Uljana Wolf: „Übersetzen ist die intensivste Form des Lesens und für die eigene Sprache wichtig“

Uljana Wolf, eine mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete deutsche Lyrikerin und Übersetzerin aus dem Englischen sowie aus osteuropäischen Sprachen, arbeitet und lebt zwischen den Sprachen.

In einem Gespräch mit dem Magazin BÜCHER erzählt sie über ihre Berufe. Wolf sagt zum Übersetzen von Lyrik:

[Lyrik in Übersetzung kann] über den eigenen Sprachrand, den kulturellen Rand hinausschauen. Es ist nicht nur der Impuls etwas zu übersetzen, weil Übersetzen die intensivste Form des Lesens ist, weil man es anderen Lesern unbedingt vorstellen möchte, sondern es ist auch für die eigene Sprache wichtig. Beim Übersetzen kann man Dinge ausprobieren, die andere machen, den eigenen Sprachhorizont erweitern, neue Ausdrucksformen, neue Tricks finden, auf die man selbst nicht kommen würde.

Im Jahr 2005 debütierte sie mit dem Gedichtband kochanie ich habe brot gekauft, für den sie 2006 (als bislang jüngste Autorin) mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet wurde. In dem Werk setzt sie sich – wenn auch nur punktuell – mit der polnischen Sprache auseinander. Das Deutsche bleibt allerdings relativ intakt.

Der zweite Gedichtband falsche freunde erschien 2009. Hier prallen die beiden Sprachen aufeinander. Es entstehen regelrechte Sprachszenen. Der Band gliedert sich in die Zyklen „FALSCHE FREUNDE“, „SUBSISTERS“ und „ALIENS“, die alle mit der Problematik, aber auch mit den produktiven Unschärfen des Übersetzens befasst sind. Besondere Schärfe erhält Wolfs Ansatz im Zyklus „ALIENS“, der das „Übersetzen“ als das „Über-Setzen“ von Körpern über das Meer wörtlich ansieht; die zeitgemäße Figur des Migranten und die an ihr vorgenommenen Klassifizierungsprozesse erhalten hier eine dichterische Gestalt.

Die Frage, wie es ist, selbst übersetzt zu werden, beantwortet die 33-Jährige wie folgt:

Bei falsche freunde wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass die Übersetzung die Chance auf ein neues Gedicht ist. Da einige der Gedichte unübersetzbar sind, habe ich der Übersetzerin Susan Bernofsky allen Freiraum gelassen und gesagt: Finde du dein Spiel und mach was draus. Das setzt Vertrauen in den Übersetzer voraus; man muss loslassen lernen. Das ist die größte Chance von Lyrikübersetzung, dass man die Übersetzung als zweites Original sieht, als Neuschöpfung, als Update, als Weiterschreiben.

Die Aussage, dass ein Gedicht in doppelter Weise eine Form für die Übersetzung vorschreibt, kommentierte sie so, dass dies nicht feststehe. Man erweise dem Gedicht nicht immer einen Dienst, wenn man den Reim mit übersetze, wie bei slawischen Sprachen, wo wegen der Adjektivendung der Endreim ganz natürlich sei. Auf Deutsch wäre das sehr aufwendig und gebe möglicherweise gar nicht wieder, was die Form im Original darstelle. Auch bei der Verteilung des Semantischen über die Zeilen entscheide Wolf stets neu. Letztendlich komme es aber darauf an, welchen Ariadnefaden durch das Gedicht man am wichtigsten finde. Eigentlich entscheide jedes Gedicht neu, wie man übersetze.

Auf die Frage, ob man aus Sprachen übersetzen kann, die man nicht spricht, gab Uljana Wolf folgende Antwort:

Man kann eine Nachdichtung anfertigen, wenn man eine Interlinearübersetzung hat und mit jemandem, der der Sprache mächtig ist, vielleicht sogar dem Autor, kommunizieren kann. Bei Sprachen aus einem völlig anderen Kulturkreis ist das eine radikale Form der Neuschreibung. Ich habe einmal eine arabische Lyrikerin übersetzt, da bin ich an meine Grenzen gestoßen, weil ihre Metaphernsprache, ins Deutsche gebracht, nah am Klischee war, weil man die klassischen Tropen der arabischen Liebeslyrik, auf die sie sich berief, wohl ganz anders hätte darstellen müssen. Inzwischen finde ich aber auch jedes „Mistranslation“-Projekt spannend.

Schreiben und Übersetzen sind für Wolf politisch. Der Grund liegt für sie darin, dass viele Menschen durch die Mehrsprachigkeit im Alltag ihre Identität ein bisschen angebissen sehen. Dieser Aspekt spiele vor allem in Europa eine große Rolle. Als Übersetzerin, die Aufträge bekomme, habe sie ein ganz pragmatisches Verhältnis zum Übersetzen. Wolf habe eine Berufsverantwortlichkeit gegenüber Autoren und deren Texten.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: buecher-magazin.de.]

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