÜbersetzen finden Sie hier.

Ins Leben gerufen wurde das Jahrbuch OderÜbersetzen 2009 am Collegium Polonicum in Słubice, wo es aus herausgegeben wird. Gefördert wird es von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung.

Auf der Website des Goethe-Instituts Polen hat man die Möglichkeit, ausgewählte Fragmente der Vorstellung der zweiten Ausgabe auf Polnisch anzuhören. Dabei stellte die Germanistin Prof. Bożena Chołuj das Jahrbuch OderÜbersetzen vor und sprach über Übersetzer. Die Verlegerin Beata Stasińska berichtete über die Situation des polnischen Buchmarktes und darüber, wie schwierig es ist, selbst bei guten Autoren einen Verkaufserfolg zu erzielen. Darüber hinaus sprach sie über den Status, die Bedeutung und die finanzielle Lage der Übersetzer sowie über Internetpublikationen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: goethe.de. Bild: goethe.de.]

Übersetzerpreis 2012 an Polin Sława Lisiecka

Für die Übertragung zahlreicher deutscher Werke des 20. Jahrhunderts ins Polnische wird die aus Polen stammende Literaturübersetzerin Sława Lisiecka (Bild rechts) mit dem diesjährigen Übersetzerpreis ausgezeichnet. Sie wird für ihr Lebenswerk geehrt, das Übersetzungen von Gottfried Benn, Joseph Roth und Christoph Ransmayr umfasst. Die Jury, der Justyna Czechowska, Esther Kinsky und Grzegorz Zygadlo angehören, begründete ihre Entscheidung damit, dass sich Lisieckas Übersetzungen durch ein untrügliches Gespür für sprachliche Nuancen und stilistische Ausdrucksmittel kennzeichnen.

Insbesondere würdigte die Jury ihre Übertragung der Werke Thomas Bernhards:

Bei der Übersetzung der autobiographischen Schriften und der Romane von Thomas Bernhard gelingt es der Übersetzerin meisterhaft, die Eigenarten des Bernhardschen Stils in der Zielsprache  wiederzugeben. Sie schafft es, im Polnischen dem Original ebenbürtige sprachliche Kunstwerke zu schaffen, die die nachhaltige Bedeutung Thomas Bernhards für die Entwicklung der Literatur voll und ganz vermitteln.

Über Sława Lisiecka
Sława Lisiecka wurde 1947 in Łódź geboren und hat dort ihr Germanistikstudium im Jahre 1970 abgeschlossen. Sie war einige Jahre als Lehrerin und Dozentin an der Universität Łódź tätig. Seit 1978, das bedeutet also seit nun 35 Jahren, übersetzt sie deutschsprachige Literatur in die polnische Sprache. In dieser Zeit hat sie rund 60 Bücher übersetzt.

1985 erhielt sie den Übersetzerpreis der Robert Bosch-Stiftung. 2007 bekam sie den österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzer. Ebenfalls im Jahr 2007 wurde ihr vom Staatspräsidenten für ihre bedeutenden Verdienste für die Unabhängigkeit Polens (1975–1989), für die kulturellen und oppositionellen Aktivitäten zugunsten demokratischer Verwandlungen und für die jetzige berufliche Tätigkeit das Offizierskreuz des Ordens Polonia Restituta verliehen. Derzeit arbeitet sie an den Übersetzungen der folgenden Bücher: Zwischenstation von Marianne Gruber, Im Wald der Metropolen von Karl-Markus Gauß und Hammerstein oder der Eigensinn von Hans Magnus Enzensberger.

Über den Haupt- und Förderpreis
Die renommierte Auszeichnung in Höhe von 25.000 Euro der Kunststiftung NRW zählt zu den höchstdotierten Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum. Sie wird in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen vergeben. In diesem Jahr steht anlässlich des Polen-Nordrhein-Westfalen-Jahres Polen im Mittelpunkt. Zudem ist dieses Jahr erstmalig ein Förderpreis in Höhe von 5.000 Euro vergeben worden. Im Unterschied zum Hauptpreis versteht die Jury den Förderpreis nicht nur als Anerkennung. Sie sieht ihn als Ermutigung, als eine materielle und moralische Unterstützung beim Übersetzen an, das sich bei den in Polen gezahlten Honoraren schwieriger gestaltet als in vielen anderen Ländern. Trägerinnen des Förderpreises sind die polnischen Übersetzerinnen Elżbieta Kalinowska und Katarzyna Leszczyńska.

