Ein Sakrileg? Sechs Übersetzer übertragen neuen Dan Brown in zehn Tagen

Das verlorene SymbolFünf Jahre hat der amerikanische Autor Dan Brown an seinem neuen Thriller gearbeitet. Die Verlagsgruppe Lübbe will das Werk innerhalb von nur zehn Tagen ins Deutsche übersetzen lassen. Wie das gehen soll? Ganz einfach: Man zerteile den Historienschinken, dessen Umfang auf 600 Druckseiten geschätzt wird, in sechs gleichgroße Häppchen und verteile diese auf ebenso viele Literaturübersetzer. Parallel zur Übersetzung wird fortlaufend lektoriert. Nach zehn Tagen sammle man alle Texte ein und lege sie in der richtigen Reihenfolge hintereinander. Fertig!

Die Originalausgabe von The Lost Symbol erscheint am 15.09.2009. Erst dann – wegen der „Geheimhaltung“ – erhält der deutsche Verlag den Ausgangstext. Vier Wochen später, pünktlich zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse am 14.10.2009, soll die Übersetzung bereits in allen Buchhandlungen stehen. So will es die Verkaufsmaschinerie, die sich offenbar an der Harry-Potter-Vermarktung orientiert. Der Titel des Werks wurde vorab schon übersetzt – ohne Kenntnis des Inhalts. Er lautet Das verlorene Symbol. Auch die Umschlaggestaltung ist bereits fertig und wurde vom Verlag der Presse präsentiert.

Zwar gelten die Bücher Browns (u. a. Sakrileg, Illuminati) als relativ leichte Kost, die immer nach demselben Rezept zubereitet wird. (Man nehme ein paar Verschwörungstheorien, gebe akribisch gesammelte historische Fakten hinzu und verknüpfe alles mit aktuellen Fragen der Zeitgeschichte.) Dennoch ist eine derartige Turboübersetzung in der Belletristik höchst ungewöhnlich. Selbst bei technischen Fachübersetzungen in der Industrie werden Ausgangstexte nur im äußersten Notfall auf ein halbes Dutzend Übersetzer verteilt, da zwangsläufig die Übersetzungsqualität darunter leidet.

Übersetzungsqualität hin, Textkonsistenz her – eines steht jetzt schon fest: Das Symbol wird ein Gigaseller. Die Erstauflage der englischen Fassung, die zeitgleich in den USA, Kanada und Großbritannien herauskommt, beträgt 6,5 Millionen, die deutsche Ausgabe startet mit 800.000 Exemplaren. Hoffen wir, dass ausnahmsweise auch einmal die Übersetzer am Umsatz beteiligt sind.

[Text: Richard Schneider. Quelle: buchreport, 2009-07-21; Süddeutsche Zeitung, 2009-07-21. Bild: Lübbe.]

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