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Archiv der Kategorie Simultandolmetscher

Anja Röger dolmetscht beim Festival des osteuropäischen Films in Cottbus

Vom 1. bis 6.11.2011 fand die 24. Ausgabe des FilmFestivals Cottbus im Staatstheater Cottbus statt. Über 140 Filme aus 33 Ländern Mittel- und Osteuropas wurden vorgestellt, darunter waren 10 Weltpremieren, 7 internationale und 43 deutsche Erstaufführungen. Präsentiert wurden sie hauptsächlich von den Regisseuren, Schauspielern oder Produzenten persönlich.

Anja Röger, seit 1995 freiberufliche Diplom-Dolmetscherin und -Übersetzerin für Französisch und Englisch, war eine von elf Dolmetschern, die dafür sorgten, dass auch Besucher die Filme des Festivals verstanden, die nicht der slowenischen, russischen oder englischen Sprache mächtig waren. Dabei schlüpfte sie in verschiedene Rollen und dolmetschte simultan. Die 40-Jährige saß während der Filmvorstellung in der Sprecherkabine und übersetzte den englischen Text aus ihren Unterlagen passend zur Handlung. In der Stadthalle konnte sie von der Kammer aus durch eine Scheibe auf die Leinwand schauen. Lediglich eine Tischlampe spendete Licht in dem kleinen schwarzen Raum.

Bereits zum 13. Mal ist sie beim Cottbusser Filmfestival dabei. „In den ersten Jahren saß ich noch im Gladhouse zwischen den Zuschauern, um mich herum nur ein Vorhang. Ich durfte nicht zu laut sprechen, das haben ja alle gehört.“ Mittlerweile sei alles, abgesehen von ein paar technischen Problemen, gut organisiert.

Einige Tage vor dem Festival erhielt Anja Röger das Material, zumeist ein englisches Manuskript und die Film-DVDs. Damit bereitete sie sich auf ihren Dolmetscheinsatz vor. Es kam auch schon vor, dass sie drei unterschiedliche Texte pro Film bekam, die sie selbst zusammenordnen musste.

Nicht immer ist es so, dass Übersetzungen abwechslungsreich sind. Oftmals ist genau das Gegenteil der Fall. „Ich bin immer wieder überrascht, dass die Leute das so ertragen. Denn wir sind verwöhnt von perfekt synchronisierten Filmen“, so Röger. Dies könnte das Filmfestival allerdings nicht finanzieren. „Die Filme vorab zu übersetzen und synchronisieren ist zu teuer“, erklärt Karin Fritzsche, Festival-Kuratorin und Verantwortliche für die Dolmetscher. Tagessätze wie bei Konferenzen kann sie nicht zahlen. „Wir sind darauf angewiesen, dass die Leute für uns arbeiten, weil es ihnen Spaß macht.“

Abschließend sagte Anja Röger einige Worte zu den Tücken des Simultandolmetschens: „Bei langen verschachtelten Sätzen oder wenn die Schauspieler alle durcheinanderreden, kommt man ganz schön ins Schwitzen“, erzählt Röger. Hustenanfälle, Lachkrämpfe oder andere Geräuschkulissen irritieren den Zuhörer. „Einmal musste ich bei einem sehr traurigen Film fast losheulen“, erinnert sich Röger.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: lr-online.de, 05.11.2011. Bild: tu-cottbus.de.]

Dolmetscher überträgt Rainer Brüderles Reden ins Hochdeutsche

Den Abgeordneten wurde es zu bunt. Ein Dolmetscher überträgt nun die Reden und Aussagen von Rainer Brüderle, dem Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion, simultan ins Hochdeutsche. Auf diese Weise soll der in Landau in der Pfalz aufgewachsene 66-Jährige seine politischen Vorstellungen künftig auch Menschen, die nicht des Pfälzischen mächtig sind, näherbringen.

“Es war einfach nicht mehr auszuhalten”, berichtete Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) dem Postillon. “Der arme Mann versuchte uns seine Politik zu erklären, aber es gelang ihm einfach nicht.” Selbst der Versuch auf die Lippenbewegungen des Politikers zu schauen sei vergeblich gewesen, weil Brüderle “eher durch die Nase kommuniziert”, so der Postillon. Deshalb haben nach Angaben von Lammert die Abgeordneten aller Fraktionen zusammengelegt und einen Simultandolmetscher für die restliche Legislaturperiode engagiert. Laut dem Postillon äußerte sich Rainer Brüderle zu der Maßnahme wie folgt: “So schlümm issisnich. Abe wennd Bundsrio und Bundsdach meinswer nötch, dinn wichichnichim Wech schdehn.”

Brüderles Dolmetscher zufolge sieht Brüderle selbst seine Aussprache als verständlich an. Wenn allerdings die Bundesregierung und der Bundestag der Meinung seien, ein Dolmetscher sei notwendig, dann wolle er nicht im Wege stehen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: satirische Website der-postillon.com, 05.10.2011. Bild: Mathias Schindler (Wikipedia).]

