Hieronymus ist schuld: So kam der Osterhase in die Bibel

Klippschliefer
Ihm fehlen die langen Ohren, aber ansonsten könnte man den Klippschliefer durchaus mit einem wohlgenährten Hasen oder Kaninchen vergleichen. - Bild: Marcel Langthim / Pixabay

Der Osterhase versteckt zu Ostern die Ostereier im Garten, das weiß jedes Kind. Doch was hat der Hase eigentlich mit Ostern zu tun, dem Fest der Auferstehung Jesu Christi? Ist der Osterhase nicht ein heidnisches Symbol?

Ja, aber nicht nur. Auch die Christenheit kann sich auf den Hasen berufen, der bereits in Gleichnissen des Alten Testaments erwähnt wird. Allerdings beruht sein Textvorkommen auf einem Übersetzungsfehler oder besser gesagt dem Austausch einer afrikanischen Tierart durch eine europäische bei der Lokalisierung des Textes.

Kirchenvater Hieronymus hat mit der Vulgata die über Jahrhunderte maßgebliche Bibelübersetzung der katholischen Kirche erstellt. Er führte den Hasen in die Heilige Schrift ein. Als der polyglotte Gelehrte im vierten Jahrhundert die Bibel ins Lateinische übersetzte, verwendete er in einigen Versen die Wörter lepus und lepusculus, also Hase bzw. Häschen.

In der Bibel heißt es, diese Tierart gehöre zu den Kleinsten auf Erden und sei ein „schwaches Volk“. Aber so, wie diese Tiere ihr „Haus“ in Felsgestein bauen, so sollen auch die Menschen ihr Leben auf ein festes Fundament stellen, den Glauben an Gott. Auch in Psalm 104, Vers 18, wird in älteren Übersetzungen von Hasen oder Kaninchen gesprochen, die in Felsklüften Zuflucht finden wie der Mensch bei Gott: „Die hohen Berge sind der Gemsen Zuflucht, und die Steinklüfte der Kaninchen.“

Nanu? Seit wann machen es sich Hasen und Kaninchen denn auf nacktem Fels statt in Erdmulden oder Erdbauen gemütlich? Da stimmt doch etwas nicht. Und in der Tat geht es in den Urtexten gar nicht um die Hoppeltiere.

In den Urtexten ist vom Klippschliefer die Rede, nicht vom Hasen

Volkmar Wirth, früherer Direktor des Naturkundemuseums Karlsruhe, sagt, dass in der Bibel ursprünglich keine Hasen vorkamen. In den hebräischen Texten des Alten Testaments ist hingegen vom shaphan, dem Klippschliefer, die Rede. Dieser wird auch als Wüstenschliefer oder Klippdachs bezeichnet. Sein Lebensraum sind felsige Regionen in Afrika und Westasien. In Europa sind sie nicht heimisch.

Klippschliefern fehlen die langen Ohren (Löffel) von Hase und Kaninchen. Auf den ersten Blick wirken sie wie pummelige Kaninchen oder Murmeltiere. Trotz dieser Ähnlichkeiten in Größe, Körperbau und Fellfarbe sind Klippschliefer aber eher mit Elefanten und Seekühen verwandt.

Bei der Übersetzung für seine europäische Leserschaft hat Hieronymus offenbar bewusst die in unseren Breiten unbekannte Tierart Klippschliefer durch eine ähnlich aussehende Spezies ersetzt, die jedermann geläufig war: den Hasen.

Und so hoppelten jahrhundertelang Hasen und Kaninchen durch die Bibel. Erst in neueren Übersetzungen liest man vom Klippschliefer oder Klippdachs.

Der Hase als Symbol der Fruchtbarkeit und Auferstehung

Neben dem Bezug zu Bibeltexten existiert eine noch ältere Deutung des Hasen als Symbol der Fruchtbarkeit und Auferstehung. Bis heute gibt es jedoch keine schlüssige Erklärung dafür, warum der Hase als Säugetier zu Ostern ausgerechnet Eier bringt.

„Wie es zum eierlegenden Osterhasen kam, wird wohl nie ganz ergründet werden“, so Volkmar Wirth. Er zitiert den Pfarrer und Dichter Eduard Mörike, der im Jahr 1847 schrieb: „Sophisten und die Pfaffen stritten sich mit viel Geschrei: Was hat Gott zuerst erschaffen, wohl die Henne, wohl das Ei? – Wäre das so schwer zu lösen? Erstlich ward ein Ei erdacht, doch weil noch kein Huhn gewesen, Schatz, so hat’s der Has gebracht.“

[Text: Jessica Antosik. Quelle: Ludwigsburger Kreiszeitung, 07.04.2012; bibel-online.net.]