Über die Förderpreisträgerinnen
Die Jury erklärte Folgendes zu den beiden Literaturübersetzerinnen:

Elżbieta Kalinowska  erschließt seit langem für polnische Leser die deutschsprachige Prosa der Gegenwart. Ihr besonderes Interesse gilt Autoren mit Migrantenhintergrund wie Sherko Fatah, Feridun Zaimoglu oder Terezia Mora. Mit diesem Schwerpunkt hat E. Kalinowska immer wieder eine besondere Kenntnis der Entwicklung der deutschen Literatursprache und ein Gespür für den Beitrag unter Beweis gestellt, den fremde Kulturen leisten.

Katarzyna Leszczyńska steht mit ihren Übersetzungen der Romane und Essays von Herta Mülller exemplarisch für den in der polnischen Literaturszene seltenen Fall der intensiven Beschäftigung mit einem bestimmten Autor oder einer Autorin. Als polnische Stimme Herta Müllers hat Katarzyna Leszczyńska einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung dieser von  Randständigkeit geprägten Literatur geleistet, die den Gebrauch von Sprache so fruchtbar hinterfragt.

Die Preisverleihung findet am 8. Mai 2012 im Europäischen Übersetzer-Kollegium im niederrheinischen Straelen statt.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: euk-straelen.de, 21.04.2012. Bild: uni-tuebingen.de.]

Kollektiv Druck-Reif: 1000 Bücher in 25 Jahren übersetzt

Seit 1987 arbeiten die 14 Übersetzer bzw. Übersetzerinnen und ein Redakteur erfolgreich zusammen. Innerhalb von 25 Jahren hat das Münchner Kollektiv Druck-Reif in Teamarbeit über 1000 Werke, darunter Sachbücher; Romane, Krimis sowie Biografien, aus dem Englischen, Französischen und Italienischen ins Deutsche übertragen.  Zu den bekanntesten Veröffentlichungen gehoren Wüstenblume von Waris Dirie und Noam Chomskys Die Verantwortlichkeit der Intellektuellen.

Gründungsmitglied Gabriele Gockel beschreibt die Anfänge ihrer Zusammenarbeit mit wenigen Worten: “Uns wurde ein Buch zum Übersetzen angeboten, Radio Days, ein Buch über den Filmdreh von Woody Allen, das uns viel Spaß machte. Unsere Arbeit begann als Experiment.” Aus dem Experiment entwickelte sich ein Konzept. “Jeder Auftrag wird im Team von zwei oder mehr Übersetzern ausgeführt, die schon gut aufeinander eingespielt sind”, so Gockel über die Arbeitsweise des Kollektivs Druck-Reif. “Das gemeinsame Arbeiten empfinden wir als kreativ und inspirierend. Das Übersetzen wird dadurch abwechslungsreicher.” Die inhaltliche Herausforderung ist sehr hoch: “Aus Text muss wieder Text werden, keine Wörter, sondern Text”, erklärt die renommierte Berliner Übersetzerin Christa Schuenke.

Die Verlage wissen die Zusammenarbeit mit dem Kollektiv Druck-Reif zu schätzen. Schließlich verbirgt sich hinter jedem guten fremsprachigen Autor ein guter Übersetzer. “Eine gute Übersetzung trifft den Ton des Originals”, sagt Dr. Susanne Eversmann vom Verlag Antje Kunstmann. “Wichtig sind gute Recherche bei Sachbüchern und in jedem Falle die Terminverlässlichkeit.”

[Text: Jessica Antosik. Quelle: live-pr.com, 10.04.2012.]

Warum sind US-Verlage so übersetzungsfaul?

Heutzutage spielen Übersetzungen im US-Buchmarkt kaum eine Rolle. Worauf dies zurückzuführen ist, erklärt Riky Stock in einem Interview mit dem buchreport. Riky Stock ist seit 2002 Leiterin des German Book Office (GBO) in New York, einem Tochterunternehmen der Frankfurter Buchmesse. Ihre Aufgabe ist es, in New York Bücher “Made in Germany” der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seit 1999 lebt die gebürtige Husumerin in den Vereinigten Staaten von Amerika und kennt die Tücken des Lizenzgeschäfts aus erster Hand. Sie war Scout für Mary Anne Thompson Associates und anschließend zwei Jahre Senior Rights Associate in der Lizenzabteilung von HarperCollins.