Günther Haensch 1956: “Junge Mädchen, die um die Jahrhundertwende Gouvernanten geworden wären”

Günther HaenschPapier ist geduldig und so mancher Autor wünscht sich nach Jahren oder Jahrzehnten, bestimmte Dinge nicht geschrieben zu haben. So womöglich auch Prof. Dr. Günther Haensch (88, Bild), emeritierter Professor für angewandte Sprachwissenschaft (Romanistik) der Universität Augsburg. Im zarten Alter von 33 Jahren schrieb Dr. Haensch 1956 in der von ihm über Jahrzehnte herausgegebenen Fachzeitschrift Lebende Sprachen unter der Überschrift „Die gegenwärtige Lage des Dolmetscherwesens und die Berufsaussichten für den Konferenzdolmetscher“:

Weit gefährlicher als die Tendenz zur Marktbeschränkung ist heute die Gefahr, daß der Beruf des Konferenzdolmetschers überlaufen wird. Zuviele Zeitungen und Zeitschriften haben – mit oder ohne Bildbeilagen – über den so lukrativen Beruf des Konferenzdolmetschers, der auch irgendwie par excellence ein Beruf unseres Zeitalters ist, berichtet. Dazu kommt, daß von verantwortungslosen Schulen der Eindruck erweckt wird, es sei ein ungeheurer Bedarf an Konferenzdolmetschern vorhanden. […]

Die Marktlage rechtfertigt einen solchen Andrang keineswegs, denn man kann sagen, daß heute der Markt mehr oder weniger gesättigt ist. Man muß vor allem dagegen ankämpfen, daß alle jungen Mädchen, die um die Jahrhundertwende Gouvernanten geworden wären, heute Konferenzdolmetscherinnen werden wollen. Die negativen Auswirkungen eines solchen ungesunden Andranges von Nachwuchskräften zeigen sich bereits darin, daß junge Mädchen ,,mit Dolmetscherdiplom“ in Zeitungsanzeigen eine Anstellung als ,,Übersetzerin, Korrespondentin oder Erzieherin“ suchen. Kommentar überflüssig!

Die wenigen wirklich qualifizierten Nachwuchskräfte, die ,,geborene“ Konferenzdolmetscher sind und sich mit Leib und Seele diesem manchmal etwas seltsam anmutenden Beruf verschreiben wollen, werden immer ihren Weg machen; für eine größere Anzahl von zusätzlichen Konferenzdolmetschern ist auf dem Arbeitsmarkt einfach kein Platz vorhanden, dessen Gesamtkapazität W. Keiser in seinem oben erwähnten Artikel wohl richtig – für die ganze Welt – auf 400-450 abschätzt. Die sich daraus ergebende Schlußfolgerung ist, daß nur überdurchschnittlich begabte junge Leute noch gewisse Aussichten in diesem Beruf haben. Im übrigen ist es die Aufgabe aller Verantwortlichen, vor allem der Sprachenschulen und Dolmetscherinstitute, ihre Schüler von Anfang an nach anderen Sprachberufen hin zu orientieren, wie dies verantwortungsbewußte Schulen bereits heute tun. Alles andere wäre bei der herrschenden Marktlage so etwas wie Hochstapelei.

Ein weltweiter Bedarf an Konferenzdolmetschern von 400 bis 450? Im Nachhinein ist man immer klüger. Die Zahl der Konferenzdolmetscher hat sich in den vergangenen 50 Jahren vervielfacht. Heute hat allein die AIIC, der elitäre Weltverband der Konferenzdolmetscher, 2.970 Mitglieder. Die Zahl der berufstätigen Simultandolmetscher dürfte um ein Vielfaches höher sein.

Die Einschätzung von Haensch und Keiser aus den 1950er Jahren erinnert ein wenig an die Worte von IBM-Chef Thomas J. Watson , der 1943 gesagt haben soll: „Ich glaube, es gibt einen weltweiten Bedarf an vielleicht fünf Computern.“

Der ansonsten aber von Sachkenntnis geprägte, kluge und nach wie vor treffende Zeitschriftenbeitrag von Günther Haensch kann auf einer Website des Springer Verlags eingesehen werden.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Lebende Sprachen, 1956-01-01. Bild: SDI München.]

Als Dolmetscher bei den Mächtigen der Welt: Wolfgang Ghantus war Diener vieler Herren

Che Guevara, Wolfgang Ghantus: Ein Diener vieler HerrenSalvador Allende, Indira Ghandi, Erich Honecker, Walter Ulbricht, Margaret Thatcher, George Bush sen., Bill Clinton. Wolfgang Ghantus, Jahrgang 1930, kannte sie alle. In 60 Jahren Berufspraxis als Dolmetscher spielte sich seine Arbeit nicht selten vor dem Hintergrund weltpolitischer Ereignisse auf vier Kontinenten ab. Jetzt hat Ghantus seine Lebenserinnerungen verfasst, die in wenigen Tagen als Buch erscheinen.

Anekdotenhaft, aber nie sensationslüstern, charakterisiert er darin viele Figuren der Zeitgeschichte, die seine Auftraggeber waren. Der BILD-Zeitung hat er schon einiges verraten, zum Beispiel über Erich Honecker:

Als ich Honecker 1950 das erste Mal traf, bot er mir eine Camel an. Damals hat er ja noch geraucht wie ein Schlot. […] Ahnung von Fremdsprachen hatte er nicht. Was mich verwundert hat, denn er war ja einige Zeit in der Sowjetunion. Aber sprachlich war nichts zu machen bei ihm. Er war auch kein guter Redner, hat immer nur abgelesen. Er hat monoton gesprochen, ohne Punkt und Komma. Er war furchtbar schwer zu dolmetschen. Seine Frau Margot war da viel besser. Mit ihr hatte ich auch ein persönlicheres Verhältnis. Sie war intelligent und flexibel. Eigentlich war sie all das, was ihr Mann nicht war. […] Honecker selbst hat mich immer geduzt, aber ich musste ihn mit Genosse Staatsratssekretär ansprechen. So formell ist das gewesen.

