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Archiv der Kategorie Politik

Brandenburg: Kürzungen beim bilingualen Unterricht geplant

Seit der Verabschiedung des Gesetzes zur Europäischen Charta und Regionalsprachen des Europarates, das heißt also seit 1998, ist Niedersorbisch offiziell als eigenständige Sprache anerkannt, die allerdings eng mit der obersorbischen Sprache verwandt ist. Niedersorbisch gehört zu den bedrohtesten Sprachen in Europa. Heutzutage wird die westslawische Sprache in der Lausitz gesprochen – noch. Straßenschilder in der Region sind meist zweisprachig. Außerdem gibt es u. a. in Cottbus ein niedersorbisches Gymnasium, das sich für den Erhalt und die Pflege der niedersorbischen Sprache sowie Kultur einsetzt.

Mit dem 1998 in Cottbus ins Leben gerufenen Projekt “Witaj” besteht die Möglichkeit, den Kindern im Kindergarten und in der Schule die niedersorbische Sprache näher zu bringen. Der Unterricht wird in den Schulen in niedersorbischer und deutscher Sprache erteilt. Das Problem liegt aber darin, dass die Sprache nicht lediglich wie eine Fremdsprache erlernt werden soll. Wichtig ist, dass eine Sprache lebendig bleibt und als Muttersprache angewendet wird. Als Muttersprache ist Niedersorbisch jedoch fast schon ausgestorben.

Nun plant das brandenburgische Ministerium für Bildung, Jugend und Sport jedoch, dass Mathematik-, Sachkunde, Sport- oder Kunstunterricht an Grundschulen in der Niederlausitz nur noch dann in niedersorbischer Sprache gegeben werden soll, wenn die Klasse sich aus mindestens zwölf Schülern zusammensetzt, die an dem “Witaj”-Projekt teilnehmen und zweisprachig unterrichtet werden möchten. Dies ist jedoch nicht so einfach wie es auf den ersten Blick scheinen mag, da das Projekt noch relativ jung ist und die Klassen aus einem Jahrgang nicht gemischt werden können. Nun schlägt das “Witaj”-Sprachzentrum Alarm, da der bilinguale Unterricht für die erste und zweite Klasse bei den Grundschulen im nächsten Schuljahr entweder gar nicht mehr auftauchen oder sehr reduziert werden soll. Dies würde die Weiterentwicklung der Sprache massiv behindern.

Wie viele Menschen die niedersorbische Sprache wirklich beherrschen, ist unklar. Schätzungen zufolge beläuft sich die Zahl um 20.000. Fakt ist jedoch, dass 2.000 Schüler am Witaj-Projekt teilnehmen oder zumindest Niedersorbisch als Fremdsprache lernen.

Mehr zum Thema auf uepo.de
Kein sorbischer Ortsname ohne deutsche Übersetzung

[Text: Jessica Antosik. Quelle: neues-deutschland.de, 12.05.2012. Bild: Dabbelju, Lizenz: PD.]

Plagiatsaffäre: Ungarns Präsident hat für seine Doktorarbeit Wort für Wort übersetzt

Dem ungarischen Staatspräsidenten Pal Schmitt (Bild rechts) wurde sein Doktortitel von der Semmelweis-Universität aberkannt. Der Grund: Er hatte seine Dissertation von anderen Autoren abgeschrieben. Zu diesem Ergebnis kam eine Prüfungskommission der Budapester Universität. “Die Arbeit beruht in ungewöhnlich großem Umfang auf textidentischen Übersetzungen”, stellt die Kommission fest.

Bei Spiegel Online war Ende März Folgendes zu lesen:

Schmitt hatte im Jahr 1992 seine Doktorarbeit “Analyse der Programme der berichtete neuzeitlichen olympischen Spiele” an der Budapester Sport-Universität eingereicht. Die Wochenzeitung “HVG” hatte im Januar erstmals Plagiatsvorwürfe erhoben: Schmitt habe auf 180 von 250 Seiten aus einem Werk des bulgarischen Sportwissenschaftlers Nikolaj Georgijew abgeschrieben. Der Sportwissenschaftler schrieb seine Studie auf Französisch, Schmitt habe Wort für Wort übersetzt und übernommen. Gleiches gilt für ein Werk des Hamburger Soziologen Klaus Heinemann: Auf 17 Seiten lasse sich völlige Textgleichheit nachweisen, stellte die Kommission fest. Schmitt habe in seiner Arbeit keinerlei Zitate ausgewiesen und auch nicht mit Fußnoten auf die von ihm verwendeten Quellen verwiesen.