In dem Interview berichtet sie, wie klein die Fortschritte sind:

Klein ist in der Tat das richtige Wort, wir bewegen uns langsam voran. Die USA sind ein schwieriger Markt für Übersetzungen, nicht nur für Bücher aus Deutschland. Es gibt keine verbindlichen Statistiken, aber die berühmte 3%-Faustregel, also der Anteil der Übersetzungen an den Neuerscheinungen pro Jahr, trifft es schon recht gut. Manchmal treibt das aber auch Blüten. Die Märchen der Brüder Grimm kennt hier jeder, nur weiß kaum einer, dass sie deutschen Ursprungs sind. Cornelia Funke ist ein weiteres Beispiel. Sie lebt in Los Angeles, also muss sie Amerikanerin sein.

Darauf, ob sie abends frustriert nach Hause geht, antwortet sie:

Selten, denn natürlich sind wir in den letzten Jahren ein Stück weitergekommen, obwohl wir nur ein kleines Büro sind. Unsere Aufgabe ist es zudem nicht, den Leser direkt zu erreichen, sondern die Schaltstellen, also Lektoren, Kritiker, Scouts. Dafür haben wir uns starke Partner gesucht und machen so viel Lärm wie nur möglich. Alle deutschsprachigen Kulturorganisationen in New York machen mit, egal ob Deutsches Generalkonsulat, Goethe-Institut, Deutsches Haus at Columbia University bzw. New York University oder Austrian Cultural Forum. Unser „Festival Neue Literatur“, das kürzlich zum dritten Mal stattgefunden hat, wurde erstmals von der New Yorker Veranstaltungsbibel „Time Out“ berücksichtigt; darauf sind wir schon sehr stolz.

Warum die US-Verlage so übersetzungsfaul sind, erklärt sie sich so:

Zum einen gibt es kaum Lektoren, die Deutsch sprechen, was die Sache nicht leichter macht. Zum anderen stehen die amerikanischen Lektoren unter weit mehr Erfolgsdruck als ihre deutschen Kollegen.

Die Frage, ob es noch Hoffnungsschimmer gibt, beantwortet Stock folgendermaßen:

Immer. Gefühlt ist das Interesse vor allem der Universitätsverlage an Büchern aus Deutschland gewachsen. Lektoren sehen sich häufiger um und fragen auch bei uns nach, was es im Sachbuch so gibt. Das heißt nicht zwangsläufig, dass sie auch Rechte kaufen, aber ein Anfang ist gemacht. Gleiches gilt für gehobene Literatur und auch für Kinderbücher.

Das vollständige Interview können Sie auf der buchreport-Website abrufen. Der buchreport ist das seit 1970 erscheinende Fachmagazin der deutschsprachigen Buchbranche (Buchhandel, Verlage und deren Dienstleister).

[Text: Jessica Antosik. Quelle: buchreport.de, 04.04.2012. Bild: Archiv.]

Die deutsche Stimme von Gabriel García Márquez

Seit Mitte der Achtzigerjahre übersetzt Dagmar Ploetz die Werke des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez (Bild rechts) ins Deutsche. Dagmar Ploetz ist im Jahre 1946 in Herrsching geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Argentinien. Die Schule besuchte sie ebenfalls auf dem südamerikanischen Kontinent. Nach dem Studium der Germanistik und Romanistik in München arbeitete sie zunächst als Verlagslektorin und freie Journalistin. 1983 widmete sie sich schließlich der Übertragung von Werken aus der spanischen in die deutsche Sprache. Ploetz, Ehefrau des deutschen Schriftstellers Uwe Timm, ist eine exzellente Kennerin des Werkes von García Márquez: Sie hat insgesamt sieben Titel des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers übersetzt. Zudem hat sie Bücher von Mario Vargas Llosa, Isabel Allende, Rafael Chirbes, Julián Ayesta, Juan Marsé, Manuel Puig sowie Juan Rulfo ins Deutsche übertragen.