Über Walter Ulbricht schreibt Ghantus in seinem Buch:

Er war mir erst unsympathisch. Wenn der den Mund aufmachte mit seinem unheimlichen Sächsisch … Aber das war ein oberflächlicher Eindruck. Ich habe hinterher erfahren, dass er mit Stalin immer wieder im Konflikt war, weil die DDR von der Sowjetunion geschwächt und geschröpft wurde bis zum Geht-Nicht-Mehr.

Im Gegensatz zu den meisten DDR-Bürgern konnte Ghantus weltweit reisen. Trotzdem hat er sich nie von seinen Arbeitgebern abhängig gemacht, sondern wahrte seine Unabhägigkeit als freiberuflicher Dolmetscher.

Ghantus hat in Leipzig und Halle Journalistik studiert und spricht Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch. “Entdeckt” hat ihn noch während des Studiums Erich Honecker, der damals Vorsitzender der Freien Deutschen Jugend war. Ghantus begleitete den späteren Staatsratsvorsitzenden auf zahlreichen Auslandsreisen.

Der Verlag kündigt das Werk als “lesenwertes Zeitpanorama” vom Zweiten Weltkrieg bis in unsere heutige Zeit an. Wir sind gespannt.

Über das Buch
Wolfgang Ghantus: Ein Diener vieler Herren. Als Dolmetscher bei den Mächtigen der Welt. Leipzig: Militzke.
Zahlreiche Fotos, 200 Seiten, 13,5 x 22 cm Hardcover, ISBN 9783861898467, 17,90 Euro. Erscheint am 4. Oktober 2011.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: bild.de, 14.09.2011; militzke.de. Bild: militzke.de.]

Prof. Dr. Ingrid Kurz: Mrs. Apollo über das TV-Dolmetschen

Apollo 11Am 8. Juli 2011 hielt Prof. Dr. Ingrid Kurz von der Universität Wien in der Freitagskonferenz des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim der Johannes Gutenberg-Universität Mainz einen Vortrag über das TV-Dolmetschen. Zudem plauderte sie ein bisschen aus dem Nähkästchen.

Kurz einige Angaben zur Person: Prof. Dr. Ingrid Kurz absolvierte ihr Übersetzer-/Dolmetscher- und Psychologiestudium an der Universität Wien und verfasste ihre Dissertation über das Thema Der Einfluss der Übung und Konzentration auf simultanes Sprechen und Hören. Seit dem Jahr 1965 ist sie als freiberufliche Konferenzdolmetscherin tätig und seit 1968 regelmäßig als Dolmetscherin bei Live-Sendungen des Österreichischen Rundfunks (ORF) zu sehen und zu hören. Ihren ersten Einsatz beim ORF hatte sie bei den US-Präsidentschaftswahlen, aus denen der Republikaner Richard Nixon als Sieger hervorging. 1969 dolmetschte sie die erste Mondlandung der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA. Nach all den Jahren, die seitdem vergangen sind, wird sie immer noch als die “Mondfrau” bzw. “Mrs. Apollo” genannt. 1992 habilitierte sie (Venia docendi: Angewandte Dolmetschwissenschaft und Dolmetschdidaktik). Seit zahlreichen Jahren arbeitet sie als Professorin am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien mit folgenden Forschungsschwerpunkten: Konferenz- und Mediendolmetschen, kognitionspsychologische Aspekte des Dolmetschens, Geschichte des Dolmetschens.

In Bezug auf die Entwicklung des Mediendolmetschens berichtete Prof. Dr. Ingrid Kurz Folgendes:

Bereits in den 30er-Jahren wurden Dolmetscher im Hörfunk eingesetzt. Hans Jacob beispielsweise dolmetschte die Hitler-Reden. Mit der Zeit fanden immer mehr Dolmetscher in Österreich Beschäftigung beim Fernsehen. Die Dolmetscheinsätze haben sich insoweit ausgeweitet, als dass Live-Dolmetscher früher für Großereignisse (wie beispielsweise die US-Wahlen oder Mondlandung) engagiert wurden, nun aber ebenso in Bereichen wie Sport, Religion oder Unterhaltung Arbeit finden. Oftmals handelt es sich dabei um kurze Einsätze und damit häufig um fünf bis zehnminütige Interviews in einer Nachrichtensendung, in denen ein Fehler schneller auffällt als auf einer zweitägigen Konferenz. Der Dolmetscher kann sich in diesem Fall also nicht “warmreden” oder “einhören”, sondern muss von Anfang 100 Prozent geben. Allerdings ist in Österreich eine eher rückläufige Tendenz der Dolmetscheinsätze im Fernsehen zu verzeichnen, da die Fernsehsprecher zum Teil über hervorragende Sprachkenntnisse verfügen und selbst übersetzen, wenn dies nötig ist.

