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Archiv der Kategorie Simultandolmetscher

EU-Dolmetscherin Carlota Jovani im Interview

EU-FlaggeUnter der Überschrift „Gespräch mit einer Dolmetscherin bei der Europäischen Union“ stellt die Thüringische Landeszeitung auf ihrer Kinderseite die Simultandolmetscherin Carlota Jovani vor. Die bei der EU-Kommission beschäftigte Deutsche antwortet auf Fragen wie: „Müssen Sie jeden Tag Vokabeln lernen?“ Ein Auszug:

Bei uns Dolmetschern ist es normal, dass einer fünf Fremdsprachen kann. Manche können auch neun oder zehn. Aber wenn sich jemand als Dolmetscher bei uns bewirbt, reichen Fremdsprachen nicht aus. Man muss auch perfekt die eigene Muttersprache können. Das können nicht alle. Denn viele lesen nicht mehr gerne Bücher und spielen stattdessen lieber Spiele auf dem Computer.

Den vollständigen Artikel können Sie auf der Website der Thüringischen Landeszeitung lesen.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Thüringische Landeszeitung, 2010-07-02. Bild: EU.]

Von simultanfähigen Terminologiesystemen, Benennungsteppichen und eskalierenden Semwolken

Jenseits simultanfähiger TerminologiesystemeIn seiner Dissertation entwickelt Christoph Stoll aus in der Praxis beobachteten Arbeitsverfahren ein Modell der Vorverlagerung von Kognition aus der Phase des Simultandolmetschens in die der Vorbereitung: Analog zum Konsekutivdolmetschen werden Texte in der Vorbereitungsphase verstanden, strukturiert und das Ergebnis fixiert oder dem Gedächtnis anvertraut. Die Ergebnisse des so vorgeleisteten Denkaufwandes der Dolmetschstrategien, der Analyse und Segmentierung der Syntax und Argumentationsstruktur von Redemanuskripten, der Wissensaktivierung sowie der Terminologie wird beim Simultandolmetschen abgerufen, wodurch sich die freie, verfügbare Konzentration erhöht.

Der Autor stellt einen detaillierten Arbeitsablauf professioneller Konferenzdolmetscher vor, Methoden der Lexikographie und Verifikation sowie der wortfeldbasierten, konzeptorientierten Terminologieverwaltung, bei der auch Termini vorbereitet werden, die nicht in den Manuskripten vorkommen, mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch bei der Konferenz. Es entsteht ein flächendeckender Benennungsteppich für das Fachgebiet. Dabei helfen Techniken wie ContentMaps, eskalierende Semwolken und mehrdimensionale semantische Felder. Die richtigen Sichtvorlagen und Tools für die Kabine sowie hochleistungsfähige Mnemotechnik unterstützen dabei die Qualität der Arbeit.

Ziel der Untersuchung ist die Neuordnung und Automatisierung der Arbeitsverfahren beim professionellen Konferenzdolmetschen durch die Entwicklung eines onomasiologischen, offenen CAI-Systems auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Modellierung des gesamten Dolmetschprozesses inklusive der Vorbereitungsphase - einer Conference Interpreter’s Workbench, die in allen Phasen des Arbeitsablaufes im Push-Prinzip Informationen vorselektiert, strukturiert anbietet und dadurch viele Arbeitsschritte vereinfacht.

Der Band kann als Anleitung zur Vorbereitung von Dolmetscheinsätzen Verwendung finden, als Anknüpfpunkt für Forscher und Entwickler, sowie als Einblick in die aktuelle Praxis und Zukunft des Dolmetschens bei anspruchsvollen Fachkongressen.

Christoph Stoll (2009): Jenseits simultanfähiger Terminologiesysteme - Methoden der Vorverlagerung und Fixierung von Kognition im Arbeitsablauf professioneller Konferenzdolmetscher. Trier: WVT. 342 Seiten, 33,50 Euro, ISBN 978-3-86821-186-3.

[Text: WVT Verlag.]

