Aktuelle Zahlen zum Übersetzungsmarkt in Deutschland: 12 Prozent Wachstum

Statistik

Aus Anlass der 2. internationalen Fachkonferenz „Übersetzen in die Zukunft“, die vom 28.-30.09.2012 in Berlin stattfindet, hat der BDÜ in einer Pressemitteilung und auf der Konferenzwebsite den aktuellen Erkenntnisstand in Sachen Übersetzungsmarkt-Statistik zusammengefasst:

Die Branche der Sprachdienstleistungen wächst unaufhaltsam. Angefacht durch die Globalisierung beträgt das Volumen des Übersetzungsmarktes in Deutschland nach Schätzungen des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer e. V. (BDÜ) mittlerweile rund 1 Milliarde Euro pro Jahr. Für 2012 prognostiziert das auf die Sprachdienstleistungsbranche spezialisierte Beratungsunternehmen Common Sense Advisory mit Sitz in den USA ein weltweites Wachstum der Branche um 12 Prozent. Das globale Volumen der gesamten Branche beziffern die Experten auf 33,5 Milliarden US-Dollar für 2012.

80 Prozent der deutschen Unternehmen benötigen Übersetzungen

Deutschland ist eine Exportnation. Geschätzte 80 Prozent der deutschen Industrieunternehmen haben Bedarf an Dolmetsch- und Übersetzungsleistungen. Die Branche der Sprachdienstleistungen wächst seit Jahren unaufhaltsam, dies war sogar in den Jahren der Finanzkrise der Fall. Angefacht durch die Globalisierung erreicht der nationale Übersetzungsmarkt nach Schätzungen des Verbandes mittlerweile rund 1 Milliarde Euro pro Jahr.

 

In Deutschland wuchs der Markt dabei kräftiger als in anderen Ländern: Während das weltweite Volumen der Branche in den Jahren 2009 bis 2010 um durchschnittlich etwa 7,4 Prozent stieg, kletterte es in Deutschland in diesem Zeitraum um 15 Prozent. Für das Jahr 2012 rechnet das auf die Sprachdienstleistungsbranche spezialisierte US-Beratungsunternehmen Common Sense Advisory mit einem Marktvolumen von etwa 33,5 Milliarden USD. Der größte Anteil der Sprachdienstleistungen entfällt dabei auf Übersetzungen (weitere Leistungen der Branche sind beispielsweise Dolmetschleistungen, Softwarelokalisierung oder Untertitelung). Die Experten des amerikanischen Beratungsunternehmens sagen der weltweiten Sprachdienstleistungsbranche eine Wachstumsrate von 12 Prozent voraus.

André Lindemann„

Übersetzer sind ein wichtiges Zahnrad im Getriebe der Exportwirtschaft“, so André Lindemann (Bild), Präsident des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ). Der größte deutsche Branchenverband beobachtet einen Trend zur Spezialisierung in der Branche. Während Themen und Texte im Zeitalter der Globalisierung immer komplexer werden, steht gleichzeitig immer weniger Zeit für eine Übersetzung zur Verfügung. Ohne entsprechende Spezialisierung haben es Übersetzer zunehmend schwer, sich am Markt zu behaupten, zumal mehr als die Hälfte der 38.000 Dolmetscher und Übersetzer in Deutschland selbstständig tätig ist.

Übersetzungsmarkt in Deutschland

Der deutsche Übersetzungsmarkt ist stark fragmentiert und besteht überwiegend aus kleinen Übersetzungsunternehmen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gibt es 38.000 Dolmetscher und Übersetzer in Deutschland (Mikrozensus 2011), davon sind 23.000 Selbstständige (15.000 Frauen, 7.000 Männer). Die 23.000 selbstständigen Dolmetscher und Übersetzer in Deutschland sind überwiegend alleine und im eigenen Homeoffice tätig, doch diese Freiberufler erarbeiten den Großteil der in Deutschland erstellten Übersetzungen – sei es im direkten Auftrag von Kunden aus der Wirtschaft, von Behörden und Institutionen, in einem Netzwerk oder im Unterauftrag von größeren Übersetzungsunternehmen.