Ein guter Fernseh-Dolmetscher steigert das Ansehen der Dolmetscher, da die “normale” Bevölkerung sonst wenig mit Dolmetschern zu tun hat. Ist eine Verdolmetschung jedoch schlecht, hat dies viele negative Auswirkungen sowohl auf den Stand der Dolmetscher als auch auf die Kritiken. Journalisten scheuen sich nämlich nicht davor, Fehler zu kommentieren. Somit sind TV-Dolmetscher der Kritik der Medien, Zuschauer, Kollegen, Bekannten und Studierenden ausgesetzt. Insofern wird von einem Fernsehdolmetscher mehr erwartet als von einem Konferenzdolmetscher, da er bestimmte Erwartungshaltungen der Zuschauer wie zum Beispiel in Bezug auf eine angenehme Stimme, eine flüssige Rede, freies Sprechen, keine Versprecher oder Unterbrechungen sowie selbstverständlich grammatische Richtigkeit und eine akzentfreie Sprache erfüllen muss. “Ems” oder Huster werden nicht toleriert. Ferner fordert das Publikum vom TV-Dolmetscher eine außergewöhnliche Schnelligkeit. Der zeitliche Abstand zwischen dem Original und der Verdolmetschung muss kurz sein. Ein großer time lag ist hier nicht erwünscht.

Eine weitere Schwierigkeit liegt zudem darin, dass die räumlichen Arbeitsbedingungen beim Dolmetschen für das Radio bzw. Fernsehen oft zu wünschen übrig lassen. Häufig sind keine normgerechten, schalldichten Kabinen vorhanden. Stattdessen stellt ein provisorisch umgestalteter Raum den Arbeitsplatz des Dolmetschers dar. Durch die räumliche Distanz zum Ort des Geschehens hat der Dolmetscher keinen Blickkontakt zum Redner und somit auch nicht die Möglichkeit, auf die Reaktionen des Publikums zu achten. Der Dolmetscher kann keine Kommunikationsgemeinschaft aufbauen, denn er sitzt in diesem Fall vor einem Bildschirm, auf dem er das Bild vor Augen hat, das auch der Zuschauer zu Hause im Fernsehen sieht: Ein kleines Bild, ohne eine Großaufnahme des Redners. Letzteres ist für einen Dolmetscher aber von großer Bedeutung und Hilfe, da allein die Mimik und Gestik des Sprechers oftmals Bände spricht.

Oder aber der Dolmetscher befindet sich mitten im Geschehen, d.h. im TV-Studio, wo auch die Fernsehübertragung stattfindet, und ist diversen visuellen und akustischen Störfaktoren ausgesetzt. Bei technischen Problemen ist der TV-Dolmetscher im Zwiespalt, da er dies nicht ohne Weiteres mitteilen kann, ohne die Live-Übertragung zu behindern. Aus diesem Grund schweigen die meisten Dolmetscher, um keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen und versuchen, aus den Wörtern, die sie verstehen, einen Sinn herzustellen und die Zusammenfassung dessen zu dolmetschen. Bei einer TV-Verdolmetschung kommt es eher auf den Sinn als auf die Vollständigkeit an.

Ein weiterer Punkt, im dem sich das Medien- vom Konferenzdolmetschen unterscheidet, ist die häufig kurzfristige Bestellung der Dolmetscher sowie die ungewöhnlichen Arbeitszeiten wegen Zeitverschiebungen.
In diesem Zusammenhang können zwei verschiedene Einsatzfälle genannt werden:

  1. Ein Dolmetscher wird für ein bekanntes, geplantes Ereignis benötigt (z.B. Royal Wedding, Michael-Jackson-Begräbnis). Teilweise erhält der Dolmetscher Material zu der entsprechenden Rede/dem Vortrag.
  2. Ein Dolmetscher muss aufgrund eines unvorhergesehenen, nicht geplanten Zwischenfalls sofort bestellt werden (z.B. 9/11, Tsunami in Japan). Hier wird der Dolmetscher regelrecht ins kalte Wasser geschmissen, hat keine Vorbereitungszeit und ist einem viel größeren Stress ausgesetzt, die Arbeit ist äußerst stressbehaftet, aber auch herausfordernd und extrem spannend.

Nach Prof. Dr. Ingrid Kurz ist der TV-Dolmetscher einem größeren Stress ausgesetzt als ein Konferenzdolmetscher. Dennoch stellte sie sich die Frage, ob Stress objektiv messbar ist. Daher führte sie eine Untersuchung durch, um die tatsächliche Stressbelastung bei Medien- und Konferenzdolmetschern festzustellen. Hierfür wurden der Puls und der Hautleitwiderstand der Versuchsteilnehmer gemessen. Dazu wurden ihnen Elektroden auf den Händen platziert. Das Ergebnis war Folgendes: Der Stress, unter dem TV-Dolmetscher stehen, ist nachweislich höher als der Stress, den Konferenzdolmetscher haben. Nichtsdestotrotz muss ein Dolmetscher mit Stress umgehen können und flexibel sein. Dies gehört schließlich zu seinem Beruf.

Prof. Dr. Ingrid Kurz sagte, dass das Voice-Matching, in dem eine männliche Stimme von einem männlichen Dolmetscher in eine andere Sprache übertragen wird – was in Deutschland gang und gäbe ist – auch in Österreich immer populärer wird. Früher wurde dort kaum darauf Wert gelegt.