Nach dem Plagiatsskandal ist der rechts-konservative Politiker Schmitt mit folgender Begründung am 2. April 2012 zurückgetreten: “Das Staatsoberhaupt verkörpert die Einheit der Nation. In der gegenwärtigen Situation fühle ich mich deshalb verpflichtet, das Mandat des Präsidenten zurückzugeben.”

Bis zu den Wahlen übernimmt Parlamentspräsident Laszlo Köver kommissarisch das Amt.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: spiegel.de; 27.03.2012; focus.de, 02.04.2012. Bild: Flickr.com, Európa Pont.]

Kandahar: Afghanischer Dolmetscher bei Anschlag getötet

Am 24. März 2012 ist im Distrikt Arghandab in der Provinz Kandahar ein Bombenanschlag auf eine gemeinsame Patrouille afghanischer Sicherheitskräfte und der Nato verübt worden. Bei der Explosion des selbstgebastelten Sprengsatzes kamen am Samstagabend zehn Menschen ums Leben, darunter ein afghanischer und ausländischer Soldat, drei Polizisten sowie vier Angehörige einer regierungsnahen Miliz. Auch ein afghanischer Dolmetscher sei bei dem Angriff in der Unruheprovinz Kandahar getötet worden, teilte ein Sprecher der örtlichen Behörden mit.

Die radikal-islamischen Taliban bekannten sich zu dem Terroranschlag. Der Süden Afghanistans gilt als Hochburg der Taliban.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: zeit.de, 25.03.2012; bild.de, 25.03.2012. Bild: Archiv.]

Programm “Ulm - internationale Stadt”

Die Stadt Ulm sieht die Mehrsprachigkeit als einen Gewinn für die Stadt an. Daher soll das Zusammenleben der Einheimischen und Eingebürgerten, Ausländer und Aussiedler in Ulm verbessert werden. Einige Zahlen zur Situation in Ulm:

Ende 2010 hatten von 117.734 Ulmerinnen und Ulmern 43.886 einen Migrationshintergrund (37,3 %). Knapp die Hälfte, 19.280 (16.4 %), hatten keinen deutschen Pass und werden in der Statistik als Ausländer(-innen) geführt. Nicht wenige von ihnen leben allerdings seit 50 Jahren in Ulm, andere sind nur zum Studium hier oder zeitlich befristet als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer in einer der internationalen Firmen. 12.843 Ulmerinnen und Ulmer (10,9 %) werden als Eingebürgerte geführt, sie haben die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. 11.763 Ulmerinnen und Ulmer (9,9 %) werden als Aussiedler(-innen) geführt, d.h. sie oder mindestens ein Elternteil haben als Deutsche im Sinne des Grundgesetzes die deutsche Staatsangehörigkeit inne.

Hinter der Internationalität verbergen sich gewaltige Ressourcen und Möglichkeiten für die Entwicklung aller Lebensbereiche. Kenntnisse der deutschen Sprache sind somit nicht der alleinige Schlüssel zur Integration. Ende Januar 2012 hat der Gemeinderat das Programm “Ulm – internationale Stadt” auf den Weg gebracht. Der Leitgedanke des Konzepts sieht wie folgt aus:

Internationalität ist eine Bereicherung für unsere Stadt. Wir fördern das Zusammenwachsen von Menschen unterschiedlicher Herkunft zu einer Gesellschaft in Vielfalt. Dies ist für uns ein wechselseitiger Prozess.
Unsere Stadt ist Heimat für alle. Wir dulden keine Diskriminierung oder Gewalt gegen Menschen jeglicher kultureller Herkunft.
Wir begegnen uns in gegenseitiger Offenheit und mit Respekt vor der jeweiligen anderen Kultur, Religion und Lebensform. Wir sind dem Grundgesetz und der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet. Für uns ist die deutsche Sprache die Grundlage für Kommunikation, Verständigung und die erfolgreiche Beteiligung am Bildungssystem. Mehrsprachigkeit betrachten wir als Gewinn für unsere Stadt.

