Eine Karriere als Übersetzer und Dolmetscher im deutschsprachigen Raum – lohnt sich das?

Karriereaussichten bis ca. 2016 klar positiv

In den vergangenen Jahrzehnten konnte man vom Übersetzen und Dolmetschen gut leben, denn:

Das Ausbildungsangebot ist in Deutschland im Vergleich zu übersetzerischen Entwicklungsländern wie den USA außerordentlich vielfältig. Privatschulen, Berufsakademien, Fachhochschulen und Universitäten bieten gut zwei Dutzend verschiedene Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten an.

Die Sprachmittlerausbildung hat in Mitteleuropa eine lange Tradition. Schon 1754 gründete Maria Theresia die „Kaiserlich-königliche Akademie der Orientalischen Sprachen“ in Wien, um Dolmetscher für den Handel und die Diplomatie auszubilden. 1887 richtete Bismarck am Orientalischen Seminar der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin einen Studiengang für „Dragomane“ (Dolmetscher) ein, die für den diplomatischen Dienst benötigt wurden.

Ebenfalls in deutschen Landen liegt die mit Abstand größte Ausbildungseinrichtung der Welt: Am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der Uni Mainz in Germersheim sind 2.200 Studenten eingeschrieben.

Und noch ein Superlativ: Deutschland ist der größte Übersetzungsmarkt der Welt. Hier werden pro Jahr 30 Mio. Seiten übersetzt (1992). In der EU sind es 100 Mio., weltweit 200 Mio. Seiten (1987).

Der Übersetzungsmarkt ist seit mindestens hundert Jahren ein Wachstumsmarkt, dessen Volumen in wirtschaftlich guten Zeiten um 10 bis 12 Prozent pro Jahr zulegt. Selbst in Krisenzeiten wächst der Markt um ungefähr 5 Prozent.

Auch die Honorare im deutschsprachigen Raum können sich sehen lassen. In Italien und Spanien wird oft nicht einmal die Hälfte gezahlt. Die Kunden begleichen ihre Rechnungen schnell, nämlich im Durchschnitt nach 40 Tagen. In Belgien muss man 60, in Italien 90 und in Japan 180 Tage auf sein Geld warten.

In Deutschland gibt es gut 40.000 Übersetzer (Mikrozensus 2010 des Statistischen Bundesamtes). Von diesen arbeiten rund 20 Prozent im Angestellten- oder Beamtenverhältnis. Die große Mehrheit ist als Freiberufler selbstständig tätig.

So gesehen sind Deutschland, Österreich und die Schweiz im internationalen Vergleich ein Paradies für Übersetzer.

Inzwischen eine Branche in Abwicklung?

In der Zwischenzeit hat sich die Situation vor allem durch die weite Verbreitung brauchbarer maschineller Übersetzungslösungen wie DeepL grundlegend gewandelt.

Hinzu kommt eine selbst verschuldete Wirtschafts- und Energiepolitik, die zu einer fortgesetzten, nachhaltigen und kaum umkehrbar scheinenden Deindustrialisierung geführt hat.

Während es in anderen Ländern nach Corona wieder aufwärts ging, schwankt die deutsche Wirtschaft seit Jahren zwischen Rezession und Stagnation. Politisch ist ein Ausweg für den früheren Exportweltmeister nicht in Sicht, die Zukunftsaussichten sind trübe und nahezu hoffnungslos.

Das verschärft die Lage für die Übersetzungsbranche enorm, aber grundsätzlich gilt:

Auch künftig werden Übersetzer benötigt

Auch in Zukunft werden qualifizierte Übersetzer benötigt, aber in geringerer Zahl. Außerdem sind etwas anders gelagerte Fachkenntnisse erforderlich.

Die Ausbildungs- und Studiengänge haben sich an die neue Zeit längst angepasst. Aber sie kämpfen gegen die schwindende Zahl von Studieninteressierten.

Teile des Übersetzungsmarkts bleiben attraktiv

Es gibt Teile des Übersetzungsmarktes, die von den Umwälzungen durch die Künstliche Intelligenz vollkommen oder weitgehend oder zumindest zurzeit noch verschont bleiben. Hierzu gehört vor allem das Gerichtsdolmetschen.

Die Arbeit für die Justiz ist seit jeher vollkommen unabhängig von der Konjunktur. Die Honorare sind stabil und gesetzlich festgelegt (93 Euro pro Stunde). In diesem Bereich werden aber andere Sprachen als in der Wirtschaft benötigt. Und das Dolmetschen an sich, die Arbeit außer Haus sowie der tägliche Umgang mit Kriminellen sind nicht jedermanns Sache.

Ein anderes lohnendes Segment ist nach wie vor das Konferenzdolmetschen (Simultandolmetschen), das aber stark konjunkturabhängig ist. Durch das bewusste Abwürgen der Wirtschaft in der Corona-Zeit und die Absage aller internationalen Konferenzen und Messen kam es fast vollständig zum Erliegen und hat sich nur teilweise wieder erholt.

Ebenfalls noch weitgehend unberührt durch die KI ist das Literaturübersetzen. Die Attraktivität dieses Bereichs leidet jedoch stark unter der traditionell schlechten Bezahlung. Auch bei guter Auslastung ermöglicht das Übersetzen von Büchern lediglich ein Leben auf studentischem Niveau.

Für alle, die einen gut bezahlten Nebenjob ausüben, die geerbt haben oder die eine stabile Beziehung zu einem besserverdienenden Partner unterhalten, kann das Übersetzen von Literatur aber sehr befriedigend sein.

Darüber hinaus sind Literaturübersetzer die einzigen Angehörigen der Berufsgruppe der Übersetzer und Dolmetscher, die Unsterblichkeit erlangen. Denn Bücher überdauern Jahrhunderte, gerade wenn es sich um Weltliteratur handelt.

Richard Schneider

Amazon