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Archiv der Kategorie Nachrichten

Internet: Chinesisch überholt bald Englisch

China boomt – nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Schon jetzt sind die Chinesen das größte Volk der Welt. Doch Chinas Bevölkerung wächst unaufhaltsam weiter, obwohl die Regierung das Bevölkerungswachstum seit 30 Jahren mit der sogenannten Ein-Kind-Politik beschränkt. Mit 1,34 Milliarden Einwohnern ist die Volksrepublik China das bevölkerungsreichste Land der Erde.

Schon bald wird China in einem weiteren Bereich an der Spitze stehen: dem Internet. Innerhalb der nächsten zwei Jahre werden mehr Menschen im Internet Chinesisch als Englisch sprechen.

Laut den auf “Smartling” veröffentlichten Zahlen haben im Jahre 2011 rund 27 Prozent aller Internetnutzer Englisch gesprochen bzw. verwendet. Knapp danach belegte Chinesisch mit 24 Prozent den zweiten Platz. 2000 sahen die Zahlen noch völlig anders aus: Englisch nahm mit 39 Prozent und großem Abstand den ersten Platz ein, während Chinesisch nach Japanisch mit 13 Prozent den dritten Platz einnahm und gerade einmal neun Prozent der Internetnutzer auf Chinesisch kommunizierten.

Dies bedeutet also, dass Chinesisch nun fast auf einer Stufe mit Englisch steht. Nimmt man diese Zahlen als Grundlage, werden Mitte 2014 mehr Menschen im Internet Chinesisch sprechen und schreiben als Englisch. Eine logische Konsequenz dieser Entwicklung ist natürlich, dass Chinesisch weitere Sprachen verdrängt hat wie beispielsweise das Deutsche, das im Jahr 2000 noch acht Prozent im Internet sprachen, 2005 nur noch sechs und 2011 gerade einmal vier Prozent.

Betrachtet man den gesamten asiatischen Raum, so stellt man fest, dass der Kontinent längst die Nutzermehrheit im Internet darstellt: 45 Prozent der weltweiten Internetnutzer kommen aus Asien. Bemerkenswert ist dabei, dass in Asien nur 26 Prozent aller Menschen online sind. Zum Vergleich: Europa belegt mit 23 Prozent den zweiten Platz, allerdings sind dort 61 Prozent der Bevölkerung online. Auf Rang drei befindet sich Nordamerika mit 13 Prozent, wobei 78 Prozent der Menschen online sind.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: smartling.com; winfuture.de, 23.04.2012. Bild: TUBS, Lizenz CC-BY.]

Übersetzerpreis 2012 an Polin Sława Lisiecka

Für die Übertragung zahlreicher deutscher Werke des 20. Jahrhunderts ins Polnische wird die aus Polen stammende Literaturübersetzerin Sława Lisiecka (Bild rechts) mit dem diesjährigen Übersetzerpreis ausgezeichnet. Sie wird für ihr Lebenswerk geehrt, das Übersetzungen von Gottfried Benn, Joseph Roth und Christoph Ransmayr umfasst. Die Jury, der Justyna Czechowska, Esther Kinsky und Grzegorz Zygadlo angehören, begründete ihre Entscheidung damit, dass sich Lisieckas Übersetzungen durch ein untrügliches Gespür für sprachliche Nuancen und stilistische Ausdrucksmittel kennzeichnen.

Insbesondere würdigte die Jury ihre Übertragung der Werke Thomas Bernhards:

Bei der Übersetzung der autobiographischen Schriften und der Romane von Thomas Bernhard gelingt es der Übersetzerin meisterhaft, die Eigenarten des Bernhardschen Stils in der Zielsprache  wiederzugeben. Sie schafft es, im Polnischen dem Original ebenbürtige sprachliche Kunstwerke zu schaffen, die die nachhaltige Bedeutung Thomas Bernhards für die Entwicklung der Literatur voll und ganz vermitteln.

Über Sława Lisiecka
Sława Lisiecka wurde 1947 in Łódź geboren und hat dort ihr Germanistikstudium im Jahre 1970 abgeschlossen. Sie war einige Jahre als Lehrerin und Dozentin an der Universität Łódź tätig. Seit 1978, das bedeutet also seit nun 35 Jahren, übersetzt sie deutschsprachige Literatur in die polnische Sprache. In dieser Zeit hat sie rund 60 Bücher übersetzt.