Die Schlüsselprojekte, um Ulm als internationale Stadt attraktiv zu machen, sehen wie folgt aus:

  1. Eine Strategie für die Interkulturelle Öffnung der Verwaltung der Stadt Ulm unter Beteiligung der Personalvertretung zu erarbeiten.
  2. Neue Angebote unter der Überschrift “Integration durch Bildung” im Rahmen der Bildungsoffensive vorzulegen:
    a) Die Sprachförderangebote an Ulmer Kindertagesstätten weiter auszubauen, um damit die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Einstieg in das Schulsystem zu gewährleisten
    b) Angebote zur Lernbegleitung und sprachlichen Bildung für Jugendliche an weiterführenden Schulen als offene Lerntreffs auszubauen
    c) Sprachbildungsangebote für Menschen mit internationalen Wurzeln zu konzipieren in Ergänzung zu den vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanzierten Integrationskursen
  3. Die Erstellung einer gesonderten, mehrsprachigen Homepage “Willkommen in Ulm” mit allen für Neubürgerinnen und Neubürger aus unterschiedlichen Kulturen und Sprachkreisen notwendigen Informationen vorzubereiten
  4. Eine Vorlage für die Etablierung eines interkulturellen Patendienstes vorzulegen, um neu zugezogene Bürgerinnen und Bürger aus anderen Ländern und Kulturen in der Anfangszeit zu unterstützen
  5. Ein Konzept für ein funktionierendes System der Sprachmittlung innerhalb der Stadtverwaltung vorzulegen, welches die Sprachkompetenzen der städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzt und externe ehrenamtliche und bezahlte Dienstleistungen integriert
  6. Mehrsprachige Information
    Die internationale Ausrichtung einer Stadt lässt sich an der Präsenz von Mehrsprachigkeit im öffentlichen Raum ermessen.  Hierzu tragen folgende Maßnahmen bei:
    a) Die zukünftige Beschilderung innerhalb des öffentlichen Stadtraumes und der städtischen Gebäude und Einrichtungen auch englischsprachig auszuführen und die schon bestehende Beschilderung sukzessive englischsprachig zu ergänzen
    b) Den Internetauftritt der Stadt Ulm in wichtigen Bereichen deutsch/englisch zu realisieren
    c) Die mehrsprachige Übersetzung relevanter Informationsblätter und -broschüren umzusetzen
  7. Vorschläge zu erarbeiten, die geeignet sind, Migrantencommunities, die als Verein, Initiative oder Gemeinschaft organisiert sind, an den schon bestehenden Dachverbänden zu beteiligen sowie gemeinsam mit den Migrantencommunities zu prüfen, in wieweit ein eigener Dachverband gewünscht und etabliert werden kann
  8. Unterstützung internationaler Kräfte in Wissenschaft und Wirtschaft und ihrer Angehörigen
    a) Eine Strategie zur Realisierung von privatem Wohnraum für internationale Studierende und Gast-Wissenschaftler/-innen bei Familien und anderen privaten Vermietern/Vermieterinnen zu erarbeiten
    b) Die Erstellung und Realisierung eines Unterstützungskonzeptes für die Familienangehörigen von internationalen Universitäts- und Firmenangehörigen
  9. Gemeinsam mit den Ausschüssen der Kammern, der Agentur für Arbeit u.a. eine politische Initiative zu ergreifen, damit die im Heimatland erworbenen Qualifikationen und Kompetenzen der gut ausgebildeten Zugewanderten anerkannt und sie als qualifizierte Fachkräfte in Arbeit übernommen werden

Ivo Gönner (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Ulm, bezifferte die Kosten allein für die mehrsprachige Gestaltung der Homepage “Willkommen in Ulm” auf rund 500.000 Euro.

Kindern und Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund sollen schlussendlich bessere Bildungs- und Berufschancen geboten werden. Das Vorhaben soll innerhalb von fünf Jahren umgesetzt werden.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: swp.de, 27.01.2012. Bild: Dierk Andresen, lizenziert unter Creative Commons CC-BY-SA 2.5 (Wikipedia).]

Martin Zierold: “Schmatz ich eigentlich beim Essen?”

Martin Zierold steckt sich eine Pommes Frites in den Mund und fragt: “Schmatz ich eigentlich beim Essen? Das müsst ihr mir sagen, ich merke es nicht.” Zierold ist Deutschlands erster Abgeordneter, der nicht hören kann. Seit dem Herbst 2011 sitzt er für die Grünen im Bezirksparlament von Berlin-Mitte. Dies ist eine große Herausforderung für ihn, seine Kollegen und die Gesellschaft. Stets und ständig wird von einem Dolmetscher begleitet, der die Worte der anderen in seine Muttersprache, die Deutsche Gebärdensprache, und umgekehrt überträgt. Zehn verschiedene Dolmetscher arbeiten für den 26-Jährigen, drei Männer und sieben Frauen. Dass ihm zumeist Frauen eine Stimme geben, stört ihn nicht und ist längst zu einem Teil von ihm geworden. Für ihn sind Dolmetscher Werkzeuge ohne Geschlecht, Dienstleister, die nicht von seiner Person ablenken sollen. Er möchte auch nicht, dass ihre Namen veröffentlicht werden. Dies würde ihn kleiner machen.