In einem Interview mit der dpa erläutert Dagmar Ploetz das Erfolgsgeheimnis von Gabriel García Márquez im europäischen Raum:

García Márquez wurde zu einer Zeit übersetzt, als ja gerade die Literatur für tot deklariert worden war und es so richtig lebenspralle Romane kaum gab, wo es politische Literatur gab oder auf der anderen Seite den Nouveau Roman, konkrete Poesie, also alles eher ins Abstrakte gehende Dinge. Und das war, glaube ich, ein ungeheures Erlebnis, wieder jemanden zu lesen, der so ins Volle griff und überhaupt keine Berührungsängste hatte, der glaubte, dass die Kunst des Romans alles und jedes mit einbeziehen darf und kann. Und das hat natürlich begeistert, weil da so eine Dürre davor gewesen war.

Ferner äußerte sie sich wie folgt über die Schwierigkeiten, die Garcías Werke beim Übersetzen bereiten:

Es ist ja immer so, dass der Übersetzer dazu tendiert, eine Karikatur des Werkes abzuliefern, insofern, als er die besonders auffallenden Merkmale des Werkes eher noch verstärkt. Und da muss man gerade bei García Márquez vorsichtig sein, dass das nicht zu sehr in diese exotische, magische oder sonstwie allzu farbige Ecke gedrängt wird. Die Übersetzung muss natürlich korrekt sein, aber der Übersetzer hat es ja immer in der Hand, ob er etwas prononciert oder eher auf der gleichen Ebene schweben lässt, und das scheint mir bei García Márquez wichtig zu sein.

Gabriel García Márquez wird angesichts seines hohen Alters wahrscheinlich kein Buch mehr publizieren. Auf die Frage, ob er ihr fehlen wird, antwortete Dagmar Ploetz:

Ja sicher, weil ich glaube, dass er einfach sehr breit thematisch gespannt ist und auch stilistisch. Das ist eine sehr große Klaviatur, auf der er spielen kann. Da sind zwar diese eher typischen Züge und Wendungen, die kehren in fast allen seinen Werken wieder, aber das ist nicht das, was den jeweiligen Roman ausmacht, García Márquez hat immer wieder etwas ganz Neues, Bewegendes mitteilen können.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: focus.de, 05.03.2012; literaturuebersetzer.de. Bild: Festival Internacional de Cine en Guadalajara (Wikipedia).]

Europäischer Übersetzerpreis geht an Christina Viragh

Christina Viragh“Wenn wir aufhören, uns zu übersetzen, hören wir auf, uns zu verstehen, und dann hören wir auf, miteinander zu leben”, unter diesem Motto verleihen die Stadt Offenburg und die Hubert Burda Stiftung seit 2006 den Europäischen Übersetzerpreis. In diesem Jahr wurde die ungarisch-schweizerische Übersetzerin Christina Viragh ausgezeichnet. (Das Bild zeigt sie auf der Leipziger Buchmesse 2012.) Nach Angaben der Jury im badischen Offenburg erhält die 59-Jährige den Preis für ihre ausgesprochene sprachliche sowie kulturelle Sensibilität bei ihren Übersetzungen bedeutender ungarischer Literaturwerke. Der Preis wird am 15. Mai in Offenburg verliehen.

Christina Viragh wurde am 23. Januar 1953 in Budapest geboren. 1956 musste ihre Familie Ungarn verlassen und emigrierte nach Luzern. Dort verbrachte sie die übrigen Kindheitsjahre. An der Université de Lausanne (Schweiz) absolvierte sie ihr Studium der Philosophie, des Französischen und der Deutschen Literatur. Von 1985 bis 1987 war sie an der University of Manitoba in Winnipeg (Kanada) als Teaching Assistant für Französisch tätig. Seit rund 19 Jahren lebt und arbeitet sie in Rom. In Schwyzerdütsch denkt sie, Ungarisch ist ihre Muttersprache, Italienisch ihre Alltagssprache, ihr Partner ist Italiener. Seit 1999 ist Christina Viragh korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.

Sie übersetzte Titel von Henri Alain-Fournier, Imre Kertész, Mihály Kornis, Dezső Kosztolányi, Sándor Márai, Péter Nádas und Antal Szerb. Für ihre im Februar bei Rowohlt erschienene Übersetzung von Péter Nádas Trilogie Parallelgeschichten ist sie zudem für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2012 (Bekanntgabe: 16. März 2012) nominiert.