1985 erhielt sie den Übersetzerpreis der Robert Bosch-Stiftung. 2007 bekam sie den österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzer. Ebenfalls im Jahr 2007 wurde ihr vom Staatspräsidenten für ihre bedeutenden Verdienste für die Unabhängigkeit Polens (1975–1989), für die kulturellen und oppositionellen Aktivitäten zugunsten demokratischer Verwandlungen und für die jetzige berufliche Tätigkeit das Offizierskreuz des Ordens Polonia Restituta verliehen. Derzeit arbeitet sie an den Übersetzungen der folgenden Bücher: Zwischenstation von Marianne Gruber, Im Wald der Metropolen von Karl-Markus Gauß und Hammerstein oder der Eigensinn von Hans Magnus Enzensberger.

Über den Haupt- und Förderpreis
Die renommierte Auszeichnung in Höhe von 25.000 Euro der Kunststiftung NRW zählt zu den höchstdotierten Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum. Sie wird in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen vergeben. In diesem Jahr steht anlässlich des Polen-Nordrhein-Westfalen-Jahres Polen im Mittelpunkt. Zudem ist dieses Jahr erstmalig ein Förderpreis in Höhe von 5.000 Euro vergeben worden. Im Unterschied zum Hauptpreis versteht die Jury den Förderpreis nicht nur als Anerkennung. Sie sieht ihn als Ermutigung, als eine materielle und moralische Unterstützung beim Übersetzen an, das sich bei den in Polen gezahlten Honoraren schwieriger gestaltet als in vielen anderen Ländern. Trägerinnen des Förderpreises sind die polnischen Übersetzerinnen Elżbieta Kalinowska und Katarzyna Leszczyńska.

Über die Förderpreisträgerinnen
Die Jury erklärte Folgendes zu den beiden Literaturübersetzerinnen:

Elżbieta Kalinowska  erschließt seit langem für polnische Leser die deutschsprachige Prosa der Gegenwart. Ihr besonderes Interesse gilt Autoren mit Migrantenhintergrund wie Sherko Fatah, Feridun Zaimoglu oder Terezia Mora. Mit diesem Schwerpunkt hat E. Kalinowska immer wieder eine besondere Kenntnis der Entwicklung der deutschen Literatursprache und ein Gespür für den Beitrag unter Beweis gestellt, den fremde Kulturen leisten.

Katarzyna Leszczyńska steht mit ihren Übersetzungen der Romane und Essays von Herta Mülller exemplarisch für den in der polnischen Literaturszene seltenen Fall der intensiven Beschäftigung mit einem bestimmten Autor oder einer Autorin. Als polnische Stimme Herta Müllers hat Katarzyna Leszczyńska einen wichtigen Beitrag zur Vermittlung dieser von  Randständigkeit geprägten Literatur geleistet, die den Gebrauch von Sprache so fruchtbar hinterfragt.

Die Preisverleihung findet am 8. Mai 2012 im Europäischen Übersetzer-Kollegium im niederrheinischen Straelen statt.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: euk-straelen.de, 21.04.2012. Bild: uni-tuebingen.de.]

Digitales Fernsehen: Aus für Gebärdensprache beim MDR

Durch die Umstellung von analogem auf digitales Fernsehen wird Ende April 2012 die Sendung “Länderzeit” und die Verdolmetschung der Regionalnachrichten in die Gebärdensprache im Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) eingestellt.

Seit 1998 wird die MDR-Nachrichtensendung “Länderzeit” als eine der wenigen in ganz Deutschland in die Gebärdensprache gedolmetscht. “Bei der ‘Länderzeit’ handelt es sich um eine eigens für den analogen Satelliten produzierte Sendung”, begründet der MDR-Fernsehdirektor Wolf-Dieter Jacobi. “Mit der Abschaltung des analogen Satellitensignals in Deutschland entfällt auch der Verbreitungsweg für die ‘Länderzeit’ und damit auch dieses Zusatzangebot.”

Mitte der 90er-Jahre setzte sich Alfons Rogge,  Vorsitzender des Verbandes der katholischen Gehörlosen Deutschlands, für die Gebärdensprache beim MDR ein. “Wir Gehörlose wollen doch auch wissen, was in unserer Region passiert”, sagt er. Rogge geht davon aus, dass allein in Thüringen ca. 1.600 Gehörlose leben, die vom Aus der übersetzten “Länderzeit” betroffen wären. In den drei mitteldeutschen Bundesländern beliefe sich die Zahl auf insgesamt 6.000 bis 8.000.