Simultandolmetschen in Erstbewährung: Der Nürnberger Prozess 1945

Simultandolmetschen in ErstbewährungDer Nürnberger Prozess 1945 der Siegermächte gegen die Kriegsverbrecher des nationalsozialistischen Deutschlands bietet als eine kulturgeschichtlich erstmalige Leistung der Völkergemeinschaft nicht nur hinreichende Möglichkeiten für juristische, philosophische, ethische, theologische, kulturkritische, historische oder soziologische Reflexionen. Das Buch Simultandolmetschen in Erstbewährung: Der Nürnberger Prozess 1945 bringt die dolmetscherischen Fertigkeiten, die einen zügigen und angemessen funktionierenden Prozessverlauf erst ermöglicht haben, in den Fokus des Interesses: Sprachliche Herausforderungen, kulturelle Spezifika, technisches Können, sprachlich-emotionaler Ausgleich zwischen den Interessengruppen, Verantwortung vor den Parteien im Gericht, Sachkenntnisse und fachliche Eignung zu den Themen, Kompetenz im Simultandolmetschen waren unabdingbare Voraussetzungen dafür. Das Simultandolmetschen steht hier mit der Bürde und Würde seiner prinzipiellen Verantwortung in der forensischen Dolmetschsituation – einem Weltgericht seiner Zeit – vor seiner Erstbewährung.

Das Buch, entstanden anlässlich eines Symposiums im November 2007 zum 120. Jahrestag der Ausbildung in translatorischen Fertigkeiten an der Berliner Universität, der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin, bietet dazu einen umfassenden inhaltlichen Zugang.

Hartwig Kalverkämper, Larisa Schippel (Hg., 2008): Simultandolmetschen in Erstbewährung: Der Nürnberger Prozess 1945. Mit einer orientierenden Einführung von Karl Kastner und einer kommentierten fotografischen Dokumentation von Theodorus Radisoglu sowie mit einer dolmetschwissenschaftlichen Analyse von Katrin Rumprecht. Berlin: Frank & Timme. 336 Seiten, 19,80 Euro. ISBN: 978-3-86596-161-7.

[Text: Frank & Timme. Bild: Frank & Timme.]

Rentnerlücke: EU sucht händeringend Dolmetscher

Dolmetscher im Europäischen Parlament

Bei der Generaldirektion Dolmetschen der Europäischen Kommission läuten die Alarmglocken: In den nächsten fünf bis zehn Jahren gehen viele Konferenzdolmetscher in den Ruhestand. Deshalb sind die Dolmetschdienste der Europäischen Institutionen auf der Suche nach hochqualifizierten Konferenzdolmetschern mit Muttersprache Deutsch, die bei den Sitzungen in Brüssel, Luxemburg und Straßburg dafür sorgen, dass die Kommunikation reibungslos verläuft.

Ein Video-Clip, der heute online geht, soll jungen Menschen in allen deutschsprachigen Ländern Einblick e in die Arbeit der EU-Dolmetscher geben und ihnen Lust auf diesen Beruf machen: “Dolmetschen für Europa – ins Deutsche.”

Warum ist die Lage wie sie ist?

Die Generaldirektion Dolmetschen steht vor einem Generationenwechsel. Ab Mitte der siebziger Jahre– nach dem Beitritt Großbritanniens, Irlands und Dänemarks und nach dem Beitritt Griechenlands 1981 – wurden viele Dolmetscher eingestellt, um den gestiegenen Bedarf zu decken. Diese Generation geht jetzt langsam in den Ruhestand. Damit es bei der Verdolmetschung hochrangiger politischer und technischer Sitzungen in den EU-Institutionen zu keinen Engpässen kommt, muss diese Lücke so rasch wie möglich geschlossen werden.

Warum ist es schwierig, Nachwuchs zu finden?