Internationaler Übersetzungsmarkt

Das internationale Beratungsunternehmen Common Sense Advisory mit Hauptsitz in den USA hatte auf der ersten internationalen Fachkonferenz des BDÜ im Jahr 2009 prognostiziert, dass der globale Sprachdienstleistungsmarkt im Jahre 2012 ein Volumen von 22,5 Milliarden USD erreichen wird. Mittlerweile schätzt das Unternehmen das Volumen für 2012 auf 33,5 Milliarden USD, liegt also mit seiner Schätzung um mehr als 10 Milliarden USD höher als noch 2009. Bei der weltweiten Wachstumsrate geht Common Sense Advisory von 12 Prozent pro Jahr aus.

 

Common Sense Advisory veröffentlicht einmal im Jahr die „Top 100“ der Übersetzungsunternehmen weltweit. Amerikanische Unternehmen sind darin anteilig am stärksten vertreten. Im Jahr 2011 kamen die drei führenden Unternehmen aus den USA und Frankreich. An erster Stelle steht das US-Unternehmen Mission Essential Personnel LLC mit 8.300 Mitarbeitern (725 Millionen USD Umsatz), gefolgt von Lionbridge Technologies, ebenfalls aus den USA, mit 4.500 Mitarbeitern (428 Millionen USD Umsatz). An dritter Stelle steht Hewlett-Packard’s Application and Content Globalization Group (HP ACG) aus Frankreich mit 4.200 Beschäftigten (418 Millionen USD Umsatz).

 

Deutsche Unternehmen sind nicht unter den Top 10 vertreten: Das größte deutsche Unternehmen in der Liste steht auf Platz 54. Es ist die beo Gesellschaft für Sprachen und Technologie GmbH mit ca. 12 Millionen USD Umsatz und 65 Mitarbeitern. Im internationalen Vergleich sind die deutschen Übersetzungsunternehmen also überaus klein.

 

International ist ein starker Konzentrationsprozess zu beobachten, der auch in Deutschland zu einem Vordringen international operierender ausländischer Übersetzungsunternehmen führt. Die Top 10 wachsen von Jahr zu Jahr, was unter anderem auf Übernahmen zurückzuführen ist.

Soweit die Marktdaten des BDÜ.

Branchenzahlen von Common Sense Advisory unvollständig, verzerrt und Amerika-zentriert

Die von der Common Sense Advisory (CSA) angebotenen Branchenzahlen, auf die sich der BDÜ beruft, sind interessant und hilfreich, aber aus drei Gründen mit Vorsicht zu genießen:

  1. In die Statistik werden nur diejenigen Unternehmen aufgenommen, die den CSA-Fragebogen ausfüllen. Alle anderen – und das ist bei den deutschen Sprachdienstleistern die Mehrheit – werden einfach ignoriert. Das führt zu dem kuriosen Ergebnis, dass die Stuttgarter beo Gesellschaft für Sprachen und Technologie mbH als größter deutscher Sprachdienstleister aufgeführt wird.
    Dies ist jedoch lediglich auf dem Umstand zurückzuführen, dass viele größere Marktteilnehmer in Deutschland keine Lust verspüren, den Fragebogen der Amerikaner auszufüllen. Zum Vergleich: In der uepo.de Top 300 liegt beo nur auf Platz 29 der deutschen Sprachdienstleister.
  2. CSA zählt die in Deutschland erwirtschafteten Umsätze der deutschen GmbH-Tochtergesellschaften von zum Beispiel Lionbridge, SDL, STAR und Euroscript nicht als deutsche Umsätze, sondern schlägt diese den Muttergesellschaften in den USA, Großbritannien, der Schweiz bzw. Luxemburg zu. Dies verkleinert in der Statistik das Volumen des deutschen Übersetzungsmarktes erheblich und bläht das Volumen im Land der jeweiligen Muttergesellschaft auf.
  3. Laut CSA ist das erst 2004 gegründete Unternehmen Mission Essential Personnel LLC mit 8.300 Mitarbeitern der größte Sprachdienstleister der Welt.

    Es handelt sich allerdings ebenso wie etwa bei der mit 350 Mitarbeitern auf Platz 8 gelisteten ManpowerGroup im Grunde genommen um keine Sprachdienstleister. Beide Unternehmen besitzen – wenn überhaupt – nur rudimentärstes linguistisches Know-how. Beide sind vielmehr klassische Personalvermittler und Zeitarbeitsfirmen, die sich darum kümmern, für das US-Militär Dolmetscher für die jeweils aktuellen Kriegsschauplätze zu beschaffen.