Erika Beyer, Vorsitzende des Landesverbandes der Gehörlosen Thüringen, ist ebenfalls der Meinung, dass die Abschaltung der Gebärdensprach-Einblendung ein großer Verlust sei. “Stellen Sie sich vor, wie es für hörende Menschen wäre, wenn der Ton der Fernsehsendungen für immer abgeschaltet wird.” Dass eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Nachrichten in die Gebärdensprache übersetzt, ist aus der Sicht der Gehörlosen auch ein Zeichen gesellschaftlicher Anerkennung. Auch und vor allem aus diesem Grund trauern die Gehörlosen um die “Länderzeit”.

Angesichts des sensiblen Themas möchte die MDR nicht den Eindruck vermitteln, sich nicht für die Gehörlosen zu interessieren. “Der MDR will genau wie die ARD die Anzahl der barrierefreien Angebote stetig steigern”, so Wolf-Dieter Jacobi. “Wir haben den Anspruch, die Empfangsmöglichkeiten für Gehörlose sogar zu verbessern.” Daher ziele der Sender schnellstmöglich auf eine Untertitelung der Regionalmagazine “Thüringen-Journal”, “Sachsenspiegel” und “Sachsen-Anhalt heute” ab. Jetzt ist eine heftige Debatte darüber entbrannt, ob Untertitel ein adäquater Ersatz für die Gebärdensprachverdolmetschung ist.

Unter anderem Alfons Rogge und Erika Beyer fordern auch künftig Regionalnachrichten mit Gebärdensprachübersetzung anzubieten. Der Grund: “Die Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache”, erklärt die taube Katrin Koschollek, die als Gebärdensprachdozentin in Erfurt tätig ist. “Für Gehörlose ist sie die Muttersprache.” Auch wenn diese Menschen hierzulande aufgewachsen seien: Das Deutsche sei, wie Englisch oder Japanisch, für sie eine Fremdsprache. Untertitel könnten für Gehörlose niemals das leisten, was ihre eigene Sprache leiste, sagt sie.

Alfons Rogge will, wie schon in den Neunzigerjahren, für die Gebärdensprachverdolmetschung werben. “Bundespräsident Gauck hat doch gerade erst gesagt, dass sich alle Menschen in Deutschland an der Gesellschaft beteiligen sollen”, so Rogge. “Also auch die Gehörlosen.”

Die Thüringer Allgemeine hat in diesem Zusammenhang ein Interview mit Claudia Oelze geführt, die seit fast 15 Jahren die MDR-Sendung “Länderzeit” in die Gebärdensprache dolmetschte. Dabei spricht die 41-Jährige über ihren Übersetzungsalltag sowie über die mit ihrer Arbeit verbundenen Herausforderungen.

Wie sie dazu kam, als Gebärdensprachdolmetscherin für die “Länderzeit” zu arbeiten, erklärt sie so:

Ich habe 1993 angefangen, als Dolmetscherin zu arbeiten. Sehr bald habe ich dann Alfons Rogge dabei begleitet, als er sich für die Gebärdensprachübersetzung der “Länderzeit” einsetzte. Als sich 1997/1998 abzeichnete, dass es die Übersetzung geben würde, habe ich die ersten Testaufnahmen für die Sendung gemacht und damit begonnen, das Team der Dolmetscher zusammenzustellen. Seit August 1998 bin ich sieben bis acht Mal im Monat auf Sendung und übersetze die Nachrichten.

Darauhin beschreibt Claudia Oelze, wie die Übersetzung abläuft:

Von 19.00 bis 19.30 Uhr kann ich mir die Sendung ansehen. Ab 19.35 Uhr startet dann die Aufzeichnung der Gebärdensprachübersetzung. Wir machen das an einem Stück, ohne Unterbrechung. Die Länderzeit mit Gebärdensprach-Übersetzung wird dann am folgenden Morgen ausgestrahlt. Um diese Übersetzung am Stück leisten zu können, ist es wichtig, täglich Zeitung zu lesen, Radio zu hören und sich auch sonst über das Weltgeschehen auf dem Laufenden zu halten.

Die Frage, wie anspruchsvoll es ist, Nachrichten im Vergleich zu Alltagsgesprächen in die Gebärdensprache zu übersetzen, beantwortete sie so:

Die Übersetzung der Nachrichten ist schon eine anspruchsvolle Aufgabe. Für jeden Dolmetscher. Die Themen wechseln sehr schnell und sind ja sehr vielfältig. Vor allem die zwei Nachrichtenblöcke, die es immer gibt, sind wirklich eine Herausforderung. Da sind die einzelnen Nachrichten ja nur wenige Sekunden lang und dann kommt schon das nächste Thema. Außerdem sind Kulturbeiträge immer schwierig zu übersetzen. Da wird oft so viel Hintergrundwissen vorausgesetzt, dass dieses in einer Simultanübersetzung nur schwer zu vermitteln ist. Aber die Gehörlosen interessieren sich sehr für diese Kulturdinge. Sie wollen die Welt der Hörenden kennenlernen, die tatsächlich verschiedenen ist von ihrer eigenen. Das ist das Tolle daran, Nachrichten in die Gebärdensprache zu übersetzen: Ich bin wie ein Lexikon für die Gehörlosen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: thueringer-allgemeine.de, 08.04.2012. Bild: Mitteldeutscher Rundfunk (Wikipedia).]