Zierold wurde im Jahre 1985 als gehörloses Kind gehörloser Eltern im Erzgebirge geboren. Von klein auf hat er also die Sprache der fliegenden Hände gelernt. “Meine Mutter hat sich sogar gefreut, dass ich auch taub bin, so bin ich in ihre Welt der Kommunikation hineingewachsen”, so Zierold. Den Begriff “gehörlos” mag er eigentlich nicht. “Das klingt so nach Defizit”. Das Wort “Taubstumm” sei aber noch schlimmer. “Ich bin taub, aber nicht stumm und bemitleidenswert schon gar nicht.” “Wir sind nicht stumm, und unsere Sprache heißt Gebärdensprache”, sagt er in einem Interview mit der taz. Er hätte selber gern Abitur gemacht, hatte jedoch nicht die Möglichkeit dazu, da es in Deutschland kaum Schulen gibt, die Taube bilingual, d. h. in Laut- und Gebärdensprache, unterrichten. Dies will er unbedingt ändern. Barrierefreie Bildung steht ganz oben auf seiner politischen Agenda. “Ich will erreichen, dass auch Taube Abitur in ihrer Sprache machen können, so wie jeder andere auch.”

Der 26-jährige Politiker hat große Pläne. Er zielt darauf ab, Berlin in den kommenden fünf Jahren Mitte zu einem Vorbild für Inklusion zu machen. Dies bedeutet also eine echte Teilhabe an der Gesellschaft von Menschen mit einer Behinderung. Er will die Gebärdensprache, das “visuelle Deutsch” wie er es nennt, und Probleme sowie Anliegen der Hörbehinderten einer größeren Öffentlichkeit bekannter machen. Im Zuge dessen soll die Live-Übertragung von Sitzungen der Bezirksverordneten im Internet mit Übersetzung in Gebärden durchgesetzt werden. “Ich will eine Nadel in diese Blase piksen, in der sich das Rathaus befindet.” Er beabsichtigt die getrennten Welten von Hörenden und Nicht-Hörenden zusammenzuführen. Nicht weniger als einen Paradigmenwechsel strebe er an, sagt er. Des Weiteren möchte er andere Behinderte dazu ermutigen, sich für ihre Rechte einzusetzen. Die Tatsache, dass sie ihre Rechte nicht im vollen Maße wahrnehmen, liegt seiner Ansicht nach unter anderem an der Bildung. “Den Meisten fehlt einfach das Selbstbewusstsein. Ihnen muss in der Schule vermittelt werden, dass sie auf ihre Situation aufmerksam machen müssen und sie verändern können, wenn sie das wollen.” Vor dem Wahlkampf im September 2011 hat er das Wahlprogramm der Grünen in die Gebärdensprache übersetzt, weil Taube Informationen besser aufnehmen können, wenn sie sie in Gebärden sehen, als wenn sie sie lesen. “Für Gehörlose ist es nicht leicht, die deutsche Schriftsprache zu lernen. Denn sie ist ganz anders aufgebaut als die Gebärdensprache. Wir brauchen zum Beispiel keine Präpositionen: Ob etwas “auf”, “unter” oder “über” ist, das zeigen wir durch die Richtung der Gebärde. Auch ich habe die Schriftsprache sehr spät gelernt, weil bei mir zu Hause nur über Gebärdensprache kommuniziert wurde”, erklärt er der taz.

Zudem sagte er in dem Gespräch Folgendes über die Gebärdensprache: “Wir benutzen eine eigene Sprache mit eigener Grammatik, und deshalb hat sich eine Taubengemeinschaft mit eigener Kultur entwickelt. Eine meiner Visionen wäre es, dass die Gebärdensprache neben Deutsch zur Amtssprache wird.” Dies ist beispielsweise in Neuseeland der Fall. Seit 2006 gehört die Neuseeländische Gebärdensprache (NZSL) neben Englisch und Māori zur offiziellen Amtssprache Neuseelands. Seit Februar 2005 ist im Schweizer Kanton Zürich verfassungsmäßig anerkannt, dass die Gebärdensprache Teil der Sprachenfreiheit ist. Das österreichische Parlament nahm im Juli 2005 die Gebärdensprache als anerkannte Minderheitensprache in die Bundesverfassung (Art. 8, Abs. 3) auf. Auf die Frage, ob es auch einen sächsischen Dialekt der Gebärdensprache gibt, antwortet Zierold: “Ja, genau wie es einen Berliner Dialekt gibt. Ich selber liebe die sächsische Gebärdensprache, weil sie sehr viel differenzierter ist. Zum Beispiel haben Tante, Onkel und Cousine im Sächsischen sehr unterschiedliche Gebärden. Hier in Berlin ist es immer die gleiche Handbewegung, nur das Mundbild ist anders.”