Die 1.724 Seiten des Buches hat Christina Viragh teilweise schnell, teilweise etwas langsamer übersetzt. Fünf bis zehn Buchseiten nahm sie sich am Tag vor, fünf bis acht Stunden arbeitete sie konzentriert. Nun wird immer wieder ihre klare und poetische Übersetzung gepriesen. “Mich reizte […] die Herausforderung, etwas so Großes zu übersetzen – und etwas Zeitgenössisches”, so begründet sie, warum sie den Auftrag angenommen hat. “Es ist nicht nur eine fachliche, sondern auch eine menschliche Auseinandersetzung. Ich fühle nach, was er fühlt.” Viragh ist Übersetzerin und Schriftstellerin zugleich. Darüber hinaus verfasste sie nämlich die Romane Unstete Leute, Rufe von Jenseits des Hügels, Mutters Buch, Pilatus sowie Im April.

Förderpreis geht an Agnes Relle

Den mit 5.000 Euro dotierten Förderpreis erhält in diesem Jahr die in Stuttgart geborene Übersetzerin Agnes Relle. Der Jury zufolge hat sie sich als Expertin für die junge ungarische Literaturszene einen Namen gemacht und ein umfassendes Wissen über Ungarns gesellschafts- wie kulturpolitische Entwicklung. Sie zeichnet sich vor allem durch ihre exzellente Übersetzung von jungen ungarischen Autoren wie beispielsweise László Darvasi oder Noémi Kiss aus.

Burda würdigt Leistung der Übersetzer

Die Hubert Burda Stiftung würdigt die Arbeit der Übersetzer mit folgenden Worten:

Es ist für uns mittlerweile selbstverständlich, dass bedeutende fremdsprachige Werke der Literatur auch in deutscher Sprache vorliegen – die Verfasser der Übersetzung bleiben meist unerwähnt. Dabei leisten sie mit ihrer Arbeit einen wertvollen Beitrag zur Europäischen Einigung. Erst durch Übersetzungen werden Werke der Literatur einem breiten, internationalen Leserkreis zugänglich.

Der Europäische Übersetzerpreis

Der Europäische Übersetzerpreis wird alle zwei Jahre an herausragende Literaturübersetzer vergeben. Im Jahr 2005 wurde er von der Kulturstiftung der Stadt Offenburg und der Hubert Burda Stiftung ins Leben gerufen, wird von der Stadt Offenburg und der Hubert Burda Stiftung finanziert und seit 2006 alle zwei Jahre verliehen. Gewürdigt werden außerordentliche Leistungen auf dem Gebiet der literarischen Übersetzung aus der deutschen in eine Sprache der Europäischen Union und umgekehrt.

Der Hauptpreis ist mit 15.000 Euro dotiert. Außerdem setzt sich der Preis aus einem Förderpreis in Höhe von 5.000 Euro zusammen. Der Hauptpreisträger legt dabei den Förderpreisträger fest. Auf diese Weise haben die Übersetzer die Möglichkeit, sich verstärkt am Auswahlverfahren zu beteiligen.

Hauptpreisträger der Vorjahre waren:

  • 2006: Renate Schmidgall (Darmstadt) für ihre Übersetzungen aus dem Polnischen
  • 2008: Anne Weber (Paris) für ihre Übersetzungen ins Französische
  • 2010: Hanns Grössel (Köln) für seine Übersetzungen aus dem Dänischen, Französischen und Schwedischen

[Text: Jessica Antosik. Quelle: offenburg.de; hubert-burda-stiftung.de; wikipedia.de; taz.de, 13.03.2012; buchmarkt.de, 14.03.2012; focus.de, 14.03.2012. Bild: Leipziger Messe GmbH / Stefan Hoyer.]

Erika Tophoven über ihr Leben als Übersetzerin in Paris

Ende letzten Jahres hat Erika Tophoven ein Buch veröffentlicht, in dem sie über ihr Leben als Übersetzerin in der französischen Hauptstadt Paris berichtet: Glückliche Jahre. Übersetzerleben in Paris hat sie ihr Werk getauft. In ihrem Erinnerungsbuch erzählt sie rückblickend über die Zusammenarbeit mit Elmar Tophoven, ihrem Ehemann. Im Gespräch mit Marion Gees spricht sie von Begegnungen mit Autoren, Verlegern und Lektoren. Außerdem beinhaltet das Werk bedeutende Essays von Elmar Tophoven und ein Porträt des Ausnahmeübersetzers von Christian Linder. Bis heute steht Erika Tophoven im Schatten ihres berühmten Mannes.