Herta Müller: “In China ist Übersetzen wie Schuhe herstellen.”

In einem Gespräch mit tschechischen und deutschen Medien sprach die Nobelpreisträgerin Herta Müller (Bild rechts) über Freundschaft, die Bedeutung von Literatur und die Quellen ihrer Lebenskraft. Darüber hinaus gab sie ihre Meinung zu Übersetzungen kund und erzählte zudem vom Deutschen der Minderheit im Banat, Rumänischen und Hochdeutschen.

So antwortete sie in dem Interview auf die Frage, was sie von Übersetzungen ihrer Werke hält, Folgendes:

Ich bin oft gar nicht in der Lage, sie zu beurteilen. Die einzige Sprache, in der ich sie verifizieren kann, ist das Rumänische. Bei den anderen Übersetzungen kennt man meistens Leute, die man fragen kann, was sie davon halten. Oder man fragt nach einzelnen Punkten – wie das ein oder andere konkret gelöst wurde. Ich weiß von vielen Übersetzern, dass sie ihre Arbeit sehr gut machen, weil man mir das sagt – und das ist ein großes Glück. So wie hierzulande Radka Denemarková. Anders ist es beispielsweise in China: Ich habe gehört, die Übersetzungen sind zum Teil fatal schlecht. Übersetzen ist dort wie Schuhe herstellen, jedes Buch wurde von jemand anderem übersetzt – das Ästhetische interessiert gar nicht. Die wollten nach dem Nobelpreis dabei sein, haben bezahlt und in kürzester Zeit alles auf den Markt geworfen. In den arabischen Ländern bestand das Problem Homosexualität, das ein Thema in „Atemschaukel“ spielt. Sie haben es in der Übersetzung einfach ausgelassen, obwohl ich gesagt hatte, wenn es nicht drin bleibt, soll das Buch nicht übersetzt werden. Der Protagonist ist meinem Freund Oscar Pastior nachempfunden, der homosexuell war und darunter sehr zu leiden hatte, auch in Rumänien noch bis zum Fall von Ceausescu 1989. Für Homosexualität wurde man mit Gefängnis bestraft, man lebte in ständiger Angst. Das ist keine ästhetische Zierde, sondern ein existenzielles Problem dieser Person, darum war es für mich so wichtig, dieses Problem zu thematisieren.

Die Frage “Wie haben Sie im Laufe der Zeit verschiedene Sprachen erlebt – das Deutsch der Minderheit im Banat, Rumänisch und Hochdeutsch, wie man es in Ihrer jetzigen Heimat Berlin spricht?” beantwortete sie wie folgt:

Meine erste Sprache, das Banat-Schwäbisch, war ein Dialekt des Deutschen. Mit dem Hochdeutsch hatte ich in der Schule zunächst große Schwierigkeiten. Außerdem war Deutsch ja quasi eine Privatsprache, die nur innerhalb des Hauses und Bekanntenkreises gesprochen wurde. Jenseits der Haustür sprach man Rumänisch. Es galt deshalb: lesen, lesen, lesen – damit man sich überhaupt dessen bewusst ist, dass Deutsch als Sprache existiert – ein korrektes Deutsch. Diese Gewissheit hatte man nicht immer. So wird man bei der Sprache aber auch zur Genauigkeit gezwungen: weil man sich über nichts ganz sicher ist. Es gab ja auch die ideologische Sprache: Das sozialistische Deutsch aus den Zeitungen, Radio- und Fernsehprogrammen für Minderheiten – so wusste man, welches Deutsch man nicht benutzen möchte. Durch viele Dinge im Leben habe ich kapiert, dass die Sprache – ob es einem bewusst ist oder nicht – ein politisches Gelände ist: Sie kann missbraucht werden, wie es im Nationalsozialismus und Stalinismus der Fall war. Wenn man sich da heraushalten will, muss man überlegen, was man sagen und schreiben will und was nicht – und wie man es formuliert. Bei Verhören musste man sich genau merken, was man gesagt hat – man musste kompetent lügen und auch wissen, wie Freunde gelogen hatten, um ihnen nicht zu widersprechen. Das waren Sprachübungen im schlechtesten Sinne des Wortes.