Wir leben im Zeitalter des Internets, die junge Generation bloggt, chattet und twittert. Briefe schreiben? Bücher lesen? Das ist “out”! Für den Dolmetscherberuf hat das sicht- und hörbare Folgen, denn das Wichtigste ist die Beherrschung der Muttersprache in all ihren Facetten. Doch nicht nur die umfassende Beherrschung der eigenen Sprache wird immer mehr zum Problem: Beim Fremdsprachenlernen dominiert Englisch. Sprachen, die einmal Weltsprachen waren (wie das Französische), haben ihren Status eingebüßt, andere, wie z. B. osteuropäische Sprachen, gelten als schwierig oder exotisch. Dabei sind gerade die vielen verschiedenen Sprachen ein typisches Merkmal der EU und die Förderung dieser Vielfalt ein fester Bestandteil der EU-Politik. Für die GD Dolmetschen der Europäischen Kommission und die Dolmetschdienste der anderen EU-Institutionen bedeutet das, dass es einen Bedarf an allen EU-Amtssprachen gibt.

Dolmetschen für die EU: hervorragende Berufsaussichten

Konferenzdolmetscher sorgen dafür, dass Parlamentarier, Minister, Sachverständige und Delegierte aus allen EU-Mitgliedsländern ohne Sprachbarrieren miteinander kommunizieren können. Sie sind Mittler zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen. Die europäischen Institutionen beschäftigen festangestellte Dolmetscher mit sicherem Arbeitsplatz und guten Karriereaussichten, sowie. Freiberufler, die selbst entscheiden, wann und wo sie für die EU arbeiten.

Gesucht werden junge, motivierte, gut ausgebildete Konferenzdolmetscher die ihre Muttersprache perfekt beherrschen und darüber hinaus noch ausgezeichnete Kenntnisse in mindestens zwei Fremdsprachen (Englisch und eine weitere EU-Sprache) mitbringen, die Interesse an fremden Kulturen und Menschen haben und das Weltgeschehen mit Neugier verfolgen.

Weiterführende Links und Informationen

Generaldirektion Dolmetschen der EU-Kommission
Anwerbeseite auf Facebook
Anwerbeseite auf Twitter
Liste mit europäischen Universitäten und Fachhochschulen, die Simultandolmetscher ausbilden

[Text: EU. Quelle: Pressemitteilung, 2009-11-20. Bild: EU.]

“Ich kann nicht mehr!” Gaddafi-Dolmetscher kollabiert in UNO-Vollversammlung

„Gaddafi redet Übersetzer k.o.“, meldet der Schweizer Blick. „Die Tiraden Gaddafis überforderten ihn: Der Dolmetscher kollabierte“, heißt es auf oe24.at. Der Focus fragt sich: „Übersetzer vom Wortschwall erschlagen?“ NBC verkündet: “Khaddafy’s Rant Caused Translator Meltdown.” Was war denn da los?

Gaddafi bringt eigene Dolmetscher mit und brüskiert UNO-Dolmetscher

Muammar al-GaddafiFür seine erste Rede vor der UNO-Vollversammlung in New York hatte Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi (67) einen eigenen Arabisch-Englisch- und einen Arabisch-Französisch-Dolmetscher mitgebracht. Begründung: Er wolle in einem Dialekt sprechen, den nur libysche Dolmetscher verstehen könnten.

Damit stieß Gaddafi den elitären Dolmetschdienst der Vereinten Nationen vor den Kopf, der allein für Arabisch 25 erfahrene Simultandolmetscher in seinen Reihen hat. Außerdem stellte sich heraus, dass Gaddafi seine Rede keineswegs in einem Dialekt, sondern auf Hocharabisch vortrug.

Rede dauert 95 statt 15 Minuten

Geplant war eine kurze Rede von 15 Minuten Dauer, die ein einzelner und gut vorbereiteter Simultandolmetscher problemlos bewältigen kann. Allerdings redete sich Gaddafi seinen Frust von der Seele und kam letztendlich erst nach 95 Minuten zum Schluss. Dass er vom Leiter der Vollversammlung für die Überziehung nicht zur Ordnung gerufen wurde, lag daran, dass Libyen dieses Jahr turnusgemäß den Vorsitz führt.

„Ich kann einfach nicht mehr!“

Muammar al-GaddafiWährend der Arabisch-Englisch-Dolmetscher zu Beginn der Rede noch ruhig und gelassen spricht, wirkt er im weiteren Verlauf gehetzt und überfordert. Insgesamt hat er drei längere Aussetzer, bei denen er den Faden verliert. In einigen Sprechpausen kann man ein leises Stöhnen vernehmen. Nach 90 Minuten scheint er dann am Ende seiner Kräfte zu sein.

