Deutsch als Wissenschaftssprache: Kampf dem „Globalesisch“?

Englisch ist mittlerweile die anerkannte Sprache in der Wissenschaft. Die Globalisierung führt Forscher vieler Nationen zusammen, deren kleinster gemeinsamer Nenner die englische Sprache ist. Die Konsequenz: Pidgin-Englisch verdrängt traditionelle und entwickelte Wissenschaftssprachen.

Das Deutsche, das sowohl in den Naturwissenschaften wie in den Geisteswissenschaften vom 19. bis in das 20. Jahrhundert (zumindest teilweise) vorherrschende Wissenschaftssprache war, hat diesen Rang inzwischen stark eingebüßt. Seminare oder wissenschaftliche Besprechungen, die nicht mehr in der Muttersprache abgehalten werden, verflachen. Doch nicht nur Verständigungsschwierigkeiten machen Studenten und Hochschullehrern zu schaffen. Sprache vermittle auch eine emotionale Bindung an einen Gegenstand. Und je abstrakter eine Disziplin sei, desto mehr lebe sie von dieser Beziehung. Die Beschränkung auf Englisch als lingua franca gehe mit einer kognitiven Beschränkung einher – so die weit verbreitete Meinung der Deutsch-Verfechter.

Nun plädieren Forschungseinrichtungen hierzulande für Mehrsprachigkeit in den Wissenschaften – und für mehr Übersetzungen englischsprachiger Publikationen ins Deutsche. Sie fordern, Deutsch als Wissenschaftssprache zu beleben.
Der Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache e. V. (ADAWIS) verfasst seit Jahren Petitionen und macht Lobbyarbeit in Hochschulen, Wissenschaftsorganisationen sowie Ministerien. Der Kern der Botschaft lautet: Das Englische habe zwar große Bedeutung als internationale Verständigungssprache. Dies dürfe allerdings nicht dazu führen, dass das Deutsche „auch im Inland aus dem Wissenschaftsbetrieb verdrängt und damit für die Vermittlung ganzer Wissensgebiete unbrauchbar wird“. Der Berliner Linguist Jürgen Trabant bezeichnet das Wissenschaftsenglisch, das von Nicht-Muttersprachlern gesprochen werde, verächtlich als „Globalesisch“.

Die Bewegung, Deutsch als Wissenschaftssprache zu etablieren, verzeichnet Erfolge: So haben sich der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), die im wissenschaftlichen Austausch aktive Alexander-von-Humboldt-Stiftung sowie die Hochschulrektorenkonferenz in jüngster Zeit verpflichtet, die Pflege des Deutschen zu stärken.

Trotz aller Bemühungen, die derzeit angestellt werden, sind einige der Ansicht, dass der Zug bereits abgefahren sei. Die Zoologin Brigitte Jockusch von der TU Braunschweig vertritt beispielsweise diese Meinung. Sie erklärt, dass es für deutsche Lebenswissenschaftler aussichtslos und geradezu karriereschädigend sei, bei Konferenzen oder Publikationen zum Deutschen zurückzukehren.

Andere sagen, es sei nicht sinnvoll, Deutsch als „zweite“ Wissenschaftssprache zu forcieren, da sich die Adressaten naturwissenschaftlicher Originalpublikationen zu 90 Prozent im Ausland befinden. Der beste Schutz vor englischen Kontaminationen der Alltagssprache sei im Gegenteil, wenn möglichst viele Deutsche sehr gut Englisch sprechen. Wer zwei Sprachen gut beherrsche, halte sie sauber auseinander.

Im Zusammenhang mit dem Thema „Deutsch als Wissenschaftssprache“ folgt ein Hinweis auf das kürzlich erschienene Buch mit dem Titel Deutsch in der Wissenschaft. Ein politischer und wissenschaftlicher Diskurs. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, warnte bei der Buchvorstellung im Dezember 2012 die deutsche Wissenschaft vor der Selbstaufgabe: „Je weniger in der Wissenschaft Deutsch gesprochen wird, umso weniger wird die Gesellschaft über Wissenschaft sprechen.“ Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse unterstrich in seinem Beitrag zum Buch außerdem, dass der Kontakt zwischen der Wissenschaft und dem Bürger durch die Anglisierung verloren gehe. Der Grund: Die wissenschaftliche Elite in Deutschland hege „ein Verhältnis der Verachtung“ für ihre Muttersprache.

Hier der Klappentext des Buches:

Hat Deutsch als Wissenschaftssprache eine Zukunft? Welche Konsequenzen hat die Rolle des Englischen als einer Lingua franca? Wie ist die kommunikative Realität in den verschiedenen Wissenschaften, und welches Interesse hat die Gesellschaft an der Sprachwahl? Gibt es dabei eine individuelle Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeit? Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft formulieren dazu Analysen, Positionen, Argumente und Erfahrungen. Vertreten sind unterschiedliche politische Richtungen und das weite Fächerspektrum der Wissenschaften sowie kritische Kommentare aus dem Ausland. Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte über die Situation der deutschen Sprache.

Heinrich Oberreuter, Wilhelm Krull, Hans Joachim Meyer, Konrad Ehlich (Hg.): Deutsch in der Wissenschaft. Ein politischer und wissenschaftlicher Diskurs. Olzog Verlag, München, 2012. 288 S., ISBN: 978-3-7892-8216-4 , 29,90 Euro.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: tagesspiegel.de, 5.12.2012; zeit.de, 25.01.2011.]