Das komplette Interview mit Herta Müller ist bei der Prager Zeitung abrufbar.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: pragerzeitung.cz, 11.04.2012. Bild: Amrei-Marie, Lizenz CC-BY.]

Plagiatsaffäre: Ungarns Präsident hat für seine Doktorarbeit Wort für Wort übersetzt

Dem ungarischen Staatspräsidenten Pal Schmitt (Bild rechts) wurde sein Doktortitel von der Semmelweis-Universität aberkannt. Der Grund: Er hatte seine Dissertation von anderen Autoren abgeschrieben. Zu diesem Ergebnis kam eine Prüfungskommission der Budapester Universität. “Die Arbeit beruht in ungewöhnlich großem Umfang auf textidentischen Übersetzungen”, stellt die Kommission fest.

Bei Spiegel Online war Ende März Folgendes zu lesen:

Schmitt hatte im Jahr 1992 seine Doktorarbeit “Analyse der Programme der berichtete neuzeitlichen olympischen Spiele” an der Budapester Sport-Universität eingereicht. Die Wochenzeitung “HVG” hatte im Januar erstmals Plagiatsvorwürfe erhoben: Schmitt habe auf 180 von 250 Seiten aus einem Werk des bulgarischen Sportwissenschaftlers Nikolaj Georgijew abgeschrieben. Der Sportwissenschaftler schrieb seine Studie auf Französisch, Schmitt habe Wort für Wort übersetzt und übernommen. Gleiches gilt für ein Werk des Hamburger Soziologen Klaus Heinemann: Auf 17 Seiten lasse sich völlige Textgleichheit nachweisen, stellte die Kommission fest. Schmitt habe in seiner Arbeit keinerlei Zitate ausgewiesen und auch nicht mit Fußnoten auf die von ihm verwendeten Quellen verwiesen.

Nach dem Plagiatsskandal ist der rechts-konservative Politiker Schmitt mit folgender Begründung am 2. April 2012 zurückgetreten: “Das Staatsoberhaupt verkörpert die Einheit der Nation. In der gegenwärtigen Situation fühle ich mich deshalb verpflichtet, das Mandat des Präsidenten zurückzugeben.”

Bis zu den Wahlen übernimmt Parlamentspräsident Laszlo Köver kommissarisch das Amt.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: spiegel.de; 27.03.2012; focus.de, 02.04.2012. Bild: Flickr.com, Európa Pont.]

Sprachauffälligkeiten bei Kindern steigen

Immer mehr Kinder in Deutschland zeigen Sprachauffälligkeiten. So leidet jeder vierte Junge im Alter von sechs Jahren an Sprachstörungen. Bei den Mädchen beläuft sich die Zahl auf 16 Prozent. Oftmals haben sogar Kinder unter drei Jahren einen so geringen Wortschatz, dass sie gerade einmal “Mama” oder “Papa” sagen können.

Doch worin liegen die Gründe für diese Entwicklung? Barbara Städtler, Sprachheilbeauftragte des Kreises Mettmann, ist der Ansicht, dies könne damit begründet werden, dass die Eltern heutzutage als Vorbild ausfallen. Kinder und Eltern sprechen immer weniger miteinander. Die Eltern kümmern sich nicht mehr so sehr um ihren Nachwuchs wie früher. Auch der Blickkontakt sei nicht mehr so intensiv. Die Familien essen selten gemeinsam zu Mittag, oftmals sei der Fernseher an oder die Kinder werden in ihre Zimmer zum Spielen geschickt. Darin stimmt auch Kirsten Hahn, Logopädin aus Bad Wildungen und Vorstandsmitglied im Deutschen Bundesverband für Logopädie, überein: Sie sieht nämlich “ein gesellschaftliches Problem, dass immer mehr Kinder immer weniger spielen, immer weniger Qualitätszeit mit den Kindern verbracht wird”.

Dadurch, dass die Kleinkinder wenig Kontakt zu ihren Eltern haben, können sie sich auch sprachlich nicht weiterentwickeln, was schließlich zu Sprach-, Sprech- und Redefluss-Störungen führt. Die Redefluss-Störungen äußern sich in Stottern und Sprachstörungen im falschen Satzbau oder beschränkten Wortschatz sowie in Problemen beim Sprachverständnis. Zu den Sprechstörungen zählen beispielsweise das Vertauschen von Buchstaben (typisch ist dafür “k” statt “t”), Lispeln oder ein fehlendes “sch”.