„Ich kann einfach nicht mehr!“, soll er laut New York Post auf Arabisch ins offene Mikrofon gerufen haben. (”I just can’t take it any more,” Khadafy’s interpreter shouted into the live microphone – in Arabic.) Das stimmt jedoch nicht, wie der auf Youtube verfügbare Mitschnitt der MSNBC-Direktübertragung belegt. Wahrscheinlicher ist, dass er den Kollegen in der Kabine signalisierte, ihn doch bitte abzulösen.

Es folgte ein halbwegs professionell durchgeführter fliegender Wechsel zur UNO-Dolmetscherin Rasha Ajalyaqeen (siehe Videodokumentation Teil 9, Minute 5:44). Die Leiterin der arabischen Kabine dolmetschte die verbleibenden fünf Minuten locker, flockig und gut gelaunt. Jedenfalls kicherte sie ins Mikrofon, als Gaddafi verächtlich eine Nahost-Broschüre aufs Pult des Präsidiums warf. Ajalyaqeen fiel das Dolmetschen deutlich leichter als dem vor ihr mit starkem Akzent sprechenden libyschen Kollegen.

Randbemerkung: Die New York Post meldete, dass der Dolmetscher nach 75 Minuten zusammengebrochen sei und die UNO-Dolmetscherin dann die restlichen 20 Minuten übernommen habe. Alle anderen Medien haben diese Daten ungeprüft bei der Post abgeschrieben. Sie sind jedoch falsch, wie der Videomitschnitt von Gaddafis Rede zeigt. Der libysche Dolmetscher warf erst nach 90 Minuten das Handtuch, die UNO-Kollegin übernahm die verbleibenden 5 Minuten.

Kollaps nach 90 Minuten Dauerdolmetschen

Muammar al-GaddafiGaddafis Dolmetscher soll, nachdem sein Mikrofon geschlossen war, vor Erschöpfung zusammengebrochen sein. “‘His interpreter just collapsed – this is the first time I have seen this in 25 years,’ another U.N. Arabic interpreter told The Post.”

Die westlichen Medien berichten überwiegend tendenziös über den Vorfall („irre Endlos-Rede“, „der Wüstensohn quasselte erbarmungslos drauflos“). Sie versuchen damit zu suggerieren, der Dolmetscher sei zusammengebrochen, weil er die „Hasstiraden“ und das „geisteskranke Geschwafel“ (”insane ramblings”) des libyschen Revolutionsführers nicht mehr ertragen habe. Diese These ist wenig plausibel, denn es handelte sich um Gaddafis Leibdolmetscher, den er aus Tripolis mitgebracht hatte. Diesem dürfte das Weltbild seines Vorgesetzten vertraut sein.

Inhaltlich stellt die Rede Gaddafis kein Problem dar. In ihr kritisiert er hauptsächlich den Weltsicherheitsrat als demokratisch nicht legitimierte Weltregierung mit Veto-Recht für die Mächtigen. Allerdings ist der Revolutionsführer kein guter Redner. Trotzdem sprach er ohne Manuskript und orientierte sich lediglich an einem Wust aus Zetteln unterschiedlicher Formate. Dadurch wirkt seine Argumentation häufig zusammenhanglos, aber andererseits auch nicht konfuser und ermüdender als Parteitagsreden deutscher Politiker. „Hasstiraden“ und „geisteskrankes Geschwafel“ enthält der Vortrag nicht. Im Gegenteil: Gaddafi fand viele lobende Worte für den „Sohn Afrikas“, der vor Kurzem ins höchste Amt der USA gewählt wurde. Die weltpolitischen Ansichten des libyschen Staatschefs und seine Vorschläge zur Reform der UNO sind nicht neu und aus Sicht der ohnmächtigen Staaten dieser Welt nachvollziehbar, wofür ihm auch applaudiert wurde.

