Kleopatra: Die letzte Pharaonin war ein Sprachgenie

Kleopatra
Kleopatra wird heute meist als verführerische Orientalin dargestellt. Tatsächlich war sie jedoch Griechin und gehörte der makedonisch-griechischen Dynastie der Ptolemäer an, die fast 300 Jahre lang über Ägypten herrschte. Auch ihr Name Κλεοπάτρα ist griechisch und stammt nicht aus der ägyptischen Kultur. - Bild: Zeichentrickfilm "Asterix und Kleopatra"

Heute vor 2052 Jahren, am 12. August des Jahres 30 vor Christus, nahm sich Kleopatra im Alter von 39 Jahren das Leben – womöglich durch den Biss einer Giftschlange.

Was kaum jemand weiß: Die letzte Pharaonin war ungewöhnlich sprachbegabt und beherrschte laut antiken Quellen neben ihrer Muttersprache Griechisch mindestens acht Fremdsprachen, wie Claudia Wiotte-Franz in ihrer Dissertation Hermeneus und Interpres – Zum Dolmetscherwesen in der Antike ausführt:

Kleopatra VII. war sehr gebildet und sprachbegabt. Sie beherrschte die Sprache der Äthiopier, der Trogodyten, der Hebräer, der Araber, der Syrer, der Meder, der Parther und die demotische Sprache, die Umgangssprache der ägyptischen Bevölkerung. Den Gesandten dieser Völker und den Ägyptern konnte Kleopatra ohne Dolmetscher direkt Antwort geben. Nur in wenigen Fällen musste Kleopatra mit Hilfe von Dolmetschern zu den Gesandten sprechen, deren Sprache sie nicht beherrschte, was jedoch selten vorkam.

Darüber hinaus ist wahrscheinlich, dass sie als hochgebildete Frau auch des Lateinischen mächtig war, obwohl dies in den überlieferten Texten nicht ausdrücklich erwähnt wird. Mit Cäsar dürfte sie sich auf Griechisch, das dieser sehr gut beherrschte, oder Latein unterhalten haben.

Demotische Schrift
Die demotische Sprache wurde von etwa 650 v. Chr. bis 450 n. Chr. in Ägypten von der einfachen Bevölkerung gesprochen. Die Schrift war mit mehreren Hundert Zeichen recht komplex, ähnelte im System der Hieroglyphenschrift und wurde von rechts nach links geschrieben. Das Foto zeigt den demotischen Textabschnitt auf einer Kopie des Steins von Rosette. – Bild: Chris 73, CC BY-SA 3.0

Am Hof in Alexandria muss es einen ständigen Dolmetschdienst gegeben haben

Wiotte-Franz schreibt weiter:

Da die Sprachbegabung Kleopatras [in den antiken Quellen] hervorgehoben wird, kann davon ausgegangen werden, dass ihre Vorgänger keine oder kaum Fremdsprachen beherrschten. Zum Empfang auswärtiger Gesandtschaften musste deshalb am Hof immer eine ausreichende Anzahl von Dolmetschern mit Kenntnis der verschiedenen Sprachen anwesend sein.

Besonders weist Plutarch darauf hin, dass alle ptolemäischen Könige und Königinnen, ausgenommen Kleopatra VII., nicht einmal das Demotische erlernt hatten. Zu Verhandlungen und Gesprächen zwischen dem König und der einheimischen Bevölkerung mussten, sofern diese kein Griechisch beherrschte, somit immer Dolmetscher anwesend sein.

Auch zur Zeit Kleopatras VII. kam – wie oben gezeigt – der ptolemäische Hof nicht ohne Dolmetscher aus, wenn zum Beispiel ein Diplomat in Ägypten weilte, dessen Sprache Kleopatra nicht beherrschte.

Es ist auch zu berücksichtigen, dass ptolemäische Beamte und Adelige sicherlich nicht dieselben Sprachkenntnisse wie Kleopatra hatten und zur Kommunikation mit auswärtigen Gesandtschaften Dolmetscher benötigten. Eine größere Anzahl von Dolmetschern für die unterschiedlichsten Sprachen war deshalb am ptolemäischen Königshof ähnlich wie zur Zeit der Pharaonen oder der Saïtenzeit unabkömmlich. […]

Mit Kleopatra und Mithradates werden [in den Quellen] zwei Persönlichkeiten mit Fremdsprachenkenntnissen erwähnt, die beide hellenistische Herrscher waren und fast gleichzeitig gelebt haben. Wie gut Kleopatra und Mithradates die jeweilige Fremdsprache beherrschten, ist nicht überliefert. Ob sie nur bestimmte Standardfloskeln kannten und der größte Teil der Gespräche doch gedolmetscht wurde, geht aus den Berichten der antiken Geschichtsschreiber nicht hervor.

Die allgemeine Kenntnis fremder Sprachen stellte in der Antike eine Besonderheit dar, die für antike Geschichtsschreiber erwähnenswert waren. Gleichzeitig zeigen diese beiden Beispiele auch, dass die Anwesenheit von Dolmetschern zu Audienzen, Gerichtsverhandlungen oder zu anderen Gelegenheiten an allen hellenistischen – nicht nur an den ptolemäischen und pontischen – Königshöfen selbstverständlich war. Das Nichtheranziehen eines Dolmetschers stellte die Ausnahme dar und wurde deshalb erwähnt.

Inwieweit Gesandtschaften in hellenistischer Zeit von Dolmetschern begleitet wurden, lassen die überlieferten Quellen leider offen. Nur in einem Fall werden von Gesandten Sprachkenntnisse als Qualifikation angeführt.

Claudia Wiotte-Franz: Hermeneus und Interpres
Die Auflage von „Hermeneus und Interpres“ ist vergriffen. Gelegentlich werden einzelne Exemplare über das „zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher“ unter ZVAB.com angeboten. – Bild: UEPO.de

Bibliografische Angaben

  • Claudia Wiotte-Franz (2001): Hermeneus und Interpres – Zum Dolmetscherwesen in der Antike. Saarbrücken: Saarbrücker Druckerei und Verlag. Band 16 der Reihe „Saarbrücker Studien zur Archäologie und Alten Geschichte“. Dissertation aus dem Jahr 1997. 328 Seiten, Format annähernd DIN A4, ca. 45,00 Euro, ISBN 3-930843-73-0.

Richard Schneider

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