    Das an Mission Essential Personnel vergebene Budget zur Beschaffung und Bereitstellung von Militärdolmetschern hat ein Volumen von 680 Millionen USD pro Jahr. Wenn das Budget an einen anderen Anbieter vergeben wird, und das geschieht in der Regel alle fünf Jahre, dann fallen diese privaten Dienstleister des US-Verteidigungsministeriums stets regelrecht in sich zusammen.

    Beispiel: Im Jahr 2005 war laut Common Sense Advisory das Unternehmen L-3 Communications der zweitgrößte Sprachdienstleister der Welt. Nur ein Jahr später bot L-3 Communications überhaupt keine Sprachdienstleistungen mehr an, weil das Verteidigungsministerium den Vertrag nicht verlängert hatte. L-3 Communications ist seitdem wieder das, was es schon vorher war – ein relativ kleiner Rüstungskonzern.

Beste Datenquelle für den deutschen Markt: uepo.de Top 300

Wer sich über die Akteure auf dem deutschen Übersetzungsmarkt informieren möchte, ist mit der von uepo.de zusammengestellten Liste der 300 größten deutschen Sprachdienstleister besser bedient. Diese ist wesentlich umfassender und basiert nicht auf freiwilligen Angaben von Umsatz- und Mitarbeiterzahlen, die niemand kontrollieren kann, sondern auf der bei den Handelsregistern hinterlegten Bilanz, die von Steuerberatern und Finanzämtern geprüft und bestätigt wurde.

Nachteile der uepo.de Top 300:

  1. Die Rangfolge kann nur auf Basis der Bilanzsumme aufgestellt werden, nicht anhand des Umsatzes. Denn die Höhe des Umsatzes, anhand der überlicherweise Unternehmen miteinander verglichen werden, ist gegenüber den Handelsregistern nicht veröffentlichungspflichtig. Der Umsatz lässt sich aus der Bilanzsumme nicht zuverlässig ableiten. Bei Sprachdienstleistern ist der Umsatz im Allgemeinen mindestens dreimal, durchschnittlich fünf- bis siebenmal und gelegentlich mehr als zehnmal höher als die Bilanzsumme. Das ergibt sich aus der vollständigen Bilanz einschließlich Gewinn- und Verlustrechnung, die uepo.de von rund 10 Übersetzungsbüros – großen wie kleinen – vorliegt.
  2. Partnerschaftsgesellschaften, Gesellschaften bürgerlichen Rechts (GbR) und freiberufliche Übersetzergemeinschaften erscheinen nicht in der uepo.de-Liste, weil diese Rechtsformen nicht verpflichtet sind, ihre Bilanzen im Bundesanzeiger zu veröffentlichen. Die uepo.de Top 300 kann also keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

Vorteile der uepo.de Top 300:

  1. In Bezug auf den deutschen Markt ist die von Richard Schneider als uepo.de-Herausgeber 2010 erstmals veröffentlichte Rangfolge umfassender, detaillierter und aussagekräftiger als die Deutschland betreffenden Listen von Common Sense Advisory.
  2. Die uepo.de-Liste wird fortlaufend ergänzt und aktualisiert. Und nicht nur einmal im Jahr wie bei CSA.
  3. Die uepo.de Top 300 steht jedermann kostenlos und ohne Registrierung jederzeit zur Verfügung. Und nicht gegen mehrere Hundert Dollar wie bei CSA.

Die Budgets der Sprachendienste von EU und UNO oder etwa dem Bundessprachenamt werden weder bei CSA noch uepo.de einbezogen, obwohl diese größer sind als die jedes beliebigen Unternehmens aus der freien Wirtschaft.

Beide Informationsangebote – sowohl die Statistiken von Common Sense Advisory als auch die uepo.de Top 300 sind somit nur als eine Annäherung an die Wirklichkeit zu betrachten. Dies gilt auch für amtliche Statistiken, etwa die des deutschen Statistischen Bundesamts, das einfach jeden als „Übersetzer“ zählt, der für sich selbst erklärt, einer sein zu wollen.

Alle Statistiken bedürfen stets der Kontrolle durch Plausibilitätsberechnungen und eines Vergleichs mit anderen verfügbaren Quellen. In der Zusammenschau ergibt sich jedoch ein halbwegs realistisches Bild der Übersetzungsbranche.

[Text: BDÜ; Richard Schneider. Quelle: Pressemitteilung BDÜ, 2012-09-28. Website uebersetzen-in-die-zukunft.de; uepo.de. Bild: Sergej Khackimullin / fotolia.de; BDÜ.]

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