Sprachliche Rassismen vermeiden – Andreas Nohl zur Neuübersetzung von “Vom Wind verweht”

Vom Wind verweht, Andreas Nohl
Kein rassistisches Buch, aber eines, in dem Rassisten vorkommen, die wie Rassisten reden. Andreas Nohl erläutert, wie man als Übersetzer damit umgeht. - Bild: Verlag Antje Kunstmann, Helmut Nien

Im Januar 2020 ist mit Vom Wind verweht im Verlag Antje Kunstmann die erste Neuübersetzung des Südstaaten-Epos seit 83 Jahren erschienen. Margaret Mitchells Gone With the Wind lag bislang nur in der 1937 herausgegebenen Erstübersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach vor.

Andreas Nohl hat das Buch gemeinsam mit seiner Frau Liat Himmelheber neu ins Deutsche übertragen – in einem schnörkellosen, journalistischen Stil, der dem der Autorin Margaret Mitchell sehr viel näher kommt als die frühere Übersetzung.

Der Roman spielt in Zeiten von Sklaverei und Rassentrennung. Und natürlich fällt allenthalben das N-Wort. Wie geht man als Literaturübersetzer damit um? Handelt es sich wegen Inhalt und Sprache gar um ein rassistisches Buch? Nohl dazu in der Frankfurter Rundschau:

Ich hätte den Roman nicht übersetzt, wenn es ein rassistischer Roman wäre. Das ist er nicht. Im Roman kommen Rassisten vor, und die Rassisten reden auch wie Rassisten. Aber Mitchell legt großen Wert darauf, dass die Erzählerstimme selbst nicht rassistisch ist.

Mit der Problematik einer rassistischen Sprache sehen sich viele Literaturübersetzer konfrontiert – gerade bei der Neuübertragung von Klassikern. Andreas Nohl schildert im folgenden Gastbeitrag, welche Schwierigkeiten in diesem konkreten Fall zu bewältigen waren und für welche Lösungswege man sich entschieden hat.

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Dem Originaltext und den stilistischen Intentionen der Autorin gerecht werden

Margaret Mitchell
Margaret Mitchell starb bei einem Autounfall im Alter von 48 Jahren. – Bild: Pictorial Press

Es gab bisher im Deutschen nur eine Übersetzung: Vom Winde verweht von Martin Beheim-Schwarzbach, erschienen bereits 1937 im Henry Goverts Verlag, Hamburg. Es versteht sich von selbst, dass diese Übersetzung ihre Meriten hat und jede Neuübersetzung auch immer ihren Vorgängern etwas verdankt (und sei es, Irrwege nicht noch einmal zu gehen).

Der vorliegenden Übersetzung geht es vor allem darum, dem Originaltext und den stilistischen Intentionen Margaret Mitchells gerecht zu werden. Es sind ästhetische Ziele, wie sie für die Zwanzigerjahre in der amerikanischen Literatur typisch wurden: ein sachlicher Stil, der dem journalistisch geprägten, unsentimentalen Zeitgeist entsprach. Nach der Erfahrung des Ersten Weltkriegs hatten schwülstiges Pathos und neoromantische Idyllik in der zeitgenössischen Literatur ausgedient.

Größere sprachliche Nüchternheit, Auslassen von Romantizismen

Im Gegensatz zu Martin Beheim-Schwarzbach, der, wie Mitchell, im Jahr 1900 geboren und noch in der wilhelminischen Kultur und mit der Literatur der Neoromantik und dem Realismus eines Wilhelm Raabe aufwuchs, tendiert unsere Neuübersetzung zu größerer sprachlicher Nüchternheit und zur Auslassung von Romantizismen, wo diese im Original nicht vorkommen. Aus eben diesem Grund haben wir uns bereits im Titel gegen das »poetische« Vom Winde verweht und für das »prosaische« Vom Wind verweht entschieden, was überdies den Vorteil hat, auch metrisch näher am Original zu sein.

Vermeidung von sprachlichen Rassismen und Beschreibungsstereotypen

Das neue Textverständnis wird außerdem sichtbar in der möglichst strikten Vermeidung von sprachlichen Rassismen bzw. rassistisch anmutenden Beschreibungsstereotypen. Auch hier sollten wir – wie bei Margaret Mitchell selbst – den Zeithorizont beachten, in dem Roman und Erstübersetzung entstanden sind. Es geht also nicht um eine »Überlegenheit« der heutigen Übersetzungsposition, sondern um einen neuen Textzugang, der unseres Erachtens überfällig ist.