Zu guter Letzt erklärte Prof. Dr. Ingrid Kurz, wie man in Österreich überhaupt einen Job als TV-Dolmetscher bekommt. Momentan testet der ORF Dolmetscher, da insbesondere für kurzfristige Großeinsätze ein Dolmetscherpool vorhanden sein muss. In der Prüfung werden die Bewerber auf ihre Mikronfontauglichkeit, d.h. also auf Stressbelastung, Stimme etc. getestet. Ansonsten gestaltet es sich relativ schwierig, eine Arbeit beim Fernsehen zu finden. Wie in Deutschland verhilft meist die Empfehlung eines Bekannten zu einem Auftrag beim Fernsehen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: Freitagskonferenz des FTSK Germersheim, 08.07.2011. Bild: PD-USBCY6-NASAGOOD MORNING AMERICA APOLLO 11 (Wikipedia).]

Ruth Levy-Berlowitz, die Gerichtsdolmetscherin von Adolf Eichmann

Die Wochenzeitung Die Zeit porträtiert die in Dresden geborene und aufgewachsene Ruth Levy-Berlowitz (85), die im Jerusalemer Eichmann-Prozess als Gerichtsdolmetscherin tätig war. Adolf Eichmann war in der Nazizeit Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt. Ab 1961 stand er in Israel als einer der Verantwortlichen für die Judenverfolgung vor Gericht, wurde dort zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Levy-Berlowitz hatte 1952 in Genf die Dolmetscherschule abgeschlossen und war 35, als der Prozess begann. Sie übersetzte aus dem Hebräischen, Englischen und Französischen ins Deutsche. Im Artikel heißt es:

Es gab mehrere Übersetzerteams im Gerichtssaal. Zunächst jenes, das Zeugenaussagen, Statements des Richters sowie Einlassungen Eichmanns und seines Verteidigers ins Hebräische übertrug, in die Prozesssprache. Zudem wurde ins Englische und ins Französische übersetzt. Sowie ins Deutsche, das war die Aufgabe von Ruth Levy-Berlowitz, die sie sich mit einem aus Wien stammenden Kollegen teilte. […]

Die Stimme versagte ausgerechnet am 11.April 1961, dem Morgen des ersten Prozesstages. »Ich bekam hohes Fieber und eine Mandelentzündung. Meine Stimme war weg«, sagt die Übersetzerin. »So etwas ist mir vorher noch nie und nachher nie wieder passiert. Ich bin sicher, dass es psychosomatische Ursachen hatte.« Nach einer Woche konnte sie ihren Platz in der Kabine einnehmen.

Es sei angesichts der emotionalen Belastung nicht leicht gewesen, so Levy-Berlowitz, in diesem Verfahren zu dolmetschen. Das Simultandolmetschen helfe aber dabei, dass sich das Gehörte nicht im Gedächtnis festhaken könne. Man sei darauf konzentriert, die richtigen Worte zu finden und das Tempo einzuhalten. Sie habe sich auf die Tonlage der Zeugen eingestellt, aber auch versucht, deren Emotionalität ein wenig abzuschwächen. Es wäre aber unangebracht gewesen, vollkommen seelenlos und sachlich zu sprechen.

Abends, nach Prozessende, suchten die Dolmetscher gemeinsam eine andere Form der Entlastung, etwas Normales. »Ich war noch nie in meinem Leben so oft in Bars wie in dieser Zeit«, sagt die Frau heute. Sie beschloss, nie wieder solch eine Aufgabe zu übernehmen.

Den vollständigen Artikel können Sie auf der Website der Zeit lesen.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Die Zeit, 2011-04-21.]

Die Herren der Leuchtringe: Das Unternehmen Brähler

Anfänge des modernen KonferenzdolmetschensMikrofon von BrählerMikrofon von Brähler

Die Brähler ICS Konferenztechnik wurde 1958 gegründet und gehört heute zu den größten Anbietern für Konferenztechnik. Auf ihr Konto gehen unter anderem das erste Simultandolmetscherpult, das den Anlass zur Gründung der Firma bot, und eben seit 1985 die rote Leuchtdiode, die um die Mikrophone läuft. Sie entwickelte auch die erste Dolmetscheranlage, die computergestützt funktionierte.Mikrofon von Brähler

Heute arbeiten rund 100 Menschen in Deutschland für das familiengeführte Unternehmen, etwa 250 sind es weltweit. Ein großer Markt ist China, wo technische Unterstützung für das Simultandolmetschen bei Fachkonferenzen sehr gefragt ist. Wenn auch Asien die größten Entwicklungsmöglichkeiten bietet, findet sich Konferenztechnik von Brähler in über 80 Ländern. Im Unterschied zu vielen anderen Anbietern verkauft die Firma aus Königswinter ihre Technik nicht nur, sondern bietet sie auch zur Miete an. Das bringt eine erhöhte Aktivität im Frachtbereich mit sich, zeichnet diesen Dienstleister aber auch als Spezialisten aus. Parallel zum Geschäft wird zudem weiterhin in den Labors entwickelt und an Neuigkeiten getüftelt.

Auf der Website der Deutschen Welle wird das Unternehmen porträtiert.

[Text: Johanna Bietau. Quelle: Deutsche Welle, 2011-03-28; braehler.com. Bild: Brähler.]

