Nach erfolgreichen Tests: BAMF setzt Sprachsoftware zur Dialekterkennung im Arabischen jetzt bundesweit ein

BAMF-LogoBeim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sind monatelange Tests mit einer selbst entwickelten „biometrischen Sprachsoftware“ so erfolgreich verlaufen, dass das Programm seit September 2017 bundesweit eingesetzt wird.

Mithilfe einer zweiminütigen Sprechprobe kann die Software Hinweise darauf geben, aus welcher Region ein arabischer Muttersprachler stammt.

So soll verhindert werden, dass sich weiterhin zum Beispiel marokkanische Jugendliche und andere Abenteuerreisende aus verschiedenen Urlaubsländern als Syrer ausgeben, um unter Missbrauch der Sonderregelungen für Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland einzuwandern und Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen.

Software erkennt die vier wichtigsten von 30 arabischen Dialekten

Nach Angaben von Markus Richter, Leiter der IT-Abteilung des BAMF, kann die Software inzwischen die vier wichtigsten arabischen Dialekte identifizieren. Es gebe noch rund 30 weitere, die aber in der täglichen Arbeit der Behörde keine große Rolle spielten.

Der Leipziger Arabistik-Professor Eckehard Schulz weist in dem Artikel darauf hin, dass die Dialektgrenzen im arabischen Raum oft nicht den Landesgrenzen entsprechen, weil viele Staatsgrenzen willkürlich mit dem Lineal gezogen wurden.

2016 wurden 1.400 Sprachgutachten von Linguisten erstellt

Auch das BAMF selbst erklärt, dass mit dem Programm nur eine grobe geografische Bestimmung der Herkunftsregion möglich sei. Die Software liefere den Entscheidern „erste Hinweise“ darauf, ob ein vermeintlicher Flüchtling wirklich den Dialekt der Region spriche, aus der er zu stammen vorgebe.

In Verdachtsfällen könne dann ein „ausgebildeter Linguist“ hinzugezogen werden, was im Jahr 2016 rund 1.400 Mal geschehen sei.

BAMF musste Software selbst entwickeln – kommerzielle Angebote untauglich

Das Bundesamt habe mit der Entwicklung der „weltweit einzigartigen“ Software technische Pionierarbeit geleistet, so die FAZ. Als Grundlage seien Programme herangezogen worden, die von Banken und Call-Centern zur Stimmerkennung und Authentifizierung von Kunden eingesetzt werden:

Anders als Stimme-zu-Stimme-Systeme zur Authentifizierung gibt es zuverlässige Dialekt-Erkennungssysteme nicht frei handelbar auf dem Markt. „Wir beobachten den Markt genau“, sagt Bamf-IT-Chef Richter, ein Großteil der Software-Assistenten, die es auf dem Markt gebe, wurden von der Behörde getestet.

 

Tatsächlich hätten schon viele Software-Unternehmen bei der Behörde angeklopft und mit einer Dialekterkennung geworben, auch nicht ganz seriöse Angebote seien darunter gewesen. Letztlich habe kein System von außen überzeugt.

 

Für die Eigenentwicklung hat das Amt von einem amerikanischen Anbieter eine große Datenbank mit Sprachproben erworben, von denen bekannt war, aus welcher Region die Sprecher kommen. Daraus wurden eigene Sprachmodelle entwickelt.

 

Anfangs begannen die Programmierer mit einem einzigen Dialekt, dem levantinischen Arabisch. Dieser Dialekt wird in weiten Teilen Syriens, Palästina, Westjordanien und im Libanon gesprochen. Mittlerweile haben die Entwickler Fortschritte gemacht, die Software kann Schritt für Schritt mehr Dialekte identifizieren.

Auch Daten der Mobiltelefone können ausgelesen werden, um Herkunftsland zu ermitteln

Eine weitere Maßnahme neben der Dialekterkennung besteht darin, mit Zustimmung des Asylantragstellers die Daten seines Mobiltelefons auszulesen, um so anhand der Kontakte sowie der E-Mail- und Messenger-Kommunikation den Lebensmittelpunkt und damit das Herkunftsland zu ermitteln.

Selbstauskünfte der Antragsteller zur eigenen Herkunft sind oft falsch

Nach Schätzungen des BAMF legen rund 60 Prozent der Asylantragsteller keine Papiere vor. Pro Asyl geht sogar von einem noch höheren Prozentsatz von 80 Prozent aus.

Erfahrene Sachbearbeiter wissen, dass die verschollenen Papiere später, wenn es um die Familienzusammenführung geht, wieder auftauchen.

Offenbar glauben die Antragsteller, mit erfundenen Identitäten und Lebensläufen bessere Chancen zu haben, sich ein Bleiberecht zu erkämpfen. So geben sich viele Nicht-Syrer als Syrer aus, weil sie wissen, dass diese in der Regel schnell „durchgewunken“ werden.

Die Einreise nach Deutschland und die Beantragung von Asyl sind – im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern der Welt – de facto nach wie vor ohne Papiere möglich. Ein Procedere, das zum Missbrauch einlädt, weil es Antragstellern die Möglichkeit bietet, unter verschiedenen erfundenen Identitäten mehrfach Sozialleistungen zu beanspruchen. (Anis Amri, der tunesische Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt, hatte bundesweit vierzehn Identitäten angelegt.)

Fingerabdrücke als wirksamstes Mittel gegen Mehrfachidentitäten und Sozialbetrug

Das BAMF nimmt seit Herbst 2016 von allen Flüchtlingen Fingerabdrücke und kann seitdem laut Behördenchefin Jutta Cordt Mehrfachidentitäten im Asylverfahren ausschließen. Die Abdrücke werden mit dem Ausländerzentralregister und den Fingerabdruckdatenbanken der Sicherheitsbehörden in einem automatisierten Verfahren abgeglichen.

Das BAMF sieht die kommunalen Ausländerbehörden nun in der Pflicht: „Sie müssen die Fingerabdrücke von allen Menschen nehmen, die sich bei ihnen melden, und die Daten mit dem Zentralregister abgleichen“, so Cordt. Nur so könne Sozialbetrug wirksam verhindert werden.

Allerdings besitzen nach einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Februar 2017 gut 90 Prozent der Ausländerbehörden keine Gerätschaften zur Abnahme, Speicherung und Weiterleitung von Fingerabdrücken.

Weiterführender Link

[Text: Richard Schneider. Quelle: FAZ, 2017-10-20. Bild: BAMF.]

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