So gibt es in der Neuübersetzung keine »Neger«, »Wulstlippen« oder »rollenden Augen« mehr, sondern bestenfalls »Schwarze«, »volle Lippen« und »weit aufgerissene Augen«. Vor allem aber war es uns wichtig, die Ausdrucksweise der afroamerikanischen Sklaven aus dem Radebrechen mit Infinitiven in eine normale Sprechweise zu überführen. Denn diese Sprechweise ist im Original vor allem durch ein phonetisches Abschleifen von Silben und von bestimmten Vokalen und Konsonanten gekennzeichnet und nicht durch ein grammatikalisches Tohuwabohu, wo der Anfang des Satzes nicht weiß, was das Ende tut. Ein Beispiel:

Mitchell:

»Good evenin’, young Misses. Mist’ Gerald, I is sorry to ’sturb you, but I wanted to come here and thank you agin fo’ buyin’ me and my chile. Lot of gentlemens might a’ bought me but wouldn’t a’ bought my Prissy, too, jes’ to keep me frum grievin’ and I thanks you. I’m gwine do my bes’ fo’ you and show you I ain’t forgettin’.«

Version Beheim-Schwarzbach:

»Guten Abend, junge Missis, guten Abend, Master Gerald. Es tut mir leid, dass ich Sie störe, aber ich wollen herkommen und mich bei Ihnen bedanken, weil Sie mich kaufen und mein Kind dazu. Eine Menge Herren vielleicht mich auch kaufen, aber meine Prissy nicht mit kaufen, nur damit ich nicht traurig wäre. Ich danke auch schön. Ich wollen alles für Sie tun und zeigen, dass ich es Ihnen nicht vergesse.«

Version Himmelheber/Nohl:

»Guten Abend, junge Misses. Mister Gerald, tut mir leid, dass ich störe, aber ich wollte herkommen und noch mal Danke sagen, dass Sie mich und mein Kind gekauft haben. Ne Menge Gentlemänner hätten vielleicht mich gekauft, aber sie hätten meine Prissy nich mitgekauft, nur damit ich nich traurig bin, und ich dank Ihnen dafür. Ich werd mein Bestes für Sie geben und Ihnen zeigen, dass ich das nich vergesse.«

Es geht, mit anderen Worten, darum, den zusätzlichen Rassismus, der sich in der stumpfsinnigen »deutschen« Redeweise der Schwarzen ausdrückt, zurückzunehmen und den afroamerikanischen Sklaven mit einer »normalen« kommunikativen Intelligenz auszustatten, wie sie der Wirklichkeit entsprach – ohne den Unterschied zur »korrekten« Sprache der Sklavenhalter zu verwischen.

Erste ungekürzte deutsche Übersetzung

Des Weiteren unterscheidet sich unsere Fassung von Beheim-Schwarzbachs Übersetzung wesentlich dadurch, dass sie ungekürzt ist. Unser Vorgänger hatte offenbar freie Hand, den Roman nach Gutdünken zurechtzustutzen, so dass viele Sätze und Satzteile, aber auch Absätze und ganze Absatzfolgen aus dem Buch getilgt sind. Vereinzelt erscheint die erste deutsche Version mehr als eine Bearbeitung denn als Übersetzung.

Eigennamen nicht mehr eingedeutscht

Schließlich haben wir uns im Sinne einer modernen Übertragung dazu verstanden, Eigennamen nicht einzudeutschen. Der Peachtree Creek und ebenso die Peachtree Street werden nicht in »Pfirsichbach« und »Pfirsichstraße« eingedeutscht, die in der Tat an die »Sperlingsgasse« erinnern. Infolgedessen wird aus der den Bürgerkrieg vorentscheidenden Battle of Peachtree Creek keine »Schlacht am Pfirsichbach«, sondern schlicht die »Schlacht am Peachtree Creek«, wie sie auch in der wissenschaftlichen Amerikanistik heißt.

Neuer Zugang zu einem der wirkmächtigsten Bücher der unterhaltenden Literatur

Diese hier nur kursorisch angedeuteten Unterschiede in den beiden Übersetzungen sollen aber keineswegs die Leistung von Beheim-Schwarzbach schmälern. Er, der als englischer Staatsbürger 1939 aus Deutschland nach England emigrierte, hat unter großem Zeitdruck gewiss sein Bestmögliches getan und verdient dafür unseren Respekt.

Das soll uns aber wiederum nicht daran hindern, nach nunmehr über achtzig Jahren dem deutschsprachigen Publikum eines der wirkungsmächtigsten Bücher der Welt-Unterhaltungsliteratur in einer Übersetzung zu präsentieren, die einen neuen und historisch weniger verstellten Zugang zu dem Werk ermöglicht. Margaret Mitchells so lange und so oft verkannter Roman hat dies allemal verdient.

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Der obige Text entspricht dem im Anhang des Romans Vom Wind verweht enthaltenen Abschnitt Zur Übersetzung. Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag. Die Zwischenüberschriften wurden von UEPO.de hinzugefügt.

Bibliografische Angaben

  • Margaret Mitchell: Vom Wind verweht. München: Verlag Antje Kunstmann, 2020. Übersetzt von Liat Himmelheber und Andreas Nohl. 1.324 Seiten, gebundene Ausgabe 38,00 Euro, Kindle-Version 29,99 Euro, ISBN 978-3956143182. (Auf Amazon ansehen/bestellen.)

Mehr zum Thema

[Text: Andreas Nohl. Einleitung: Richard Schneider.]