Erika Tophoven ist 1931 in Dessau geboren und in Ostfriesland aufgewachsen. Sie studierte Englisch und Französisch und ließ sich nach dem Krieg in München zur Übersetzerin ausbilden. Seit 1957 ist sie als freischaffende Übersetzerin aus den beiden genannten Sprachen tätig. Zusammen mit ihrem Mann, der 1989 verstorben ist, vermittelte sie über viele Jahre hinweg zwischen den Kulturen. Das Ehepaar hat wie nur wenige mit ihrer Übersetzerarbeit zur Verbreitung französischer Schriftsteller in Deutschland beigetragen. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erzählt Erika Tophoven über die Arbeit mit ihrem Mann:

Diese Einsamkeit, die der Übersetzerberuf mit sich bringt, spürten wir weniger, da wir zu zweit waren, die Passion des Übersetzens teilten und das Übersetzen ein wichtiges Bindeglied zwischen uns bildete. Die Lösungen kamen mal von der einen, mal von der anderen Seite und entwickelten sich oft im Gespräch. Ich lernte zu erkennen, warum eine Lösung besser war als die andere. Und könnte mit Winnie in “Glückliche Tage” sagen, es waren glückliche Jahre.

Die “Tops”, wie Freunde sie nannten, zählen zu den großen Literaturübersetzern aus der französischen in die deutsche Sprache und haben so ziemlich alles übersetzt, was Rang und Namen hat: Sie übertrugen Titel von Samuel Beckett, Hélène Cixous, Agota Kristof, Nathalie Sarraute, Victor Segalen, Claude Simon, Alain Robbe-Grillet, Marguerite Duras und Georges Simenon ins Deutsche. 1978 gründeten sie das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen. Von 1956 bis 1989 lebte Erika Tophoven in Paris. “Es war ein ganz normales Übersetzerleben in großer Zurückgezogenheit und immer gebeugt über irgendeine Übersetzung. Und das Schöne daran ist, dass ich davon heute noch zehren kann, von dieser Arbeit”, so die heute 80-Jährige.

Mit dem irischen Schriftsteller Beckett, der seit 1937 in Frankreich lebte, verband “Kiki” und “Top”, wie Samuel Beckett zu den beiden Tophovens sagte, eine 35-jährige so enge Zusammenarbeit, wie sie zwischen Übersetzern und Autoren äußerst ungewöhnlich ist. Das Übersetzerpaar fühlte sich dem transparenten Übersetzen verpflichtet und diskutierte oftmals mit dem Autor über die korrekte Wortwahl. Zu Beginn beschäftigte sich Erika Tophoven mit Becketts englischen Texten, während ihr Mann sich um die französischen kümmerte. Allerdings waren die ersten Jahre nach dem Krieg nicht immer einfach für Deutsche. Die Schriftstellerin Nathalie Sarraute beispielsweise wollte die deutschen Übersetzer anfangs nicht treffen.

In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk sagt Erika Tophoven über die Anfangszeit in Paris:

Ich muss sagen, dass ich ja erstmal wirklich Schülerin war. Ich habe die ersten zehn Jahre eigentlich nur wie ein Schwamm alles aufgenommen und gelernt, gelernt, gelernt, worauf es ankam, und dann war ich so die erste Leserin, kritische Leserin, machte meine Anmerkungen, die wurden diskutiert. Dabei lernte ich schon zu argumentieren, eben dieses einfache “Es klingt ja nicht gut” eben doch etwas mehr zu präzisieren und mir klar zu werden, woran liegt es denn nun an diesem Satz, warum der nicht gut klingt. Und nach einer gewissen Zeit kam natürlich auch das Bedürfnis, mal selbstständig zu übersetzen. Und das habe ich dann so in den 70er Jahren auch weiter durchgeführt, aber immer so, dass wir beide zusammen oder parallel an den entscheidenden Texten arbeiten konnten.

Der Titel ihres Buches weist auf das Theaterstück “Glückliche Tage” von Beckett hin, der ihr Lebensthema darstellt. In einem Interview mit dem Literatur- und Hörbuch-Magazin Bücher berichtet Erika Tophoven, wie sie zum Übersetzen kam:

Mein Mann, schon seit 1949 in Paris sesshaft geworden, hatte bei unserer ersten Begegnung im Herbst 1956 ein Hörspiel von ihm in der Tasche (”All That Fall”) und stand vor dem Problem, von dem jahrelang auf Französisch schreibenden Autor auch englische Texte übersetzen zu müssen. Ich kam aus München mit meinem Übersetzerdiplom. Von Literatur hatte ich wenig Ahnung. Ein paar Wochen später waren wir bei Beckett. Das war der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit.