Als erster tauber Parlamentarier fordert er die Demokratie heraus. Denn wie kann jemand, der nicht hören kann, in der Welt des gesprochenen Wortes, der Reden und Debatten bestehen? Ohne einen Dolmetscher und weitere Helfer ist er aufgeschmissen. Die Dolmetscher sind nicht nur Sprach-, sondern auch Kulturmittler. Sie müssen wissen, welche Stimmung Martin Zierold gerade rüberbringen möchte. Teilweise findet er die Sitzungen ermüdend. Er kann es nicht nachvollziehen, warum so viel Zeit mit leeren Worthülsen verschwendet wird. Was ihm seine Dolmetscher übersetzen, kommt bei ihm oft als leere Floskel an. Er ist Teil der Politik, doch er mag ihre Rituale nicht. “Hörende formulieren oft um tausend Ecken ohne Punkt und Komma”, so Zierold. “Wir beschränken uns in den Gebärden auf das Wesentliche, wir sind dadurch viel konkreter.” Seine Dolmetscher gerieten oft an den Rand ihrer Übersetzungsfähigkeiten, wenn mehrere Abgeordnete durcheinander reden würden. Ein Kommunikationsassistent notiert ihm außerdem, was in den Reihen seiner Fraktion getuschelt wird, welche Zwischenrufe fallen. “Hörende können einer Rede folgen und gleichzeitig mitschreiben. Das geht bei mir nicht. Ich muss mich ganz auf den Dolmetscher konzentrieren. Das ist sehr anstrengend.”

Doch diese barrierefreie und gleichberechtigte Teilhabe an der Politik hat auch ihren Preis. Rund 60 Euro kostet einer seiner Dolmetscher pro Stunde. Der Grünen-Politiker geht davon aus, dass jährlich zwischen 50.000 Euro und 60.000 Euro zusätzliche Kosten zusammenkommen. In diesem Zusammenhang kann man sich natürlich die Frage stellen, wer die Kosten übernimmt. Nachfolgend ein Zitat aus einem Interview mit dem Deutschen Gehörlosen-Bund e. V. (DGB):

Um politisch tätig sein zu können, benötige ich Gebärdensprachdolmetscher. Das ist klar. Ansonsten habe ich keine Chance. Ich habe damals den Kreisverband der Grünen angefragt, ob er die Kosten für Gebärdensprachdolmetscher übernehmen könnte. Dort waren sie erst einmal etwas überrascht und unvorbereitet, als ich plötzlich mit meinem Anliegen an sie herantrat. Leider erlaubt(e) die knappe Haushaltslage nicht, die entstehenden Kosten zu übernehmen. Dieses Problem stellt sich bis heute. Auch der Landesverband kann die Kosten keineswegs vollständig tragen. Daher bin ich meiner politischen Arbeit immer auf ehrenamtlich tätige GebärdensprachdolmetscherInnen angewiesen. Ich habe einige StammdolmetscherInnen, die regelmäßig bei Sitzungen für mich dolmetschen und sich dabei abwechseln. Wenn diese nicht zum Einsatz kommen können, muss ich andere KollegInnen anfragen, ob sie bereit sind, ehrenamtlich für mich zu arbeiten und mich dadurch in meiner politischen Arbeit zu unterstützen. Das ist immer aufregend, weil ich nie weiß, ob es klappt. Teilweise ist es möglich, den Dolmetschern eine Aufwandsentschädigung zu zahlen. Aber ohne das ehrenamtliche Engagement wäre ich zur Untätigkeit verdammt. Daher bin ich sehr froh, dass es meistens klappt und ich die Sitzungen barrierefrei verfolgen und politisch wirken kann.

Wie bereits erwähnt gibt es in Deutschland weder im Deutschen Bundestag noch in den Landes- und kommunalen Parlamenten hörbehinderte Abgeordnete. Schaut man jedoch über die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland hinweg, finden sich mit Helene Jarmer, einer österreichischen Politikerin der Grünen und Abgeordneten des Nationalrats, und dem ungarischen Politiker Ádám Kósá, seit 2009 das erste gehörlose Mitglied des Europäischen Parlaments, gehörlose Vertreter, die in der Politik tätig sind.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: morgenpost.de, 14.02.2012; stern.de, 29.01.2012; taz.de, 11.12.2011; gehoerlosen-bund.de, 28.09.2011; jetzt.sueddeutsche.de, 15.09.2011; martin-zierold.de.]

