Mehr Demokratie wagen! Plädoyer zur Einführung von Briefwahlen bei Übersetzerverbänden

BriefwahlZurzeit finden, wie stets im Frühjahr, die Jahresmitgliederversammlungen (JMVs) der Übersetzerverbände statt. Man trifft sich, um aktuelle Fragen zu besprechen, Entscheidungen zu fällen und Kandidaten in Vorstandsposten zu wählen.

Allerdings sind diese Versammlungen – vor allem in den Flächenländern – immer schlecht besucht. Sind auch nur 5 % der Mitglieder anwesend, gilt dies schon als sensationell guter Wert.

Einige Beispiele:

  • JMV BDÜ NRW 2008: Anwesend sind 18 Personen von damals 760 Mitgliedern (2,3 %).
  • JMV BDÜ Bremen und Niedersachsen 2009: 18 von damals ca. 400 Mitgliedern (4,5 %).
  • JMV BDÜ Hessen 2009: „sehr gut besucht“, Zahl wird verschwiegen, Foto zeigt 30 von ca. 600 Mitgliedern (5 %).
  • JMV BDÜ Bayern 2011: 63 von 1.400 Mitgliedern (4,5 %).

Erfreuliche Ausnahmen:

  • JMV VÜD 2011: 22 von 160 (14 %).
  • MJV ADÜ Nord 2013: „Von den 359 ADÜ-Nord-Mitgliedern waren 41 anwesend und vertraten weitere 32 Mitglieder per Vollmacht, so dass sich eine Stimmenpräsenz von 73 (etwa 20 Prozent der Mitglieder) ergab.“

Nur in Stadtstaaten wie Hamburg (ADÜ Nord) oder Ballungsräumen wie Berlin (VÜD) funktioniert das veraltete Prinzip der Präsenzversammlungen noch halbwegs. Dort ist die Beteiligung traditionell deutlich höher und in der Regel zweistellig, weil der Großteil der Mitglieder in derselben Stadt wohnt. Ausreichend oder befriedigend ist eine solche Beteiligung aber immer noch nicht.

Nur wer persönlich auf der JMV erscheint, darf mitbestimmen

Die demokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten der Einzelmitglieder beschränken sich darauf, einmal im Jahr auf der Jahresmitgliederversammlung bei Abstimmungen und Personalwahlen die Hand zu heben. Das geht aber nur, wenn man an dem jeweiligen Wochenende persönlich zur JMV fährt.

Alle anderen Mitglieder – typischerweise gut 95 % – bleiben von jeglicher Mitwirkung ausgeschlossen. Kann man bei Wahlbeteiligungen von durchschnittlich vielleicht 3 (drei) Prozent überhaupt von einem demokratischen Vorgang sprechen? Welche Legitimationskraft haben solche Wahlen?

Der Vorstand sollte von solchen Kaffeekränzchen grundsätzlich nicht gewählt werden dürfen. Denn schon die mittelgroßen BDÜ-Landesverbände verfügen über ein Jahresbudget von fast Hunderttausend Euro. Die Entscheidung darüber, wem man dieses Geld anvertraut, sollte auf eine möglichst breite demokratische Grundlage gestellt werden.

Konzept der Präsenzwahl überholt

Kann man erwarten, dass mehrere Hundert oder Tausend berufstätige, erwachsene Menschen einmal im Jahr zu einem willkürlich festgelegten Termin an einem bestimmten, unter Umständen 300 km entfernten Ort erscheinen, nur um über Dinge zu befinden, die ihnen egal sind oder die sie auch aus der Ferne hätten entscheiden können?

Nein, und deshalb kommen von 1.000 Mitgliedern auch allenfalls 30. Nämlich die Seilschaft der aktuellen Amtsinhaber nebst Unterstützern sowie einige Ahnungslose, die an dem Wochenende gerade nichts Besseres zu tun haben.

Missstand ist bekannt, aber es wird nichts dagegen getan

Alle Verbandsaktivisten wissen um den Missstand der geringen Beteiligung, alle haben ein schlechtes Gewissen wegen der mangelnden demokratischen Legitimierung der dort getroffenen Entscheidungen, aber niemand schlägt Alternativen vor – wie etwa die Briefwahl.

tekom zeigt, dass Demokratie möglich ist – per Briefwahl

Briefwahlunterlagen der tekom

Briefwahlunterlagen der tekom

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel der tekom (Gesellschaft für technische Kommunikation). Das ist der Berufsverband der technischen Autoren, Redakteure, Illustratoren und Übersetzer, der mit 8.250 Mitgliedern ähnlich groß wie der BDÜ (rund 7.500 Mitglieder) ist.

Dort gibt es nur einen einzigen Vorstand (nicht 14 wie beim BDÜ), der von allen Mitgliedern gewählt wird. Jedes einzelne der 8.250 Mitglieder kann selbst kandidieren oder einen Kandidaten vorschlagen. Jedes einzelne der 8.250 Mitglieder kann bei der Wahl des Vorstands seine Stimme abgeben. Und zwar per Briefwahl, die exakt so funktioniert wie bei Bundestagswahlen.

JMVs mit mehreren Hundert Mitgliedern

Auch die tekom kennt selbstverständlich Jahresmitgliederversammlungen. Sie finden dann statt, wenn möglichst viele, nämlich mehrere Tausend Mitglieder ohnehin schon aus anderem Anlass versammelt sind – auf der alljährlichen Herbsttagung. Zu dieser reisen typischerweise rund 3.500 Mitglieder an.

Natürlich nehmen längst nicht alle Tagungsteilnehmer an der JMV teil, aber es sind doch immer mehrere Hundert Leute, die den jeweiligen Saal in einem Kongresszentrum gut füllen.

Die Jahresmitgliederversammlungen der Übersetzerverbände könnten hingegen im Hinterzimmer einer jeden beliebigen Kneipe stattfinden, denn nur selten kommen mehr als 20 Leute zusammen.

Mehr Demokratie wagen

Auch die Übersetzerverbände sollten „mehr Demokratie wagen“ (um einmal Willy Brandt zu zitieren) und ihren Mitgliedern eine Beteiligung möglichst leichtmachen. Es sollte möglich sein, ohne Verdienstausfall und Reisekosten seine Stimme abzugeben – zum Beispiel durch die Briefwahl oder Online-Abstimmungen.

Dokumentation Briefwahlunterlagen tekom

Um den Funktionären der Übersetzerverbände einmal einen Einblick in unbekannte Welten zu ermöglichen, haben wir unter dem folgenden Link die Briefwahlunterlagen der tekom aus dem Jahr 2013 eingescannt (PDF-Datei, 9 Seiten):

Briefwahlunterlagen der tekom aus dem Jahr 2013

[Text: Richard Schneider. Bild: debert / Fotolia, Richard Schneider.]

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