Frankreich: Britische Touristin übernachtet unfreiwillig im Hôtel de Ville

Rathaus DannemarieMangelhafte Französischkenntnisse haben einer allein reisenden britischen Touristin eine unfreiwillige Übernachtung im Rathaus (Bild) der elsässischen Gemeinde Dannemarie beschert. Die Mittdreißigerin hielt den schmucken Bau im Stadtzentrum mit der Aufschrift „Hôtel de Ville“ für das beste Haus am Platz und wollte dort ein Zimmer buchen.

Als sie am Freitagabend das Gebäude betrat, war die „Rezeption“ nicht besetzt. Und auch sonst war niemand in der Empfangshalle zu sehen. Deshalb suchte sie erst einmal die Toilette auf, um sich frisch zu machen.

Just in diesem Moment verließen die letzten Personen das Rathaus – Stadträte und Verbandsvertreter, die bis in den Abend getagt hatten. Wie diese später erklärten, hatten sie sogar noch das Wasser im WC rauschen hören, maßen dem aber keine Bedeutung bei. Sie schlossen die schwere Eingangstür hinter sich zu und die Britin war gefangen.

Als der Frau dämmerte, dass sie sich wohl doch nicht in einem Hotel befand und dass man sie eingeschlossen hatte, schaltete sie das Licht im ganzen Gebäude ein, um auf sich aufmerksam zu machen. Außerdem schrieb sie in gebrochenem Französisch einen Zettel, den Sie mit Klebeband an eines der kleinen Fenster in der Eingangstür heftete: „22.08.2009 – Je suis fermer ici. Est ce possible la porte en ouvrir?“

Ihr gelang es jedoch nicht, die Aufmerksamkeit der wenigen Passanten im 2.500-Seelen-Ort Dannemarie auf sich zu ziehen. Schließlich schob sie zwei Sessel in der Eingangshalle zusammen und versuchte zu schlafen.

Paul MumbachAm nächsten Morgen wunderte sich ein Angestellter der benachbarten Apotheke über den Zettel an der Pforte und alarmierte den Bürgermeister Paul Mumbach (Bild). Dieser befreite die Touristin und empfahl ihr eine Pension ganz in der Nähe.

Mumbach will nun englisch- und deutschsprachige Hinweisschilder am Rathaus anbringen lassen, damit sich ein solches Missverständnis nicht wiederholt. Zumindest nicht im 15 Kilometer südwestlich von Mülhausen gelegenen Dannemarie. Die Britin dürfte allerdings weder die erste noch die einzige Touristin sein, welche die Häuser der Marke „Hôtel de Ville“ für die größte französische Hotelkette hält.

Anmerkungen

Das Rathaus von Dannemarie wird vor Ort wie bei kleinen Gemeinden üblich als „Mairie“ bezeichnet. Das Gebäude trägt jedoch auf dem dunklen Querbalken zwischen dem zweiten und dritten Stock in erhabenen, großen Buchstaben die Inschrift „Hôtel de Ville“ (auf dem Foto kaum sichtbar). Der Bürgermeister erklärte gegenüber der Presse: „Elle a vu l’inscription ‚hôtel de ville‘ et en a déduit qu’il s’agissait d’un hôtel où elle pouvait passer la nuit.“

Der zunächst von den Dernières nouvelles d’Alsace publizierte Vorfall wurde von Dutzenden von Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsendern auf der ganzen Welt aufgegriffen – in Frankreich („Elle passe la nuit à l’hôtel … de ville“.), Deutschland („Fiese Sprachfalle! Britin nachts im Rathaus gefangen“, „Besser ins Wörterbuch schauen! Rathaus mit Hotel verwechselt“), Polen („Spędziła noc w ratuszu, bo myślała, że to hotel“), Großbritannien („UK tourist trapped in French hall“), der Türkei („Fransızca’da ‚otel’le ‚belediye’yi karıştırınca…“) und sogar in Südafrika („The perils of the language barrier…“), Brasilien („Erro de tradução faz turista passar a noite trancada em prefeitura francesa“) und Hongkong (英觀光客在法國誤將市政廳當成旅館). Außerdem muss die Touristin den Spott der Leser über sich ergehen lassen („digne d’une comédie de boulevard“, „Et ce n’était pas une Belge!“), die genüßlich die mangelnden Fremdsprachenkenntnisse der Briten kritisieren.

Bürgermeister Mumbach wird seit zwei Tagen von Journalisten aus dem In- und Ausland belagert und kommt nicht mehr dazu, seinen Amtsgeschäften nachzugehen. Er rief die namentlich nicht bekannte Frau, die ihre Tour de France längst fortgesetzt hat, auf, sich noch einmal zu melden.

[Text: Richard Schneider. Quelle: AFP, 2009-08-24 und zahlreiche andere. Bild: dannemarie.fr.]

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