Jemen: Dolmetscher des Präsidenten entführt - Opposition kritisiert dessen Doppelrolle

Mohamed SudamIn Zeiten des Umsturzes leben auch Dolmetscher gefährlich. Im Jemen hatten Kräfte des abtrünnigen Generals Ali Mohsen in der Nähe des Flughafens der Hauptstadt Sanaa mit Waffengewalt das Auto von Mohamed Sudam (Bild) angehalten und den Mann verschleppt. Sudam ist der persönliche Dolmetscher des seit 33 Jahren diktatorisch regierenden Präsidenten Ali Abdullah Salih.

Die Regierungspartei protestierte gegen die Entführung und wies darauf hin, dass Sudam ein Vertreter der internationalen Presse sei, weil er für eine amerikanische Nachrichtenagentur arbeite. Tatsächlich ist Sudam nicht nur Dolmetscher des Staatschefs, sondern seit Jahren auch freier Mitarbeiter von Reuters. Sein Name steht unter zahlreichen Reuters-Meldungen über die aktuelle Lage im Jemen, die von Medien auf der ganzen Welt übernommen werden.

Die jemenitische Opposition attackierte daraufhin sowohl den Dolmetscher in seiner vermeintlich zwielichtigen Doppelrolle als auch die Nachrichtenagentur. „Schande über Reuters“, schreiben Regimekritiker auf Facebook und Twitter. Und wie glücklich Sudam sich doch schätzen könne, zweimal bezahlt zu werden, „einmal von [Präsident] Salih für das Fälschen von Nachrichten und ein weiteres Mal von Reuters fürs Veröffentlichen“.

Die New Yorker Reuters-Zentrale war sich zunächst keiner Schuld bewusst. Von der Tätigkeit Sudams im Sprachendienst der Regierung habe man gewusst. Die Beiträge des Journalisten Sudam hätten stets die hohen Standards von Reuters erfüllt, weshalb man die Zusammenarbeit fortzusetzen gedenke. Erst als die Proteste der jemenitischen Opposition nicht abebben wollten, gab Reuters nach. Sudam werde künftig keine Berichte mehr über die Situation im Jemen schreiben – wohl aber über andere Länder der Region.

Sudam wurde von den Entführern nach einigen Tagen in Gefangenschaft auf Druck der Regierung und der jemenitischen Journalistengewerkschaft wieder freigelassen. Die Oppositionellen hatten offenbar gehofft, von ihm interne Informationen über das Regime in Sanaa zu gewinnen und ihn gegen inhaftierte Rebellen auszutauschen. Ob der Freilassung ein Kuhhandel zwischen Regierung und Opposition vorausgegangen ist, ist nicht bekannt.

Mohamed Sudam dolmetscht für Rice und Salih
Mohamed Sudam als Dolmetscher bei einer Begegnung zwischen der amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice und dem jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Salih im Jahr 2007 in Washington. Neben Rice dolmetscht offenbar gerade der amerikanische Dolmetscher. Die USA unterstützen den Jemen seit vielen Jahren mit großzügigen Finanzhilfen.

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2003-09-16: „Ich habe Angst.“ Saddams Dolmetscher Sadun Al-Zubaydi blickt in eine ungewisse Zukunft

[Text: Richard Schneider. Quelle: Süddeutsche Zeitung, 2011-11-19. Bild: Quelle nicht ermittelbar.]

Dolmetscher überträgt Rainer Brüderles Reden ins Hochdeutsche

Den Abgeordneten wurde es zu bunt. Ein Dolmetscher überträgt nun die Reden und Aussagen von Rainer Brüderle, dem Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion, simultan ins Hochdeutsche. Auf diese Weise soll der in Landau in der Pfalz aufgewachsene 66-Jährige seine politischen Vorstellungen künftig auch Menschen, die nicht des Pfälzischen mächtig sind, näherbringen.

“Es war einfach nicht mehr auszuhalten”, berichtete Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) dem Postillon. “Der arme Mann versuchte uns seine Politik zu erklären, aber es gelang ihm einfach nicht.” Selbst der Versuch auf die Lippenbewegungen des Politikers zu schauen sei vergeblich gewesen, weil Brüderle “eher durch die Nase kommuniziert”, so der Postillon. Deshalb haben nach Angaben von Lammert die Abgeordneten aller Fraktionen zusammengelegt und einen Simultandolmetscher für die restliche Legislaturperiode engagiert. Laut dem Postillon äußerte sich Rainer Brüderle zu der Maßnahme wie folgt: “So schlümm issisnich. Abe wennd Bundsrio und Bundsdach meinswer nötch, dinn wichichnichim Wech schdehn.”

