„Korinthenkacker!“ – Warum können manche Übersetzer nicht mit konstruktiver Kritik umgehen?

WutViele Übersetzer beklagen, dass sie von ihren Kunden meist keinerlei Rückmeldungen zu ihren Übersetzungen erhalten – weder Lob noch Kritik. Sie wissen daher in der Regel nicht, ob und in welchem Umfang ihre Übersetzungen noch nachbearbeitet werden (müssen).

Auf der anderen Seite machen die Betreiber von Übersetzungsbüros (wenn sie das Vier-Augen-Prinzip ernst nehmen) aber auch die Erfahrung, dass manche Übersetzer mit konstruktiver Kritik nicht umgehen können und regelrecht beleidigt reagieren. Neulich habe ich das in 20 Berufsjahren bislang krasseste Beispiel dafür erlebt:

Ich hatte mir für die beglaubigte Übersetzung einer in einer seltenen Sprache vorliegenden Heiratsurkunde einen Übersetzer aus dem Verzeichnis des größten Übersetzerverbandes herausgesucht. Beim ersten Telefonat machte der offenbar reifere Herr einen erfahrenen und kompetenten Eindruck.

Dieser verflüchtigte sich jedoch nach Eingang der beglaubigten Übersetzung. Er hatte ein Geburtsdatum falsch geschrieben und die einzelnen Abschnitte der auszugsweisen Übersetzung ließen sich nicht den Seiten des Ausgangstextes zuordnen. In der Übersetzung wurde auf 6 Seiten Bezug genommen, aber es waren nur 4 der 6 Ausgangstextseiten in Kopie angeheftet. Darüber hinaus enthielt der Text zahlreiche Schreibfehler.

Also habe ich die Übersetzung eingescannt, in der PDF-Datei alle fehlerhaften Stellen mit einem Korrekturhinweis versehen und mit der höflichen Bitte um Zusendung eines berichtigten Exemplars an den Übersetzer zurückgeschickt.

Wenig später klingelt mein Telefon. Der Übersetzer ist dran und fragt echauffiert, ob ich in einem früheren Leben Lehrer gewesen sei – oder genauer gesagt Oberlehrer. Gut, die Sache mit dem Geburtsdatum sei ein Fehler. Aber es sei eine Unverschämtheit, was ich ihm sonst noch alles angestrichen habe.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs, das eher einem Monolog gleicht, bezeichnet er mich unter anderem als „Grünschnabel“, „Besserwisser“ und „Korinthenkacker“.

Er sei seit 1981 gerichtlich vereidigt – ein Jahr, in dem ich wahrscheinlich noch nicht einmal auf der Welt gewesen sei. (Doch, da habe ich gerade Abitur gemacht.) Er wisse, was er tue und für seine Übersetzungen sei nur er selbst zuständig und verantwortlich.

Ich kann zwischendurch in seinen Atempausen immer nur kurz „hm …“ und „aber …“ sagen, bevor er unvermittelt „tschüss“ sagt und auflegt.

Und all das nur, weil ich ihm jeden der sage und schreibe 23 (dreiundzwanzig) Rechtschreib-, Grammatik- und Zeichensetzungsfehler angestrichen hatte, die er auf eineinhalb Seiten Text untergebracht hatte. (Tippfehler wie „Freibherufler“ oder „eitere“ statt „weitere“, mehrere fehlende Leerzeichen zwischen Wörtern, mehrere großgeschriebene Adjektive usw.) Der Kollege ist zwar kein deutscher Muttersprachler, aber nach eigener Aussage seit 32 Jahren in Deutschland als Übersetzer tätig.

Für mich war kaum nachzuvollziehen, wie es überhaupt möglich war, bei einem so kurzen Text, für den er drei Tage Zeit hatte, so viele Fehler zu produzieren. Schon die Rechtschreibkorrektur von Word hätte fast alle dieser Fehler automatisch behoben.

Eine Stunde später klingelt erneut das Telefon. Der Kollege entschuldigt sich für seinen unangemessenen Ton beim ersten Telefonat, erklärt aber, dass er in der Sache bei seiner Ansicht bleibe. (Nämlich der Ansicht, dass er sich von einem Grünschnabel wie mir nicht in seinen Übersetzungen herumpfuschen lasse.)

Er werde mir ein neues Exemplar der beglaubigten Übersetzung zuschicken. Die Rechnung, die er zusammen mit der ersten (fehlerhaften) Übersetzung zugeschickt hatte, solle ich zerreißen. Er verzichte auf sein Honorar, weil er mit solchen Leuten wie mir keine Geschäfte machen wolle. Er bitte darum, aus unserer Mitarbeiterdatenbank entfernt zu werden und verbitte sich jede weitere Übersetzungsanfrage.

Nun, darum hätte er uns nicht extra bitten müssen …

[Text: Richard Schneider. Bild: olly / Fotolia.de.]

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