Woran erkennt man nun eine Sprachauffälligkeit? Bei Babys sind sie nur schwer festzustellen. Es sei denn, das Kind “hat gebrabbelt und gelallt und verstummt ganz plötzlich, dann ist das auch ein Anzeichen für eine schwere Hörstörung”, so die Logopädin Kirsten Hahn. Allerdings erkennt man bei Kleinkindern durchaus Sprachauffälligkeiten an den gerade erwähnten Symptomen ohne ein Experte zu sein. Ein zweijähriges Kind sollte etwa 50 Wörter sprechen. “Wenn es das nicht tut, ist das schon auffällig”, erklärt Hahn.

Pilotprojekt Sprach-Screening im Saarland

Angesichts dieser Entwicklungen startet bald im Saarland ein Pilotprojekt, das belastbare Daten über die Sprachentwicklung von Kindern liefern könnte. Als erstes Bundesland Deutschlands führt das Saarland im Frühjahr/Sommer 2012 ein Sprach-Screening für Dreijährige ein. Etwa 7000 Kinder von über 70 Kinder- sowie Hausärzten werden hinsichtlich ihrer Sprach- und Artikulationsfähigkeit untersucht. “Das Screening ist ein hervorragendes Instrument zur Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen”, so die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU) auf der Auftaktveranstaltung im Uniklinikum Homburg. Im Falle von Sprachauffälligkeiten könnten rechtzeitig Sprachförderungstherapien in die Wege geleitet werden. Prof. Ludwig Gortner, Leiter des Zentrums für Kindervorsorge am Homburger Uniklinikum, hofft mit der Untersuchung bei mehr Kindern frühzeitig Hörschäden zu erkennen.

Doch wie sieht das Sprach-Screening aus? Im ersten Teil müssen die Eltern einen Fragebogen mit 82 Fragen zum Vokabular und 15 Fragen zu den Grammatikkenntnissen ihrer Kinder ausfüllen. Insgesamt dauert der Test 20 Minuten. Im Anschluss daran werden die Ergebnisse der Sprach-Screenings im Uniklinikum Homburg ausgewertet. Der Arzt stellt fest, ob eine pathologische Artikulations- oder Sprachentwicklungsstörung vorliegt und ob ihm eine logopädische Therapie oder eine Förderung zu Hause notwendig erscheint. Dies wird mit 21 Euro vergütet.

Die Einladungen zu dem Sprach-Screening werden wahrscheinlich ab April 2012 an die Eltern der Dreijährigen im Saarland verschickt. Für die Familien ist die Teilnahme an dem Projekt freiwillig und kostenlos. Ab Juni 2012 finden wahrscheinlich die ersten Untersuchungen in den Praxen statt. Das Projekt wird vom Bundesfamilienministerium bis zum Jahre 2014 mit 340.000 Euro gefördert. “Belastbare Daten über Sprachstörungen der Kinder in Deutschland fehlen bislang”, sagt Josef Hecken (CDU), Staatssekretär im Bundesfamilienministerium.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: derwesten.de, 03.02.2012, hr-online.de, 06.03.2012; aerztezeitung.de, 14.03.2012.]

Kandahar: Afghanischer Dolmetscher bei Anschlag getötet

Am 24. März 2012 ist im Distrikt Arghandab in der Provinz Kandahar ein Bombenanschlag auf eine gemeinsame Patrouille afghanischer Sicherheitskräfte und der Nato verübt worden. Bei der Explosion des selbstgebastelten Sprengsatzes kamen am Samstagabend zehn Menschen ums Leben, darunter ein afghanischer und ausländischer Soldat, drei Polizisten sowie vier Angehörige einer regierungsnahen Miliz. Auch ein afghanischer Dolmetscher sei bei dem Angriff in der Unruheprovinz Kandahar getötet worden, teilte ein Sprecher der örtlichen Behörden mit.

Die radikal-islamischen Taliban bekannten sich zu dem Terroranschlag. Der Süden Afghanistans gilt als Hochburg der Taliban.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: zeit.de, 25.03.2012; bild.de, 25.03.2012. Bild: Archiv.]

L@s niñ@s: Streit in Spanien wegen sexistischer Sprache

Spaniens Spracherneuerer fordern ein weniger sexistisches Spanisch. Sie möchten die sprachliche Diskriminierung des weiblichen Geschlechts bekämpfen. Schließlich werde das weibliche Geschlecht in der Pluralbildung nicht berücksichtigt. Die Traditionalisten, darunter vor allem Spaniens Königliche Sprachakademie (Real Academia Española, RAE), sind hingegen der Ansicht, dass darunter die spanische Grammatik und Syntax leide.