Die Frage, wie die deutsche Literaturwelt mit ihren Übersetzungen umging, beantwortet sie wie folgt:

Die Reaktionen entnahmen wir den Kritiken und was wir von deutschen Freunden darüber hörten. Wir waren für viele eine Anlaufstelle in Paris, fuhren selbst aber nicht oft nach Deutschland und wurden davor gewarnt, kein “Emigranten-Deutsch” zu schreiben. Deutschland hatte ein großes Nachholbedürfnis und war interessiert an allem, was an neuen Ausdrucksformen im Ausland erschien.

Auf die Frage “War es dennoch für Sie ein Vorteil, im Land Ihrer Autoren zu leben?” antwortet sie:

Gewiss. Sie kamen zu uns oder wir zu ihnen. Heute finde ich es besser, in Berlin zu leben. Wer interessiert sich in Frankreich für deutsche Übersetzungen?

“Außer dem persönlichen Kontakt zu den Autoren – folgten Sie anderen Leitlinien?” lautet eine weitere Frage.

Das Interesse für den eigentlichen Übersetzungsprozess entwickelte sich erst in den sechziger Jahren. Es förderte die Selbstbeobachtung. “Sprachgefühl” und “aus dem Bauch-Übersetzen” reichten allein nicht mehr aus.

Das komplette Interview können Sie hier abrufen.

In der ARD Mediathek ist ein rund achtminütiger Podcast verfügbar.

Über das Buch
Erika Tophoven: Glückliche Jahre. Übersetzerleben in Paris
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
ISBN: 978-3-88221-571-7
Umfang: 239 Seiten
Auflage: 1. (18.10.2011)
Preis: 19,90 Euro

[Text: Jessica Antosik. Quelle: dradio.de, 23.01.2012/06.03.2012; matthes-seitz-berlin.de. Bild: matthes-seitz-berlin.de.]

Neuseeland ist Gastland der Frankfurter Buchmesse 2012

Juergen BoosBereits seit Anfang Juni 2011 steht fest, dass Neuseeland, das Land der Kiwis und grünen Hügel, Gastland der Frankfurter Buchmesse 2012 sein wird. Dabei wird sich Neuseeland unter dem Motto “He meomoēa he ohorere / While you were sleeping / Bevor es bei Euch hell wird” vom 10. bis zum 14. Oktober 2012 dem deutschen und internationalen Publikum vorstellen.

Juergen Boos (Bild), Direktor der Frankfurter Buchmesse und Lewis Holden, Staatssekretär im neuseeländischen Kulturministerium, unterschrieben am 2. Juni in Auckland einen entsprechenden Vertrag. “Neuseeland bietet kulturelles Erfahren von ungeheurer Intensität”, erklärt Juergen Boos. “Die multikulturelle Identität Neuseelands beruht auf mitreißenden Geschichten, seien sie mündlich erzählt, geschrieben, gesungen oder verfilmt”, so Buchmesse-Chef Boos. Zudem verwies er auf den großen Einfluss der Maori-Ureinwohner auf die neuseeländische Kultur.

Außenminister Guido Westerwelle, der der Unterzeichnung des Vertrags beiwohnte, sieht die Frankfurter Buchmesse als “einzigartige Chance” für Neuseeland, seine Kultur und Geschichte präsentieren zu können. Christopher Finlayson, Kulturminister Neuseelands, sagt Folgendes: “Als Gastland der Frankfurter Buchmesse wird Neuseeland seine kulturelle Reichweite nicht nur in Deutschland erheblich steigern, sondern auch – bei über 110 ausstellenden Ländern und Hunderttausenden von Messe-Besuchern – international.”

Boos sieht die Eigentümlichkeit der neuseeländischen Literatur in dem Nebeneinander zweier Sprachen, nämlich der indigenen Maori-Sprache und dem Englischen. Allerdings gibt es bislang sehr wenige Übersetzungen in die deutsche Sprache bzw. zahlreiche Titel sind bereits vergriffen. Aus diesem Grund stellt die Buchmesse auch eine große Chance für die Autoren dar. “Wir verbinden mit dem Ehrengastland ja auch immer ein Übersetzungsprogramm”, sagt Boos. Damit sei die Hoffnung verbunden, “einiges an Publikationen ermöglichen zu können.”