Sich auf diesen Perspektivwechsel für die Dauer einer Rede einzulassen, kann für Dolmetscher nur interessant und intellektuell anregend sein. Hinzu kommen die unbestrittenen theatralischen Qualitäten des Revolutionsführers. So zerriss er mit großer Geste einige Seiten der UN-Charta, weil sie seiner Ansicht nach das Papier nicht wert ist, auf das sie gedruckt wurde. Am Redner und dem Inhalt seines Vortrags kann es also nicht gelegen haben, dass der Dolmetscher kollabierte.

Das Problem für Gaddafis Dolmetscher war, dass die Rede nicht wie geplant 15, sondern 95 Minuten dauerte und in der Kabine keine Ablösung vorgesehen war. Außerdem hatte der libysche Sprachmittler nicht die Klasse und die Erfahrung der UN-Dolmetscher. Dass er überhaupt 90 Minuten durchhielt, ist eine geradezu übermenschliche Leistung. Normalerweise wechseln sich bei Vorträgen dieser Art und Länge zwei Dolmetscher alle zehn bis zwanzig Minuten ab.

Die Rache der UNO-Dolmetscher

Muammar al-GaddafiGaddafi hat den Fehler gemacht, die Dolmetscher der UNO zu brüskieren, indem er eigene Sprachmittler mitbrachte. Gegenüber der New York Post erklärte ein UNO-Dolmetscher selbstbewusst: “This is the best team in the world.” Und er nannte augenzwinkernd einen weiteren Grund, warum Staatschefs gut beraten seien, den UN-Dolmetschdienst zu nutzen: “Most heads of state prefer to use U.N. interpreters because then – no matter what happens – they can blame the interpreter.”

Die in ihrer Ehre verletzte Dolmetsch-Elite, die nie länger als 20 Minuten am Stück arbeitet, erzählte die peinliche Geschichte vom Zusammenbruch des libyschen Kollegen dann brühwarm der Presse, in diesem Fall der New York Post. Ein klarer Verstoß gegen das Verschwiegenheitsgebot in den berufsständischen Regelungen des UNO-Sprachendienstes und des internationalen Konferenzdolmetscherverbandes AIIC.

Lehrstück für Dolmetscherausbildung

Muammar al-GaddafiDer Vorfall ist auf jeden Fall ein Lehrstück. Er zeigt, dass man auch bei kurzen Vorträgen immer mindestens zwei sich abwechselnde Dolmetscher einsetzen sollte, dass der Redner seine Zeit nicht maßlos überziehen sollte und vor allem, dass man niemals die Dolmetschtruppe des Veranstalters brüskieren sollte.

Außerdem wissen wir jetzt, wie lange ein einzelner Simultandolmetscher am Stück arbeiten kann, bis die Synapsen versagen: 90 Minuten. Man sollte dem bislang namenlosen libyschen Kollegen einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde widmen.

Ausbildungsinstitute für Konferenzdolmetscher täten gut daran, die unten aufgeführten Videos herunterzuladen und auf DVD zu sichern. Sie ließen sich dann bei Gelegenheit im Unterricht verwenden. (Ob das Material lange online verfügbar bleibt, ist fraglich.)

Videodokumentation: Die Rede von Muammar al-Gaddafi vor der UNO-Vollversammlung am 23.09.2009 in ihrer englischen Verdolmetschung

Teil 9 enthält bei Minute 5:44 den Wechsel vom libyschen Dolmetscher zur UNO-Dolmetscherin Rasha Ajalyaqeen.

Teil 1 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=VvOo5LK22sg
Teil 2 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=rD5IOPeAbc0
Teil 3 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=QjjICLYDKlg
Teil 4 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=Y0MxuRiDq10
Teil 5 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=c-u1TxWArzg
Teil 6 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=hpQ6aFqprds
Teil 7 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=E7PbMTVwlqw
Teil 8 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=4WXG–3l3q4
Teil 9 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=Xe0eNHBORvE

[Text: Richard Schneider. Quelle: Blick, 2009-09-25; oe24.at, 2009-09-25; ORF, 2009-09-25; New York Post, 2009-09-24; NBC, 2009-09-24; Spiegel, 2009-09-26; Times; Focus, 2009-09-26; Süddeutsche Zeitung, 2009-09-26. Bild: UNO.]

