Von simultanfähigen Terminologiesystemen, Benennungsteppichen und eskalierenden Semwolken

Jenseits simultanfähiger TerminologiesystemeIn seiner Dissertation entwickelt Christoph Stoll aus in der Praxis beobachteten Arbeitsverfahren ein Modell der Vorverlagerung von Kognition aus der Phase des Simultandolmetschens in die der Vorbereitung: Analog zum Konsekutivdolmetschen werden Texte in der Vorbereitungsphase verstanden, strukturiert und das Ergebnis fixiert oder dem Gedächtnis anvertraut. Die Ergebnisse des so vorgeleisteten Denkaufwandes der Dolmetschstrategien, der Analyse und Segmentierung der Syntax und Argumentationsstruktur von Redemanuskripten, der Wissensaktivierung sowie der Terminologie wird beim Simultandolmetschen abgerufen, wodurch sich die freie, verfügbare Konzentration erhöht.

Der Autor stellt einen detaillierten Arbeitsablauf professioneller Konferenzdolmetscher vor, Methoden der Lexikographie und Verifikation sowie der wortfeldbasierten, konzeptorientierten Terminologieverwaltung, bei der auch Termini vorbereitet werden, die nicht in den Manuskripten vorkommen, mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch bei der Konferenz. Es entsteht ein flächendeckender Benennungsteppich für das Fachgebiet. Dabei helfen Techniken wie ContentMaps, eskalierende Semwolken und mehrdimensionale semantische Felder. Die richtigen Sichtvorlagen und Tools für die Kabine sowie hochleistungsfähige Mnemotechnik unterstützen dabei die Qualität der Arbeit.

Ziel der Untersuchung ist die Neuordnung und Automatisierung der Arbeitsverfahren beim professionellen Konferenzdolmetschen durch die Entwicklung eines onomasiologischen, offenen CAI-Systems auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Modellierung des gesamten Dolmetschprozesses inklusive der Vorbereitungsphase – einer Conference Interpreter’s Workbench, die in allen Phasen des Arbeitsablaufes im Push-Prinzip Informationen vorselektiert, strukturiert anbietet und dadurch viele Arbeitsschritte vereinfacht.

Der Band kann als Anleitung zur Vorbereitung von Dolmetscheinsätzen Verwendung finden, als Anknüpfpunkt für Forscher und Entwickler, sowie als Einblick in die aktuelle Praxis und Zukunft des Dolmetschens bei anspruchsvollen Fachkongressen.

Christoph Stoll (2009): Jenseits simultanfähiger Terminologiesysteme – Methoden der Vorverlagerung und Fixierung von Kognition im Arbeitsablauf professioneller Konferenzdolmetscher. Trier: WVT. 342 Seiten, 33,50 Euro, ISBN 978-3-86821-186-3.

[Text: WVT Verlag.]

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