Programm zur Übersetzungsförderung

Im Rahmen des Ehrengastauftritts 2012 hat der neuseeländische Verlegerverband Publishers Association of New Zealand (PANZ) ein Programm zur Übersetzungsförderung ins Leben gerufen. Dadurch soll die Literatur des Landes einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Verlagen der ganzen Welt, die neuseeländische Autoren in ihre jeweilige Landessprache übersetzen wollen, wird somit finanzielle und organisatorische Unterstützung geboten. So werden für einzelne Titel bis zu 50 Prozent der Übersetzungskosten in einer Höhe von maximal 5.000 NZ$ (rund 3.000 Euro) übernommen. Bewerben können sich Verlage laufend, die Förderung gilt für Titel aller Genres. Weitere Informationen sowie die Bewerbungsunterlagen finden Sie hier.

Neuseeländische Autoren

In Deutschland bekannt sind die Autoren Alan Duff, Patricia Grace, Anthony McCarten und Ngaio Marsh. Zu den berühmtesten Schriftstellern gehören Booker-Preisträgerin Keri Hulme, Katherine Mansfield, Michael King und Janet Frame. Ihre Autobiografie Ein Engel an meiner Tafel wurde 1990 von Jane Campion verfilmt. Witi Ihimaera gilt als bekanntester lebender Maori-Autor, dessen Werk Whale Rider im Jahr 2002 verfilmt wurde.

Charakteristisch für Neuseeland sei die Vermischung von Medien. Gerade zwischen Buch und Film sei dies der Fall, erklärt Boos. Daher könne man sich auf eine multimediale Messe freuen. “Auch was bildende Kunst angeht, was Design angeht, was neue Medien angeht. Das ist sicher bei Neuseeland am bisher ausgeprägtesten. Deshalb passt es auch sehr schön zu der Entwicklung, die wir in den letzten Jahren auf der Buchmesse haben”, so Boos.

Nach Angaben der Frankfurter Buchmesse hat Neuseelands Autorenvereinigung des P.E.N. rund 1.300 Mitglieder und ist äußerst aktiv. Etwa 2.000 neue Titel kommen pro Jahr auf den Markt. In dem Verlegerverband PANZ sind rund 80 neuseeländische Verlage organisiert, die jährlich einen Umsatz von rund 550 Millionen Euro Umsatz erzielen. “Für ein Land mit vier Millionen Einwohnern ist das sehr gut”, sagt Boos. Im Jahr 2007 erwirtschaftete die gesamte neuseeländische Kulturindustrie einen Umsatz von ca. 7 Milliarden Euro.

Startschuss in Leipzig

Auf der Leipziger Buchmesse fällt der offizielle Startschuss für das kulturelle Rahmenprogramm des Frankfurter Ehrengastes. “Neuseelands Besonderheit – und unser Geschenk an Deutschland – ist unser einzigartiges, kulturelles Konzept ‘Manaakitanga’: ein Ausdruck, der für Gastfreundschaft, Großzügigkeit und gegenseitigen Respekt steht. […] Wir freuen uns sehr darauf, auf der Leipziger Buchmesse einen kleinen Vorgeschmack auf die wunderbaren Dinge zu geben, die da kommen werden”, erklärt Tanea Heke, Projektleiterin des Organisationskomitees Ehrengast Neuseeland.

Noch nie kam ein Gastland von so weit her. Ferner ist der Ozeanien-Staat Neuseeland nach Indien und Irland das dritte englischsprachige Gastland der weltgrößten Bücherschau. Die Tradition des “Ehrengastes” gibt es bereits seit 1976.

Die Frankfurter Buchmesse ist mit über 7.500 Ausstellern aus mehr als 110 Ländern die größte Buch- und Medienmesse der Welt. Zudem organisiert sie die Beteiligung deutscher Verlage an rund 20 internationalen Buchmessen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: bildungsklick.de, 27.02.2012; hr-online.de, 02.06.2011; spiegel.de, 02.06.2011; focus.de, 02.06.2011; boersenblatt.net, 03.06.2011; de.book-fair.com. Bild: Richard Schneider.]