Dolmetscher als Experten für Halbwissen: Marcus Grauer im Porträt

Marcus Grauer, 37 Jahre alt, Diplomdolmetscher für Deutsch, Englisch und Spanisch, kommt den Vertretern aus Politik und Wirtschaft nicht nur näher als die meisten. Er ist außerdem Experte für Halbwissen.“ Das schreibt eine Tageszeitung, die mit Grauer aus Anlass der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin gesprochen hat. Grauer dolmetschte dort bei der Eröffnungspressekonferenz.

Meist arbeite er in der Politik, etwa für eine Delegation aus Bangladesch im Potsdamer Landtag und dem Institut für Klimafolgenforschung, für Vertreter aus Hongkong in Müllverbrennungsanlagen oder für Ministerpräsident Matthias Platzeck beim G8-Finanzministertreffen in Potsdam. Rund zehn Tage im Monat sei Grauer auf Konferenzen im Einsatz, wobei die Vorbereitung aber mindestens noch einmal dieselbe Zeit in Anspruch nehme.

Auf die Reporterin scheint Grauer Eindruck gemacht zu haben. Sie schwärmt von ihrem Objekt der Berichterstattung: „groß“, „blond“, „die blauen Augen halten prüfenden Blicken stand, seine Hände sind ruhig“, „Marcus Grauer ist dezent und geübt in diplomatischen Aussagen“.

Den vollständigen Artikel mit dem Titel „IFA: Die Stimme aus der zweiten Reihe. Als Dolmetscher übersetzt Marcus Grauer auf Konferenzen und Messen“ können Sie in der Märkischen Allgemeinen lesen.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Märkische Allgemeine, 2009-09-03.]

Von Chruschtschow bis Gorbatschow: Interview mit Dolmetscher Viktor Sukhodrev

 Viktor Sukhodrev, Andrei Gromyko

Viktor Sukhodrev (77) arbeitete als Dolmetscher des sowjetischen Außenministeriums von 1956 bis 1994 auf höchster Ebene für Spitzenpolitiker wie Chruschtschow und Breschnjew. Dabei lernte er acht amerikanische Präsidenten persönlich kennen, am intensivsten Richard Nixon. Das Bild oben zeigt ihn im Jahr 1961, als er für den sowjetischen Außenminister Andrei Gromyko bei einer Unterredung mit dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy dolmetschte. Sukhodrev wurde in Litauen geboren und verbrachte sechs Jahre seiner Kindheit in London. Zuletzt arbeitete er auch für Michail Gorbatschow, der in Russland nicht als guter Redner gilt. Ein Teil von „Gorbis“ Popularität im Westen wird der hervorragenden Arbeit seiner Dolmetscher zugeschrieben.

Der russische Fernsehsender Russia Today (RT) hat vor Kurzem zwei Interviews mit Sukhodrev in englischer Sprache geführt. RT ist ein 2005 gegründeter und staatlich finanzierter Fernsehsender mit Sitz in Moskau, der sich in englischer Sprache an ein internationales Publikum wendet.

Sukhodrev-Interview 2

Video 1: Interview mit Sukhodrev aus Anlass des Obama-Besuchs 2009 in Moskau (7:23 Minuten)

Sukhodrev-Interview 1

Video 2: Spotlight: General of Interpreters. Viktor Sukhodrev als Gast von Al Gurnov in der täglich ausgestrahlten Gesprächsrunde Spotlight (25:02 Minuten)

[Text: Richard Schneider. Quelle: RT. Bild: RT.]

Der Simultandolmetschprozess - eine empirische Untersuchung

Wörrlein SimultandolmetschprozessSimultandolmetschen ist ein komplexer kognitiver Vorgang, in dessen Verlauf zahlreiche Prozesse gleichzeitig bewältigt und koordiniert werden müssen. Dies erfordert vom Dolmetscher den gezielten Einsatz simultanspezifischer Strategien, die mit entscheidend für die Qualität der gesamten Dolmetschleistung sind.