Die Sprachkritiker

Der Streit wird öffentlich in den Zeitungen des Landes ausgetragen. So publizierte Spaniens größte Tageszeitung El País am 4. März 2012 ein Dokument, das sich mit Vorschlägen von Universitäten, Verwaltungen und Gewerkschaften auseinandersetzt. Darin empfehlen der Autor Ignacio Bosque und die 26 Unterzeichnenden, einen nicht sexistischen Sprachgebrauch zu fördern. Konkret geht es um die Regel, nach der für die Mehrzahl, wenn sie sich auf eine gemischte Gruppe bezieht, immer die männliche Form der Oberbegriff ist. Aus niña (Mädchen) und niño (Junge) werden so niños (Kinder) – aber auch Jungs. Die Kritiker schlagen vor, wenn möglich, neutrale Oberbegriffe zu verwenden. Aus los becarios (Stipendiatinnen und Stipendiaten) werden so las personas becarias (Personen mit Stipendium). Bei dem Satz Todos tenemos sentimientos (Wir alle haben Gefühle) wird für alle die männliche Form (todos) verwendet. Zu Bevorzugen ist stattdessen das Wort personas (Las personas tenemos sentimientos). Empfohlen wird zudem der Satz La población española irá a las urnas el próximo domingo (Die spanische Bevölkerung geht nächsten Sonntag an die Urne) anstatt Los españoles irán a las urnas el próximo domingo (Die Spanier gehen nächsten Sonntag an die Urne). Dies sind nur einige der vielen Beispiele aus dem Dokument, das, wie bereits erwähnt, in El País veröffentlicht wurde und hier in spanischer Sprache abrufbar ist.

Die Wächter über das Spanische

Die Sprachschützer und Akademiemitglieder werfen dem Autor und den Unterzeichnenden des Dokuments jedoch vor, dass kein Anlass bestehe, den Umgang mit dem Plural zu ändern, weil die männliche Mehrzahl beide Geschlechter beinhalte. Die Forderung, dass amtliche Texte und Reden stets beide Geschlechter nennen müssen, führe dazu, “dass sich die offizielle Sprache noch weiter von der reellen Sprache entfernt”. Da sich die Wissenschaft und somit die RAE um ordentliches, grammatisch korrektes Spanisch zu kümmern habe, wird jeglicher Widerspruch nicht geduldet. So heißt es: “Die meisten dieser Sprachführer wurden ohne Beteiligung von Sprachwissenschaftlern geschrieben.”

Die Befürworter der Sprachkritik

Die größte spanische Gewerkschaft Comisiones Obreras (CCOO), die eins der kritisierten Dokumente verlegt hat, weist darauf hin, dass der weit verbreitete Gebrauch der männlichen Form als Oberbegriff für beide Geschlechter insbesondere darauf zurückzuführen ist, dass sich viele Institutionen und die Akademie weigern, eine andere Form zu nutzen. “Die Grammatik ist nicht das Leben”, befürwortet eine Philosophieprofessorin einer spanischen Fernuniversität die nicht sexistischen Sprachführer.

Die katalanische Tageszeitung La Vanguardia unterstellt der Königlichen Sprachakademie, viel sexistischer zu sein als die Menschen auf der Straße, und rät einen Blick ins Wörterbuch der Sprachakademie. Es beinhalte unzählige fragwürdige Definitionen: Gozar: Conocer carnalmente a una mujer (Genießen: eine Frau körperlich kennenlernen), stehe dort geschrieben.

Las niñas y los niños = L@s niñ@s?

Die Vorsitzende der Gleichberechtigungskommission der Justizverwaltung erzählt eine schöne Geschichte, die zeigt, wie wichtig die Sichtbarkeit der Frau in der Sprache ist: “Eine Vertretung kam in den Unterricht und schlug vor: ‘Auf, niños, wir singen!’ Kein einziges Mädchen sang mit, denn ihre Klassenlehrerin redet immer von niñas y niños.”

In dem Anfang März veröffentlichten Dokument heißt es, dass es sich lohnt, darüber nachzudenken, ob die Verwendung von @ das Problem der sprachlichen Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, der künstlichen Formen oder der langen Sätze aufgrund der Nennung sowohl des weiblichen als auch des männlichen Wortes lösen könnte, auch wenn sie von der RAE oder anderen Stil-Handbüchern abgelehnt wird. So vereint l@s niñ@s sowohl Mädchen als auch Jungen.