Brüderles Dolmetscher zufolge sieht Brüderle selbst seine Aussprache als verständlich an. Wenn allerdings die Bundesregierung und der Bundestag der Meinung seien, ein Dolmetscher sei notwendig, dann wolle er nicht im Wege stehen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: satirische Website der-postillon.com, 05.10.2011. Bild: Mathias Schindler (Wikipedia).]

Baden-Württemberg will Deutsch-Test für Polizeidienst vereinfachen

Die Polizei in Baden-Württemberg möchte mehr Migranten beschäftigen – dies sei ein Gewinn für alle. Im kommenden Jahr will Baden-Württemberg insgesamt 1.200 neue Polizisten einstellen. Doch wer zur Polizei möchte, muss einen Deutsch-Test bestehen. Um Einwanderern den Eintritt in den Polizeidienst zu erleichtern, erwägt das baden-württembergische Innenministerium die Prüfungsbedingungen zu ändern bzw. eine deutliche Vereinfachung der Einstellungstests. Ministeriumssprecher Andreas Schanz erklärte dem Nachrichtenmagazin FOCUS, der Test stelle für zahlreiche Bewerber eine große Hürde dar. Aus diesem Grund sollen Bewerber mit einem Sprachkurs besser auf die Prüfung vorbereitet werden. Des Weiteren plane die Behörde von SPD-Minister Reinhold Gall (Bild rechts), dass ein Nicht-Bestehen dieser Prüfung, die sich aus einem Diktat und einem Sprachverständnistest zusammensetzt, “nicht mehr automatisch zum Ausschluss des Bewerbers” führt. Derzeit werde diskutiert, ob Kenntnisse in zusätzlichen Sprachen als Bonus angesehen und somit Schwächen in der deutschen Sprache ausgeglichen werden könnten. Damit sollen die Migranten leichter den Sprung in den deutschen Polizeidienst schaffen.

Seit Anfang der 90er-Jahre haben in Baden-Württemberg etwa 160 Ausländer bei der Polizei angefangen, das heißt also Polizisten mit einer anderen als der deutschen Staatsbürgerschaft. Wie hoch der Anteil der Deutschen mit Migrationshintergrund ist, ist unklar. “Unsere Polizei soll als Bürgerpolizei wahrgenommen werden. Der Bevölkerungsquerschnitt sollte sich dort also auch in etwa wiederspiegeln”, so Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall.

Gall geht davon aus, dass ein höherer Ausländeranteil bei der Polizei auch mehr Kontakt zu Migranten zur Folge habe. Migranten könnten auf diese Weise besser in die Gesellschaft integriert werden. Zudem könnten die häufigen sprachlichen und kulturellen Verständigungsprobleme zwischen Polizei und Migranten besser bewältigt werden. Ausländische Polizisten könnten – sowohl mit ihren kulturellen, als auch mit ihren Sprachkenntnissen – zwischen ihnen und der Polizei als Vermittler agieren. Dies kann auch Peter Wengerek von der Stuttgarter Mordkommission bestätigen. Vor über 20 Jahren ist er aus Polen nach Deutschland gekommen. Mit seinen Polnischkenntnissen hat er schon einige Fälle gelöst, an denen Landsleute beteiligt waren. “Versteht man die Sprache, kann man viel besser auf die Menschen eingehen. So kann man persönlich mit ihnen sprechen und muss nicht über einen Dolmetscher gehen”, erklärt Wengerek.

Früher hatten nur Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft die Möglichkeit, in den Polizeidienst zu gehen und verbeamtet zu werden. Diese Regelung wurde allerdings geändert. Alle EU-Bürger können bei der Polizei beschäftigt werden.

Die Weiterentwicklung der interkulturellen Kompetenz der Polizei ist auch ein Schwerpunktthema bei weiteren Bundesländern wie beispielsweise Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Ein Sprecher des rheinland-pfälzischen Innenministeriums gab das Ziel aus, “die kulturelle Vielfalt in der Polizeiorganisation zu fördern.” Die Migrantenquote bei der Berliner Polizei liegt bei rund neun Prozent. Hier ist Zahl der Polizisten mit Migrationshintergrund relativ hoch. Die Polizei wirbt offensiv in den Schulen und versucht gezielt Migranten davon zu überzeugen, “dass es wichtig ist, sich in der Gesellschaft zu engagieren”, so der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut.