Brähler liefert neue Dolmetschlehranlage für Fachhochschule Köln

BrählerDie Fachhochschule Köln ist die größte Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Deutschland. Das Angebot der elf Fakultäten mit 400 Professoren umfasst mehr als 70 Studiengänge aus den Ingenieur-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften: von Architektur über Elektrotechnik und Maschinenbau, Design, Restaurierung, Informationswissenschaft, Sprachen und Soziale Arbeit bis hin zu Wirtschaftsrecht und Medieninformatik.

Das Institut für Translation und Mehrsprachige Kommunikation (ITMK) der Fachhochschule Köln ist auf Hochschulebene nach dem FASK Germersheim der Universität Mainz bundesweit der zweitgrößte Ausbilder in den Bereichen Übersetzen und Dolmetschen. Jährlich bewerben sich rund 1.200 Interessenten auf die rund 270 Plätze des Bachelor-Studiengangs “Mehrsprachige Kommunikation”. In den vier Masterstudiengängen “Fachübersetzen”, “Konferenzdolmetschen”, “Internationales Management und Interkulturelle Kommunikation” sowie “Terminologie und Sprachtechnologie” gibt es ca. 120 Studienplätze.

Das ITMK hat sich für eine neue Dolmetscherlehranlage von Brähler ICS entschieden. Durch die positiven Erfahrungen mit anderen Lehrinstituten im In- und Ausland war es für Brähler kein Problem, eine maßgeschneiderte Dolmetscheranlage für die Fachhochschule Köln anzubieten. Die Prämisse lag auf praxisgerechtem Arbeiten mit den Studenten, unter Live-Bedingungen, wobei die Verantwortlichen für die Ausbildung ihre Forderungen und Anregungen einbrachten. Eine spezielle Softwareoberfläche für den Unterrichtsbetrieb wurde auf individuelle Unterrichtsspezifika angepasst und eingesetzt.

Folgende Punkte waren für die Durchführung wichtig:

  • Steuerung zentral von einem Dozentenplatz
  • Bedienung intuitiv, einfach, mit wenig Schulungsaufwand
  • jeder Student kann einzeln angesteuert werden
  • getrennte Aufnahme Original und Übersetzung steuerbar
  • getrennte Wiedergabe links/rechts mit eigener Lautstärkeregelung
  • aufgenommene Sequenzen sollten schnell abrufbar sein
  • Aufzeichnung im MP3-Format
  • Netzwerkfähigkeit, Anbindung an den hauseigenen Server
  • Möglichkeit der Nacharbeit durch die Studenten

Ein sehr wichtiger Punkt, der auch Bestandteil der Ausschreibung war, ist die Repeat-OR-Funktion. Der Dolmetscher kann sich bei Schnellsprechern oder undeutlicher Aussprache das original gesprochene Wort noch einmal vorspielen lassen.

Projektleiter Andres H. M. Martin erklärt: “Ein wesentliches Ziel für den Einsatz der neuen Anlage ist die Simulation von Live-Konferenzen, um den facettenreichen Konferenzalltag des Simultandolmetschers zu Trainingszwecken so realistisch wie möglich nachzubilden.”

Die gelieferte Dolmetscherlehranlage ist bereits für weitere Ausbaustufen unterschiedlichster Audio- und Videokomponenten vorbereitet.

Komponenten:

  • 1 x 19-Zoll-CDSVAN-Computer/Steuerungs- und Mehrkanal-Recording-PC mit Screen
  • 1 x Steuersoftware
  • 1 x B8-CDSVAN-AD/DA-Wandler
  • 1 x PSU04/Netzteil 16 x DOLV, digitale Dolmetschersprechstelle mit 32 Kanälen und “repeat-OR”
  • 11 x DV9-Teilnehmersprechstelle mit integriertem Sprachenwähler
  • 1 x PV9-Dozentensprechstelle
  • 1 x JVC-1/4-Zoll-3CCD-Pro-HD-Camcorder

www.braehler.com

[Quelle: Pressemitteilung Brähler, 2010-11-08. Bild: Brähler.]

Nürnberger Prozesse: Nach 65 Jahren Gedenkstätte eingerichtet

Auf den Tag genau vor 65 Jahren, am 20. November 1945, begannen die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse - ein Meilenstein in der Geschichte des Völkerrechts und des Simultandolmetschens.

Aus diesem Anlass wird morgen im Nürnberger Justizpalast im Dachgeschoss schräg über dem weltweit bekannten Schwurgerichtssaal 600 eine Gedenkstätte eingeweiht, das “Memorium Nürnberger Prozesse”. Es soll auf 750 Quadratmetern über die Vorgeschichte, den Verlauf und die Folgen der Nürnberger Prozesse informieren.

Die Stadt reagiert damit auf die stetig steigende Besucherzahl. Schon jetzt kamen jedes Jahr durchschnittlich 20.000 Interessierte zur Besichtigung, viele weitere mussten abgewiesen werden. Denn der Saal wird unter der Woche nach wie vor für Gerichtsverfahren genutzt. Außerdem gab es bislang eigentlich nichts zu besichtigen. Die Einrichtung des historischen Gerichtssaals war von der Nürnberger Justiz bereits in den 1960er Jahren demontiert und vernichtet worden.

Die Badische Zeitung schreibt dazu:

Anfang 1960 hatte die alliierte Militärverwaltung den Raum an die bayerische Justiz zurückgegeben. Und die war nun peinlich darauf bedacht, die Spuren der Nürnberger Prozesse zu beseitigen.