Wie sehen diese Strategien aus? Welche Strategien werden bevorzugt in welchen Situationen eingesetzt und welche bedingen sich gegenseitig? Benötigen sie viel oder sparen sie viel Verarbeitungskapazität ein?

Auf diese und weitere Fragen gibt die vorliegende Arbeit detaillierte Antworten. Das Hauptaugenmerk wird dabei nach der Erläuterung des Simultandolmetschprozesses anhand des Modells von Barbara Moser-Mercer auf die verstehensstützenden Strategien Antizipation, Inferenzieren, Segmentierung und Wissensaktivierung gelegt.

Marion Wörrlein hat ihren Abschluss als Diplomdolmetscherin im Jahr 2006 am FASK in Germersheim gemacht und arbeitet seitdem als Dolmetscherin und Übersetzerin bei der internationalen Einkaufszentrale Agenor in Genf.

Marion Wörrlein (2007): Der Simultandolmetschprozess: Eine empirische Untersuchung. Hannover: Meidenbauer. 148 Seiten, 22,90 Euro, ISBN: 978-3899751017.

[Text: Meidenbauer Verlag. Quelle: Meidenbauer Verlag. Bild: Meidenbauer Verlag.]

Brähler modernisiert Dolmetschlehranlage der Uni Heidelberg

Dolmetscherpult DOLV

Das Seminar für Übersetzen und Dolmetschen (SUED) des Instituts für allgemeine und angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft (IASK) an der neuphilologischen Fakultät der Universität Heidelberg ist seit Jahrzehnten eine feste Größe unter den wenigen Ausbildungsstätten für Konferenzdolmetscher. Die Absolventen arbeiten simultan und konsekutiv auf höchster Ebene bei Bundesministerien, internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen und der Europäischen Union sowie freiberuflich bei Aufsichtsratssitzungen, Bilanz-Pressekonferenzen oder wissenschaftlichen Fachkonferenzen.

Im historischen Seminargebäude im Herzen der Heidelberger Altstadt wurde die Dolmetschtechnik nun umfassend modernisiert. Heidelberg will damit seine Position unter den führenden Ausbildungsstätten festigen und für die Zukunft gerüstet sein. Neben den bisherigen Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch und Portugiesisch sollen weitere angeboten werden, wie etwa im neuen MA-Studiengang “Konferenzdolmetschen Japanisch”.

Seit über einem Vierteljahrhundert hatte das frühere “Institut für Übersetzen und Dolmetschen” mit einer Anlage von Brähler ICS gearbeitet. Ein Foto des alten Dolmetscherarbeitsplatzes finden Sie im Uepo-Artikel “Neuer Studiengang in Heidelberg: Konferenzdolmetscher Japanisch/Deutsch“. Durch die aktuellen Anforderungen und den technischen Fortschritt wurde eine Renovierung und Erweiterung erforderlich. Der Auftrag wurde ausgeschrieben und Brähler erhielt den Zuschlag.

Brähler ICS installierte eine Ausrüstung nach dem neuesten Stand der Technik, die sich auf unterschiedlichsten Konferenzveranstaltungen bereits bewährt hat. Dazu gehört das System CDSVAN, bei dem es sich um die Verknüpfung eines Konferenzsystems (Congress Data System) mit einer digitalen Audiobearbeitung in Echtzeit (Virtual Audio Network) handelt. Während bei konventionellen Konferenzsystemen neue Funktionen und Erweiterungen meist nur durch die Anschaffung neuer Hardware eingeführt werden können, ist dies bei CDSVAN hauptsächlich auf Software-Basis möglich. CDSVAN arbeitet ohne jede Audiokomprimierung und bietet damit den Nutzern eine einzigartige Sprachqualität auf allen Sprachkanälen. Darüber hinaus ist CDSVAN das weltweit einzige Konferenzsystem mit einer offenen Architektur. Komplexe Systeme mit Multi-Room-Management, einer Steuerung der Funktionalitäten via IP-Netzwerk oder auch einer Anbindung an andere technische Systeme lassen sich so problemlos realisieren. Alle Sprachsignale können in beliebigen Formaten (AES-EBU, S/PDIF, ADAT, ASIO, WAV etc.) an beliebigen Schnittstellen zur Verfügung gestellt werden. Das Dolmetscherpult DOLV (Bild) wurde in Abstimmung mit Dolmetschern entwickelt und bietet mit seiner aufgeräumten Bedienoberfläche einen hohen Arbeitskomfort.