Schlussbemerkung

Zum Teil handelt es sich um künstliche Formen, die in dem Dokument vorgeschlagen wurden, und die die Kommunikation erschweren würden. Zum Teil würde auch die Sprachökonomie bedroht, wenn man immer den femininen und maskulinen Begriff nennen würde. Doch es ist zu beachten, dass die Frauen in der Geschichte oftmals unsichtbar gemacht und in den Hintergrund gedrängt wurden, was ebenfalls in der Sprache seinen Ausdruck fand. Darüber hinaus ist noch zu sagen, dass fast ausschließlich Männer Mitglieder der Königlichen Sprachakademie waren. Während drei Jahrhunderten hatte die RAE lediglich sieben weibliche Mitglieder. Unter den aktuell 46 Mitgliedern sind nur fünf Frauen. Dies könnte die Einstellung der RAE-Mitglieder gegenüber der Sprache und dem weiblichen Geschlecht erklären.

Das Hauptziel der Vertreter des Berichts ist, die spanische Gesellschaft zur Reflexion zu bewegen. Sie sind sich nämlich dessen bewusst, dass es keinen Sinn hat, politische Regelungen durchzusetzen. Es ist wichtig, sich richtig auszudrücken, seine Ideen zu verteidigen und sich für seine Rechte einzusetzen. Doch dabei muss Gerechtigkeit herrschen – auch in der Sprache.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: elpais.com, 04./11.03.2012; taz.de, 10.03.2012; dradio.de, 10.03.2012. Bild: Archiv.]

Barrierefreies Kino: Mit den Ohren sehen

Anlässlich der Internationalen Filmfestspiele Berlin waren hunderttausende Filmbegeisterte in der deutschen Hauptstadt. Leider sind nur sehr wenige Berliner Kinos behindertengerecht ausgestattet. Nun setzten sich die Besucher einiger Filme Kopfhörer auf – und konnten mehr als die Dialoge zwischen den Schauspielern hören. Vier Vorstellungen wurden mit Audiodeskriptionen gezeigt. Dieses Angebot richtete sich an blinde und sehbehinderte Personen, denen in den Dialogpausen des Films berichtet wurde, was sonst nicht hörbar im Film geschah. Auf diese Weise konnten alle Besucher der Berlinale den Filmen folgen.

Menschen mit Hörgeräten haben das Problem, dass das Gerät nicht zwischen dem Filmton und den Nebengeräuschen im Raum unterscheiden kann. Aus diesem Grund bekommen Hörgeschädigte kaum etwas vom Film mit. Abhilfe schaffen induktive Höranlagen, mit denen der Filmton durch ein Magnetfeld direkt an das Hörgerät übertragen wird. In Berlin verfügt lediglich ein Kino über eine solche Anlage. Selbst Untertitelungen für Hörgeschädigte gibt es nur selten.

“In Berliner Kinos ist die Situation für Menschen mit Beeinträchtigungen sehr schlecht”, so Susanne Hellwig vom Projekt Mobidat, das eine Datenbank barrierefreier Einrichtungen in Berlin betreibt. Bereits im vergangenen Jahr hat Mobidat auf diesen Umstand hingewiesen. Dennoch habe sich nichts geändert, sagt Hellwig. “Vom Gemeinschaftserlebnis Kino werden Menschen mit Behinderungen oft ausgeschlossen.”

Zu barrierefreien Kinobesuchen ist noch ein weiter Weg. Zwar hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention, die das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe bzw. Teilnahme am gesellschaftlichen und kulturellen Leben beinhaltet, unterzeichnet. Allerdings mangelt es bislang an Maßnahmen vonseiten der Kinobetreiber. Diese müssen sich nämlich selbst dazu verpflichten – und das ist bisher kaum passiert. Deshalb haben Hör- und Sehgeschädigte zumeist keine andere Wahl als sich zu Hause eine DVD anzuschauen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: taz.de, 17.02.2012.]

Vorbildlich: Harvard Business manager führt Übersetzer im Impressum auf

Der Harvard Business manager ist die erweiterte deutsche Ausgabe der amerikanischen Harvard Business Review, die insgesamt in zwölf Sprachen erscheint. Bei gut der Hälfte aller Artikel in der deutschsprachigen Ausgabe des Monatsmagazins für Management- und Wirtschaftsthemen handelt es sich um Übersetzungen.

Statt – wie meist üblich – die Übersetzer ungenannt zu lassen, werden sie jedoch im Impressum ausdrücklich genannt (siehe Abbildung). Ein vorbildliches Verhalten der manager magazin Verlagsgesellschaft, die zur Verlagsgruppe rund um das Nachrichtenmagazin Der Spiegel gehört.

[Text: Richard Schneider. Bild: Richard Schneider.]