“Wir haben alles weggebracht und verbrannt,” erinnert sich Schreinermeister Heinrich von Gemünden, 92, an die Aufräumarbeiten vor 50 Jahren. […] Richterbänke, Dolmetscherkabine, Stehpulte und Tribünenaufbauten warf er auf den Müllhaufen der Geschichte.

“Zerstörung eines welthistorischen Objekts”, nennt der Nürnberger Historiker Alexander Schmidt den Rückbau des Gerichtssaals 600. Die Filmaufnahmen der Hauptkriegsverbrecherprozesse hatten den Raum weltberühmt gemacht, die Bilder der Angeklagten mit den Sonnenbrillen und der Richter vor der verdunkelten Fensterwand sind bis heute auf den Fernsehschirmen präsent. Als am 13. Juni 1960 der erste deutsche Strafprozess im Saal 600 stattfand, sah es dort noch genauso aus wie am Ende der Kriegsverbrecherprozesse 1949. Ein Bild aus den “Nürnberger Nachrichten” macht deutlich, wie wenig die Amerikaner in der Folge verändert hatten. Es ist das letzte fotografische Zeugnis der fahrlässig entsorgten Einrichtung.

“Platzbedarf”, so lautete die offizielle Begründung der bayerischen Justiz für die radikale Umgestaltung des historischen Raumes. Doch es ging auch darum, die Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus und die Justiz der Alliierten auszulöschen. “Der Schwurgerichtssaal soll wieder eine würdige Gerichtsstätte werden und kein Sensationsanziehungspunkt für Ausländer sein”, verleiht ein lokaler Berichterstatter im Frühjahr 1961 dem Zeitgeist Ausdruck.

Zur Eröffnung des kleinen Museums oberhalb des historischen Sitzungssaals werden hochrangige Gäste wie u. a. der deutsche Außenminister Guido Westerwelle, der russische Außenminister Sergej Lawrow und der Zeitzeuge Benjamin Ferencz erwartet. Weitere Informationen über das Veranstaltungsprogramm zur Eröffnung des “Memorium Nürnberger Prozesse” finden Sie in dieser Pdf-Datei.

Geburtsstunde des modernen Dolmetschens

Die Nürnberger Prozesse gelten als Geburtsstunde des modernen Dolmetschens, insbesondere des Simultandolmetschens. Das bis zu diesem Zeitpunkt übliche Konsekutivdolmetschen hätte das Gerichtsverfahren unvorstellbar verzögert und wäre für alle Prozessbeteiligten unzumutbar gewesen. Die bei den Prozessen eingesetzte Simultandolmetschanlage, damals auch “Speech Translator” genannt, wurde von IBM zur Verfügung gestellt. Die Anlage war bereits zwanzig Jahre alt, sodass oftmals technische Probleme aufkamen.

Die Dolmetschkabinen waren verglast, nach oben und hinten offen und somit nicht schalldicht. Die Dolmetscher konnten ihrem Redner über verschiedenfarbige Lampen signalisieren, langsamer oder deutlicher zu sprechen, eine Passage zu wiederholen oder eine Rede zu unterbrechen. Die vier Arbeitssprachen waren Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch. Insgesamt waren 350 Dolmetscher im Einsatz, die meisten davon nicht im Gerichtssaal, sondern im Vorfeld der Prozesse bei der Vernehmung der Angeklagten im Gefängnis hinter dem Gerichtsgebäude und bei der Zeugenbefragung.

Am 30.11.2010 findet in Zusammenarbeit mit dem BDÜ und unter der Leitung von Dr. Theodoros Radisoglou im Sitzungssaal 600 eine Veranstaltung mit dem Simultandolmetscher Siegfried Ramler statt. Der gebürtiger Wiener ist einer der letzten Zeitzeugen der Nürnberger Prozesse. Er war der zuständige Dolmetscher von Hermann Göring, dem Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg. Einen Teil seines Wissens, seiner Erlebnisse und Erfahrungen hat er in dem Buch Die Nürnberger Prozesse: Erinnerungen des Simultandolmetschers Siegfried Ramler festgehalten.

Geburtsstunde des Völkerstrafrechts

In der ersten Runde der Nürnberger Prozesse waren 24 hochrangige nationalsozialistische Minister, Funktionäre und Militärführer angeklagt. Sie mussten sich in vier Punkten verantworten: Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. 12 der 24 Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, sieben erhielten langjährige bzw. lebenslange Freiheitsstrafen und drei wurden freigesprochen.

Anschließend fanden im Schwurgerichtssaal 600 bis 1949 zwölf Nachfolgeprozesse statt, bei denen unter anderem Ärzten und Industriellen der Prozess gemacht wurde. Das internationale Gericht setzte dabei Maßstäbe für die strafrechtliche Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Somit liegen die Wurzeln des Völkerstrafrechts sowie des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag in den Nürnberger Prozessen.
Der Gerichtssaal 600 am 30.09.1946 bei der Urteilsverkündung
Der für die Kriegsverbrecherprozesse umgebaute Schwurgerichtssaal 600 am 30.09.1946: Auf der linken Seite vor den Wachsoldaten die beiden Reihen mit Angeklagten. An der hinteren Wand links die vier offenen Dolmetschkabinen, in der Mitte hinten der Zeugenstand, im Vordergrund das Pult für die Vertreter der Anklage bzw. Verteidigung, auf dem oben rechts gut die beiden Glühbirnen (eine gelbe und eine rote) zu erkennen sind, über die die Dolmetscher den Rednern anzeigen konnten, langsamer zu sprechen bzw. darauf aufmerksam machten, dass die Simultantechnik gerade ausgefallen war, was häufiger vorkam. Auf der rechten Seite das Podium mit den Richtern. Das Foto wurde von der oberen Pressetribüne aus geschossen.