Da im Durchschnitt 30 Prozent aller Kandidaten durch die Sportprüfung fallen, gebe es derzeit beim Ministerium Überlegungen, auch hier die Anforderungen zu senken.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: focus.de, 12.08.2011; swr.de, 19.08.2011; tagesspiegel.de, 28.07.2011. Bild: MWeiss (Wikipedia).]

Afghanistan: Dolmetscher bei Hubschrauberabsturz getötet

In Afghanistan starb am 6. August 2011 ein einheimischer Dolmetscher beim Absturz eines Transporthubschraubers in der zentralöstlichen Provinz Wardak. Neben ihm kamen 30 amerikanische und 7 afghanische Soldaten ums Leben. Für das US-Militär ist dies der schwerste Verlust seit Beginn des Afghanistankrieges im Jahr 2001.

Ein Sprecher der Provinzregierung erklärte, dass die radikal-islamischen Taliban den Transporthubschrauber vom Typ CH-47 Chinook abgeschossen hätten: “Er wurde von einer Rakete, die von Aufständischen abgefeuert wurde, getroffen und vollständig zerstört.”

Die Gewalt in Afghanistan hat zuletzt wieder deutlich zugenommen. Einschließlich der Opfer des Hubschrauber-Absturzes und erneuten Gefechten vom Wochenende kamen 2011 am Hindukusch bislang mindestens 383 ausländische Soldaten ums Leben. Die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) will den Kampfeinsatz in Afghanistan bis Ende 2014 beenden und den afghanischen Sicherheitskräften die Kontrolle übergeben.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: welt.de, 08.08.2011; focus.de, 08.08.2011; stern.de, 08.08.2011. Bild: Arpingstone (Wikipedia).]

Funkstille auf den Kanarischen Inseln: Künftig keine fremdsprachigen UKW-Radiosender

Auf den Kanarischen Inseln müssen alle fremdsprachigen Radios abschalten. Einige haben dies bereits zum 30. Juni 2011 getan. Nach einer Neuvergabe der Radiofrequenzen auf den Urlaubsinseln müssen alle nicht spanischsprachigen Lokalstationen ihren Betrieb einstellen, weil diese keine Genehmigung von der kanarischen Regionalregierung bekommen haben.

“Das ist eine Fehlentscheidung. Gerade auf einer Urlaubsinsel wie Teneriffa muss es doch auch fremdsprachige Programme für Residenten und Urlauber geben”, erklärt Dietmar Hennig, Redaktionsleiter der Zeitung Kanaren Express. Er sieht darin sogar einen Eingriff in die Pressefreiheit. “Die Vielstimmigkeit der Medienlandschaft wird erheblich eingeschränkt.” Zudem dürfe nicht eine staatliche Behörde eine Entscheidung darüber treffen, welche Stationen eine Sendeerlaubnis erhalten. “Solche Entscheidungen sollten von staatlich unabhängigen Instanzen getroffen werden”, so Hennig.

Da es bislang kein richtiges Lizenzierungsverfahren auf den Kanarischen Inseln gab, hatten die Stationen auf Grundlage eines Duldungs- und Gewohnheitsrecht gesendet. Mit dem Lauf der Zeit hatten sich aus diesem Grund immer mehr Sender ausgebreitet, sodass sie sich letztlich gegenseitig in den Frequenzen dazwischenfunkten und sogar der Funkverkehr der Flugzeuge gestört worden sein soll. Die Regionalregierung wollte auf den Kanaren nun wieder Ordnung herstellen.

Bei der Neustrukturierung wurden 156 Frequenzen für die Kanaren ausgeschrieben, nach Kriterien wie Programmplanung, Ausrichtung, Sendevielfalt, Wirtschaftlichkeit, technische Aspekte und Arbeitsplätze. Auf welche Aspekte besonderen Wert gelegt wurde und warum die fremdsprachigen Programme nicht berücksichtigt wurden, bleibt fraglich. Die fremdsprachigen Sender hätten die Kriterien gar nicht erfüllen können, so die Ansicht einiger Kritiker.

Momentan steht kein offizieller Termin fest, an dem alle nicht lizenzierten Radiosender ihren Sendebetrieb einstellen müssen. Theoretisch besteht noch die Möglichkeit des Onlineradios.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: tagesspiegel.de, 17.06.2011; sueddeutsche.de, 30.06.2011. Bild: Zirland (Wikipedia).]