Mit dieser Dolmetschlehranlage können die Studenten realistisch auf Ihr Berufsleben vorbereitet werden. Der Dozent kann jeden Studenten einzeln abhören, die Beiträge werden im MP3-Format aufgezeichnet und an den hauseignen Server übertragen. Somit stehen diese den Studenten für weitere Übungen bzw. Verbesserungen digital zur Verfügung.

Brähler ICS Konferenztechnik International Congress Service AG
Die Anfänge von Brähler ICS reichen bis ins Jahr 1958 zurück, als Helmut Brähler in Bonn seine ersten Simultan-Dolmetscheranlagen entwickelte und baute. Seine Firma nannte er Brähler Konferenztechnik. Brähler ICS gilt als einer der Erfinder der Konferenztechnik. Innerhalb weniger Jahre konnte sich Brähler Konferenztechnik aufgrund der Kombination von hochwertiger Konferenztechnik und zuverlässigem Mietservice eine feste Marktposition in Europa erobern. Durch technische Innovation und Kundennähe setzte die schnell wachsende Firma neue Standards im Bereich der Konferenztechnologie.
Heute entwickelt und verkauft Brähler Simultandolmetscher-, Mikrofon- und Abstimmungssysteme auf der ganzen Welt. Über Niederlassungen, Tochtergesellschaften und das weltweite BRÄHLER ICS NETWORK können die Konferenztechniksysteme gemietet werden. Die Erfahrungen aus der täglichen Praxis der Mieteinsätze und Kundenanforderungen fließen direkt in die Entwicklung neuer Systeme ein.

www.braehler.com

[Text: Brähler ICS. Quelle: Pressemitteilung Brähler ICS, 2009-06-18. Bild: Brähler ICS.]

Interview mit EU-Dolmetscherin Anja Rütten

EU-Flagge“In der EU gibt es offiziell 23 verschiedene Amtssprachen. Damit die Kommunikation der Parlamentarier trotzdem reibungslos verläuft, beschäftigt die Gemeinschaft ein Heer von Dolmetschern. Anja Rütten aus Düsseldorf ist eine von ihnen. Die 35-jährige Diplomdolmetscherin übersetzt vom Spanischen, Englischen und Französischen ins Deutsche - und bei der EU niemals umgekehrt, denn dort gilt das Muttersprachlerprinzip: Jeder Dolmetscher darf nur in seine eigene Sprache übersetzen. Bei außergewöhnlicheren Sprachkombinationen, etwa wenn das Lettische ins Slowenische übertragen werden muss, arbeiten sie und ihre Kollegen mit einem System von sechs ‘Relaissprachen’: Die selteneren Sprachen werden zunächst ins Englische, Französische, Deutsche, Italienische, Polnische oder Spanische gedolmetscht und dann erst in die ‘Zielsprache’.” So leitet die Süddeutsche Zeitung ein Gespräch mit Dr. Anja Rütten über die Berufspraxis der für die EU-Institutionen arbeitenden Simultandolmetscher ein.

Rütten hat in Saarbrücken studiert und promoviert. Von 2004 bis 2006 war sie Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Köln. Nach einigen Jahren als Angestellte in der Wirtschaft arbeitet Sie heute freiberuflich unter anderem für die EU. Auf ihrer Website schreibt sie: “Meine Arbeitssprachen sind neben meiner Muttersprache Deutsch vor allem Spanisch als aktive Fremdsprache sowie Englisch und Französisch als passive Fremdsprachen. Somit übersetze ich und dolmetsche simultan und konsekutiv aus dem und ins Spanische sowie aus dem Englischen und Französischen.”

Das Interview können Sie in der Süddeutschen Zeitung lesen, die Website von Anja Rütten finden Sie unter www.sprachmanagement.net.