Dolmetschkabinen
Die vier offenen Dolmetschkabinen für die Verhandlungssprachen Englisch (vorne rechts), Russisch (vorne links), Französisch (hinten rechts) und Deutsch (hinten links). Deutlich zu erkennen ist, dass jede Kabine mit drei Dolmetschern besetzt war und dass den deutschen Dolmetschern die schlechtesten Plätze zugewiesen wurden.

Dolmetschteam
Eines der dreiköpfigen Dolmetschteams im Einsatz. Jeder hat einen Kopfhörer und ein Glas Wasser, aber es gibt nur ein Mikrofon und ein Dolmetschpult. Für das Simultandolmetschen im Gerichtssaal standen pro Sprache drei Dreierteams zur Verfügung, die sich abwechselten.

Pressetribünen
Ein Farbfoto aus dem Jahr 1945 zeigt den historischen Gerichtssaal. Im Hintergrund die beiden Pressetribünen, für die eine Wand eingerissen worden war. In der rechten hinteren Ecke ist das Pult der Tontechniker zu erkennen.

Modell Gerichtssaal
Die Amerikaner bei der Planung für die Herrichtung des größten Saales im Nürnberger Justizpalast für die Prozesse: im Vordergrund die Pressetribünen, auf der rechten Seite vor den Fenstern die Richterbank.

Umbau 1945
Ein Bild aus dem Jahr 1945 zeigt, dass die Umbauarbeiten für die Prozesse schon weit fortgeschritten sind.

Der Schwurgerichtssaal 600 heute
Der Schwurgerichtssaal 600 wie er sich heute präsentiert. Lediglich die Wandvertäfelung und die Türeinfassungen lassen erahnen, dass es sich um denselben Raum handelt. Die Nürnberger Justiz hatte Mitte der 1960er Jahre die gesamte Einrichtung vernichtet und den Saal komplett umgebaut. Erst ein halbes Jahrhundert später konnte sie dazu bewegt werden, eine Erinnerungsstätte unterm Dach einzurichten.

Memorium Nürnberger Prozesse
Im Dachgeschoss schräg oberhalb des Gerichtssaals 600, der rechts hinten zu erkennen ist, wird unter dem Titel “Memorium Nürnberger Prozesse” eine Dauerausstellung mit Bild- und Texttafeln eingerichtet. Die wenigen Originalexponate kann man an einer Hand abzählen, denn die gesamte Einrichtung des Saals hatte die Nürnberger Justiz in den 1960er Jahren demontieren und verbrennen lassen.

Mehr zum Thema

2010-11-13: Zeitungsartikel über die Vernichtung der Originaleinrichtung des Saals in den 1960er Jahren
2010-06-10: Simultandolmetschen in Erstbewährung: Der Nürnberger Prozess 1945
2008-01-28: Der Schwurgerichtssaal 600: Vom Welt-Gericht zum Erinnerungsort (sehr ausführlicher Artikel der bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit)
2005-12-10: Der Dolmetscher - Richard Sonnenfeldt und der Nürnberger Prozess
2005-11-20: 60. Jahrestag der Nürnberger Prozesse. Geburtsstunde des Simultandolmetschens

www.memorium-nuernberg.de

Video: Originalaufnahmen Nürnberger Prozesse (auf Deutsch)
Video: Twenty-one Nazi Chiefs Guilty, 1946/10/08 (auf Englisch)

Videos in englischer Sprache über den Dolmetscher Siegfried Ramler und die Nürnberger Prozesse auf YouTube:

[Text: Jessica Antosik, Richard Schneider. Quelle: Badische Nachrichten, 2010-11-13; museen der stadt nürnberg; wiener-bildung.at; welt.de; archive.org; wikipedia.de; YouTube.com. Bilder: Pressematerial der museen der stadt nürnberg zur Eröffnung des Memoriums.]

EU-Dolmetscherin Carlota Jovani im Interview

EU-FlaggeUnter der Überschrift „Gespräch mit einer Dolmetscherin bei der Europäischen Union“ stellt die Thüringische Landeszeitung auf ihrer Kinderseite die Simultandolmetscherin Carlota Jovani vor. Die bei der EU-Kommission beschäftigte Deutsche antwortet auf Fragen wie: „Müssen Sie jeden Tag Vokabeln lernen?“ Ein Auszug:

Bei uns Dolmetschern ist es normal, dass einer fünf Fremdsprachen kann. Manche können auch neun oder zehn. Aber wenn sich jemand als Dolmetscher bei uns bewirbt, reichen Fremdsprachen nicht aus. Man muss auch perfekt die eigene Muttersprache können. Das können nicht alle. Denn viele lesen nicht mehr gerne Bücher und spielen stattdessen lieber Spiele auf dem Computer.

Den vollständigen Artikel können Sie auf der Website der Thüringischen Landeszeitung lesen.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Thüringische Landeszeitung, 2010-07-02. Bild: EU.]